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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-27 · 21 (27.5.1898) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
21 (27.5.1898)
Date
1898-05-27
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 418 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 21 „Ich muß es Ihnen gestehen, Herr Pfarrer, daß mir Ihre Sympathie für diesen verkommenen Menschenschlag unbegreiflich ist." meinte die Baronin, „ich kenne diese Menschen gar nicht; ich habe noch nie einen Juden gesprochen, — und der da — ist ein kecker, aufdringlicher Mensch, der sich erfrechte, meinem Gemähte Vorschriften zu machen, und indirect verlangte, mein guter Mann möge ihm nur so geradezu eine Judenfamilie, die vielleicht fünftausend Gulden werth ist, schenken. Philipp, ich muß Dir mein Compliment über Deine Geduld und Haltung machen, i ch hätte den unverschämten Menschen mit Hunden aus dem Garten hetzen lasten." „Das hatte der Mann nicht — wenigstens durch sein Benehmen nicht verdient", bemerkte zum allgemeinen Erstaunen der sonst so gedrückte Bollwitz. „Ich kann mich leicht in die Lage der Verlobten versetzen und mir denken, wie endlos tief es einen zärtlichen Vater,schmerzen mag! Die zwei Menschenlieben einander und wenn ihnen Gott nicht ein Wunder erweist oder die Großmuth meines edlen Vetters sie aus ihrer trübseligen Lage befreit, so könüen sie nie — ewig nicht mit einander verbunden werden, — das ist ein entsetzlicher Schmerz!" Bollwitz stieß unwillkürlich einen tiefen Seufzer aus, und da dieser zu seinem angenehmen Schrecken bei Anna ein Echo fand, ward er plötzlich betreten und sein Gesicht ward von flammender Röthe übergoffen. „Was sind das für abgeschmackte Albernheiten!" zürnte die Baronin, „Cousin! Sie sprechen von dieser miserablen Bagage, als wenn dies Menschen wie wir wären — das sind ja die Verachtetsten, die Parias der menschlichen Gesellschaft!" „Aber Mama, wie kannst Du gar so abfällig über die Leute urtheilen, Die Du gar nicht kennst? s o arg können sie' doch nicht sein; wenn der hochwürdige Herr Pfarrer sie als brave Leute bezeichnte, so hat er gewiß gute Gründe dafür!" „Die habe ich auch!" rief der würdige Greis mit leuchtenden Augen. „Gestatten Sie mir. hochfteiherrliche Gnaden", wandte er sich au die Baronin, „diese mitzutheilen, und ich bin überzeugt, hochdero edles Herz wird dann milder urtheilen. Veit Weritsch's Neffe, Jacob Leipnik, ist einer der bravsten Menschen, die ich kenne. Seine Mutter war eine Schwester des Weritsch und an einen Lehrer verheiratet. Sie starb im zweiten Wochenbette, als sie eben Jacob das Leben gegeben hatte, und da ihr Mann ihr bald im Tode nachfolgte, blieben zwei Kinder im zartesten Alter zurück. Weritsch nahm sich seiner beiden völlig verwaisten Neffen werkthättg und großmüthig an, und es war das für ihn ein um so größeres Opfer, als er damals noch unverheiratet war, und sich dadurch seine Verehelichung erschwerte, weil sich nicht leicht ein Mädchen entschließen mochte, an zwei ihr ganz fremden Kindern Mutterstelle zu vertreten. Da Weritsch so glücklich war, ein mährischer Familiant, daher heiratsberechtigt zu sein, wurden ihm mehrere reiche Partien angetragen; aber die Mädchen, sowohl auch deren Anverwandte, stellten die Bedingung, Weritsch solle zuerst die fremden Kinder aus dem Hause geben. Er wies diese Zumuthung standhaft und unerschütterlich zurück und erst als er zweiunddreißig Jahre alt war, gelang es ihm, eine arme Waise als Weib heimzuführen, welche versprach, auch den elternlosen Knaben Mutter zu sein, und die auch redlich Wort hielt. Weritsch wurde zuerst ein Sohn, dann eine Tochter geboren, seine Ehe war in den ersten zwei Jahren eine glückliche gewesen; aber schon in dem dritten Jahre derselben wurde er von einem herben Unglücksfall betroffen, sein erstgeborner Knabe erblindete vollständig, und Werttsch ertrug dies mit einer Ruhe, die von einem starken Charakter und einer Gottgläubigkeit Zeugniß gibt, die ich manchem Christen aus voller Seele wünschen würde. Während es ihm nicht möglich war, seinen eigenen Sohn, sein Fleisch und Blut, seiner Blindheit wegen zu einem nützlichen Menschen heranzubilden, ließ er sich doch nicht davon abhalten, seine beiden Neffen, Levi und Jacob, gehörig unterrichten, und als sie heranwuchsen, für einen Beruf vorbereiten zu lassen. Die beiden Neffen dankten ihm für seine Liebe und Großmuth durch eine rührende Anhänglichkeit. Als Levi das Alter erreichte, eine Ehe eingehen zu Linnen — er war der Erstgeborne und daher heiratsberechtigt — gab er ihm einige hundert Gulden, so daß er sich ein kleines Geschäftchen einrichten und einen eigenen Herd gründen konnte. Mittlerweile war auch Weritsch's Tochter zu einer anmuthigen Jungfrau herangewachsen und Jacob und Hanna gewannen einander lieb. Gott hatte Weritsch in seinen Geschäften gesegnet, und als die beiden jungen Menschen chm offen chre Gefühle gestanden, ertheilte er ihnen von ganzem Herzen seine Einwillignug. Er hoffte damals für seinen Neffen und zukünftigen Schwiegersohn irgendwo in Mähren..eine Familiennummer erkaufen zu können. Mit einem Male verdüsterte sich der Horizont dieses Kreises, wie Weritsch hier selbst erzählte, verarmte er vor vier Jahren plötzlich unverschuldet, ein Jahr später, gerade als Levi's Frau einen Knaben geboren, ward jener in einem Walde von ruchlosen Händen meuchlerisch erschlagen und seines Vermögens beraubt, und Jacob Leipnik übernahm die Verpflichtung, für seine arme Schwägerin und deren Kind zu sorgen." „Es war dies ein großes Unglück", unterbrach Bollwitz den Pfarrer, „aber, wenn ich mich nicht irre, mußte der Tod seines Bruders dem Jacob Leipnik doch insofern zu Gute kommen, als er in das Erstgeburtsrecht seines Bruders aufrückte; — oder ist es nicht so?" . „Sie vergaßen, daß Jacobs Glück sein kleiner Neffe, seines Bruders Levi's Sohn entgegenstand, auf den ging die Familie über, und der damals vier Wochen alle Knabe war der einzige Heiratsberechtigte seines Namens, während ihm — Jacob Leipnik — selbst, durch das Gesetz dieses Menschenrecht versagt war! und, eben in dieser Richtung, lernte ich vor wenigen Monaten den edlen Charakter Leipnik's kennen." „Was war das?" frug Anna. „Vor einigen Monaten brach, wie den Herrschaften bekannt ist, in der Judengasse unseres Dorfes, mitten in der Nacht, ein starkes Feuer aus. Bei der Raschheit, mit welcher der Brand entstanden und sich verbreitete, war es nicht möglich, die in den Häusern befindlichen Habseligkeiten zu retten. In einem derselben wohnte Sara Leipnik, Jakobs Schwägerin, mit ihrem dreijährigen Knaben; — von dem Plötzlichen Lärm, mitten in der Nacht, erweckt, war die arme Frau zuerst in halber Bewußtlosigkeit, ohne zu erkennen, um was es sich handelt, die hölzerne Treppe herabgestürzt und erst auf der Straße angelangt, ersah sie dse furchtbare Gefahr, die nicht nur ihrem kleinen Vermögen, daran dachte sie in diesen! Momente gewiß nicht, aber die auch ihrem Kinde, das ruhig in seinem Bettchen in dem Dachstübchen des Hauses schlummerte, drohte. — Ich wohnte nahe bei der Judengasse, saß noch bei meinen Büchern wach, und so kam es, daß ich einer der Ersten war, der es versuchte, den Armen zu Hilfe zu eilen. Ich kam gerade in dem Moment in die Judengasse, wo Sara Leipnik mit einem wilden, verzweifelten Aufschrei, den scheinbar vergeblichen Versuch wagen wollte, in das Haus zurückzustürzen, ihr Kind zu retten; aber mittlerweile hatte die hölzerne Stiege zu brennen begonnen, das Wagniß schien ebenso schrecklich als aussichtslos. Ein Paar Weiber suchten die vor Schmerz halb wahnsinnige Mutter gewaltsam zurückzuhalten, als plötzlich Jakob Leipnik erschien; er kam soeben, ermüdet von einer weiten Fußwanderung an, kaum hörte er, um was es sich handle, als er, ohne sich einen Moment zu bedenken^ ohne sich von den Umstehenden von der Vergeblichkeit seines Unternehmens überzeugen zu lassen, in das brennende Haus stürzt; — eine Zeit lang sieht und hört man nichts, mit verhaltenem Athen: sind die Blicke Aller auf die Unglücksstätte gerichtet, — mit einemmale erscheint der wackere Mann am Fenster des Dachstübchens, aus welchem Qualm und Rauch hervordringen — das Kind ans seinem Arm; und mit einer Donnerstimme, die das Geprassel der Flammen, das Gepolter der zusammenstürzenden Balken übertönt, ruft er: „Ich habe das Kind, — es lebt! — ich kann nicht mehr über die Stiege zurück — werft Betten auf die Erde, ich kann nicht warten bis Leitern gebracht werden!" — man rafft in der Eile alle Federbetten in der Nachbarschaft zusammen; in dem Momente — ich werde ihn so lange ich lebe nicht vergessen — zuckt auch ein Feuerstrahl aus dem Dachzimmer über sein Haupt — er drückt das Kind an seine Brust, um es vor Rauch und den herumstiebenden Funken zu schützen; — dann ruft er, unwillkürlich laut nur die zwei Worte: „Lischuos’cho kiwisi!" zu deutsch: Auf Deine Hilfe bau' ich! — und wagt den Sprung! .er kommt mit dem Kinde glücklich unten an — es war die höchste Zeit gewesen — denn eine halbe Minute später stürzt der Dachstuhl in einem Feuerregen prasselnd zusammen; — eine halbe Minute später — er hätte sein edles, heldenmütiges Wagniß mit martervollem Tode bezahlt! — Soll ich's versuchen, den Jubel der überglücklichen Mutter zu schildern? — nein, das vermag ich nicht . . . . . Wie ich ihm nun danken will, so recht aus voller Seele danken will, tritt der Vorsteher der kleinen Judengemeinde, ein gewisser Perez Spitz, ein sehr wackerer Mensch an mich heran und sagt: „Hochwürdiger Herr!

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