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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-03 · 22 (3.6.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 424 Dr. Bloch'« Wochenschrift Nr. 22 haben. Die Lügen werden ünmer der Intelligenz Derjenigen angepaßt, die man aufstacheln will, und der Bürgermeister von Wien, der hier den Beamtensfrauen sagt, daß ihre Männer sitzen bleiben, während die Juden avanciren, und den christlichen Eltern, daß die jüdischen Mittelschüler ihren Kindern den Platz wegnehmen, steht mit jenen Agenten, welche die Erlaubniß zu Judenplünderungen erdichteten, auf derselben ethischen Stufe. Wer jene Agenten ausgeschickt haben mag, das wäre sehr interessant zu erforschen. Der Zufall will es. daß zur selben Zeit, in welcher man das Bauernvolk von Kalwarya glauben macht, die Juden seien für vogelfrei erklärt, „Freund" Schneider sich aus Reisen befindet, um einen Ritualmord zu entdecken. Robert Wolf. Neue Jrrdenexeefse in Galizien. Mit Behagen verzeichnen die Wiener Antisemitenblätter die Nachrichten von dem Ausbruche neuer Judenkrawalle in Galizien, namentlich in Przemysl und in Kalwarya. Es ist eine höchst auffällige Thatsache, daß in den officiellen Meldungen über diese Ausschreitungen kein Wort von den Ursachen derselben gesagt wird, und die antisemitischen Organe machen sich diese Schweigsamkeit des officiellen Telegraphen zu Nutze, indem sie schlankweg die Juden selbst als die Urheber der wider sie begangenen Gewaltacte bezeichnen — eine Logik, die auch dem armseligsten Arierhirn nicht gut einleuchten wird. Von den unmittelbaren localen Ursachen abgesehen, sind vielmehr die sich häufenden Angriffe auf unsere galizischen Glaubensgenossen die Folge einer allgemeinen, planmäßigen Agitation, welche die wachsende Unzufriedenheit des städtischen und bäuerlichen Proletariats von der rücksichtslosen Ausbeutungspolitik der Schlachta ab- und auf die Juden lenken will. Der Haß gegen die Letzteren wird von zahllosen, durch die Schlachta subventionirten Blättern und Blättchen im ganzen Lande geschürt, und so oft die armen, am Hungertuche nagenden Bauern und Arbeiter sich zusammenschaaren und Brot oder Arbeit verlangen, werden sie durch den Einfluß dieser Blätter sowie bezahlter Agitatoren gegen die Juden gehetzt. In hohem Maße lehrreich sind nach dieser Richtung die Vorgänge in Przemysl. In dieser Stadt herrschen abnorme Berhältniffe. Durch die ungeheuren Militärbauten der letzten Jahre hat sich hier eine große Anzahl von Bauarbeitern zusammengefunden; die Stadt nahm überdies durch zahlreiche Speculationsbauten und die Ansiedlung von Händlern und Gewerbetreibenden aller Art scheinbar einen bedeutenden Aufschwung. Mit der Fertigstellung der Militärbauten aber kam der Rückschlag. Die Ueberproduction in Handel und Gewerbe machte sich fühlbar, das Proletariat fand keine Arbeit, in Straßen und Gaffen lauert der Hunger. Schon im Jänner d. I. kam es zu blutigen Zusammenstößen der ausgehungerten Arbeiter mit dem Militär, und die armen Leute wurden damals von der Polizei in der ärgsten, barbarischesten Weise behandelt. Jetzt hat die Militärverwaltung neuerdings viele Arbeiter entlaffen, an deren Stelle Häftlinge treten sollten, — das hat eine furchtbare Erbitterung erzeugt. Vergani aber behauptet, daß an dem jüngsten Exceffe die Juden selbst schuld seien. Hören wir dagegen, was ein ehrlicher und wahrheitsliebender Berichterstatter meldet: „Am 24. Mai um 8 Uhr Abends versammelten sich ungefähr 1000 Arbeitslose vor dem Magistrat, um zu vernehmen, was mit ihnen morgen geschehen werde. Den von der Gemeinde beschäftigten Arbeitern wurde der Tageslohu ausbezahlt. Es würde schon bald Ruhe eingetreten sein, aber es sollte anders kommen. Der Geometer des Bezirksauschusses, Eu st achte wicz, provocirte die Arbeiter. Und die Polizisten haranguirten die Menge: „Hauet die Juden! Die haben Brot und Semmeln!" In der Menge begann die Erregung ungeheuer zu wachsen." Es waren also die Organe der autonomen Behörden, des Bezirksausschusses und der städtischen Polizei, welche die hungernde Menge gegen die Juden hetzten. In dem Augenblicke,. wo die Situation für die verantwortlichen Factoren kritisch zu werden drohte, setzte die planmäßige Agitation ein. Przemysl ist ein förmliches Militärlager, auf jeden Civilisten kommen 3 Soldaten und die Judenplünderung vollzog sich unter den Augen der bewaffneten Macht. Deswegen konnte bei der Bevölkrung in Kalwarya der Glauben verbreitet werden, es sei dem Pater Stojalowski, dem neuesten Demagogen der Schlachta, gelungen, in Wien für die galizischen Bauern die Erlaubniß zu erwirken, drei Tage hindurch mit den Juden machen zu können, was sie wollten. So geht es in Galizien immer und überall, und das erklärt auch die Schweigsamkeit der officiellen Berichterstattung über die wahren Ursachen all dieser Krawalle. Baron Bauffy und die Juden. Ueber die Stellung des ungarischen Ministerpräsidenten Baron Bänffy zu den Juden bringen ungarische Blätter folgende Mittheilungen: „Die vom Ministerpräsidenten unlängst im Abgeordnetenhause gehaltene Rede über die Juden, welche einen glänzenden Beweis von seiner hochherzigen Auffassung in nationalen und confessionellen Fragen liefert, sowie die Thatsache, daß er in all' jenen Fragen einen idealen, nicht alltäglichen Standpunkt einnimmt, hat überall sehr angenehm berührt. Seitdem haben Staatsmänner und Publicisten in Reden, Leitartikeln und Feuilletons dieses Thema berührt. Alle stellten sie sich auf den Standpunkt des Ministerpräsidenten, indem sie verkündeten, daß Ungarthum und Judenthum nunmehr eine nationale Einheit bilden und daß bei uns thatsächlich nur eine jüdische C o n f e s s i o n existirt. Es wird indessen nicht uninteressant sein, wenn wir bei dieser Gelegenheit die vorurtheilsfreie Denkweise des Cabinets-Chefs beleuchten und aus seiner Wirksamkeit als Obergespan hauptsächlich jene Momente hervorheben, in denen er seiner geläuterten Rechtsanschauung über religionspolitische Fragen auch in der Praxis Geltung verschaffte. Als er Obergespan des Comitats Besztercze-Naszod wurde, wohnten wenig Juden im Sitze des Comitats (Bistritz), aber auch ein bedeutender Theil dieser Wenigen bestand aus Solchen, die vom ungarischen Staatsgedanken einen recht geringen Begriff hatten. Der Rabbinerposten war noch nicht systemisirt, und so ist es leicht erklärlich, warum der damalige jüdische Gemeindevorsteher keine ungarische Begrüßungsrede halten konnte. Trotzdem beanständete Baron Desider Bänffy die bei der feierlichen Gelegenheit gehaltene deutsche Rede. Seine wohlwollende Ermahnung hatte aber auch Erfolg, denn ein Jahr später hatte Bistritz schon einen ungarischen Rabbiner, dessen Wahl Bänffy selbst gefördert hat. Und nach der ungarischen Rede des neuen Rabbiners lobte der damalige Obergespan Baron Bänffy mit Worten der Anerkennung die patriotisch fühlenben Juden von Bistritz. „Ich werde" — sagte er — „den Juden nicht nur in weltlichen Dingen Gerechtigkeit widerfahren lassen, sondern sie auch in religiösen Angelegenheiten beschützen. Wegen ihrer Religion werde ich zwischen Juden und Nichtjuden keinen Unterschied machen. Wenn innerhalb meines Wirkungskreises nach dieser Richtung Hirt noch Hindernisse obwalten sollten, werde ich darauf bedacht sein, daß sie beseitigt werden. Was ich vom ganzen Publicum — abgesehen von der Religion — wünsche, ist, daß wir gleich treu seien unserem theuren Vaterlande" ... Es war allgemein int Comitat bekannt, daß der Obergespan sich auch pflichteifrig und wohlwollend mit den Angelegenheitert der Inden befaßte. Er kannte keinen Unterschied zwischen Bürger und Bürger, und er sagte dem gegenwärtigen Alsü-Kubiner Rabbiner H o r o w i c z, als er ihm zum ersten Mal seine Aufwartung machte, unter Anderem Folgendes: „Ich bin Calviner, der Jude bleibe Jude, doch beide müssen wir wissen, daß wir Ungarn sind". Er hielt besonders viel auf die warme Anhänglichkeit der Juden an die Sache des Ungarthums, und er empfahl die politische Zuverlässigkeit der Juden seinem Nachfolger sehr warm, der gewiß diese Ueberzeugung seines hohen Vorgängers für vollkommen berechtigt hält. Bevor . Baron Bänffy Obergespan wurde, konnten die Inden kaum ihr politisches Stimmrecht zur Geltung bringen, denn die sächsischen Gemeinden legten ihnen diesbezüglich alle erdenklichen Hindernisse in den Weg, die jedoch mit dem Erscheinen des Baron Bänffy wie auf eine» Zauberschlag verschwunden waren. Seitdem genießen auch die Juden im betreffenden Comitat alle jene politischen Rechte, die einem freien Bürger zukommen. Folgende charakteristische Episode beleuchtet aber am besten die vom Ministerpräsidenten' neulich im ungarischen Parlament enuncirte Auffassung über das „Nationale" der Juden in bürgerlicher Beziehung. Im Jahre 1886 erließ Baron Bänffy im Comitat Bistritz-Naszöd eine Verordnung, wonach in amtlichen Documenten die Juden als solche nur in die Rubrik „Religion" einzutragen seien, ihre Nationalität über, wenn sie ungarische Staatsbürger sind, ohne Rücksicht auf ihre Muttersprache, immer als „ungarisch" zn bezeichnen sei. Das „Siebenbürger

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