Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 22 (3.6.1898)
- Date
- 1898-06-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 425 deutsche Tagblatt", welches bekauntlich nicht gar sehr „zionistisch" respective semitenfreundlich ist, erhob sich damals zum Anwalt der jüdischen „Nationalität" und zog die diesfällige Competenz des Obergespans in Zweifel. Die Folge dieser unberufenen Einmengung war es wahrscheinlich, daß der vorsichtige Obergespan nachträglich den damaligen jüdischen Seelsorger zu Bistritz um seine diesbezügliche Meinung befragte. Rabbiner Horowicz verzichtete damals im „Pester Lloyd" auf den freundschaftlichen Schutz der genannten Zeitung und hob hervor, daß die Juden seit der zweiten Zerstörung Jerusalems ausgehört haben, im p ol i t i s ch e n Sinne eine Nation zu sein und auch heute nur als religiöse Körperschaft existiren. Das politische System war in Israel überhaupt alleweil nur Mittel zur Lösung seines geistigen Berufes. Diese religiöse Einheit besteht auch in der Zerstörung, bis die Lehre des Zionismus nicht allgemein als staatliches Princip anerkannt wird. Diese mit dem Heile der ganzen Menschheit verknüpfte Zukunft können wir also nur hoffen und erflehen, aber nicht mit politischer Gewalt herbeiführen. In staatsrechtlicher Beziehung unterliegt es aber gewiß keinem Zweifel, daß die Juden im Jahre 1867 vom ungarischen Staat als ungarische Bürger und nur als Ungarn emancipirt wurden. In diesem Sinne schrieb damals der erwähnte gelehrte Rabbiner mehrere Artikel, die auch in Separat-Abdrvck unter dem Titel: „Das Nationale der Inden" erschienen sind. Die jüdischen Wohlthätigkeits-Vereine hatten kaum einen eifrigeren Förderer, als Baron Bänffy. So figurirt er als größter Spender des Bekleidungs-Vereins für jüdische Schüler in Bistritz, und besonders viel hat ihm auch der dortige israelitische Frauen- Berein zu versanken. Seine Wohlthätigkeit und Freigebigkeit im Allgemeinen und die Unparteilichkeit, mit welcher er seine Spenden vertheilte, verschafften ihm einen weiten Ruhm. Als der genannte Rabbiner seine „Licht und Liebe" betitelte Predigt herausgab und sie seinem edelherzigen und wohlwollenden Obergespan widmete, schrieb ihm der gegenwärtige Ministerpräsident einen warm gehaltenen Brief, in welchem u. A. Folgendes zu lesen ist: „Da ich infolge Ihrer freundlichen Einladung schon mehrmals persönlicher Zeuge der Wohlthätigkeit des Bekleidungs- Vereines für arme Schüler war, sah ich mit Freude, daß die jüdische Bürgerschaft von Bistritz, den Erfordernissen der wahren L ebe entsprechend, den Segen der Gutherzigkeit auch auf andersgläubige Arme ausdehnt. Das ist sicherlich der edelste und richtigste Weg zur Eintracht zwischen den verschiedenen Coufessionen. Und ich glaube, daß der Löwenanteil.an dem Verdienste u.n die Erwählung dieses Weges der eifrigen Jnititaive Euer Ehrwürden zu verdanken ist, der Sie auch sonst Ihren schönen Beruf mit Begeisterung und Patriotismus erfüllen." Zionismus und Mischehe. Ans zionistischen Kreisen erhalten wir nachstehende Zuschriften: Geehrte Redaction! Ich ersuche Sie um Veröffentlichung folgender Berichtigung auf der Seite 4 Ihres Blattes: Es ist unrichtig, daß ich „eine Zeit lang verantwortlicher Redaetenr des Parteiorganes war." Richtig ist vielmehr, daß ich seit der Gründung der „W e l t" im Juni 1897 ununterbrochen Redücteur desselben bin. . Achtungsvoll Dr. S. R. Landau. Wien, den 29. Mai 1898. Geehrter Herr Red acteur! Ein langjähriger Leser der „OesterreichischenWochenschrift", weiß ich deren Verdienste um Hebung und Kräftigung des jüdischen Stammesbewußtsein zu würdigen. Ich bekenne mich freimüthig als Zionist und ersuche entsprechend Ihrer altbewährten Gepflogenheit, auch jedem Gegner die Spalten zu öffnen, um unverkürzten Abdruck nachstehender Zuschrift: Ihre scharfe Stellungnahme gegen den berühmten Schriftsteller Dr. Max Nordau aus Anlaß seiner Eheschließung mit einer Christin ist vollständig unmotivirt und ungerecht. Es haben viele hervorragende jüdische Dichter „ unb Schriftsteller christliche Frauen geheiratet, ohne daß sie deswegen von irgend einer Seite Tadel und Anklage erfahren hätten. Die Gattin Heinrich Hein e's war eine französische Katholikin! Daß Max Nordau dem Jndenthume sich geimhert hat und an die Spitze der zionistischen Bewegung getreten ist, werden sie ihm hoffentlich verzeihen, das können sie doch nicht als Vergehen bezeichnen. Ueberdies mißkennen Sie vollständig unsere principielle Stellung innerhalb des Judenlhums. Ich könnte Ihnen einen hervorragenden WieuerSchriftsteller nennen, der ebenfalls eine arische Frau hat, seit Jahren getauft ist und dermalen unserer Partei mehr als mit den bloßen Sympathien angehört. Wir Zionisten sind Nationaljuden, aber keine confesfionellen Mitglieder einer jüdischen Kirche. Das Bekenntniß der Rabbinen, die Dogmen der Mischnah und die Vorschriften der Propheten beeinflusien durchaus nicht unser Verhalten im Leben. Nicht als Bekenner des Mosaismus, sondern als Angehörige einer jüdischen Nation, stehen wir den andern Völkern gegenüber. Plener hat die Tochter eines ungarischen Ministers geheiratet, andere hervorragende deutsche Politiker haben französische oder slavische Frauen; in gleicher Weise hat unser Parteiführer Max Nordau eine Dame aus Schweden geheiratet. Deren christliches Religionsbekenntniß ist eine persönliche Angelegenheit, die Niemanden angeht. Freilich dem Standpunkte der „Oesterreichischen Wochenschrift" würde es wohl entsprechen, wenn Max Nordau von seiner Frau den Uebertritt zur jüdischen Religion gefordert hätte, nach unseren Grundsätzen würde Max Nordau dadurch nur zu einer lächerlichen Heuchelei sich erniedrigt haben. Wir Zionisten verlangen von den anderen Völkern kein Zugeständniß einer Superiorität, unserer sogenannten Auserwähltheit, wir sehen in dem gegenseitigen Connubium die Anerkennung nationaler Gleichwertigkeit. Eines will ich zngestehen, daß das Verhalten unseres Parteiorganes in dieser Angelegenheit, wie in so mancher andern des Muthes und der Würde leider entbehrte. Man versucht feige zu verheimlichen, was die Oeffentlichkeit in keiner Weise zu scheuen hat. Das Parteiorgan ist nämlich ein Privatunternehmen, für dessen Haltung häufig andere Rücksichten maßgebend sind, als die Parteigrundsätze. So wird Manches unterdrückt, was eine öffentliche Erörterung und Klarlegung im Interesse der Partei heischen würde. Sie thun aber Unrecht, die ganze Partei der moralischen Feigheit und Zweideutigkeit anzuklagen. Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung Ihr ergebener Nachschrift der R e d a c t i o n: Dem Wunsche des geehrten Einsenders gemäß, haben wir sein Schreiben „unverkürzt" vorstehend zuni Abdruck gebracht und constatiren lediglich, daß bei der Mischehe Zionisten und extreme Assimilanten zusammentreffen und sich die Hände reichen. Ans den Sommerfrischen. Von einem hervorragenden Glaubensgenossen erhalten wir folgende Zuschrift: Die schöne Jahreszeit ist wieder da und ein sehr ansehnlicher Theil der Wiener Bevölkerung zieht für die Dauer des Frühjahres und Sommers in die mit Naturreizen ausgestattete Umgebung Wiens hinaus. Auch unsere in der Hauptstadt lebenden Glaubensgenoffen liefern ein großes Contingent dieser Auszügler. Sie, die seit den letzten Jahren einen doppelt schweren Kampf um ihre Erhaltung zu führen haben, haben ja auch alle Ursache, ihre durch aufreibende Arbeit und schwere Sorgen abgespannten Nerven zu erfrischen und für den unausgesetzten Kampf zu kräftigen. Für sie, unsere Glaubensgenossen, ist ja überdies die Wiener Atmosphäre, die nicht nur von den Miasmen der Großstadt, sondern noch vielmehr von den Bacillen des Haffes und der Unduldsamkeit bis zum Ersticktwerden geschwängert ist, nahezu unerträglich geworden. Werden diese Vielgeplagten in den Sommerftischen eine in letzterer Beziehung reinere Atnwsphäre finden? Werden sie da das Haupt frei emporheben können, ohne von offenkundigem oder — was noch viel ärger ist — verhülltem Uebelwollen niedergedrückt zu werden? Treffen sie da noch dieselbe gutmüthige, freundliche Bevölkerung, mit der einst der Verkehr einem ebenso wohl thun mußte, wie der Umgang mit der schönen fteien Gottesnatur selbst? Diese Fragen könnten nur diejenigen bejahen, welche in den letzten Jahren einen so tiefen und festen Schlaf gethan, wie jener glückliche Mann in Bellamy's „Rückblick". Die traurige Gestaltung unserer Verhältnisse in den letzten Jahren hat zu grausam an uns gerüttelt, als daß wir die großen Veränderungen im gesellschaftlichen Leben, die sich um uns vollzogen haben, hätten übersehen können. Wir alle wissen es darum, welch' unglückseliger Wandel mit diesen einst so gutmüthigen Menschen der Umgebung Wiens vorgegangen ist. Wir wissen es