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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-03 · 22 (3.6.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 422 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 22 Es soll uns außerordentlich freuen, wenn wir durch die Thatsachen eines Besseren belehrt werden sollten. Nach den herigeu Erfahrungen aber ist die ernste Gefahr gar nicht in Abrede zu stellen, daß der neue städtische Arbeitsnachweis die Bewerber vor Allem nach ihrer Confession berücksichtigen könnte. Wer gttmbt, daß wir zu schwarz sehen, der kann leicht die Probe darauf machen. Eine ganze Reihe von Beamtenstkllen für den Dienst des neuen Arbeitsnachweises ist ausgeschrieben. Wenn auch nur eine dieser Beamtenstellen an einen ungetansten Inden vergaben werden sollte, wo es doch in Wien so viele hervor- «z«Ke socialpolitisch gebildete junge Leute jüdischer Confession gibt, so wollen wir gerne zugeben, daß wir uns geirrt haben. Aber wir zweifeln, ob ein Jude auch nur den Muth haben wird, bei den gestrengen Herren von der Commune überhaupt einzureichen. Freilich ist eine solche selbstmörderische Resignation sehr verfehlt. Niemand ist so verloren, wie Derjenige, der sich selbst aufgibt! Jeder Einzelne, der qualificirt ist, hat gegen seine Stammesgenossen geradezu die Pflicht, sich von der Mitbewerbnng nicht abschrecken zu lassen. Wenn es sonst heißt: „volenti non Lt injuria", steht es hier anders. Nur dem Nichtwollendcn geschieht kein Unrecht! Wir können den Wackeren, die in unserer schweren Zeit treu zu uns halten, nur den dringenden Rath geben, sich Von der Bewerbung um Posten, für die sie qualificirt sind, niemals selbst auszuschließen. Nur immer das Unrecht experimentell feststellen und dann in die Oeffeutlichkeit flüchten! Ein zweites Mal geschieht einem gesunden Kinde, das laut zu schreien weiß, gewiß kein Unrecht! Aber wir geben uns über die Wirksamkeit unserer Mahnung keiner Illusion hin. Und ähnlich wird es bei dem künftigen ÄrHeitsamte zugehen. Der jüdische Arbeitsuchende wird, solange -äs gegenwärtige Regime im Rathhaus fortdauert, in den meisten FWr» überhaupt nicht den Muth haben, das städtische Arbeitsamt in Anspruch zu nehmen. Wohl aber wird das städtische Amt eine ganze Menge Von Stellen, welche sonst eine Zeitlang leer geblieben wären, mit anderen Bewerbern besetzen und ihnen so das Brot Vor dem Munde wegnehmen. Die Noth der jüdischen Arbeitsuchenden kann daher durch den neuen Arbeitsnachweis nur Verschärft werden. Darum kann die Wiener Judenschaft in der That nichts Besseres 1h007 als gemäß der Anregung des geistvollen Artikels Dr. Rosenmanu's in die Action einzugreifen. Nur möchten wir glauben, daß sich ihre Thätigkeit vorläufig darauf beschränken könnte, von einem competenten Fachmann ein Musterstatut für die künftige Organisation des jüdischen Arbeitsnachweises ausarbeiten zu lassen. Man soll auch von den Vereinen nur das verlangen, was sie mit ihren Mitteln schon jetzt sehr leicht leisten können. Die Organisation wird gegenüber den Arbeitsnachweisen Wiens und anderer österreichischer Städte, die sich wahrscheinlich an das Wiener Beispiel anschließen dürften, als Ergänzung und Controle zu dienen haben. Jeder, der sich bei ihr anmeldet, muß von dem jüdischen Arbeitsnachweise aus amtlich beim städtischen Arbeitsnachweise angemeldet werden. Man wird dann wenigstens erbauliche Daten über die „christliche" Liebe für hungernde Stellenlose aus dem ursprünglichen Volke Christi erhalten. Auch darf man die Wirksamkeit eines communalen Arbeitsnachweises nicht überschätzen. Sofort hat die „Arbeiter- Zeitung" die Erklärung abgegeben, daß der gewerkschaftliche Arbeitsnachweis sich dadurch nicht werde beirren lassen. Ebensowenig werden andere berufsgenoffenschaftliche Arbeitsvermittlungsstellen ihre bewährte Thätigkeit sofort einstellen, sobald das städtische Experiment ins Leben gerufen wird. Nicht einmal die privaten Vermittler werden die Concurrenz kampflos aufgeben. Es kann also auch für unseren Gemeindebund die Activirung eines städtischen Arbeitsnachweises jedenfalls kein Grund sein, auf seine eigenen diesbezüglichen Bestrebungen Verzicht zu leisten. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Der eiserne Mann auf dem Rathhause ist in Gefahr, seine Stelle als Wahrzeichen von Wien zu verlieren und von einem Concurrenten, welcher ein tauglicheres Symbol der christlichsocialen Herrschaft abgibt, aus der Gunst des Publicums verdrängt zu werden, nämlich von „w i l d e n M a n n V In den Sälen des Herrn Sulke in Währing, welcher in einer dunkeln Vorahnung der Ereignisse, die sich in denselben abspielen werden, seinem Wirthshause den Schild „zum wilden Mann" gegeben, wurde ein Kampfspiel aufgeführt, in welchen der ehemalige Schuster und derzeitige Präsidialdiener im Rathhause, Herr P u m m e r e r, als artistischer Leiter fuugirte. Herr P u m m e r er ist nicht blos der Diener, sondern auch der intime Freund und begeisterte Parteigänger seines Herrn Dr. Carl Lueger und versteht es jederzeit, auch ohne einen speciellen Auftrag zu erhalten, sich seinem Herrn angenehm zu machen, und so unterzog er sich denn seiner Aufgabe als Regisseur des Kampfspiels beim „wilden Mann" mit innigem Berständniß, lenkte die Comparserie von Ordnern, welche in der christlichsocialen Versammlung über die anwesenden Deutschnationalen herfielen, und legte auch, wo es nöthig schien, zuweilen selbst Hand an, um den künstlerischen Erfolg des Abends zu sichern. Die antisemitischen Meininger erzielten die beabsichtigte Massenwirkung, indem sie die Deutschnationalen, darunter die Gemeinderäthe Dr. Räder und Dr. F 0 ch l e r, prügelten und hinauswarfen. Herrn Dr. F 0 ch l e r erging es besonders schlecht; er wurde durch Stocthiebe blutig geschlagen und arg zerzaust. Nach dem Berichte der „Ostdeutschen Rundschau" und nach den Aussagen der genannten zwei Gemeinderäthe sind die Christlich-Socialen mit geradezu bestialischer Rohheit vorgegangen und die Acte der Brutalität wurden unter den Augen des „allerchristlichsten" Bürgermeisters Dr. Lueger begangen, welcher lächelnd und heiteren Blickes die einzelnen Phasen der Balgerei und Rauferei verfolgte, ohne auch nur mit einem Worte abzunrahmen. Das „Deutsche Volksblatt" faßt seine Recension über den gelungenen Verlauf des Kampfspiels dahin zusammen, daß „eine wilde Balgerei entstand, deren E r g e bn i ß schließlich der Hinanswurf sämmtlicher Schönerianer war. Daß dieselben von den durch fortgesetzte Provocationen maßlos gereizten Gegnern nicht besonders zart behandelt wurden, ist begreiflich. Jeder Einzelne von ihnen bekam eine ziemliche „Tracht Prügel". Mit diesem „Ergebniß" ist denn auch das „Deutsche Volksblatt" augenscheinlich recht zufrieden, und wenn man die Erzählungen der Herren Dr. Räder und Dr. Fochler über den Hergang der Dinge liest, so muß man mit dem „Deutschen Bolksblatt" darin übereinstimmen, daß die Deutschnationalen allerdings besonders zart „behandelt" wurden. Aus den Aeußerungen der Presse über die von den Christlich- Socialen verübten Gewaltthätigkeiten aber leitet das „Deutsche Volksblatt" die alberne Behauptung von einer' Allianz der Inden und der Schönerianer ab. Leider stehen uns in diesem Augenblicke weder Thränen des Mitleids über die d'en Deutschnationalen gugefüg e Unbill noch jene Accente der Entrüstung zu Gebote, aus denen Bergani vielleicht die Folgerung ziehen könnte, daß an der bevorstehenden Fusionirung der „Ostdeutschen Rundschau" mit der „Oesterreichischen Wochenschrift" nunmehr nicht länger gezweifelt werden dürfe. Die von den Christlich-Sociylen verübten Gewaltacte werden bei jedem anständigen Menschen genau dieselbe Mißbilligung finden, wie jede Rohheit und Ungesetzlichkeit überhaupt; die Entrüstung darüber kann aber nicht größer sein, als in irgend einem anderen Falle von thätlicher Mißhandlung. Von den Hausknechten des Antisemitismus ist etwas anderes ohnehin nicht zu erwarten. Die thätliche Mißhandlung Aller, die den Antisemiten nicht beifällig zustimmen oder gar ihnen Opposition machen, tvar seit jeher ein mit Vorbedacht und systematisch angewendetes Mittel, um in den Versammlungen, in welchen die Wiener Bevölkerung zum Antisemitismus bekehrt werden sollte, jeden Widerspruch im Vorhinein unmöglich zu machen. Mit den „jüdischen" Reportern wurde seinerzeit der Anfang gemacht, weil die christlich-socialen Wortführer eine öffentliche Controle dessen, was sie dem Volke vorlogen, oder gar eine Kritik ihrer Vorspiegelungen nicht vertragen konnten. Allmälig dehnte sich der geübte Terrorismus auf alle Theilnehmer an den Versammlungen aus, und heute ist es allgemein bekannt und die Agitatoren hatten es ja auch darauf abgesehen, daß der geringste Versuch, eine der christlich-socialen Partei nicht genehme Meinung vorzubringen, geradezu mit Lebensgefahr verbunden ist. Die bloße Anwesenheit in einer christlich-socialen Versammlung bedeutet an sich schon, nicht etwa für einen Juden, sondern auch für jeden als liberal geltenden Christen die sichere Anwartschaft darauf, geprügelt und hinausgeworfen zu werden. Dr. Lueger und Genossen machen sich natürlich dann über ihre Gegner lustig, die nicht den Muth hätten, ihnen öffentlich entgegenzutreten. Die Deutschnationalen

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