Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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9tr. 22 Dr. Bloch's Wo ch euschrist Seite 427 . . . Gaumen, als die vor ihm aufgethürmten Berge goldtönig-knus- Periger Carciofi zu verspeisen. Bon Luxus — was man in Rom so unter Luxus versteht — allerdings keine Spur. Da gibt es weder reines Tischtuch noch reine Servietten, und aus den Glasern winkt uns lieblich der Abdruck von Vater Abrahams fleischigen Fingern entgegen. Denn — freut euch, Poeten! freut euch, ihr schönhertsdurstigen Seelen! — bei Vater Abraham gibt's noch keine schändliche Neuerung! Da bringt man die Gläser und Flaschen noch nach Altväterart. den Daumen im Flaschenhals, die Finger in die Gläser gespreizt. (Na prosit!) Aber die Artischoken! Die sind Vater Abrahams starke Seite, und wenn im Jenseits die Götter Artischoken essen, so beziehen sie sie jedenfalls direct von Pacifico. Denn eigentlich heißt der -Wickel Angelo dei Carciofi« (wie die Künstler ihn nennen) — eigentlich heißt er gar nicht Vater Abraham, sondern höchst vulgär Pacifico, und seine Trattoria steht auf dem altberühmten Monte Cenci. dicht neben dein sagenumsponnenen alten Palazzo, wo Beatrice Cenci, die schöne, unglückliche Beatrice, geduldet." Ter salomonische Tempel i» Jerusalem scheint nach einer Beweisführung im „Archiv für Post und Telegraphie" mit Blitzableiteranlagen versehen gewesen zu sein. Wie im zweiten Buche der Chronik erzählt wird, verwendete Salomo zum Tempelbau Gold in reichlicher Menge und überzog damit die Balken und die Thüren; vor dem Tempel stellte er zwei eherne, fünfunddreißig Ellen hohe Säulen auf. Diese Einrichtung soll nun dazu gedient haben, den Tempel gegen Blitzschläge zu schützen. Die Kenntniß von der blitzableitenden Wirkung metallener Gegenstände dürste wohl bei den vielen Beziehungen, die Salomo mit Egypten unterhielt, von hier nach Palästina gelangt sein. Daß aber in Egypten Blitzableiteranlagen schon 1500 Jahre vor Christi Geburt bekannt waren, ist durch die Forschungen Brugsch Paschas — Inschriften an hohen, mit Kupfer beschlagenen Mastbäumen und Obelisken besagten zweifellos, daß das „Uugewitter an der Himmelshöhe zu schneiden" deren Zweck sei — sicher uachgewiesen. Uebrigens hat auch schon der Physiker Lichteuberg die Behauptung ausgestellt, daß der altjüdi che Tempel in Jerusalem mit Blitzableitern versehen gewesen sei. Er sagt: „Der Tempel der Juden existirte einen Zeitraum von tanseud Jahren und war durch seine Lage den sehr starken und häufigen Gewittern Palästinas ausgesetzt. Nichtsdestoweniger haben weder die Bibel noch Josephus uns berichtet, daß der Blitz jemals in denselben eingeschlagen habe. Die Ursache davon ist einfach. Durch besondere Einrichtungen war der Tempel mit Blitzableitern versehen. Das Dach des Tempels, die Frontwände des Gebäudes, mit stark vergoldetem Holz bedeckt, die Cisternen unter dem Vorhose des Tempels, in welche das von den Dächern laufende Wasser durch metallene Röhren abfloß, konnten vollkommeu den Zweck von Blitzableitern erfüllen. Der Ansicht Lichtenberg's schloß sich später auch der berühmte Pariser Physiker Arago an. Die Juden Vvn Alexandrien. Alexandrien, im Mai 1898. Die größeren Städte des Morgenlandes, die an den bald herrlich schönen, bald grausig öden Ufern des Mittelländischen Meeres liegen und in dessen dunkelgrünen Fluten sich die zahlreichen Minarets mit dem Halbmonde und die vielen Kirchenknppeln mit dem Kreuze ans der Spitze wiederspiegeln, bieten meistens den gleichen Anblick dar. Thatsächlich gelangt man bei jeder ausführlichen Darstellung eines namhaften Ortes im Oriente wegen der großen Gleichartigkeit, beinahe Einförmigkeit der allgemeinen Eindrücke fast immer zu demselben ethnographischen und culturhistorischen Bilde mit dem manchmal alleinigen Unterschiede des Rahmens, der in einem winzigen Kranze aus verblassenden Volks- und Landeseigenthümlichkeiten besteht. Ans diesem Grunde läuft jede umständliche Schilderung von Land und Leuten des Ostens die Gefahr, einer an Abgeschmacktheit grenzenden Wiederholung ähnlich zu sehen. Erst eine längere und genauere Beobachtung der Menschen und Dinge, der Zustände und Verhältnisse in diesen sonnigen Gegenden, besehen vom culturgeschichtlichen und socialpolitischen Standpunkte, eröffnet dern betrachtenden oder forschenden Auge neue Ausblicke und gestattet einer diesbezüglichen Beschreibung, sich über das allbekannte Alltägliche hinwegzuheben. Die im Oriente ani deutlichsten, vielleicht auch am grellsten zu Tage tretende Mannigfaltigkeit der Religion und Confeffion hat im örtlichen Zusammenleben der den verschiedenen Bekenntnissen angehörigen Gläubigen überall zu einer reinlichen Scheidung geführt. Von einer Verschmelzung innerhalb der Bevölkerung kann deshalb nie die Rede sein, wenn auch der gemeinsame Handel und Wandel fortgeht die Leute nothwendig zusammenbringt und die allgemeinen Bedürfnisse des täglichen Lebens sie zu einem gegenseitigen Verkehre zwingen. Freundschaftlicher Umgang ist jedoch trotz oft natürlicher Sympathie ein bemerkenswerther seltener Fall, mögen auch die äußeren Beziehungen auf den ersten Blick den Stempel wahrer Herzlichkeit tragen. Denn im Gegensätze zum vollends christlichen Occidente, wo hauptsächlich die Allmacht der materiellen Wohlfahrt, die in gesellschaftlicher Hinsicht unüberbrückbare Kluft zwischen den einzelnen Schichten des Volkes bildet, ist im Morgenlande die Andersgläubigkeit das wahrhaft trennende Element. Die räumliche Abgeschiedenheit der Religionen und Confessionen ist jedoch ein für den Beobachter günstiges Moment. Abgesondert in ihren Vierteln lebend, läßt sich der Muselmann, der Christ, der Jude in seinem Innen- und Außenleben, in seinem ungezwungenen Benehmen, in seinen ungeschminkten Eigenheiten und unverfälschten Eigenthümlichkeiten besser und gründlicher studiren und erkennen. Ein Schluß hierauf von den einzelnen Individuen auf die einzelnen Massen ist ebenso unschwer, wie ein Vergleich dieser letzteren miteinander. Um aber ein derartiges Endergebnis zu erhalten, ist natürlich ein großes Aufgebot an Zeit und Ausdauer, an aufrichtiger Vertiefung in Land und Leute und zielbewnßter Erkennung von Ort und Gesellschaft in allen ihren bedeutenden, wie unscheinbaren Einzelheiten in Form und Erscheinung erforderlich. Allein die diesbezüglichen Bemühungen sind immerhin von Erfolg gekrönt. Anders verhält es sich mit einer Stadt wie Alexandrien, in welcher die großartigen, vielgethürmten Moscheen und pomphaften, großkuppeligen Kirchen gänzlich fehlen und die, abgesehen vom schmutzigen, arabischen Viertel, das man erst aufsuchen muß, um dessen Jämmerlichkeiten und Scheußlichkeiten zu gewahren, nichts von ihren, orientalischen Gepräge und morgenländischen Charakter behalten, vielmehr den Eindruck einer europäischen Stadt mit denselben occidentalen Erscheinungen im öffentliche» Leben macht. Da wogt und wälzt sich Alles in einförmigem Durcheinander: der Mohammedaner, der Israelit, der Christ. Aber der ganze Unterschied äußert sich nicht in der Vielgestaltigkeit oder in der Buntfetzigkeit der orientalischen Kleider, sondern vielmehr in der ungeheuren Vielsprachigkeit. Zugleich bietet sich den Blicken ein ebenso großartiges und überwältigendes, wie wegen feiner absoluten Unfaßbarkeit verworrenes und verschwommenes Bild dar. Wenn es nun gleich keine allzu große Schwierigkeit ist, die einzcluen Gestalten und Typen zu erkennen, auseinanderzuhalten und heranszulesen, so ist man doch beständig dem Jrrthum bezüglich der Feststellung der nationalen Persönlichkeit ausgesetzt. Freilich machen hiebei die Araber und die Engländer eine Ausnahme; aber die anderen Völkertypen! Darum bleiben in erster Zeit für die stets wache Neugierde viele Fragen lauter undurchdringliche Räthsel, deren Auflösung erst nach und nach durch ein immer tieferes Eindringen in die internationalen Schichten der Gesellschaft von Alexandrien ermöglicht wird. Noch schwieriger ist dagegen die volle Hervorhebung einer ganzen einheitlichen Gruppe, um sie wahrheitsgemäß zu schildern, da cs fast ganz immöglich ist, dieselbe in ihren natürlichen und zusammenhängenden Lebensäußerungen zu belauschen. Seit mehr als einem Jahre gebe ich mir nun alle Mühe, um ein klares, anschauliches Bild von unseren Glaubensgenossen in Alexandrien zu gewinnen. Ich suche neben möglichster persönlicher Beobachtung Alles, was mir dunkel, unbekannt oder unverständlich bleibt, auf den, Wege der Erkundigungen zu erfahren. Diese Auskünfte, auf mannigfache Weise erhalten, auf ihre Wahrheit geprüft, werden derart zusammengestellt und miteinander verbunden, daß sie zu dem Resultate führen müssen, ohne welches die Entwerfung eines in seinen Einzelheiten richtigen Gesammtbildes für den aufrichtigen Darsteller fast ausgeschlossen erscheint. Vielleicht wird es mir, trotz noch verschiedener Zweifel und mancher Ungewißheiten, im Laufe der folgenden Artikel» die in diesen Blättern den geneigten Lesern zur Kenntniß werden gebracht werden, gelingen, die Israeliten dieser seit der Diaspora in der jüdischen Geschichte öfters eine hervorragende Rolle spielenden Stadt derart ins rechte Licht zu rücken, daß sie ein Jeder so sieht, wie wenn sie leibhaftig vor seinen Blicken stände Und nun ein kleines, gedrungenes Bild. Die Juden in Alexandrien stehen im öffentlichen Leben in jeder Beziehung mit auf der ersten Stufe: Bildung, Schönheit, Reichthum, Alles besitzen sie. Auch ein gutes Herz, wofür nachstehend noch der Beweis erbracht wird. Vorläufig die Wiedergabe eines von den vielen nachgesuchten Urtheilen, das ein Nichtjude, ein Franzose, der sich hier seit langer Zeit aufhält, alle Verhältnisse gut kennt und als Sociologe gilt, gefällt: „Die Israeliten," sagte dieser gewiegte Kenner des Landes, „nehmen hier mit den Franzosen und Engländern den höchsten gesellschaftlichen Rang ein — detiennent le haut du pav6. Nur ziehe ich sie den Anderen dieses Unterschiedes halber vor, daß sie hier, wie überall, glaube ich, dem Menschlichkeitsprincip: „Leben und leben lassen," rückhaltslos huldigen, wenn sie auch thatsächlich ungeheure Geldgeschäfte machen und sonst wohl den unleugbaren Hang zum Sammeln von allmächtigen Goldstücken haben sollen — in meinen Augen übrigens eine wahre Tugend. Die Juden sind eben die größten Pessimisten der Welt (?). Nun, Sie haben sich hier mit ihren Glaubensgenossen nicht zu schänren. C'est mon avis." Früher schon und seitdem in höherem Maße habe ich mich überzeugt, daß diese gefällige Ansicht auf stichhaltiger Grundlage beruht.