Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 447 Kaiserin Friedrich-Krankenhauses in Berlin in seinem Vortrag: „Die hygienischen Grundsätze der mosaischen Gesetzgebung.". Es heißt dort: „Dieses Nahrungsgesetz, das nicht blos hygienisch im schroffen Gegensatz zum Moloch- und Baalcultus entstanden, äußert sich in vier Hauptkategorien: 1. Verbot des Blutgenuffes, 2. Verbot gewisser unreiner Thiere, 3. die Berührung mit Cadavern — selbst Herd und Ofen, die mit ihnen in Berührung gewesen, müssen niedergerissen werden — und 4. Verbot des Genusses von gefallenen und zerrissenen Thieren. Die Bedeutung des Verbotes vom Blutgenuß ist größtentheils eultisch, da es im Gegensätze zum Baaldienfte, der in manchen Fällen sogar den Genuß von Menschenblut forderte, erlassen worden. Das Blut sühnt aus dem Altar die Sünden. Nebenher ist Blut auch eines der wesentlichsten Momente zur Zersetzung und zur schädlichen Wirkung der Nahrung. Von den unreinen Thieren ist das Schwein zu einer besonderen historischen Bedeutung gelangt. Schon Plutarch und Manetho bezeugen, daß der Genuß von Schweinefleisch den Aussatz (Lepra) befördert und vermehrt. Es ist neuerdings festgestellt worden, daß auch bei Raben und vielen anderen der in der Bibel als unrein verbotenen Vögeln sich ein trichinenähnlicher Filloria-Wurm im Blute befindet, der die schwersten Nierenerkrankungen Hervorrust. Unreine Fische, Mollusken und Kriechthiere sind, zumal in wärmeren Ländern noch heute dieselbe Gefahr, wie vor vier Jahrtausenden und aalartige Geschöpfe, sowie Austern, erweisen sich auch in unseren Gegenden als überaus gesundheitsschädlich. Es sei nur der gefährlichen Typhuskrankheiten gedacht, welche der Austerngenuß so oft im Gefolge hat. Der Fleischgenuß als solcher wurde zwar vom Alten Testamente gestattet, sicher aber nicht bevorzugt und die Unmäßigkeit strenge verpönt. Schon der Umstand, daß er mit den Opfern in Zusammenhang gebracht wird, ist eine Beschränkung. Sehr bemerkenswerth ist, daß das Fleisch über den zweiten und dritten Tag hinaus verboten ist; eine prophylaktische Maßregel von allerhöchster Bedeutung. Erst die Forschungsergebnisse der allerjüngsten Vergangenheit über Sepsis und Antisepsis lassen eine Fülle von Vorschriften der mosaischen Gesetzgebung in ihrer vollen, geradezu überwältigenden, großartigen Bedeutung erkennen" rc. Wer also kann es in Abrede stellen, daß selbst die sanitären Gesetze der Thora nicht blos für die damalige, sondern für alle Zeit gegeben worden? Ja die Thora ist alt, sehr alt, ein altes Erbe aus grauer Vorzeit, allein ihre herrlichen Lehren, Gesetze und Vorschriften erscheinen uns, wenn wir sie nur mit Berständniß lesen und mit den auf dem Gebiete der modernen Wissenschaft erzielten Resultaten vergleichen, immer neu, als wären sie erst vor Kurzem erlaffen worden. Bechol jaum jiheju beenecho chadoschim kejaum schekobalto aussom mehor Sinai. Nicht umsonst ries daher Moses Israel in seinen letzten Reden zu: „Nehmet Euch diese Reden wohl zu Herzen, mit welchen ich Euch vermahnt habe, damit Ihr sie Euren Kindern einschärft, daß sie bewahren und thun nach den Worten dieser Lehre; denn es ist kein leeres Wort, sondern es ist für Euer Leben, und durch diese Sache werdet ihr lange leben auf dem Erdboden." Ferner: „Beherziget diese Lehren der Thora und suchet sie durch die That im Leben zu verwirklichen, sorget für die. Verbreitung der Kenntniß der Thora, denn nur auf diese Weise werdet ihr den Völkern der Erde zu imponiren im Stande sein, nur durch die herrliche echte Humanität und Freiheit athmenden Lehren der Thora, wenn ihr sie zur allgemeinen Kenntniß bringt, an Achtung und Ansehen gewinnen, so daß die Völker ausrufen werden: „Dieses Volk, das sich frühzeitig für solche erhabene Lehren begeistert hat, ist doch eine große, weise, von der göttlichen Vorsehung mit ungewöhnlichen Geistesgaben beglückte Nation." Darum gründet Lehranstalten, bringet die größten Opfer für die Erhaltung derselben, suchet aber ja nicht durch Auflösung der Schulen die „Assimilation", das heißt die Auflösung des Jndenthums zu fördern. Beim ExrapiMn Dreyfus auf der Teufelsinsel. Herr Struwel, Director der niederländisch-amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft, hatte die Liebenswürdigkeit, uns folgendes Schreiben des Küchenchefs Friedrich Weinheber, von dem der genannten Linie gehörigen Doppelschraubenschnelldampfer „Andalusia" zur Verfügung zn stellen: .Ferner wird Sie interesfiren, daß ich am vorigen Sonnabend durch einen eigenthümlichen Zufall die Bekanntschaft des Excapitän Dreyfus auf der Teufelsinsel machen konnte und das folgendermaßen: Die „Andalusia" befand sich in voller Fahrt, 32° östlich von Greenwich, als Capitän Habermann auf einen winzigen schwarzen Fleck am Horizont weisend, zu mir, der ich gerade aus Deck war, sagte: Wenn Sie noch ein Biertelstündchen oben bleiben, können Sie die Teufelsinsel sehen, aus der Dreyfus gefangen gehalten wird. Wir fahren in einer Entfernung von kaum 40 Metern an der Jns-l vorbei." Natürlich ließ ich mir das nicht zweimal sagen, obgleich der Capitän sofort hinzugefügt hatte. „Allerdings werden Sie nicht viel mehr zu sehen bekommen, als ein paar Bäume, einen am Strande patroullirenden Wachposten und im Hintergründe eine elende Hütte." Inzwischen traten die Umrisse der geheimnißvollen Insel immer schärfer hervor. Etwa zehn Minuten waren wir gefahren, als wir mit unbewaffnetem Auge die Gestalt eines französischen Soldaten am Ufer erkennen konnten. „Merkwürdig", sagte jetzt unser Capitän, „da drüben liegt ein Segelboot mit drei Soldaten am Bord". Jetzt sah auch ich das Boot, das am äußersten Ende der Insel lag, die Insassen vermochte mein weniger geübtes Auge allerdings noch nicht zu erkennen. „Sie schwenken eine Fahne," sagte jetzt wieder Capitän Habermann, „was mögen sie nur wollen?" Wir kamen der Insel immer näher, als wir kaum noch eine Biertelmeile von ihr entfernt waren, sehen wir die drei Soldaten die Segel lichten und ihr Boot in die Mitte des Fahrwassers lenken. Einer von ihnen schwenkte noch immer ein kleines Fähnchen. Unser Capitän ließ die Maschine langsam arbeiten und schließlich ganz stoppen. Zwei Minuten später befanden sich zwei der Soldaten auf der „Andalusia", während der dritte das Boot hütete. Capitän Habermann war den Franzosen höflich entgegengegangen und da er des Französischen nicht mächtig war, ich aber während meiner fünfjährigen Thätigkeit im Pariser „Grand Hotel" diese Sprache gründlich zu sprechen gelernt hatte, gab er mir ein Zeichen, ihm zu folgen und den Dolmetsch zn spielen. „Herr Capitän", sagte der das Wort führende Franzose, „wir haben eine höfliche Frage, beziehungsweise eine große Bitte an Sie zu richten." „Ich stehe zu Ihrer Verfügung, meine Herren," ließ mich Capitän Habermann antworten. „Würden Sie uns," fuhr der Franzose fort, „Ihren Koch auf eine Stunde oder zwei überlassen wollen?" Unser Capitän sah mich groß an, als ich ihm diese Frage übersetzte. Der Franzose, dies bemerkend, fügte schnell hinzu: „Unser Proviantmeister, der zugleich die Küche zu führen hat, brach sich gestern den rechten Arm, wir haben unserem Vorgesetzten bereits Meldung gemacht, aber bis der Ersatz hier sein kann, vergehen drei Tage. Wir dachten nun, wenn Sie die Liebenswürdigkeit hätten, Herr Capitän, uns den Koch aus ein bis zwei Stunden zu überlassen, dann könnte uns derselbe einige Speisen für die nächsten 48 Stunden abkochen. Wir setzen voraus, daß Sie wissen, wen wir auf der Insel drüben zu bewachen haben. Um uns selbst ist es absolut nicht zu thun, wir können ganz gut drei Tage von Brot und Wurst und dergleichen leben, aber wir haben den stricken Befehl, unserem Gefangenen an Nichts fehlen zu lassen." „Haben Sie Lust, Weinheber?" fragte mich unser Capitän. „Wenn Sie die Fahrt in der That unterbrechen wollen," antwortete ich, „dann hätte ich allerdings große Lust, mir mal das Schloß des bedauernswerthell Dreyfus anzusehen." Bei der Nennung des Namens Dreyfus zuckten die Soldaten zusammen und als mir Capitän Havermann erwidert hatte: „den kurzen Aufenthalt wollen wir schon durch schnellere Fahrt nachher ausgleichen". da Hub der Wortführer an: „Ich glaube, wir haben einen Mißgriff gemacht, Herr Capitän, wollen entschuldigen, daß..." „Nein, nein," fiel ihm der Capitän ins Wort und sein ganzes Sprechorgan zuhilfe rufend, fügte er hinzu: „Das ist der Koch, Herr Weinheber steht zu Ihrer Verfügung." Die Soldaten dankten dem Capitän durch kräftiges Schüttelnder Hände und sich mir zuwendend sagte der eine: „Wollen Sie sich nicht eine Bedingung auferlegen lassen und sich aus Ehrenwort verpflichten, sie zu erfüllen?"