Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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WWMWWI Seite 430 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 22 confiscirt werden. Am Tage nach dem Urtheilsspruche wurde Levy der Tortur unterzogen. Bevor diese begonnen hatte, zog der Unglückliche aus seiner Tasche ein hebräisches Gebetbuch, um darin zu lesen, allein man nahm es ihm ab. Hieraus wurde ihm das Urtheil verkündigt. Er sagte, daß er sich über die Richter nicht beklagen könne, daß jedoch die Zeugen, die er als falsche bezeichnete, seinen Tod verursachen. Noch sügte er hinzu, daß er, falls ihm die Qualen der Folter ein Geständniß abpressen sollten, es sofort danach revociren werde. Diese Vorsicht erwies sich als. überflüffig, denn er gestand nichts, er betonte vielmehr während der ganzen Tortur seine Unschuld. Nach der Folterung wurde er in die Armensünderzelle überführt, wo ihn zwei katholische Geistliche zum christlichen Glauben bekehren wollte». Er hörte nicht auf sie. „Ich bin Jude und will als Jude sterben," rief er. Man gestattete ihm vor seinem letzten Gange, seine Frau zu sehen; doch diese konnte krankheitshalber ihren armen Gatten nicht besuchen; darum bat er, man möge zwei Vorsteher der Metzer jüdischen Gemeinde zu ihm kommen lassen, die Bitte ward ihm gewährt. Er empfahl ihnen die Obsorge seiner Familie. Sie schworen ihm, stets ihrer sich anzunehmcn. Als er sich zur Execntion anfchickte, legte er die Tefillin an, allein man nahm sie ihm ab. Nochmals drängte man in ihn, sein Verbrechen zu gestehen, er erklärte sich jedoch schuldlos und die Zeugen .für falsch. Mit überraschender Unerschrockenheit begab er sich auf den Richtplatz. Auf dem letzten. Wege wies er mit Standhaftigkeit die wiederholten Bekehrungsversnche zurück. Gottergeben starb er, wie der christliche Autor des »Abr<§gd« besonders hervorhebt, unter den Händen des Nachrichters. Der Tod Raphael Lävy's bedrohte die ganze jüdische Gemeinde von Metz in-ihrem weiteren Bestände; die Judenfeinde wollten das dem unglücklichen Levy zugeschriebene Verbrechen zum Anlasse einer Vertreibung der Juden aus Metz benützen. Da sandten die Bedrohten eine Deputation nach Paris an den König, um das Unheil abzuwenden. Die Abgesandten wandten sich an den damals in Paris weilenden piemontesischen Juden Jonas S a l v a d o r, der in Folge seiner Geschäftsverbindungen Beziehungen zu einflußreichen Männern und sogar zu Mitgliedern des königlichen Hauses hatte. Er war aber auch ein großer Freund der Wissenschaft, wodurch er in freundschaftlichem Verkehr mit dem berühmten Prediger Pater Richard Simon stand. Salvador nahm sich sofort mit allem Eifer seiner bedrängten Brüder an, wußte seinen Freund Simon für sie zu gewinnen und führte die Metzer Deputation zum Secretär der königlichen Cümmando-Kanzlei, zum Marquis von Beruh. Sie trugen diesem ihr Anliegen vor, erzählten ihm den Anlaß d« neuerdings in Metz ausgebrochenen Judenverfolgungen, daß mau während ihrer Anwesenheit in Paris mehrere Juden in Metz als Mitschuldige des unschuldig verurtheilten Levy inhaftirt habe, daß die Gefahr täglich wachse und die Existenz aller Juden in Metz Mrohe. Der Marquis von Beruh versprach ihnen, ihre Bitte» dem König zu unterbreiten. Betreffs Raphael's sagte er ihnen: „Was wollt Ihr? Euer Jude ist todt; warum habt Ihr Euch nicht viel früher an mich gewendet?" Der König untersuchte die Angelegenheit und ward alsbald von dem haarsträubenden Frevel, der in Metz begangen worden war, überzeugt. Er ließ sofort einen genauen Bericht und alle Acten des Processes L6VY abverlangen und sich über die Klagen der Bittsteller informiren. Man wagte es, den Befehl des Königs nur zur Hälfte zu vollziehen; man schickte blos die Proceßacteü ein, setzte jedoch gegen die inzwischen verhafteten angeblichen Complicen Levy's das Verfahren fort und verurtheilte auch sie theils zu Geldstrafen, theils zur Ve»baumulg. Daraufhin erfolgte eine strenge Weisung an das Parlament, unverzüglich den Befehl des Königs in allen Stücken zu erfüllen und das gegen die „Mitschuldigen" Levy's gefällte Urtheil vorläufig nicht zu vollstrecken, sie vielmehr vorderhand in Freiheit zu setzen. Das Parlament mußte gehorchen. Allein lüe WMfeinde gaben die Hoffnung gleichwohl nicht auf, ihr schMWs Werk mit Erfolg zu Ende führen zu können. Die Metzkk christlichen Kaufleute, die eigentlichen Urheber des schmählichen Processes, ließen eben damM das so oft erwähnte »Abvorvssentlichen, in der sicheren Erwartung, dadurch den König M beeinflussen; sie begnügten sich nicht mit ihrer Darstellung des Falles, sondern fügten ihr ein langes Sündenregister der Juden bei und beriefen sich auf das traurige Edict Philipp August's und das Ludwig's XIII., wie auch auf — Deutschland. Salvador wußte aber den Schlag geschickt zu pariren. Auf seine Bitte lieh der wackere Pater Simon seine ganze schriftstellerische Kunst der Vertheidiguug der Wahrheit und veröffentlichte seine »Factum« betitelte Gegenschrift. Der König unterzog alle Schriftstücke und Protokolle einer eingehenden Untersuchung und entschied sodann, daß den Juden nach wie vor das Recht, in Metz zu wohnen, und ihre sonstigen Begünstigungen gewahrt seien, daß sämmtliche mit in die Affaire Lävy verwickelten Angeschuldigten unbehindert der Freiheit zurückzugeben seien bei sonstiger strenger Strafe. Kam diese Verfügung nicht einer völligen Verwerfung des über Lsvy gefällten Spruches gleich? Der König hätte zu seinen Ruhmestiteln noch einen weitereren hinzufügeu können, wenn er in consequenter Verfolgung seiner Bestimmung das geschmähte Andenken eines ungerecht Verurtheilten wiederhergestellt hätte; er hätte dadurch auch dem Rechte und dadurch der Menschheit einen Dienst erwiesen, denn „der bestrafte Schuldige dient zum warnenden Beispiel; ein unschuldig Verurtheilter bildet jedoch die Angelegenheit aller ehrbaren Menschen", sagt treffend La Bruyöre. Correspond enzen. Wien. (W o h lth äti g k eits v e r et.it „F raue rill o r t".) Im Wohlfahrtspävillon der Jubiläumsausstellung enthält der Saal IV eine Vitrine, deren hervorstechendster Inhalt zwei Kinderfiguren sind, welche die Art der Kinderbekleidung des Wohlthätigkeitsvereines ..Frauenhort" demonstriren. Die Exposition gibt ein hübsches Bild der Humanitären Thätigkeit des Vereines, der während seines erst fünfjährigen Bestandes bereits 690 arme Schulkinder bekleidet hat. Die von der Schriftführerin des Vereines Frau Rosa Feigenbaum anläßlich des fünfzigjährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers verfaßte Denkschrift, deren erste Seiten diesem festlichen Anlasse gewidmet sind, gibt ein übersichtliches und schönes Bild der Thätigkeit des „Frauenhort", an dessen Spitze die Damen: Rosa Z'fferer, Regine Kopstein und Johanna Fröhlich eifrig wirken. Es ist nicht wenig, was da mit bescheidenen Mitteln vom Vereine geleistet wurde. Unterstützung von Witwen und Waisen, Bekleidung armer Schulkinder in aller Stille, mit Ausschluß der Oeffentlichkeit, Entsendung von kranken Frauen und Mädchen, welche die Ernährerinnen des Hauses sind, in Bäder, bilden das reiche Programm des Vereines, der während seiner fünfjährigen Thätigkeit 23.288 fl. für diese wohlthätigen Zwecke verausgabt hat. In dem dem festlichen Anlässe gewidmeten Theile heißt es unter Anderem: Dankbarst gedenken wir unseres gütigen Kaisers, welcher den Anstoß zu der Humanitären Bewegung gegeben und dessen aus echter Empfindung quellender Anregung es zu danken ist, daß man im. Jahre 1898 mehr denn je mit dem Schicksale des darbenden Nächsten sich beschäftigen, um die Verbesserung seiner Lage sich bemühen und so recht den goldenen Spruch bethätigen wird: „Aufthun solst Du Deine Hand Deinem Bruder, dem Armen und Dürftigen im Lande!" Und im Sinne dieses goldenen Spruches zu wirken, ist das Bemühen des „Frauenhort". Troppau, 30. Mai. (Jüdisch-literarischer V e r e i n.) Am 8. d. M. fand im Vereinslocal ein gut besuchter, mit großem Beifalle aufgenommener Vortrag Sr. Ehrwürden des Herrn Dr. Schornstein aus Wagstadt über das Thema „Der Blutaberglaube" statt. Redner begründete die Wahl dieses unerquicklichen, das traurigste Eapitel der Culturgeschichte behandelnden Stoffes damit, daß das Blutmärchen, Dank der Böswilligkeit unserer Gegner, eine nie zur Ruhe kommende Frage bildet, deren Behandlung den Aufgaben der Literaturvereine beigezählt werden sollte. Man kann kaum eine jüdische Zeitschrift finden, welche nicht über das Auftauchen der wahnsinnigen Blutbeschuldigung zu berichten hätte. Erst vor Kurzem' sah Redner dieses Gespenst in seiner nächsten Nähe erscheinen und wer weiß, welche traurige Folgen es gezeitigt hätte, wen» es nicht rechtzeitig gelungen wäre, dieser abscheulichen Ausgeburt von Lug und Trug das .giftgeschwollene Haupt zu zertreten. Bei jener Gelegenheit hat es sich abermals gezeigt, daß es noch heutzutage genug als gebildet und vorurtheilsfrei geltende Christen gibt, welche die Möglichkeit solcher Schändlich-