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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-03 · 22 (3.6.1898) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
22 (3.6.1898)
Date
1898-06-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 22 Dr. Bloch’s Jahrgang XV. Centralorgan K- .... -- ^7—U K. ft. PoAspsrftsssrn-Rmt E lraringvrrkrtz r Nr. 610.976. Ledsrtion und Udministrstion: »t rn! II., Anlrre Vussrlrnpr. la. | Telephon - Nr. 6535. * - für die gefannnten Interessen des Iudenthum - * Wien, 3. Juni 1898. -4—».-,—4- Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Lelegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift Wien. * Scpxgmtia str | Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare^ LSr'» Ilu»land.- halbjährig 0 fl. — 10 Ar. ganzjährig lö . JO „ Anzeigen: Die 4mal gespalteneii Petitzeile 12 kr.!! Inhalt. Leitartikel: Der Wiener städtische Arbeitsnachweis und die jüdischen Arbeitslosen. — V o in Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Neue Judenexcesse in Galizien. Baron Bünffy und die Inden. Zionismus und Mischehe. Aus den Sommerfrischen. Christenhaß der Juden. Rechtsirrthiimer. Jüdische Schriftsteller in Rnßland. Oie regalim. Carciofi alla giudija. Der salomonische Tempel in Jerusalem. — Die Juden in Alexandrien. — Ein Rechtsirrthum unter Ludwig XIV. — Korrespondenzen: Wien, Troppau, Bndapest, Prag, Frankfurt a. M., Berlin, Paris, Rom, Athen, London. — Vermischtes: Wien, Witkowitz. Prag, Prerau, Lemberg, Budapest, Agram, Baan, Jassy, Dortmund, Jerusalem. — Feuilleton: Der neue Oberamtmann. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Der Wiener städtische Arbeitsnachweis und die jüdischen Arbeitslosen. Genau eine Woche nach dem Erscheinen unseres „Habt Acht "-Artikels in Sachen eines Arbeitsnachweises flog eine überraschende Kunde aus dem Wiener Rathhaus in die Welt hinaus. Auch unsere christlich-socialen Stadtväter hatten sich plötzlich dieses hochwichtigen socialpolitischen Problems erinnert. An demselben Tage, wie unsere beiden fortsetzenden Artikel über den Arbeitsnachweis des künftigen Gemeindebundes, erschien in den Wiener Tagesblattern die erste Nachricht über die Gründung eines Wiener städtischen Arbeitsnachweises. Bisher war die Partei Gregorig - Bielohlawek, deren Force nun einmal nicht in dem vielen Bücherlesen liegt, im Buchstabiren ihres christlich - socialen Programmes über das Wort christlich noch nicht hinausgekommen. Daß ihnen überdies christlich und katholisch gleichbedeutend ist, die katholische Idee wieder mit der kirchlichen völlig zusammenfällt und Ehre und Namen einer zweitausendjährigen Kirche mit dem Ehrgeiz und Stellenhunger einer Hetzpartei von gestern verwechselt werden, kann man bei Männern, die blos aus der Erfahrung schöpfen — und aus ihrer Erfahrung! — nicht gut anders verlangen. Ihre Erfahrung lehrt sie nämlich, daß christlich und antisemitisch, d. h. Menschenliebe und Menschenhaß! — in Wien als gleichbedeutend ausgegeben werden. Wie hätten sie da bis zu einer wirklich socialen, also im Geiste echter Menschenliebe alle Armen und wirthschaftlich Schwachen berücksichtigenden Thar Vordringen sollen? Demgemäß haben sie bisher ihre Mission dahin verstanden, den Volksbildungs - Verein, die Rettungsgesellschast und andere eventuell auch für jüdische Hilfsbedürftige wirkende Institutionen der Nächstenliebe zu bekämpfen, dafür aber antisemitische Haß- und Hetzvereine reichlich zu subventioniren. Sie haben allerdings mit dem Aufwands von Millionen städtische Gaswerke zu einer Zeit gebaut, in welcher dieselben jeden Tag durch die überraschenden Fortschritte auf dem Gebiete des elektrischen Lichtes ganz überflüssig gemacht werden können, aber sie sind sehr sparsam gewesen in der Auferlegung jener Arbeiterschutzbedingungen an die städtischen Unternehmer, die das ABC aller kommunalen Socialpolitik bilden. Unerschrocken vertheidigen sie das „christliche Volk" gegen die furchtbaren Gefahren, welche ihm aus der unentgeltlichen Vertheilung von Lehrmitteln oder aus der Unterstützung jüdischer Waisenkinder erwachsen, aber von einer wirklichen und wirksamen Action für das allgemeine Wahlrecht der Arbeiter in den Gemeinderath haben wir noch nichts gehört. Diese Haltung entspricht ganz der Beschränktheit jener rückständigen Elemente des Kleingewerbes, welche bekanntlich noch auf dem Schopfbeutelungs- und Dutz-Standpunkte der Nestroy'schen Handwerksmeister stehen und jede selbstständige Regung ihres „Gesindes" verabscheuen. Indessen steigt die Fluth, die unterirdische, die unheimliche Fluth, welche die ganze Gesellschaftsordnung ins Wanken zu bringen droht, die Noth des Proletariats! Die Getreidepreise sind gestiegen; neue Steuern auf die Bedürfnisse des Volkes sind in Sicht; die Arbeitsgelegenheit aber muß abnehmen, wenn man die wenigen unternehmenden Elemente einer zur altwienerischen Backhendelseligkeit und Wirthshausindolenz neigenden Bevölkerung von Unternehmungen abschreckt und überhaupt einschüchtert. Das Wasser muß den Herren von Wien schon ganz ungemüthlich in den Mund laufen, wenn diese Herren sich entschließen, dem arbeitenden Volke etwas anderes zu bieten, als das abgestandene Judengeschimpfe! So haben sie sich denn endlich entschlossen, die sociale Höhe von Stuttgart und Mannheim zu erklimmen und in Wien zu gründen, was in Deutschland längst besteht. Es ist dies vom Standpunkte der gesammten Bevölkerung gewiß anerkennenswerth. Besser später, als gar nicht! Von unserem Standpunkte aber müssen wir uns die Frage vorlegen, ob diese Gründung eines städtischen Arbeitsnachweises auch die Lage der jüdischen Arbeitsuchenden verbessern wird und somit einen jüdischen Arbeitsnachweisentbehrlichermachen kann, oder ob die Lage der jüdischen Arbeitsuchenden dadurch nicht berührt, respective vielleicht gar verschlechtert werden dürfte, s o daß ein jüdischer Arbeitsnachweis jetzt erst recht zur gebieterischen Nothwendigkeit werden konnte. Die Antwort auf diese Frage kann gar nicht zweifelhaft sein. Den Herren, deren Schamgefühl ihnen gestattet, an jüdischen Waisenkindern und Stipendisten den Kampfesmuth auszulassen, den sie gegenüber den mächtigen Besitzern der Witkowitzer Ersenwerke um ihres braven christlichen Directors willen in so demonstrativer Weise zu bezähmen wissen, wird es auf eine Ungerechtigkeit mehr oder weniger gegenüber hilflosen Juden nicht ankommen. Und wer ist hilfloser als ein arbeitsuchender, stellenloser Mensch?

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