Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 448 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 23 „Das kommtdarauf an, was man von mir verlangt." „Sie dürfen kein Wort mit unserem Gefangeneil sprechen!" Ich gab mein Wort darauf, eine Minute später faßen wir Me in dem Boot, das nunmehr direct auf die Insel losschoß. Noch ein Paar kräftige Ruderschläge meiner Begleiter und das Boot konnte am Ufer befestigt werden. Wir stiegen aus. Neugierig blickte ich mich um. Ein ödes Eiland von nur wenigen hundert Quadratmetern Umfang lag vor mir: ein paar Bäume, Gras- und Sumpfpflanzen bildeten die ganze Vegetation der Insel. Mein Herz schlug verrätherisch laut, als wir jetzt auf ein Bahnhäuschen zuschritten, das als einzige Baulichkeit an der Westseite der Insel lag, mehr Hütte als Haus, glich das Ding in feinem Aeußeren einem Holzschupfen; an der Stirnseite ein kleines vergittertes Fenster und die niedrige Eingangsthür an der Schmalseite waren das Einzige, was den monotonen Bau, der etwa 12 Meter tief, vier Meter breit und kaum drei Nieter hoch war, unterbrach. Wir traten ein. Das erwähnte kleine Fenster erhellte den Raum nur spärlich. Nachdem . ich mich an das Halbdunkel gewöhnt, sah ich, daß die Hütte in zwei Theile getheilt war. Ich befand mich in der „Wachstube". Von Mobilien war außer einem Tisch und den Stühlen nichts zu entdecken; dagegen lagen auf der Erde Nebeneinandergereiht sechs Matratzen. Ich warf nunmehr einen prüfenden Blick in den zweiten Raum. Im Verhältnisse zur „Wachstube" war dieser „herrschaftlich" eingerichtet; ein Schrank, ein Ständer mit Waschschüsseln, ein Bett, ein Tisch und Stuhl war das erste, was ich erblickte; in der Ecke bemerkte ich einen eisernen Ofen. Von einem menschlichen Wesen entdeckte ich nichts. Meinen Führern entging meine Musterung nicht, „er macht jetzt seinen Spaziergang" sagte der eine. Nun wurde der Schrank geöffnet und mir das Kochgeschirr und die Vorräthe an Lebensmitteln gezeigt. Neben den verschiedenen Conserven waren einige Stücke eingesalzenen Hammel-, Kalb- und anderen Fleisches vorhanden, daneben mehrere Töpfe mit Fett, Butler und Schmalz, außerdem fand ich Mehl, Eier und Gewürze vor, so daß sich schon immerhin etwas Vernünftiges kochen ließ. Ich machte mich gleich ans Werk, schnitt einige Cotelettes vom Hammelfleisch ab, panirte sie und setzte sie ans Feuer, dann schnitt ich ein großes Stück Kalbsbrust ab, richtete einen Mürbebraten her und machte von den einzelnen Fleisch- Überbleibseln ein würziges Ragout, schließlich kochte ich etwa drei Pfund Gries auf und ferttgte, so gut es mit den etwas dürftigen Zuthaten ging, einen mächtigen Pudding an. Die Soldaten hatten meinem ^Werke, das mich etwa zwei Stunden in Anspruch nahm, stillschweigend zugesehen. So leichten Kaufes gedachte ich sie aber nicht davon kommen zu lassen. Als ich mit der Kocharbeit fertig war und ihnen bezüglich des Aufwärmens der Speisen die nöthige Anweisung gegeben hatte, begann ich gewaltsamerweise ein Gespräch vom Zaune zu brechen. Zuerst antwortete man mir sehr einsilbig, schließlich wurden die beiden Soldaten doch etwas mittheilsamer und ich erfuhr wenigstens, womit sich Dreyfus die Zeit vertreibt und wie er verpflegt wird. Ich muß vorweg erwähnen, daß. die Männer nie den Namen Dreyfus erwähnten, sondern von ihm immer als „er" sprachen. „Er hat es durchaus nicht so schlecht, ließ sich der eine meiner Begleiter vernehmen, „wie man es draußen vermuthet, er hat vollständige Bewegungsfreiheit (?), kann hingehen, wohin er will — natürlich begleiten ihn immer zwei Männer — und darf thun, wozu er Lust hat. Zwischen 6 und 7 Uhr Morgens steht er in der Regel auf, wäscht sich und trinkt eine Tasse Chocolade. Bei guter Witterung pflegt er dann sofort das Haus zu verlassen und einen Spaziergang zu machen, wobei er für gewöhnlich gleich ein Bad nimmt." „Fürchten Sie nicht," wandte ich ein, „daß er Ihnen beim Baden entwischen, oder daß er sich das Leben nehmen bömtte?" „Beides ist ausgeschlossen," erwidert der Erzähler, „denn unserer Instruction gemäß wird ihm beim Baden eine Leine um die Handgelenke gelegt, deren Ende der Wachthaltende in der Hand behält, ” wenn er zurückkehrt, wird ihm das zweite Frühstück gereicht: Butterbrot, Fleisch, oder Eier und dazu eine Flasche Bier. Er beschäftigt sich dann zwei bis drei Stunden mit Lesen und Schreiben." „Was für Bücher hat er und was schreibt er wohl?" Nach einigem Zögern, wurde mir die Antwort: „Man hat ihm nur einige kriegstechnische Bücher gelassen, schreiben darf er was er will, augenblicklich verfaßt er seine Lebensgeschichte." „Muß er Ihnen zeigen, was er schreibt?" „Nein, nur Briefe, die er wegsenden will, werden von uns gelesen und an die Commandantur nach Cayenne gesandt, die sie weiter befördert." „Im Originale?" „Weiß ich nicht! Ich glaube sie werden abgeschrieben." „Was treibt er sonst noch?" „Vor 14 Tagen hat uns der Conrmandeur die Erlaubniß ertheilt, mit dem Gefangenen Karten zu spielen. Der Gefangene macht ausgiebigen Gebrauch von dieser Vergünstigung. Nach Tisch — er bekommt so um 2 Uhr eine Suppe, einen Braten und eine Nachspeise — pflegt er mit zweien von uns Bakkarat zu spielen." „Wie hoch spielen Sie?" Der Franzose lachte hell auf, „er hat kein Geld im Besitz; wozu auch. Und dann, ich glaube, auf der ganzen Insel sind kaum 3 Francs vorhanden." „Was macht Ihr Gefangener Abends?" „Unserer Instruction gemäß dürfen wir des Abends kein Licht dulden, nur die Wache vor der Thür unterhält ein Holzsener. Um 6 Uhr bekommt er sein Abendessen — etwa kalten Braten oder Schinken, dazu eine Flasche Bier — und dann legt er sich zu Bett." „Aber schlafen kann er doch noch nicht!" „Nein! Die Zeit bis 9 oder 10, wo ihn der Schlaf erst überkommt, ist auch die schlechteste für ihn, da brütet er für sich hin." „Darf er sich nicht mit Ihnen unterhalten?" „Wir haben gemessenen Auftrag, nur ganz gleichgiltige Dinge mit ihm zu sprechen." „Darf er rauchen?" „Nein, das heißt, ich nehme es an, weil ihm kein Tabak geliefert wird." „Aber geben Sie ihm nicht öfters von dem Ihrigen?" Der Soldat schwieg. „Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich dem armen Menschen ein paar von meinen Cigarren hier ließe?" Auch hierauf schwieg mein Begleiter, ich nahm dies für eine Zustimmung und legte sechs Cigarren auf den Tisch. Es war nachgerade Zeit geworden, daß ich auf die „Andalusia" zurückkehre. „Könnte ich Ihren Gefangenen nicht sehen?" Der Gefragte zuckte mit den Achseln: „Er geht jetzt, wie gesagt, spazieren." Ich drückte meinen beiden Begleitern nunmehr die Hand und bat sie, mich wieder an Bord zurückzuführen. Eben waren wir aus der Hütte getreten als — mein Herz stand fast still — Dreyfus, gefolgt von zwei Soldaten, auf uns zukam. Er schien von meiner Anwesenheit unterrichtet zu sein, denn er sah mich mit einem sonderbaren, tbeils flehenden, theils fragenden Blick an, ohne ein Wort zu sprechen. Dreyfus ist mittelgroß, mager und von gelblicher Gesichtsfarbe, seine Augen liegen tief in den Höhlen, seine Gestalt ist zusammengesunken und seine Stirn gefurcht. Er trägt eine Soldatenuniform ohne Achselklappen. Ohne daß ich ihn jemals zuvor gesehen, machte er auf mich den Eindruck eines Mannes, der in wenigen Monaten um Jahrzehnte gealtert ist. Etwa zwei Minuten standen wir einander gegenüber, ich werde diese Situation in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Dann flüsterte Dreyfus dem einen Soldaten etwas zu und nachdem dieser zustimmend nickte, trat der arme Gefangene auf mich zu, schüttelte mir kräftig die Hand und' sagte mit herzerweichender Miene: Grüßen Sie die Welt draußen!" Noch einmal mit der Hand winkend, trat er in seine Hütte, ein lebendig Begrabener. Fünf Minuten später befand ich mich wieder am Bord der „Andalusia". Aus der Zeitschrift „Küche und Keller".