Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Moch's Wochenschrift Seite 441 dieses Vorgehen eines Philanthropen als nachahmenswerthes Beispiel gerühmt. Anders in Wien. Hier beschimpft man den Spender und erklärt sein Vorgehen als eine „Schmutzerei", als ob er das gewidmete Capital für sich reclamirt hätte, und unterschiebt ihm Ordenssucht als Motiv. Um die ganze Gemeinheit einer solchen Insinuation richtig zu beurtheilen, muß man sich die Jahreszahlen 1884—1898 vor Augen halten. Wenn es Herrn Lobmayr darum zu thun gewesen wäre, für eine Stiftung einen Orden zu erhalten, so hätte er die „Knopflochschmerzen" doch nicht vierzehn Jahre lang auszuhalten gebraucht, sondern wäre sofort öffentlich mit der Spende hervorgerreten. Von den Männern, welche er als eventuelle Vollstrecker seines Willens namhaft machte, sind die meisten gestorben und er selbst konnte nicht voraus wissen, ob er im Jahre 1898 noch am Leben sein werde. Wartet man mit der Bekanntgabe einer Stiftung, für welche man deeorrrt zu werden hofft, Jahrzehnte lang? Hat aber die Verwaltung einer Stadt einen erdenklichen Grund und ist es vernünftig oder tactvoll, bei einem Acte munificenter Wohlthätigkeit die Motive zu untersuchen und den Spender zu verdächtigen? Wenn eine städtische Verwaltung sich Stiftern gegenüber so benimmt, so muß jeder reiche Mann es sich wohl überlegen, mit einem Wohlthätigkeitsacte hervorzutreten. Wenn er nichts hergibt, erspart er sich nicht blos das Geld, sondern auch alle Verdrießlichkeiten und alle üble Nachrede. Es gehört eben zur ständigen Praxis der antisemitischen Gemeindeverwaltung, humanitäres Wirken in derselben Weise zu vergelten, . wie sie es der Freiwilligen Rettungsgesellschaft gegenüber gethan und sie versteht sich ausgezeichnet darauf, jeden philanthropischen Ehrgeiz zu unterdrücken. * * * An die Affaire des Gemeinderathes Lehofer, der sich von einem städtischen Offerenten Geld auslieh und ihm dafür die Geltendmachung seines Einflusses zu Gunsten des von dem Offerenten erfundenen Kehrichtsamnrelwagens versprach, reiht sich eine an sich unbedeutende, aber charakteristische Angelegenheit eines anderen christlichsocialen Wortführers, des Gemeinderathes Georg H ü t t e r. Dieser Herr ist bekanntlich Vorsteher der Fleischhauergenossenschaft, brauchte eines Tages 10.000 fl. und beauftragte zwei Agenten damit, ihm das Geld zu verschaffen. Einen dieser Agenten versuchte er die zugesicherte Provision von 100 fl. abzustreiteu und aus diesem Grunde kam die Sache in öffentlicher Gerichtsverhandlung zur Sprache. Bisher wäre das eine ausschließliche Privatangelegenheit des Herrn Georg Hütter. Ob er Geld brauchte oder nicht und wie er sich mit den Geldagenten auseinandersetzte, geht Niemand etwas an. In der Gerichtsverhandlung ist aber ein sehr merkwürdiger und für den christlichsocialen Catonismus sehr bezeichnender Umstand enthüllt worden. Der Geldgeber war ein M a g i st ratsbeamte r. Ein Gemeinderath der Stadt Wien borgt sich von einem Beamten des Wiener Magistrats Geld aus! Wie denkt Herr Dr. Lueger über diesen Fall und wie würde er sich zu enter Wiederholung derartiger Fälle stellen? Würde sich da nicht die Einführung eines Giro- und Checkverkehrs zwischen Gemeinderäthen und Magistratsbeamten empfehlen? * * Eine größere Anzahl von Gemeinderäthen hat dieser Tage um Urlaub angesucht. Das „Deutsche Bolksblatt" brachte die Namen dieser Urlaubswerber, und unter ihnen, so mitten im Rudel ddrin, um nicht anfznfallen, auch den Namen Putscht. Dieser Herr ist noch immer Gemeinderath der Stadt Wien; er hat das „Wiener Tagblatt" noch nicht geklagt und ist auch nicht gegangen. Die Interpellation, welche wegen dieses Herrn eingebracht wurde, schien dem Bürgermeister recht unangenehm zu sein. Die Antwort lautete dahin, daß Herr Putscht nichts gethan habe, was seiner Stellung als Gemeinderath und Stadtrath widerspreche, und man dürfe den Mann nicht ungehört verurtheilen. Dieses Zartgefühl des Herrn Dr. Lueger entspricht aber dem Sachverhalt llicht. Dem Herrn P u r s ch t wird ausdrücklich zur Last gelegt, daß er der factische Inhaber und Nutznießer eines Hauses war, von welchem man bei einer allfälligen Feuersbrunst frei nach Lessing hätte melden können: „Da sprang, um zu retten, Ein Stadtrath aus den Betten." Eine solche Beschuldigung mag Herr Alexander Putscht ruhig hinnehmen, oder er mag das Gutachten eines Advocaten darüber einholen, ob er sich dadurch in seiner Ehre beleidigt fühle. Der Gemeinderath der Stadt Wien aber darf es absolut nicht dulden, daß eine solche gegen eines seiner Mitglieder erhobene Beschuldigung auch nur einen Augenblick unwidersprochen bleibe. Die Ehre der Stadt Wien kann nicht auf Urlaub gehen. Robert Wolf. Der entartete Parlamentarismus. Das Abgeordnetenhaus dürste kaum noch eine Sitzung halten. Die von antisemitischer Seite ausgehende Beschimpfung aller öffentlichen Autoritäten hat solche Dimensionen angenommen, daß man Bedenken trägt, ein solches Parlament auch nur eine Stunde länger tagen zu lassen. In der letzten Sitzung wurde von den deutschnationalen Judenfreffern unter Anderen auch der Fürstbischof von Trient in unfläthiger Weise beschimpft. Wir scheuen uns, die Ausdrücke wiederzugeben, die da über einen katholischen Kirchenfürsten gebraucht wurden, und finden es begreiflich, daß sich die allgemeine Entrüstung in einem geharnischten Ordnungsruf des Präfidenten und in einer Interpellation des Abtes Treu in fels an den Justizminister Luft machte. Wir fragen aber, warum diese Entrüstung nicht schon früher losgebrochen ist, so oft es sich um die B e s ch i m pfung derjüdischenReligion und jüdischer Priester handelte? Die christliche Lehre ist ja aus der jüdischen hervorgegangen und das Alte Testament ist die Grundlage des Neuen. Wenn einmal über das Gotteswort und seine Verkünder unter dem Beifalle der frommen katholischen Herren so gesprochen werden darf, wie über die jüdische Religion und die jüdischen Rabbiner oft und oft gesprochen wurde, dann darf es nicht Wunder nehmen, wenn die Nichtachtung der religiösen Empfindungen auch auf das Gebiet des Katholizismus hinübergreift und wenn Thron und Altar im Parlamente den ärgsten Besudelungen ausgesetzt sind. Alle Schuld rächt sich auf Erden! In unserem Staate ist man immer geneigt, sich an die Oberfläche der Dinge zu halten, nur die Wirkungen zu sehen und nicht auch ihre Ursachen zu erforschen. Wir haben die kommenden Geschehnisse vorher verkündet. Eine intereffante Krise. Im Schoße eines Vereines, welcher zu den stärksten Stützen und Kampfesmitteln des antisemitischen Regimes gehört, des „Christlichen Wiener Frauenbund", ist die neueste Krise zum Ausbruch gelangt. An der Spitze des „Christlichen Wiener Frauenbund", dieser weiblichen Hilfsarmee des Antisemitismus und des Clericalismns, fungirt seit Bestehen desselben als Präsidentin Frau Emilie Platter. Man hat vor Kurzem erst die hochintereffante Entdeckung gemacht, daß Frau Emilie Platter, die emsig wirkende Präsidentin des antisemitischen und clericalen „Christlichen Wiener Frauenbund", eine — Pr otestantin ist. Begreiflicherweise hat diese Enthüllung in den Bundeskreisen die unliebsamste und sensationellste Ueberraschung hervorgerufen. Die logischen Bundesmitglieder verlangen energisch die Enthebung der Frau Emilie Platter von ihren Functionen als Präsidentin. Nun scheint aber Frau Platter nicht gesonnen zu sein, freiwillig auf ihre leitende Stellung im „Christlichen Wiener Frauenbund" zu verzichten, um den sie sich — trotz ihres protestantischen Glaubensbekenntnisses — Verdienste erworben hat. Und so ist die Krise da, und zu den vielen Sorgen und Beschwerlichkeiten, welche in jüngster Zeit über Herrn Dr. Lueger gekommen sind, gesellt sich nun die neueste Sorge um den geliebten christlichen Frauenbund. Thatsächlich soll Doctor Lueger auch schon eine Beilegung der jüngsten Krise versucht haben, aber bis jetzt nicht mit dem gewünschten Erfolg. Man darf begierig sein, ob es ihm schließlich doch gelinget! wird, die interessante protestantische Krise im „Christlichen Wiener Frauenbund" zu beschwören und entweder die empörten Bundesmitglieder oder die hartnäckige Bundespräsidentin zur Raison zu bringen. Arischer Brotwucher. Wie wucherisch von christlichen Geschäftsleuten die Korntheuerung ausgenützt wird und wie sie aus der Theueruug des Mehles noch einen Extraprofit herausschlagen wollen, daftir bietet die „Arbeiter-Zeitung" folgenden eklatanten Beweis. Erbracht haben diesen Beweis der christliche Bäckermeister Johann Hauswirt h, X., Himbergerstraße 11, als Erzeuger, und der christliche Gastwirth Adalbert Brosch, X., Brunnweg-