Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 22 Dr. Blocki's Wochenschrift Seite 433 gehalten; die vorgestrige Unterredung mit unserem Baron hat mir bewiesen, daß wir nichts von ihm zu erwarten haben; die junge Baronesse, eine edle Dame, hatte ihm zugeredet; und wäre nicht diese, sein Vetter und der würdige Pfarrer anwesend gewesen, er hätte mich mit bösen Worten fortgejagt; so aber bezwang er sich und wies mich an seinen neuen Amtmann, Graf oder Rosenberg, wie er heißt, der aber wird gewiß, um sich bei seinem neuen Patron einzuschmeicheln, den höchsten Preis erpressen wollen. — Ich glaube nicht, daß man in Ungarn so leicht reich wird, wie Du es zu glauben scheinst; aber wenn Du nur einen Ruhepunkt gefunden, so kannst Du doch ein Weib nehmen; — freilich müßten wir uns dann trennen, es würde zwischen uns ein schönes Stück Land liegen; aber es ist ein altes gutes Sprichwort: Besser ist es von lieben Abwesenden Gutes zu hören, als sie in Leid und Trauer zu sehen! Jakob ich bins zufrieden, daß Du nach Ungarn gehst und es versuchst, ob Gott Dich dort in fernem Lande segnen Ed; ich sag' zu Dir wie Gott zum Erzvater Abraham: Lech Lecho mearzecho, umimauladtecho, umibes owicho') — und möge Gott Dich segnen!" „Nun habe ich auch Dich zu fragen, Hanna!" sprach Jacob tiefgerührt. „Es ist mir nicht leicht von Dir auf lange Zeit zu scheiden, Du weißt es, Hanna, wie ich Dich liebe, so echt und recht, und wie all' mein redliches Bestreben nur dahin geht, indem ich Dich beglücken möchte, mir selbst das schönste Glück zu schaffen; Du weißt es, Hanna, ich bin ein ehrlicher Mann und Hab' es nie vermocht, leere, falsche Worte zu sprechen, wie manche Andere. — Du weißt es, Hanna, Du bist meines Lebens Sonne, die meinem freudelosen Dasein Licht und Farbe und Glanz verleiht, Du weißt es, ich habe Vater und Mutter nicht gekannt, mein Bruder starb und Du sollst mir Alles ersetzen! — Und nun soll ich auch von Dir scheiden, Dich jahrelang nicht sehen, nicht hören den Ton Deiner lieben Stimme, nicht Deine Worte, die mich so oft getröstet, wenn mich das Elend fast zu tief gebeugt; — und doch Hanna! Du bist ja so klug als edel — Du siehst es ja selber ein. — Der Versuch, Dich zu erringen, ist wohl des schweren Opfers werth? Nicht wahr, Hanna!" „Was Du beschlossen und mein Vater für recht befunden, muß ich als das Richtige erkennen; — geh' mit Gott! ich werde treu ausharren,. bis Du wiederkommst. Du weißt es ja, Jacob, nebst meinem Vater und meinem Bruder bist Du mir der Liebste auf dieser weiten Welt, — und kam' ein Fürstensohn und wollt' die arme Hanna — ich würd' ihn verlachen und ihm sagen, ich bleibe meinem Jacob treu!" „Gott lohn' Dir diese Worte!" rief Leipnik, „aber Eines will ich Dir sagen, Hanna, — Du weißt es, ich Hab' Dich lieb — es mag wohl thöricht klingen, aber Gott weiß es, es ist genau so, wie ich's sage — ich Hab' Dich lieb — so lang Du lebst. Als Du geboren wurdest — ich war ein Knabe von sechs Jahren — als ich Dich zuerst in Deiner Wiege sah, da hattest Du schon mein Herz gewonnen und oft, wenn ich mit meinem Bruder Lewi — olof hafcholom-) — an Sommerabenden vor unserem Hause in der Judengasse saß und wir, wie Kinder pflegen, kindisch von der Zukunft sprachen, sagte ich: Hanna wird mein Weib, sonst will ich keines haben! — und Gott weiß es — nicht einen Augenblick ist diese reine warme'Neigung in meinem Herzen erloschen, aber", Jacob holte tief Athem, „da sei Gott vor, daß ich Dich für ewig binden wollte — nicht länger als drei Jahre —, es ist das eine lange Zeit — sollst Du warten! Bin ich von heut in drei Jahren nicht zurückgekehrt, so bist Du frei! Eine Sünde wäre es von mir, wollt' ich verlangen — weil es mir nicht gelungen, eine Stelle in dieser Welt zn erringen — daß Du ewig Dein Leben vertrauern solltest! Du bist schön, gut, klug, fromm und der reichste Mann in Mähren wird sich glücklich schätzen, wenn Du ihm Deine Hand reichen wolltest, — nein, Hanna, für ewig will ich Dich nicht binden, ich hab's gesagt — bin ich in drei Jahren nicht zurückgekehrt — so bist Du frei! — und mich wird's herzlich freuen, wenn ich erfahre, daß Du mit einem würdigen Manne glücklich geworden bist!" Jacob mußte sich abwenden, der starke Mann schämte sich der aussteigenden Thränen. Hanna schüttelte den Kops. „Nein, ') Zieh hinweg aus Deinem Lande, Deiner Geburtsstätte, Deinem Vaterhause! 2) Der Friede sei mit ihm! wird von Verstorbenen gesagt. Jacob, das nicht. Du wirst mein Gatte — oder keiner, glücklich kann ich nur an Deiner Seite werden!" Jacob wollte etwas erwidern, ein unverständlich halbes Wort entschlüpfte seinen Lippen; aber Mosche, der bisher aufmerksam, doch schweigend dem Gespräch gefolgt, begann: „Ich bin nicht klug, ich bin ein armer, blinder, unwissender Mann, ich habe ja nichts lernen können; — aber ich habe doch oft in der Schule und in der Synagoge zugehört, wenn Chumisch') und Gemore * 2) gelehrt wurde, oder der Rabbi in der Synagoge Deroschaus3) hielt — und wenn ich oft stundenlang in banger Nacht — mein ganzes Leben ist ja nichts anderes, als eine lange bange finstere Nacht — so für mich hindenke, so kommen mir zuweilen Gedanken, wie sie Euch andern die Ihr was anderes thun könnt', als blos müssig denken — nie durch den Kopf fahren. Gerade wenn ich mich zuweilen gar so elend und unglücklich fühle, überkommt mich Plötzlich, ich weiß selbst nicht warum, wie so? — ganz ohne Grund und Ursach', mir selbst ganz unbegreiflich, ein frohes glückliches Gefühl — das Bewußtsein, daß es einen grundgütigen, barmherzigen Gott gibt, der auch mich Armen nicht blos zum Elend erschaffen, der mich einst beglücken wird! — und so ist mir auch jetzt plötzlich im tiefen Trübsal und im Mitleid um Euch, ein Gefühl der Hoffnung und des Trostes überkommen, ich, der arme, unwissende, blinde Mosche sag' es Euch, Ihr klugen Leute; — an Einen scheint Ihr zu vergessen, an den lieben Gott, der helfen kann, wenn er nur will. — Ich bin ein dummer, unwissender Mensch, aber als der Landrabbiner Reb Gerschon Pulitz vor drei Jahren hier gewesen, da hat er in unserer Synagoge eine Deroscho abgehalten, die hat mir sehr gut gefallen und ich Hab' ,-ir jedes Wort gemerkt, und da hat er auch eine dunkle Talmudstelle erklärt: Seitdem der Gottestempel in Jerusalem zerstört wurde, ist die Prophetie nur Kindern und Narren verliehen worden4 5 *) Der Landrabbiner hat die Stelle wohl schön gedeutet und erklärt, — Ihr wüßt es ja, Ihr wäret ja anwesend — aber in dem Augenblicke glaube ich einer jener Einfältigen zu sein, der, wenn auch sein Körperauge blind, doch voll Hoffnung auf Gottes Güte prophetisch in die Zukunft blickt — und ich, der einfältige Mosche, sag' es Euch, Gott wird Euch Beiden helfen." „Nenn' Dich nicht einfältig, mein lieber Sohn! Du bist es nicht!" sprach Veit Weritsch und helle Thränen flössen über seine Wangen, „Du bist es nie gewesen, und die Trostesworte, die Du jetzt gesprochen, haben mir die Seele erwärmt." Jacob aber schüttelte wehmüthig den Kopf, ergriff Mosche's Hand und sprach: „Ich danke Dir, aber da müßte Gott ein Wunder thun!" „Wenn Hakodosch boruch hu 9) Dir helfen will, so brauchst Du Dich um die Mittel nicht zu sorgen, kennst Du das alte Wahrwort nicht? Jeschuas Elokim beherew Ajin °) — wenn Gott nur will, kannst Du schon morgen glücklich sein!" Jacob hatte etwas zu erwidern; aber Hanna schüttelte abmahnend ihren Lockenkopf, er möge Mosche nicht durch Widerspruch reizen, und Veit Weritsch sagte: „Nachdem Du den Entschluß gefaßt und wir alle ihn billigen, handelt es sich nur darum, wann Du Weggehen willst?" „Ich glaube je eher dies geschieht, desto besser ist's. Ihr wißt es, meines Bruders Witwe, die ich bisher unterstützen mußte, hat in der jüngsten Zeit von ihrem kinderlosen Onkel in Trebitsch ein kleines Vermögen geerbt, sie bedarf nun meiner Beihilfe nicht mehr; der Gedanke, nach Ungarn zu gehen, war schon ziemlich lange in mir vorbereitet und wurde nur durch die letzte Abweisung des Barons vollkommen zur Reife gebracht; und so habe ich meine kleinen Geschäfte hier und in der Umgebung so abgewickelt, daß ich — schon morgen Früh Weggehen kann." „Schon morgen Früh?" ftugen Hanna und Mosche überrascht wie aus einem Munde; aber der Vater entschied rasch: „Jacob hat recht, wenn man schon für längere Zeit f cheiden soll, soll's rasch geschehen." „Morgen Früh um vier Uhr gedenk' ich aufzubrechen; — wenn ich scharf zugehe, befinde ich mich schon morgen Nacht auf ungarischem Boden. Ich habe mir ein kleines Sümmchen er- ') Bibel. -) Talmud, 3) Vorträge. 4) Bobe bathra toi. 12 b. 5) Der Heilige, gelobt sei er! s) Gottes Hilfe kann in einem Augenblicke werden.