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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-10 · 23 (10.6.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
23 (10.6.1898)
Date
1898-06-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 438 Nr. 23 Dr. Bloch s Wochenschrift sondern auch jenen Gefahren gegenüber, die durch Verbreitung von Ideen, welche mit der staatlichen Ordnung im Widerspruch sind, entstehen können. § 172 Str.-G.-B. enthält das Verbot, gegen die staatliche und gesellschaftliche Ordnung, gegen bestehende rechtliche und politische Institutionen zum Hasse, zur Verachtung aufzuwiegeln. Dieses Verbot hat der Angeklagte übertreten. Nur einen Moment lang vermag man über einzelne Details seiner Artikel zu lächeln und daran zu denken, es sei vielleicht schade gewesen, diesen Proceß vor die Geschwornen zu bringen. Dieses Lächeln verschwindet, sobald man die Tendenz des Ganzen, das philosophische Raffinement erkennt, mit dem hier das Gift in die naive Volksseele geträufelt wird. „Dieser Seelenhirt kennt seine Slovaken; er stellt sich absichtlich unwiffend, um dem Verständnisse der Unwissenden näher zu kommen und packt das Volk dort, wo es am zugänglichsten ist: bei der Neugier. Den Lesern des „Krestan" spricht er von Freimaurerei. Es ist, als erzählte er ihnen von Meereswundern. Oder ist etwa dieVereinigung der Freimaurer hierzulande unbekannt und steht sie nicht überhaupt unter allenauf ideale Ziele gerichteten Vereinigungen hoch über dem Denkkreise der zu der untersten Volksschichte Gehörigen? Das Netz ist vortrefflich ausgeworfen und dort, in der unbekannten Sphäre prügelt man am leichtesten den — Juden. Keine Dummheit ist schlecht genug, um diesem Ziele zu dienen: die Raupe, die den Garten verwüstet, die Feldmaus im Weizen, der Marder, der die Hühner ausrottet — Alldas vereinigt sich im Juden. Wie soll da der Leser des „Krestan" den Juden nicht verfolgen, ausrotten wollen, wenn der greise Pfarrer den Juden als Denjenigen präsentirt, der das Christenthum vernichtet, der gleich mächtig sei dem Thron und der Religion gegenüber; als Denjenigen, der gottverdammt, mit dem Blute Christi gestempelt, als Krebsschaden und Pestbeule am Leibe des Volkes Alle und Alles verzehrt?! Redner beleuchtet dann die böswillige Tendenz, die kirchenpolitischen Schöpfungen in der Weise darzustellen, als hätte der ungarische Reichstag mit Zustimmung der Krone der Juden wegen, im Solde der Juden Gesetze erbracht, die gegen den Glauben, gegen die'Kirche, gegen Gott gerichtet seien. Zu dieser tendenziösen Volksbethörung gesellt man die zu Wuth aufstachelnde furchtbare Beschuldigung, welche vom Volke für baare Münze genommen: daß die Juden Jesus Christus gemordet haben, während doch dieser Seelsorger sehr gut weiß und wissen muß, daß jüdische Schultern das Kreuz tragen, an welchem der Erlöser leiden mußte. Das heißt, mit roher Faust in die Saiten des Bolksgemüthes greifen, das ist ein Appell an die Faust, die kein Argument mehr ist. Das i st nichts Anderes als Aufwiegelung, nichts Anderes als der mit d em r eligiösen Gefüble, mit d em h eili g en Kreuz getriebene Schwindel. Ein hartes Wort, meine Herren, aber es ist reiflich erwogen, denn nach meiner Ansicht verbirgt sich da außer der maßlosen Aufreizung zum confessio nellen Haß noch ein anderes Ziel. Inder Culturarbeit im Interesse dieses tausendjährigen Vaterlandes steht in erster Reihe: die Entwicklung des Ungarthums. Und in diesem unseren Streben — sagen wir es nur offen heraus — sehen wir unter den ansehnlichen Factoren die ungarische Judenschaft. Uns ist der politischeGedanke der einheitlichen ungarischen Nation keine Redeblüthe, sondern ein Ideal, in dem wir das Geheimniß unseres tausendjährigen Bestehens, die Gewähr unserer Gegenwart und dieHoffnung unserer Zukunft erblicken, für welches wir leben und kämpfen, welches den Glauben und die Hoffnung in uns rege erhält, wenn wir auf unsere Kinder blicken und ihnen von Vaterlandsliebe sprechen. Und zu dem Gebäude unseres nationalen Staates hat die ungarische Jud ensch aft nich t nur ein Ziegel st ück getragen. Wollen Sie in den Gegenden der Nationalitäten Umschau halten, überall bildet die Judenschast mit ihren ungarischen Schulen je eine Insel unter den Rumänen, Serben, Slovaken, Sachsen, die ihre eigenen Schulen halten. Ist da der ungarische Jude den Schreibern- und Lesern des slovakischen „Krestan" nicht ein Dorn im Auge? Gehen die Angriffe schließlich nicht auch darauf hinaus, d aß d e r Iud e m it Leib u n d S e ele bemüht ist, sich zu magh arisiren?" Treffender ist der Antisemitismus noch nicht gebrandmarkt, aber auch grausamer der Dank der Deutschnationalen für das Martyrium der Juden innerhalb der deutschen Sprachinseln noch nicht bloßgestellt worden, als in dieser Rede eines Budapester Staatsanwalts. Dir Iudrnhrtze in Galipen. Der sublime Gedanke, die socialdemokratische Bewegung durch Judenhetzen zu bekämpfen, wird jetzt aus dem Gesammtösterreichischen in das specifisch Galizische übertragen. Nach beit Wahlsiegen der Herren Daszynski und Kozakiewicz hat die Staatsweisheit der Schlachta nichts Klügeres zu ersinnen vermocht, als unter die bäuerliche Bevölkerung, welche langsam zum.Bewußtsein ihrer Kraft gegenüber ihren adeligen Bedrückern erwacht, den Antisemitismus zu tragen und die Juden als Blitzableiter für das Ungewitter zu benützen, das sich über ihren eigenen Häuptern zusammenzieht. Wir waren vor Monaten in der Lage, von einem geheimen Eonventikel der Stanczyken-Partei in Krakau zu berichten, welches diese Preisgebung der treuen jüdischen Bmrdcsgenossen als das wirksamste Schutzmittel gegen die gefürchtete Socialdemokratie empfahl. Damals war noch Graf Kasimir Badeni ’ Ministerpräsident und Fürst Sapieha Statthalter von Galizien. Die Seele der nunmehr mit aller Macht in Angriff genommenen mttisemitischen Propaganda aber war der Landmarschall Graf Stanislaus Badeni, der seine vielberühmte Geschicklichkeit als „Macher" in den verschiedensten geschäftlichen Unternehmungen jetzt auf politischem Gebiete bethätigte. Man. erwarb, subventtonirte und gründete eine beträchtliche Anzahl von Blättern, welche die Judenhetze nach Wiener christlich-socialem Muster zu betreiben hatten. Streitbare Priester wurden aufgeboten und mit dem in Bann und Acht gethanen Pater Stojalowski Friede geschloffen, damit man dessen agitatorische Begabung in den Dienst der Schlachta stellen könne. Schnell genug ging die junge Saat auf. Die Schreckenstage' von Chodorow, Schodnica, Przemislany gaben Zeugniß davon, daß der officielle Antisemitismus nicht nur auf fruchtbaren Boden im städtischen und ländlichen Proletariat stieß, sondern daß er sogar über — Brachialgewalt verfügte. Seither häufen sich die Ausbrüche bluttgen Hasses gegen unsere Glaubensgenossen in Galizien. Im März ging es' in Wieliczka los und wir konnten damals Nachweisen, daß die Excesse durch ein ungeheuerliches Pamphlet veranlaßt wurden, welches von einem Katecheten am Krakauer St. Annagymnasium verfaßt und von Geistlichen, darunter auch einem Abgeordneten der Stojalowski-Gruppe, in 5000 Exemplaren in den Bezirken Krakau und Podgorze verbreitet wurde. Erst die zweite Auflage verfiel der Confiscation durch den Staatsanwalt. Man beließ es bei dieser verspäteten Beschlagnahme, ohne darnach zu forschen, wer der Besteller dieser Hetzschrift sei und von wem die bedeutenden Kosten derselben gezahlt wurden. Die Judenhetze hat innerhalb der letzten Monate im ganzen Lande ungeheure Dimensionen angenommen und die öffentliche Meinung zeigt sich beretts so vergiftet, daß selbst bisher freisinnige Blätter wie der „Kurjer Lwowski" und der „Slowo Polski" sich bemüssigt sehen, aus Geschäftsrücksichten den tollen Hexensabbath mitzumachen. Das unablässig geschürte Feuer loderte in den jüngsten Tagen an mehreren Stellen zugleich empor. In Tluste (Bezik Zalesczyki), in P r z e m y s l, in Kalwary a und in M y s l e n i c e, also im Osten wie im Westen, kam es zu Gewattthätigkeüen gegen die Juden, zu Bedrohungen am Leben- und Plünderungen ihrer Habe. Die Berichte über alle diese Excesse stimmen in der einen Thatsache überein.

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