Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 45i Gerichtshof erkannte nach langer Berathnng auf eine Geldstrafe voll 150 Mark und sprach dem Oberlandesgerichts-Präsideuten die Publicationsbefugniß des Urtbeils zu. — In dem Urtheil heißt es unter Anderem: Der Artikel beschuldige die jüdischen Richter in Deutschland, also auch die Richter in Frankfurt a. M., daß sie, ob absichtlich oder unabsichtlich, der Stimme des Blutes folgend, parteiisch für ihre Glaubensgenossen urtheilen. Lediglich in Rücksicht daraus, daß der Angeklagte nicht der primäre Urheber. des Artikels sei — er hatte ihn aus einem anderen Blatte nachgedruckt — sei nur auf eine Geldstrafe erkannt worden. München, 30. Mai. Der Gemeinde München ist durch die Auszeichnung von zwei hervorragenden Mitgliedern eine große Ehre zu Theil geworden. Der baierische Commercienrath und sächsische Generalconsul Max Ritter von Wilmersd ö r f f e r ist vom König von Sachsen zum Geheimen Commercienrath ernannt worden; die Auszeichnung ist nicht aus conventiouellen Gründen erfolgt, sondern dürfte durch die thatsächliche Dienstleistung des Ausgezeichneten in seiner Eigenschaft als sächsischer Generalconsul, insbesondere während des letzten Jahres veranlaßt worden sein; ferner wurde vom 1. Juni an der Abtheilungsvorstand bei der königlichen Generaldirection der königlich baierischen Staatseisenbahnen, Regiernngsdirector Jacob Heule, auf Ansuchen in den dauernden Ruhestand versetzt und demselben zugleich gemäß der Allerhöchsten Entschließung in wohlgefälliger Anerkennung seiner langjährigen, mit Treue und hingebendem Eifer geleisteten vorzüglichen Dienste das Ritterkreuz des Verdienstordens der baierischen Krone verliehen. Mit der Verleihung dieses Ordens ist der persönliche Adel verbunden. Beuthen (O.-S.), 29. Mai. lieber ein neues Ritualrn o r d m är ch e n berichtet die katholische ,>Beuthener Zeitung" Folgendes: „Eine an die dunkelste Zeit des Mittelalters erinnernde Episode spielte sich in den letzten Wochen in .dem benachbarten Chorzow ab. Daselbst wohnt der jüdische Hausbesitz'r Pvllak, ein aufgeklärter, allseitig geachteter Mann. Derselbe hatte einen Miether, mit dem er aus verschiedenen Gründen nicht in bestem Einvernehmen stand. Dieser Mann suchte sich an seinem Wirth zu reiben und dazu bot sich ihm die willkommenste Gelegenheit, als er in einem Raum des Hauses einen Knochen fand, den er als Menschenknochen erkannte. Dies war dem Manu ciu willkommener Handel, denn dieser Knochen war, so reflectirte er, der sicherste Beweis eines im Hause des Pollak vorgekommenen Ritualmordes, wie er nach dem Irrglauben der niederen Bevölkerung in der österlichen Zeit von oen Juden aller Orten begangen würde. Wer unsere niedere Bevölkerung kennt, der wird nicht daran zweifeln, daß die Erzählung des Mannes von dem Ritualmorde nur zu gläubige Zuhörer fand. Die Verbreitung der Mordgeschichte erfolgte auf dem schnellsten Wege von Mund zu Mund und drang schließlich bis zum Amtsvorsteher. Dieser, mit dem Volkscharakter seiner Amtsinsassen sehr vertraut, ergriff das einzige Mittel, um des Gerücht von einer Blntthat im Hause des Pollak zu widerlegen. Er begab sich mit der Ortsbehörde in das Pollak'sche Hans, ließ dort eine Durchsuchung vornehmen und sogar im Keller nach Menschenknochen nachgraben. Man fand jedoch dort keine, wohl aber in einem Zimmer; und zwar waren es wohlpräparirte Menschenknochen mit lateinischer Bezeichnung, wie sie von jungen Medicinern auf den Anatomien selbst präparirt werden. Diese Aufklärung war uluso sicherer, als der Sohn des Herrn Pollak sich kürzlich als Arzt in einer sächsischen Stadt niederließ und dort noch lebt. Außerdem tragen die anfgesundenen Knochen den Namen des damaligen 8tuä. med. Pollak nebst Bezeichnung der Universität und Angabe des Semesters. Dieses Resultat hatte man in der Bevölkerung kaunr erwartet, und man war begreiflicher Weise darüber sehr enttäuscht, da damit dem Irrglauben jede Unterlage entzogen war. Paris, 1. Juni. (D r u m o n t's E i n z u g.) Drumont ist in der buntscheckigen Comödiantentruppe, welche heute die öffentliche Meinung in Frankreich dirigirt, der groteske Jntriguant. Ein schriftstellerisches Talent ist ihm nicht abzustreiten, wenn. auch seine tüftelnd spitzfindige Manier auf die Dauer ein wenig eintönig wirkt. Während Rochesort grobknotig den größten Lügenirrsinn zusammendrischt, besorgt Drnmont dasselbe Geschäft mit einer lächelnden Infamie. Beide sind gewissenlose Straßeudemagogen, Beide sind lächerlich durch ihre affenartige Eitelkeit. Sie sind Concurrenten, die innerlich einander Haffen .... Aber während Rochesort, völlig ungebildet und absolut ideenlos, nichts will, als Scandal machen, eine Rolle spielen, kleinliche Rache an Denen üben, welche seine Eitelkeit verletzt, und die 200.000 Francs jährlich verdienen, die er braucht, arbeitet Drumont — außer für die Befriedigung seiner Eitelkeit — für ein bestimmtes Ziel und mit einem bestimmten Auftrag. Es ist in der That gar kein Zweifel, daß dieses Individuum der Agent und das Instrument der Jesuiten ist. Bon ihnen vorgeschoben und unterstützt, strebt er — mit nicht geringem Erfolge — danach, die liberale Republik zu untergraben. Man geht sehr irre, wenn man annimmt, daß die Clericalen, und besonders die Jesuiten, dabei die Rhckholung des Königthums im Auge haben. Dem Königthum, von dem sie nicht wissen, ob sie es beherrschen könnten, ziehen sie beiweitem die clericale Republik vor — eine clericale Republik, welche der Willensvollstrecker römischer Pläne sein würde. Sehr fein haben die Jesuiten erkannt, daß man, wenn man die heute herrschende Gesellschaft unterjochen will, vor Allem sie theilen muß. Der Antisemitismus war der Keil, der sich am besten verwerthen ließ, um die einzelnen Glieder der republikanischen Gemeinschaft auseinanderzusprengen, und so importirten sie den Antisemitismus nach Frankreich. Der Panamascandal kam ihnen sehr gut gelegen — und es ist offenbar, daß sie diesen Scandal durch Hineinziehung immer neuer Namen und durch Ausstreuung immer neuer Verdächtigungen künstlich noch vergrößert haben. Und obgleich unter den mehr als hundert Betheiligten nur vier Juden — Reinach, Herz, Naguet und Arton — wareü, machten sie, immer zu dem gleichen Zweck, aus dieser Affaire eine antisemitische. Man hat sie dann bei der Dreyfus-Affaire an der Arbeit gesehen. Hier tote dort war es Drumont, welcher der übrigen Presse das Signal gab. Die ersten Enthüllungen über „Pana a" und die erste Notiz über die Verhaftung eines jüdischen Officiers erschienen in der „Libre Parole". Gleichzeitig nutzte mau die Mißstimmung in Algier aus, wo die „lai Cremieux", welche den jüdischen Bürgern politische Vorrechte vor der arabischen Bevölkerung einräumt, zweifellos viel Unheil angerichtet hat. Durch aus Paris abgeschickte Sendboten bearbeitete man diesen empfänglichen Boden. Die conimercielle Entwicklung dieses blühendsten französischen Besitzes wurde zwar gehemmt, wenn nicht zerstört, aber Drumont und die Seinen erreichten, was sie wollten: Algier bereitete ihnen bei ihrem Erscheinen während der Wahlperiode einen schönen Triumph und wählte Drunwnt und drei andere Antisemiten - in die Kammer. Die Heimkehr Drumont's nach Frankreich verlief, wie man sich erinnern wird, nicht ganz so festlich. In Marseille wurden die Herren ausgepfiffen und einer von ihnen wurde sogar geprügelt. Und es begab sich, was sich regelmäßig in solchen Fällen begibt: diese Anführer, die eben noch in Algier Mord unb Plünderung gepredigt hatten, waren nun plötzlich tief gekränkt, daß ein Anderer die Ordnung zu stören wagte, und beklagten sich beim Minister. Paris sollte die Beleidigten rächen! Die „Libre Parole" erließ einen Aufruf nach dem anderen an die Pariser und ermahnte sie, Drumont festlich zu empfangen. In weiser Vorsorge hatte man für den Einzug den zweiten Pfingstfeiertag gewählt, wo es auf den großen Boulevards — dort steht das Haus der „Libre Parole" — von Publicum wimmelt. Diese „spontanen Manifestationen" zu Ehren Drumont's gehören seit Langem zu den amüsantesten Dingen, die sich beobachten lassen. Regelmäßig wird an solchen Tagen der Balcvn des Redactionshauses mit bunten Lämpchen illuminirt, was den Vorübergehenden sagen soll: „Heute wird manifestirt," wie der Stuhl mit der weißen Schürze vor dem Fleischerladen sagt: „Heute frische Wurst." Einige Hundert nicht immer ganz freiwillige Antisemiten werden vor das Haus postirt — auf einen Cylinder kommen zehn Ballonmützen. Ganz ebenso war es diesmal. Die bunten Lämpchen waren da und die zehn Cylinder und die neunzig Ballonmützen auch. Dazu fanden sich etwa zwei- bis dreitausend Neugierige, die mehr oder minder antisemitisch gestimmt waren. „Hunderttausend", sagt die „Libre Parole", deren Bericht offenbar nach dem Begrüßungsbanket geschrieben worden ist. Lange wartete man vergeblich auf den Befreier Algiers und vertrieb sich die Zeit durch heitere Anulkuug der vorüberfahrenden Schönen. Der Zug, welcher die algerischen Deputirten durch Frankreich getragen, war, statt um 10, erst um 11 Nhr in beit Bahnhof eingelaufen. Aber was eine Ranküne