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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-10 · 23 (10.6.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
23 (10.6.1898)
Date
1898-06-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 440 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 23 Blutsverwandtschaft seiner Angehörigen mit dem gottseligen Schmul Leeb Kohn zum Vorwurf machen, und die Zeit ist vielleicht nicht ferne, wo die Vergaui-Partei es versuchen wird, zwischen irgend einem berühmten Rabbiner und dem Herrn Karl Hermann Wolf einen genealogischen Zusammenhang herzustellen. Wird doch derzeit schon nicht blos die Familie Schönerer, sondern auch die „Ostdeutsche Rundschau" als verludet erklärt» und dieses Blatt wird vielleicht bald genöthigt sein, sich entschieden dagegen zu verwahren, daß es das officiöse Organ der Alliance Jsraelite geworden ist. In dem an Tücke und Jntriguen so reichen Kampfe zwischen Reineke Fuchs und Jsegrimm geräth bekanntlich Jsegrimm, der Wolf, einmal in eine sehr verzwickte Lage, die Reinecke flink dazu benützt, um seinem grimmigen Feinde ein Stück seines — Antisemitismus wegzuschneiden. Stow gilt es, den verloren gegangenen Zipfel rasch wieder herbeischaffen und anstückeln, um die Fahne des Antisemitismus wieder weithin sichtbar flattern zu lassen. * * * Der „Ostdeutschen Rundschau" zufolge ist der Verein zur Abwehr des Antisemitismus eine urkomische Gesellschaft einfältiger Juden und pfiffiger Philosemiten oder, wie es an anderer Stelle heißt, eine verkrüppelte Spätgeburt des wasserköpfigen Kosmopolitismus. Das ist ostdeutsch, das ist völkisch, das ist deutschvolklich gesprochen. Wie schade, daß wir so wenig oder gar kein Berständniß haben für „arische Weltanschauung". Die Schönheit einer solchen Sprache oder, um mit Lueger zu reden, diese Sprache der Schönheit würde uns sonst entzücken. Der Verein zählt 4500 Mitglieder, und wenn sie Alle die „Ostdeutsche Rundschau" abonnirt hätten, hätte dieses Blatt eilw viel größere Verbreitung, als ihm derzeit gegönnt erscheint. Aber sie sind leider nicht Abonnenten der „Ostdeutschen Rundschau"; die Juden sind zu einfältig und die Philosemiten zu schlau dazu. Darum müssen sie auf diesem Umwege erst erfahren, was über sie in der „Ostdeutschen Rundschau" gestanden ist, und daß sie in einem verhängnißvollen Jrrthum befangen sind, wenn sie glauben, daß es der christlichsociale Antisemitismus allein sei, den sie bekämpfen müssen. Im Gegentheile. Die Herren Wrabetz und Kronawetter hatten zwar „die armseligen christlichsocialen Hampelmänner des Clericalismus vom Schlage Bielohlawek's kritisch geschachtet" aber „von dem gefährlichsten Gegner des Semitenthums und der Berjudung, dem radicalen Nationalismus, der heute das gesammte Deutschthum in Oesterreich beherrscht und dem Judenthum durch fortschreitende Jsolirung mehr und mehr den gesellschaftlichen Nährboden entzieht, von diesem echten Antisemitismus sprachen die biederen Froschmäuseler, wie es scheint, kein Sterbenswörtlein." Es ergeht also an alle Juden und Philosemiten die wohlgemeinte Aufforderung, sich vor den Deutschnationalen mehr zu fürchten als vor den Christlich-Socialen, und diese Aufforderung kommt von der allermaßgebendsten Seite, nämlich von dem gefährlichsten Gegner selbst. Das ist doch wirklich eine heitere Specialität von einem „gefährlichsten Gegner", der vor sich selber warnt! Um die Aufmerksamkeit von seinen Concurrenten Reineke abzulenken und sich in den Vordergrund zu stellen, fletscht Jsegrimm die Zähne, um seine eigene Gefährlichkeit zu demonstriren. Das ist eine so lächerliche Pose, daß rnan eigentlich bie_ Freiwillige Rettungsgesellschaft rufen sollte, damit sie die „Ostdeutsche Rundschau" wegen Größenwahn auf ein politisches Beobachtungszimmer bringt. Glauben die Leute wirklich, daß sie das gesammte Deutschthum Oesterreichs beherrschen oder stellen sie sich nur so, als ob sie das glauben würden? Was hat das Deutschthum als solches überhaupt mit dem Antisemitismus zu thun? Unseres Wiffens ist der „deutschnationale Radicalismus" im österreichischen Parlament durch volle vier Mann vertreten, und die übrigen Deutschen haben sich oft genug dagegen verwahrt, von Schönerer, K. H. Wolf und ihrer zweiköpfigen Armee „beherrscht" zu werden. Diese Leute leben von den Fehlern der Regierungen; nur diesen ist es znzuHreiben, daß solche politische und publiciftische Nullen überhaupt eine Rolle spielen. Ein so unbedeutender Mensch wie Herr K. H. Wolf ernennt sich zum Beherrscher des gesammten Deutschthums in Oesterreich — die Deutschen werden sich dafür bedanken. Was aber die Juden betrifft, so ist es ein wahres Glück für Gotthold Ephraim L e s s i n g, daß er nicht mehr lebt, denn wäre er heute am Leben, so wäre er auch Mitglied des Abwehrvereines geworden und die „Ostdeutsche" hätte ihn in die Kategorie der „schlauen Philosemiten" eingereiht. Der Name Leffing fällt uns als Beispiel gerade ein, weil Hofrath Nothnagel bei der Enthüllung der Skodabüste von ihm sprach. Skoda sei der Gotthold Ephraim Lessing der Wissenschaft, sagte Hofrath Nothnagel, ebenfalls ein schlauer Philosemit, denn auch er ist Mitglied des Abwehrvereines, gerade so, wie viele andere durch Gelehrsamkeit, Bildung und Tüchtigkeit hervorragende Persönlichkeiten von ausgezeichnetem Rufe, von Rang und Ansehen, Persönlichkeiten, mit denen Herr K. H. Wolf zu verkehren sich jederzeit zur Ehre anrechnen könnte. Ob nun der „Deutschnationale Radicalismus" den Gotthold Ephraim Lessing noch als Deutschen anerkennen will oder nicht, das ist uns freilich nicht bekannt; das von Herrn K. H. Wolf vielleicht doch noch nicht vollständig beherrschte übrige Deutschthum in Oesterreich dürfte ihn vielleicht als Deutschen gelten lassen, und Herr K. H. Wolf ist vorläufig noch nicht Präsident eines erst zu wählenden Kartencomites, welches über die Aufnahme von Bewerbern in den Verband des deutschen Volkes zu entscheiden hat. Dieser vielleicht doch deutsche Gotthold Ephraim Lessing nun hat einen jüdischen Gelehrten und Philosophen, einen Herrn, der der „Ostdeutschen, Rundschau" vielleicht nicht bekannt sein mag, einen gewissen Moses Mendelssohn, als seinen geehrten Freund betrachtet, er hat diese Freundschaft als eine Auszeichnung betrachtet. L e s s i n g hat sich wahrlich nicht die Aufgabe gestellt, dem Juden Mendelssohn den „gesellschaftlichen Nährboden" zu entziehen. Glaubt Herr K. H. Wolf dem „gesammten Deutschthum" eine so nichtswürdige Mission zuweisen zu können, so wird er zur rechten Zeit von den anständigen und gebildeten Deutschen die richtige Antwort erhalten. Diese Antwort kann nicht anders lauten, als daß der Antisemitismus mit dem Rechte und mit der Menschlichkeit unvereinbar ist, daß er unwürdig einer Culturnation von dem Range des deutschen Volkes ist. * * * Die Methode, nicht blos die Juden zu beschimpfen, sondern auch jeden Nichtjuden, der sich mit dem Antisemitismus nicht einverstanden erklärt, haben, die Ostdeutschen den Christlich- Socialen abgeguckt und die Rundschau des Herrn K. H. Wolf bedient sich hiebei der gleichen Naturlaute wie das „Deutsche Volksblatt". Herr Superintendent S e b e r i n y hat in der Generalversammlung des Abwehrvereines ausgeführt, daß seine christliche Weltanschauung — und zwar fügte er, wie wir hiemit constatiren, ausdrücklich hinzu, er meine das nicht speciell in religiösem Sinne — ihm gebiete, sich für die Gleichberechtigung aller Menschen einzusetzen und für diese Meinung öffentlich einzustehen. Wenn er deshalb, wie nicht anders zu erwarten war, von den Antisemiten, gleichviel welcher Couleur, angerempelt wird, so dürfte ein solcher Angriff für ihn eine viel zu untergeordnete Angelegenheit sein, als daß es nothwendig wäre, ihn gegen den Anwurf pfäffischer Gesinnung in Schutz zu nehmen. Thatsache ist, daß ein hochgebildeter und freisinniger protestantischer Geistlicher aus rein ethischen Motiven die antisemitische Bewegung verurtheilt und dies offen erklärt, ungeachtet des Terrorismus, welcher ein systematisch angewendetes Kampfmittel des Antisemitismus ist. Ein christlich-socialer Fettklumpen mit zwei Augen, hat ja auch einen Hanns K u d l i ch mit den Worten „alter Mistbauer" zu beschimpfen versucht, und eine Persönlichkeit von dem integren Charakter eines Lobmayr wurde im Wiener Gemeinderathe beschimpft, weil er sich die Verübung eines Wohlthätigkeitsactes hatte zu Schulden kommen lassen. * * * Nur ein „eingefleischter Liberaler", wie das „Deutsche Volksblatt" mit niederschmetternder Wirkung Herrn Lobmayr nennt, ist einer so offenkundigen Niedertracht fähig, die darin liegt, 100.000 fl. Goldrente für einen wohlthätigen Zweck zn widmen. Das hat man bisher keinem einzigen Antisemiten nachsagen können. Im Jahre 1884 machte Herr Lobmayr diese Stiftung, deren Verwaltung er der Gemeinde übertrug und deren nähere Verwendung er sich vorbehielt, wobei er sogar diejenigen Personen nannte, welche darüber verfügen sollten, falls er selbst eine Verfügung nicht mehr zu treffen in der Lage wäre. Im Jahre 1898 endlich, nachdem das Capital auf mehr als 200.000 fl. angewachsen, bestimmt er, daß das Geld dem Cömitö für die Herstellung billiger Volkswohiiungeil zu überweisen sei. In jeder anderen cwilisirten Stadt hätte mau

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