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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-03 · 22 (3.6.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 423 waren gelehrige Schüler oder vielleicht auch Meister der Christlich-Socialen. und auch sie haben in der Mißhandlung politischer Gegner das Ihrige geleistet. Nehmen wir an, daß ein Jude das Bedürfniß fühlen würde, sich genauer darüber zu unterrichten, was die Deutschnationalen seiner „Race" vorzuwerfen haben, damit er sich vielleicht nach ihrem Sinne bessere und sie hiedurch mit der Thatsache seiner nun einmal nicht wegzublasenden Existenz versöhne. Ob ein solcher Jude in eine deutschnationale Versammlung hineinkommeu könnte, insbesondere wenn er eine solche Nase wie Herr Dr. Räder hat, möchten wir bezweifeln. Daß er aber mit geraden Gliedern wieder herauskommen könnte, ohne nicht besonders „zart" behandelt zu werden, ist gänzlich ausgeschlossen. Unrecht und Brutalität bleiben unter allen Umständen Unrecht und Brutalität, sei nun der Mißhandelte ein Christlich-Socialer, ein Deutschnationaler oder ein Jude und deshalb haben in dem gegebenen Falle die Deutschnationalen bei aller objectiven Mißbilligung der feigen und nichtswürdigen Handlungsweise der Christlich-Socialen keinen Anspruch auf Separatmitleid oder Sonderentrüstung. Das Verdienst, in die Wählerversammlungen den Stock und den Hinauswurf als Vermittler politischer Überzeugungen eingesührt zu haben, gebührt den Antisemiten als solchen überhaupt, mögen sie nun deutschnationale oder christlich-sociale Antisemiten sein. Das System wurde in der A e r a L u e g e r-P u m m e r e r zur höchsten Ausbildung gebracht. Für die deutschnationalen Antisemiten mögen die erhaltenen Prügel freilich doppelt schmerzhaft sein, nachdem sie ihnen von ihren ehemaligen intimen Bundesgenossen und von den Mannen Desjenigen verabreicht wurden, welchenr sie selbst den Steigbügel gehalten haben. Darin geben wir, selbst ans die Gefahr hin, daß Vergani das Blatt des Herrn K. H. Wolf als unsere ostdeutsche Schwester bezeichnet, der „Ostdeutschen Rundschau" vollständig Recht, wenn sie das Benehmen des Bürgermeisters bei jener Mißhandlung von Gemeinderäthen als einen öffentlichen Scandal erklärt. * * -i- Eine tragikomische Verschärfung dessen, was die deutschnationalen Antisemiten nunmehr von ihren einstigen „Schulter an Schulter "-Gefährten erleben müssen, ist der Anlaß oder Vorwand, welcher den „Wilden Mann" von Wien so sehr gegen die Deutschnationalen provocirte. Es war die Nase des Doctor Räder, die angeblich eine Judennase sein soll und deren Hinausstecken in die christlich-sociale Luft eine „Provokace" wäre. Der Witzbold, der die Rader'sche Nase als Judennase erklärte, hat damit dem Racenantisemitismus — man kommt aus der Sprache der Prügel nicht heraus — einen schweren Schlag versetzt. Wenn schon deutschnationale Antisemiten Judennasen haben — auf wen soll sich die „völkische" Fraction der Antisemiten noch verlassen können? Freilich ist Berga n i, ganz daran vergessend, wie eifrig er seinerzeit Herrn Schönerer anpumpte und auf solche Art die deutsche G e m e i n b o r gschaft aufrecht hielt, bereits dahin gelangt, seinem einstigen Wohlthäter den Ahnherrn Schmul Leeb Kohn vorzuwerfen, und in dem erbitterten Kampfe, welchen die Christliche Socialen gegen die Deutschnationalen führen, ist es ein Hauptschlager, daß man diesem ihren Antisemitismus nicht mehr glauben darf. Damit haben sie eigentlich nicht ganz unrecht, wenn wir uns an eine Rede halten, die Herr K. H. Wolf kürzlich in München gehalten hat und welche in die Forderung ausklang, daß Oesterreich nach wahrhaft constitutionellen Principien regiert werden müsse. Vollkommen einverstanden, Herr ostdeutscher Namensvetter. Nun gehört zu diesen constitutionellen Principien untrennbar auch die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied der Nationalität und der Confession. Wer aber von dieser Gleichberechtigung einen Theil der Bürger, im Falle K. H. Wolf also die Juden, ausschließen will, steht auf keiner höheren Stufe der politischen Reife und Intelligenz als Derjenige, der die Republik mit dem Großherzog an der Spitze proclamiren wollte. * * * Aus welchen Motiven Jemand Antisemit ist, ob aus Gründen des nationalen Chauvinismus, der religiösen Unduldsamkeit oder, wie es bei der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Christlich-Socialen der Fall ist, aus geschäftlicher Speculation zur Ergatterung von Stellen, Lieferungen, Geschäften und Einfluß, kommt in der schließlich«! Wirkung auf das Nämliche heraus. Das Endresultat ist die Fälschung und Vergiftung des Rechtsgefühls, die Verrohung und Demoralisation des Volkscharakters. Die Polizei hat die öffentliche Schlangenfütterung im Vivarium verboten, weil angeblich das Schauspiel verrohend wirkt; viel verrohender wirkt es, wenn die antisemitischen Thierbändiger ihre Menagerie mit Juden füttern, mögen sie christlich-social oder deutschnational sein. Der Wirkung wegen müssen sie miteinander wetteifern, und weil die Christlich-Socialen jetzt den Deutschnationalen ihren Antisemitismus abstreiten, halten sich die Nationalen genöthigt, die gleichen unarticulirten Hepp- Hepp-Ruse auszustoßeu wie die Bergauianer. Da erzählt beispielsweise die „Ostdeutsche" eine Geschichte von einem „jüdischen" Schwindler in Budapest, der die Leute vermittelst werthloser Pfandscheine, die er auf der Straße wegwirft, betrügt. Diese Handlungsweise eines Gauners erklärt das Blatt als typisch jüdisch und als einen Vorgang, den die Juden insbesondere aber die jüdischen Capitalisten, systemattsch betreiben. Also auch aus „völkischer" Seite die tendenziöse, böswillige, verlogene Generalisirung und Pauschalverdächtigung. Mag sonst in moralischer Hinsicht die Kluft zwischen der „Ostdeutschen Rundschau" und dem Berganiblatt noch so tief sein — so wie es sich darum handelt, mit dem waschechten Antisemitismus zu demonstriren, ist die „Ostdeutsche Rundschau" gerade so perfid, dumm und gemein wie das „Deutsche Bolksblatt". * * * Die Partei, die alle Kraft daran setzt, die Ehre der Stadt Wien zu wahren, hegt noch immer den Miteigenthümer eines Bordells und Zuhälter einer Kupplerin in ihrer Mitte. Herr Purscht schweigt, der Bürgermeister schweigt, der Stadtrath schweigt und die antisemitischen Wähler, die schweigen selbstverständlich auch. Fühlen diese Wiener es nicht, daß die Schmach auf sie selbst zurücksällt? Das primitivste Ehrgefühl sollte doch die Leute dazu treiben, das Gemeinderathsmandat, das sie vergeben, schmutzbedeckten Händen zu entreißen. Ist nicht blos die christlich-sociale Parteileitung, sondern ist auch die Wählerschaft verpurschtet? Nicht einmal der alleroberfie Wahrer der Ehre der Stadt Wien, der Herr Bürgermeister wagt es, gegen Purscht aufzutreten. Ein Interviewer, der ihn darüber befragte, versetzte den Bürgermeister in die größte Aufregung. „Nicht ein Wort sage ich", rief Dr. Lueger aus, „nicht eine Silbe". Und er wiederholte „Net a Wort! Net a Silbe." Wie doch ein Bürgermeister, der sonst so Vieles sagt, plötzlich ein nichtssagender Mensch werden kann . . . Die Affaire Purscht hat dem großen Volksredner die Rede verschlagen. * . * * Wie sehr der Gemeinderath und der Stadtrath „verpurschet" sind, respective waren, darüber werden täglich neue, interessante Details bekannt. Der Ortsschulrath des XIX. Bezirkes veröffentlicht eine Resolution, in welcher er constatirt, daß bei Lehrerbesetzungen nicht die Dienstzeit und die Befähigung entscheiden, sondern ganz unbekannte Factoren in Rechnung kommen. Wer referirte über die Lehrerbesetzungen? Herr Alexander Purscht, der wahrscheinlich in dem Pensionat der Philomene Mark sich einen gewissen pädagogischen Scharfblick erworben hat. Schmutzige und verdächtige Lieferungsgeschichten werden bekannt; da hat bald Ernst Schneider, bald Purscht die Hand im Spiele, und immer sind es unbekannte und doch so bekannte Factoren, die dabei „in R e ch n u n g" kommen. Zuweilen werden freilich die in Rechnung kommenden Factoren doch bekannt, wie z. B. in der Affaire L e h o f e r. Wie steht denn diese Sache eigentlich und was hört man von der L e h o f e r - Commission? Herr L e h o f e r hat bekanntlich den Offerenten eines Kehrichtapparats angepumpt und ihm die Geltendmachung seines Einflusses zugesichert — ein craffer Fall jener Corruption, deren Bekämpfung die Lehofer-Partei auf ihre Fahne geschrieben. Jetzt soll die Affaire vertuscht und vergessen werden, und darum möchten wir die Liberalen im Gemeinderathe daran erinnern, daß sie möglichst bald den Herrn Bürgermeister fragen: Was hört man von der Lehofer- Commission? Vielleicht antwortet auch Ihnen der Herr Bürgermeister : „Net a Wort, net a Silbe!" * * * Blutige Judenkrawalle haben sich in Kalwarya in Galizien, einem berühmten Wallfahrtsorte, zugetragen. Agenten haben dort das Gerücht verbreitet, der Pater Stojalowski habe in Wien für die galizi scheu Bauern die Erlaubniß erwirkt, drei Tage lang mit den Juden zu machen, was sie wollen. Die Bauern haben diese plumpe Vorspiegelung geglaubt, geradeso wie der „kleine Mann" in Wien es glaubt, wenn ihm vorgelogen wird, der Jude sei an Allem schuld und alle wirthschastliche Noth werde mit der Vertreibung der Juden ein Ende

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