Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 43t» daß die von den Behörden getroffenen Schutzmaßregeln sich als völlig unzureichend erwiesen, daß militärische Assistenz erst im Augenblicke der höchsten Gefahr entsendet und zur Unzeit wieder zurückgezogen wurde, so daß die Bedrängten unablässig in Todesangst leben. Der officielle Draht schweigt sich über die unmittelbaren Ursachen der Krawalle gründlich aus und nur aus unofficiellen Quellen erfährt man, daß an dem einen Orte geheimnißvolle Gerüchte in Umlauf gesetzt wurden, die Regierung habe den Bauern durch drei Tage die Beraubung der Juden freigegeben, daß in dem anderen Orte die städtische Polizei selbst die Wuth der hungernden Arbeiter auf die Juden gelenkt habe. Die letzte Ursache ist aber immer das geheime Exemtiv-Comit« der Schlachta, welches seine Emissäre — nicht zum Letzten mazurische Arbeiterführer — im ganzen Lande besoldet. Angesichts der täglich kritischer werdenden Lage unserer Glaubensgenossen erhebt sich die Frage, was geschehen kann und geschehen wird, um dem drohenden Unheil vorzubengen? Gegen die systematisch betriebene wirthschaftliche Aushungerung der galizischen Juden wird es nicht leicht ein Mittel geben, aber itodj leben wir ja in einem sogenannten Rechtsstaate, in welchem wenigstens offene Angriffe auf Leben und Habe der Juden mit der Strenge des Gesetzes geahndet werden sollten. Die Frage richtet sich einerseits an die Regierung, welche soeben einen Statthalter von moderner Bildung und von, wie man sagt, ausgesprochenem Rechtsgefühle für Galizien ernannt hat, und andererseits an die jüdischen Abgeordneten aus Galizien, die als Mitglieder des Polenclubs — wenn auch leider durch den Clubzwang gebunden! — doch immerhin über einigen parlamentarischen Einfluß verfügen. Die Situation ist so ernst, daß sie das Gewissen auch derer ausrütteln muß, die bisher mehr als gute Polen, denn als gute Juden gelten wollten. Sie ist so ernst, daß längeres, gleichgiltiges Znschauen der polnisch-jüdischen Abgeordneten deren eigene Position gefährden würde. Man ist beflissen, mit den Ueberresten des sogenannten Badenismus in Oesterreich anfzuräumen. Es wäre eine verhängnißvolle Fügung, wenn von diesem unheilvollen System nichts übrig blieb, als die Verfolgung nuferer Glaubensgenossen in Galizien, eine Politik, die nicht einmal die Entschuldigung für sich hat, daß sie zwar schlecht österreichisch, aber gut polnisch ist. Denn weit entfernt, durch die Judenhetze die socialdemokratische Bewegung aufzuhalten, würde man durch die Bedrückung der Juden die treueste Gefolgschaft des Polenthums in das Lager seiner Gegner treiben. In Ostgalizien ist das Polenthum keineswegs stark genug, um auf die Mithilfe der Juden verzichten zu können, und schließlich hat ja auch die zwangsweise Durchführung gouvernementaler Wahlen ihre Grenze. Wir denken vom Grafen Pininski zu hoch, als daß wir glauben könnten, er werde seinen Ruhm darin suchen, den Fußtapfen eines Badem zu folgen. Aber schließlich und endlich darf doch die Lage der galizischen Juden nicht von dem Wohl- oder Uebelwollen der jeweiligen Statthalter abhängen, und es wäre die Aufgabe der jüdischen Mitglieder des Polenclubs, dies an entscheidender Stelle klarzumachen. Sie haben eine Verantwortung nicht blos vor ihren Wählern, sondern vor der ganzen Judenheit zu tragen. * * * Aus Tluste wird uns geschrieben: Am 25. v. M. erhielt der Ortsvorsteher des benachbarten Ortes Swidowa die Nachricht, daß die mazurischen Bahnarbeiter am 29. und 30. Mai Tluste überfallen, plündern und in Brand stecken wollen. Der Ortsvorsteher von Swidowa theilte dies sofort der Bevölkerung von Tluste mit und der Gemeinderath wandte sich telegraphisch an die Statthalterei in Lemberg und an die Bezirkshauptmannschaft in Zalesczyki und bat um Präventivmaßregeln. Die Arbeiter drohten, daß sie in Tluste dasselbe Andenken zurücklassen würden, wie seinerzeit in Chodorow. Am 27. Altai kam aus Zalesczyki ein Gendarmerie-Wachtmeister, um „die Sache zu prüfen" (!), worauf ihm das Protokoll, das mit dem Gemeindevorsteher von Swidowa ausgenommen worden war, vorgezeigt wurde Am selben Tage um 8 Uhr Abends rotteten sich viele Arbeiter auf dem Wege zu den Synagogen zusammen und nahmen eine drohende Haltung an. Sie begannen zu singen und die Fenster einzuschlagen. Innerhalb einer halben Stunde wurden in sämmtlichen Häusern, vom Gafthause Platzker und der Baron Hirsch-Schule bis zum Bahnhof alle Fensterscheiben zertrümmert. Der Vernichtung wurde auf der Targowica (Viehmarkt) Einhalt gethan, wo die Bewohner, durchwegs kräftige Gestalten, die Tumultuanten mit Knütteln erwarteten und ans der Stadt jagten. Ueber alles Lob erhaben ist die tapfere Haltung des Posteucommandanten der Gendarmerie, der sich um Mitternacht eine Schaar der stärksten Leute auswählte und mit ihnen die ganze Nacht die Straße von Swidowa bewachte. Am folgenden Tage hatten die Arbeiter auf der ganzen Strecke die Arbeit eingestellt und schickten sich schon uni 6 Uhr Früh au, in die Stadt zu ziehen. Der Postencommandant sendete sofort einen Boten an die Bezirkshauptmannschaft und erbat militärische Assistenz. Die Bewohner wies er au, sich mit Knütteln zu bewaffnen und zur Abwehr bereit zu sein. Um 7 Uhr rückten die Arbeiter, in Reihen geordnet, an und wollten in die Stadt eindringen. Als sie den Weg versperrt fanden, zogen sie sich scheinbar zurück, versuchten aber, von der Buczaczer Straße her die Stadt zu gewinnen. Der Postencommandant stellte sich ihnen, unterstützt von seinen Leuten und zahlreichen jüdischen Bewohnern, entgegen und warf sie anfangs zurück. Da er sah, daß er sich ohne Anwendung der Waffe nicht länger behaupten könne, gab er Feuer. Einen Augenblick wichen die Excedenten zurück, dann aber stürmten sie, von ihrem Rädelsführer angefeuert, unter dem Rufe: „Hurrah do miasto!‘‘ („Hurrah, in die Stadt!") neuerdings vorwärts, indem sie ihre Knüttel schwangen. Der Postenführer feuerte zum zweiten Male und die Kugel traf den Anführer, der sofort tobt blieb. Es heißt, daß der .Erschossene auch .der Rädelsführer bei den Excessen von Chodorow war. Nun erst stoben die Arbeiter auseinander. Um 2 Uhr Nachmittags kam ein Commissür der Bezirkshauptmannschaft und um 4 Uhr rückte eine Escadron Cavallerie ein. Seither haben sich die Exceffe zwar nicht erneuert, aber die jüdische Bevölkerung befindet sich doch in großer Aufregung, da am 31. Mai die Soldaten wieder abzogen und die Arbeiter mit neuen Gewaltthaten drohen. Sie äußerten sich, daß sie die Telegraphendrähte zerschneiden wollen, um auf solche Weise die Stadt wehrlos zu machen. Die Bevölkerung hat zum großen Theile die Stadt verlassen und neuerlich um militärischen Schutz angesucht, der aber bis heute nicht gewährt wurde. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. In ostdeutscher Sprache und ostdeutschem Styl fällt die von Herrn K. H. Wolf herausgegebene Zeitung über den Verein zur Abwehr des Antisemitismus her. Für Leser, die an die einfache deutsche Schriftsprache und nicht an den modernen „völkischen" Jargon gewöhnt sind, ist es einigermaßen schwer, sich durch das Gestrüppe des betreffenden Artikels einen Weg zu bahnen, der öde und langweilig wäre, wenn uns nicht einige radical-deutschnationale Kasernhofblüthen einige heitere Abwechslung bieten würden. Die Christlich-Socialen beobachten, wie wir bereits wiederholt erwähnten, den deutschnationalen Antisemiten gegenüber die schlaue Taktik, ihnen den Antisemitismus abzustreiteu und sie vor jenem Publicum, für welches der Judenhaß das maßgebendste Kriterium und Reizmittel bildet, als Nichtantisemiten zu denunciren. Das geht bereits so weit, oaß fie Herrn Georg Schönerer die allerdings leider vorhandene