Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 426 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 22 nur zu gut, welches Gift eine unfläthige Presse in Verbindung mit noch anderen sogenannten heiligen und unheiligen Factoren in das ruhige Blut dieser Bevölkerung geträufelt hat. Wir wissen es, daß letztere noch ärger sanatisirt und von viel intensiverem Judenhaß beseelt ist, als die Bevölkerung der Haupt« stadt. Es ist noch gar nicht lange her, daß die Vertreter der um Wien gelegenen Wahlbezirke im Landtage mit den Antrag einbrachten, daß den Juden, wie den von Juden abstammenden Christen das Wahlrecht genommen werde. Es ist ferner noch in unser Aller Erinnerung, daß einer dieser Abgeordneten im Landtage die Aeußerung gethan, daß der Umgang mit Juden der Sünde der Sodomie gleichkäme. Hat Jemand aus den Kreisen derer, welche jene Abgeordnete gewählt, etwa einen protestirenden Entrüstungsschrei gegen diese Brutalitäten und Rohheiten erhoben? Oder herrschte in diesen Kreisen nicht vielmehr ein Jubel über die Weisheit ihrer Vertreter? Freilich legen diese Herrschaften während der Sommersaison aus Geschäftsrücksichten eine freundliche Larve an. Dürfen wir aber uns davon bestechen lassen und unsere Feinde und Verächter noch wirthschaftlich kräftigen und fördern? Sollen wir einem freundlich klingenden heuchlerischen „gnä' Frau" oder ,,gnä' Herr" zu Liebe unfern wüthigen Widersachern das im Schweiße unseres Angesichtes sauer Erworbene zuführen, unsere auf dem stachen Lande lebenden Brüder aber umgehen? Freilich müßten wir, auch die christlichen Mitbürger als Brüder ansehen und nach dem biblischen Gebote: „Und es lebe Dein Bruder mit Dir" handeln. Allein wie laut würden sie dagegen protestiren, als unsere Brüder zu gelten, und wie so ganz unbrüderlich handeln sie gegen uns! Wie viele Vernichtungen und Zerstörungen jüdischer Existenzen hat nicht schon der Antisemitismus auf seinem Gewissen, wie unzählige jüdische Familien hat er nicht schon wirthschaftlich und moralisch ruinirt! Es wäre darum eine sehr übel angebrachte Großmuth, wenn wir zu Gunsten unserer Feinde und Verderber die jüdischen Kaufleute, Handwerker, Aerzte rc., die ja auf dem flachen Lande einen sehr bitteren Kampf zu bestehen haben, bei unserem Bedürfe nicht bedenken würden. Die uns zu Theil werdende unverdiente Geringschätzung würde eine wohl verdiente sein, wenn wir so wenig Achtung vor uns selbst hätten. Sorgen wir darum dafür, daß unsere Feinde nicht noch höhnend sagen können: „Die Juden haben doch wirklich gar kein Ehrgefühl, sie drängen sich noch immer zu uns, trotzdem wir sie im Grunde des Herzens verachten und grenzenlos hassen!" Ueberall in den Sommerfrischen und'in den Curplätzen ist es Pflicht der Juden, ihre Glaubensbrüder, die das ganze Jahr einen schweren Kampf zu führen haben, thatkräftig zu unterstützen; wählen wir jüdische Aerzte, speisen wir in jüdischen Restaurants, verkehren wir in jüdischen Localen, besorgen wir unsere Einkäufe bei jüdischen Kaufteuten, das ist unsere moralische Pflicht, eine Pflicht der Selbstachtung. Achtet Euch selb st, so werden auch Andere Euch achten müssen! A. Nachnu. Christenhaß der Juden. Der sonst stark antisemitische „Wilenski Wjestnick" zu Wilna schreibt: „Es verdient Beachtung und Anerkennung daß die Wiluaer jüdische Bevölkerung in ihrer billigen Volksküche die christlichen Gäste nicht nur nicht zurückweist, sondern sie mit derselben Zuvorkommenheit behandelt wie die Glaubensgenossen. Das christliche Element unter den Gästen der Volksküche beträgt bereits 120 Personen täglich, gleich 15 Procent der Gesammtzahl. Hierbei ist aber nicht außer Acht zu lassen, daß die unterstützenden Mitglieder, welche die Küche mit allem Röthigen versorgen, ohne Ausnahme Juden sind. Zudem sind es durchaus nicht ausschließlich die Reichen; vielmehr gelangen hierher auch die schwer erarbeiteten Kopeken der Mittel- und Arbeiterclasse." Rechtsirrthümer. Ein merkwürdiger Fall von unschuldiger Verurtheilung ist iu Biterbo in Italien vorgekommen. Drei dorttge Inden, David Pellegrini, Leon Balle, Antonio Benedetti, waren zu einer Strafe von 20 Jahren Zuchthaus vernrtheilt worden, weil sie, trotz der unausgesetzten Betheuerung, ihrer Unschuld, als überführt galten, den Gutsbesitzer Puggi ermordet zu haben. Nachdem sie mehrere Jahre ihrer Strafe verbüßt haben, ist jetzt der Priester von Baffano di Juto, der Sohn des Ermordeten, als der Thäter verhaftet worden und das gleiche Zeugniß traf vier Männer, denen nachgewiesen wurde, daß sie auf Anstisten des Priesters falsches Zeugniß gegen die „verfluchten Juden" abgelegt haben. Indische Schriftsteller in Rußland. Berlin, 23. Mai. Die antisemitischen Zeitungen, darunter auch die deutsch-socialen Liebermann'scher Richtung, empfehlen sehr warm eine „Kritik der Irrlehren von Marx" und bemerken gar nicht, daß diese Kritik, die aus dem Russischen übersetzt ist, einen Juden, S l o n i m s k i, zum Verfasser, einen anderen Juden, Max S ch a p i r o, zum Uebersetzer hat. Der russische Schriftsteller S. I. M a n a s s e w i tz, ein Freund Leo Tolstoi's, ist dieser Tage in Berlin an den Folgen eines Schlaganfalls im jüdischen Krankenhause aus dem Leben geschieden. Der Verstorbene war lange Jahre hindurch vereidigter Translator und Censor für hebräische Sprache in Moskau und kam daselbst vielfach mit Tolstoi zusammen, der ein häufiger Gast des früheren Moskauer Oberrabbiners zu sein pflegte. Mit Hilfe Manassewitz's lernte Tolstoi die Bibel und die sonstigen Religionsbücher der Juden im Urtext kennen, ein Studium, das ihm für seine späteren Werke reiche Anregungen bot. Manassewitz, den die russischen Judenverfolgungen um feine Stellung brachten, lebte seit mehreren Jahren als Privatier in Berlin. „Öls regalim,‘ betitelt sich ein als Beilage zum „Hameliz" jüngst erschienenes aus der Feder des bestbekannten hebräischen Schriftkenncrs und Stilistikers Herrn Salomon Aschkenasy in Dubno stammendes, quantitativ winziges, aber an Inhalt besonders reiches und belehrendes Schriftchen, das uns dessen Sohn in liebenswürdiger Weise überbrachte. Der geniale Autor regt in formvollendetem hebräischem Style die Förderung collectiver Gesellschaftsreisen nach dem heiligen Lande an. Ans den Bestand dreier nach Ländern verschiedentlich vertheilter Vereine zur Erforschung Palästinas, und zwar auf einen englischen, deutschen und russischen hinweisend, will Verfasser den Grund für die zum Theile knapp beziehungsweise völlige Nichtbetheilignng jüdischerseits darin finden, als unsere.Großen,.Zumeist auf das Bank- und Börsengeschäft angewiesen, sich ein zweimonatliches Wegbleiben vom Berufe kaum gönnen können, dagegen die mittelmäßig Bemittelten die hohen Reisekosten, verbunden mit Mangel an entsprechender Begleitung, scheuen. Weil aber derzeit in Odessa eine Unternehmung ins Leben zu treten im Begriffe steht, die bei vorheriger Anmeldung von 4—800 Mitreisenden einen Ausflug nach Palästina und Umgegend für den kommenden Herbst im Plane habe, wobei die Reisenden während der Dauer der 8wöchcntlichen Fahrt mit vollständig freier Koscherstation, Hotels, Eisenbahnen, Wagen?c. :c. Alles in Allem um den Spottpreis von 175 Rubel 225 Gulden ö. W. per Person, versehen sein sollen, erscheint sonach jedem Israeliten — auch dem minderreichcn — die günstige Gelegenheit geboten, die hohen Sehenswürdigkeiten „des Landes der Väter" unter möglichst zu bietendeni Comfort, der sichersten Führung, sowie dem Schutze der hohen oitomanischen Regierung und der europäischen Consnln in Augenschein zu nehmen« Der Autor glaubt in classischer Ausführung auch noch auf einen Punkt hiuzuweisen, der für die Gesammtjudeuheit von unermeßlicher Wirkung sein könnte und sich aus derlei Collectivreisen ergeben dürfte, nämlich, daß sich durch das Begegnen, Sichcinstellen und Einanderkcnnenlernen der Besten aller in der Jndenheit bestehender Schattirungen z. B. der Orthodoxen mit Fortschrittlern, der Conservativcn mit Neologen rc., deren Streben in ethischer Anschauung endlich einem gemeinsamen Ziele entgegenläuft, eine gegenseitige Wcrthschätzung und Achtung herausbildcn würde; die von nicht zu ermessendem Vortheile und Einflüsse auf die in allen Windrosen zerstreut lebende gesammte Jndenheit sein könnte, eventuell müßte. Anmeldungen sind zu richten an die Redaction des „Hameliz" in St. Petersburg beziehungsweise „Hazefira" in Warschau, woselbst auch Auskünfte bereitwilligst ertheilt werden. Lemberg im Mai 5659. Josef Perlberger. Carciofi alla giudija. Seit Jahrzehnten sind die Artischoken unter diesem Namen eine berühmte Delicatesse in Rom. Besonders in der Zubereitung, die sie zuerst in dem jüdischen Restaurant des alten Padre Abraham im Ghetto fanden. Kenner vergleichen sie sogar mit — dem Schalet. Neuerdings schreibt darüber Dr. H. Barth im „Berliner Tageblatt": „Schwärmt Ihr Nordländer für zartere Ideale — wir Tibermenschen kennen im Mai nur den einen Lebenszweck: Des Abends zu ^,Vater Abraham" nach dem einstigen Ghetto zu pilgern und Artischoken »alla giudija« (nach jüdischer Art) zu schmausen. Dazu — leider Gottes — sogenannten Frascatiwein, der zum Namen Frascati kommt wie der Fürst Carovigno zum Namen Fürst. Da sitzt es in den dumpfen, schmutzigen Räumen des „Vater Abraham" dicht voll von Männlein und Weiblein, alt und jung, reich und arm, alle Stände, alle Länder sind vertreten, zumal die blonde Germania. Und all das muntere Völklein hat für nichts Anderes Auge noch Ohr noch