Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 445 haben wohl den Mnth, aber wir sind zu gebildet dazu, auch üben wir die Toleranz, die wir in zionistischen Kreisen schmerzlich vermissen. Im „Hajehudi" in Lyndon wird ausgesührt, die deutschen Rabbiner dürften sich überhaupt kein Urtheil mehr erlauben, denn die russischen Rabbiner hätten schon ein Urtheil abgegeben. Das ist ein Jrrthum, auch die russischen Rabbiner sind untereinander uneinig, dem Oberrabbiner Mohilewa, dem Zionisten, steht der nicht minder verehrungswürdige Oberrabbiner Meisels gegenüber, der ein Gegner des Zionismus ist. Auch die angesehensten Rabbiner anderer Länder haben sich unserer Erklärung angeschlossen. Der Zionismus hat Recht in seiner Kritik der bestehenden Verhältnisse, denn die Nothlage ist furchtbar groß und in solcher Noth greift die so arg zurückgedrängte Jugend, der man alle Wege, ihre Kraft zu zeigen, abschueidet, mit Begeisterung nach dem Einzigen, was übrig bleibt, dem Ideal des Judenstaates. Auch bei uns, wo der Druck ein geringerer ist, greift die Jugend nach diesem Ideal. Die Diagnose der Krankheit, die die Zionisten aufstellen, ist richtig, aber ihre Heilmittel find falsch. Wohl hat der Zionismus sich geändert und das Baseler Programm ist ein Beweis dafür. Aber dieses. Programm ist unklar, weil es aus einem Compromiß entstanden ist und weil es der Thatsache Rechnung trägt, daß innerhalb des Zionismus auch sehr verschiedene Richtungen bestehen. In einer neuen Broschüre, die mir in diesen Tagen, von zionistischer Seite zugegangen ist, sagt man mir, ich solle mich nicht nach Privatmeinungen, sondern nur nach dem officiellen Programme richten, aber ich muß sagen ich richte mich nach den Erklärungen von Herzl und Nordau, die doch die Führer sind, und was diese sagen, ist für mich Zionismus. Aber es kommt noch hinzu, daß der Zionismus seinen Zauber nur der Judenstaatsidee verdankt, scheidet er diese aus, so ist er eben nur die Colonisationsbewegung und diese hat nicht mehr den mystischen Zauber. Gerne gestehe ich zu, daß die zionistische Bewegung viel Gutes gethan hat, sie hat viele Kreise wieder aufgerüttelt. Aber wenn man sagt, der Zionismus habe nichts mit der religiösen Idee zu thun, so müssen wir sagen, die Juden sind Nichts ohne ihre Religion, sie sind Alles durch diese. An der Spitze der Reorganisation des jüdischen Volkes stand Esra, der Neuerwecker der Religion. Ihm folgte die Periode der Makkabäer, aber auch ihr Heldenmuth konnte nicht hindern, daß schließlich der jüdische Staat zertrümmert wurde und auch die Juden zu den fremden Völkern hinausziehen mußten. Erst sollten sie die Ideen der jüdischen Religion zu allen Völkern bringen und dann sollen sie zurückkehren, als ein eigenes Volk. Ich stehe nicht, wie ein angesehener Rabbiner in einer Schrift es gethan hat (Güd - mann) aus dem Standpunkt des Kosmopolitismus; ich bin der Meinung, daß die jüdische Nationalität auch in den messianischen Zeiten bestehen bleiben muß. Ganz fern hat es uns gelegen, die Ehrlichkeit und die Vaterlandsliebe der Zionisten anzuzweifeln, im Gegentheil gegenüber den Tagesblättern, die dies gethan haben, mußten wir betonen, daß die Juden nach ihrer religiösen Lehre immer Patrioten sein müssen. Die Colonisation Palästinas empfehlen wir nicht schüchtern, sondern sehr energisch, aber gerade die Zionisten haben für die Colonisation gar nichts gethan, ist doch der officielle Zionismus kaum ein Jahr alt. Ist denn jener edle Mann, der das meiste für die Colonisation gethan hat, ein Zionist? Wir wollen Niemanden verdächtigen, aber wir wollen in dieser wichtigen Frage unsere Stimme erheben und sie wird helfen, wie bisher! Dr. V o g e l st e i n. Als zweiter Referent habe ich kaum etwas hinzuzufügen. Aber ich warne vor der Unterschätzung des Zionismus, wir haben uns dieses Fehlers schuldig gemacht und ich selbst auch. Die Erklärung gibt gar keinen Anhalt zu der Idee, daß wir die Zionisten verdächtigen wollten. Die Judennoth war immer vorhanden, aber unsere Väter haben Dank ihrer religiösen Ueberzeugung die Noth bestanden. Dr. David wendet sich gegen den jüdisch-nationalen Standpunkt von Dr. H o r o w itz, bittet aber die Versammlung einstimmig dem Vorstande den Dank für seine Erklärung gegen den Zionismus auszusprechen und für dieselbe ihm die Indemnität zu ertheilen. Mit allen Stimmen gegen eine wird dieser Antrag angenommen. Der zweite Punkt der Tagesordnung ist: Die Stellung des Rabbiners tit Deutschl a it d. Erster Referent Dr. Cohn spricht über die Einflußlosigkeit der Rabbiner bei Aenderungen im Cultns, die oft von Seiten der Gemeinden gegen den Willen des Rabbiners, ja oft ohne ihn zu befragen, beschlossen werden. Wenn auch in manchen Gemeinden eine kleine Besserung zu verzeichnen ist, so sei doch im Allgemeinen der Einfluß des Rabbiners viel zu gering. Es sei auznstreben, daß in allen Angelegenheiten des Cultns und der Religion der Rabbiner ein eittscheidendes Wort mitzusprechen habe. Dr. K o p f st e i u, zweiter Referent über diesen Punkt, führt aus, im Zusammenhang mit der Einslußlosigkeit des Rabbiners stehe seine schlechte materielle Lage. Während jeder Geistliche der christlichen Consessionen, ja jeder Lehrer definitiv angestellt sei, sei der Rabbiner meist nur aus Zeit angestellt, ja habe oft nicht einmal Pensionsberechtigung. Ja, es kommen Fälle vor, daß der Rabbiner aus 1 Jahr, sogar mit 6monatlicher Kündigung angestellt sei. Unter diesen Umstünden ist der Rabbiner eben nicht niehr Geistlicher, sondern Vereinsdieuer. Diese Zustände müssen geändert werden im Interesse der Gesammtheit wie des Rabbinenstandes. Dr. Werner lobt gegenüber diesen jämmerlichen Zuständen in Preußen die Verhältnisse in Süddeutschland, wo der Rabbiner Staatsbeamter ist und in Cultusangelegenheiten die entscheidende Stimme hat.- Aber er müsse auch dem Staate den Nachweis seiner Bildung erbringen und man müsse dementsprechend trachten, neben dem hohen moralischen Niveau, aus dem der deutsche Rabbinenstand stehe, auch sein geistiges Niveau zu heben. Deshalb dürsten in Zukunft nicht mehr einzelne Rabbiner Qualisicationszeugnisse ausstellen, sondern nur die Anstalten und besondere Prüfungscollegien. Nach kurzer Debatte werden die Thesen der Referenten einer Commission überwiesen. * * Zweiter Berhandlrmgstag. Die Commission schlägt folgende Thesen vor, die mit großer Majorität ohne Debatte angenommen werden: These von D r. Cohn. Bei Verhandlungen über religiöse Angelegenheiten ist der Rabbiner hinzuzuziehen; bestehende Cultuseinrichtungen können nur mit Zustimmung der Gemeindebehörden und des Rabbinats geändert werden. Thesen von D r. K o p f st e i n. 1. Die Anstellung der Rabbiner soll derart geregelt werden, daß dieselbe nach höchstens 3 Jahre dauerndem Provisorium eine definitive wird. 2. Zur Wahrung der religiösen Angelegenheiten und zur Hebung des Religionsunterrichtes sollen Bezirksrabbinate gebildet werden. Thesenvon Dr. Werner. 1. An die für den Rabbinerberus vorbereitenden Anstalten ist die Bitte zu richten, in Ausnahmesällen auch solche Candidaten zur Prüfung zuzulassen, welche sich ander-