Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-27 · 21 (27.5.1898) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
21 (27.5.1898)
Date
1898-05-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021245--07869-3032218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 409 Berliner Brief. Herr Levinstein, der seine Werke von Schloß Lichterfelde aus in die Welt sendet, ist mit einer neuen Broschüre für den Sonntagsgottesdienst auf dem Kampfplan erschienen. Herr Levinstein jedoch begeistert sich für einen Gedanken, dem wahre Freunde des Judenthums schwerlich ihren Beifall zollen. Sehr Viele, die am Sonntag die Gotteshäuser der Israeliten geöffnet wissen wollen, denken dabei nur an die Noth der Zeit, die dem Israeliten die Heilighaltung des Sabbaths nicht ermöglicht; ihnen wäre es am meisten erwünscht, den Sabbath nach alter Väter Sitte zu feiern, aber sie beugen sich dem harten Zwang, der den Juden an den meisten Orten civilisirter Länder zur Arbeit drängt und nur um nicht ganz auf religiöse Erbauung zu verzichten, wollen sie, daß am Sonntag ein mit Predigt und Gesang ausgestatteter Gottesdienst stattfinde. Nicht so denkt Herr Levinstein. Seine Ziele reichen viel weiter, er sagt mit einer bestechenden Logik: Was kommt es darauf an, welchen Tag in der Woche wir als Ruhetag feiern, genug, daß ein Tag in der Woche der Erholung des Körpers und der Seele gewidmet ist, und da es so bequem ist und da es so sehr dem Assimilationsstreben der aufgeklärten Juden der Gegenwart entspricht, so soll der Sonntag der Sabbath sein. Herr Levinstein schadet mit diesen weitgehenden Forderungen offenbar der Sache, die er vertritt, denn nun sagen die Orthodoxen, die zu gar keiner Concession bereit sind: Da seht Ihr, worauf die ganze Agitation hinauswill, nicht um am Sonntag einen Gottesdienst zu haben, sondern um den Sabbath zu beseitigen, ist sie ins Werk gesetzt. Herr Levinstein mag sich beruhigen, er und sein Anhang sind nicht stark genug, den Sabbath zu entwurzeln, die Juden sind ein hartnäckiges Volk im Guten wie im Bösen und werden sich den Sabbath nicht wegescamotiren lassen. Wo gibt es eine religiöse Gemeinschaft, die so zäh wie die jüdische an ihren religiösen Festkalender sich gehalten hat und kein Fest hinzugefügt und keines ausgeschieden hat! Als einst der Schuldircetor einer höheren Lehranstalt den Schreiber dieser Zeilen fragte, welches nun eigentlich die jüdischen Festtage seien, an denen die jüdischen Schüler vom Unterricht dispensirt werden sollen, wurde ihm die Antwort: Lieber Herr Director! Sie kennen doch sicherlich das Alte Testament; nun, die Feste, die dort verzeichnet sind, gelten noch heute für die Juden, seit den Zeiten des Mose sind keine neuen hinzugekommen. Da wird es dem Herrn Levinstein und auch den viel stärkeren Culturmächten der Gegenwart, die allerdings dem Sabbath feindselig sind, nicht so leicht gelingen, den Sabbath abznschaffen. In diesem Streite haben sich sowohl die Freunde wie die Feinde des Sonntag-Gottesdienstes auf den Oberrabbiner von Paris Herrn Zadoc Kahn berufen und beide haben wahrscheinlich recht. Herr Kahn lebt in einer Großstadt und sieht die Verwüstungen, die eine religionslose Erziehung dieser Großstadt anrichtet, da möchte er natürlich jedes Mittel gut heißen, das diesen Verwüstungen Einhalt thut. Aber leichten Herzens wird er nicht dareinwilligen, Einrichtungen zu schaffen, welche, wie gut gemeint sie auch immer sein mögen, die Würde des Sabbaths herabmindern. So wird allerdings Zadoc Kahn in schmerzlicher Erregung hin und wieder davon gesprochen haben, daß die Heiligkeit des Sabbaths dem gegenwärtigen Geschlechts entschwunden sei und Aeußerungen dieser Art werden die Orthodoxen glauben lasten, daß er zu den Ihrigen gehöre, anderseits ist es gewiß, daß der weise und beredte Mann auf Mittel sinnt, um das religionslose Geschlecht dem Glauben zurückzugewinnen, und daß er zu diesem Zwecke einen Gottesdienst am Sonntag nicht verschmäht. Das macht ihn noch nicht zum Anhänger des Herrn Levinstein, der den alten Sabbath ganz verwirft. Alle diese Kämpfe sind eigentlich nur ein Vorspiel des Wahlkampfes, der darüber entscheiden soll, ob die letzten Reste des Liberalismus aus der Berliner Gemeindestube weggeschwemmt werden oder ob die Liberalen wieder als Sieger dorthin zurückkehren sollen, wo sie so lange unumschränkt geherrscht haben. Die Conservativen, die dort jetzt die Mehrheit haben, sind doch ein wenig ängstlich und möchten jetzt noch kurz vor Thorschluß, bevor die Gemeindecollegien in die Ferien gehen, die Früchte des vor Jahren errungenen Wahlsieges einheimsen. Auf Oesterreich sind die Blicke der Rabbiner suchenden Repräsentanten gerichtet. Vor einigen Monaten schien ein Mann aus der Hauptstadt Oesterreichs dazu erkoren, das conservative Amt zu gewinnen und in den couservativen Synagogen Berlins zu predigen; aber da erinnerte man sich zuletzt, daß der conservative Herr 18 Jahre in einer Orgelsynagoge gewirkt habe und die Verhandlungen wurden abgebrochen. Jetzt denkt man an die Stadt, aus der vor Jahrzehnten die Berliner sich ihren Michael Sachs geholt haben, an Prag. Berliner Gemeindevorsteher, die, um ihren Körper zu heilen, nach Karlsbad gegangen sind, wollen noch einige Schritte weiter ins österreichische Gebiet hineinthun, um in Prag den Oberrabbiner zu hören und für die preußische Hauptstadt zu gewinnen. Es ist alle Aussicht vorhanden, daß die Verhandlungen zu einem günstigen Abschlüsse kommen, denn der Mann gehört, wie man sagt, nicht zur ecclesia militans, sondern ist friedlich und versöhnlich und wird sonach die alten liberalen Rabbiner Berlins in ihren Rechten und Ehren nicht kränken. Nach Pfingsten beginnt für das Berliner öffentliche Leben gleichsam der Sommerschlaf, da wohnt Berlin, das heißt das maßgebende und herrschende, auf Bergen und an Seen, nur nicht an der Spree, erst zum Herbst, kehren die Herren mit neuer Kraft und der alten Streitlust wieder heim. Das Iudenthum und seine Literatur. Das „Mahnwort in ernster Zeit" schildert mit so viel Weisheit die traurigen Verhältnisse unserer Fachliteratur; es spricht aus demselben eine so glühende Liebe zum Judenthume und die erhabene Mission desselben wird mit solch weitsehendem Blick behandelt, daß mit Recht zu erwarten ist, daß derselbe lebhaften Widerhall in allen Kreisen finden wird. Es ist die Hoffnung berechtigt, daß alle jene Factoren, welche an dem geistigen Bau des Judenthums und der mit demselben aufs Innigste verbundenen Literatur interessirt sind, mit ihren Erfahrungen und Rathschlägen hervortreten werden, um diese actuelle Frage näher zu beleuchten, und Mittel und Wege angeben, um diesem Uebelstande abzuhelfen. Die Literatur eines Volkes ist sa der Höhemesser seiner Cultur; sie gibt das getreue Bild seines gesammten geistigen Lebens, und so reich auch die Thätigkeit unserer Gelehrten und Denker aus diesem Gebiete ist, so ist die Kenntniß unseres Schriftthums doch nicht in alle Kreise gedrungen. Ueber keine andere Literatnr herrschen solche dunkle Anschauungen, um keines Volkes religiösen Sitten, Lehren und Dogmen wird so viel gestritten als über die unsrigen. Wie aber soll der Fremde oder gar der Gegner sich eines Besseren belehren lassen, wenn bei den eigenen Bekennern Unkenntniß, Unklarheit über unsere Geschichte und Literatur herrscht! Wie schön und wahr spricht der edle Autor in seinem Mahnworte: „Und doch ist es gerade die Fachliteratur, die den Zweck hat, bahnbrechend, veredelnd, aufklärend und verbessernd auf socialem Gebiete zu wirken, edles Selbstbewußtsein anzufachen, die moralische Kraft und den ethischen Schwung zu heben." Jndeß wie groß auch die Productivität ist, welche von unseren hochbegabten Schriftstellern, Gelehrten und Forschern entwickelt wird, sie hat vor Allem mit einer mächtigen Rivalität zu kämpfen, mit der zeitgenössischen Literatur, welche in glänzender Gestalt, in schillernden Farben und gleißnerischem Inhalt das Interesse der modernen Menschen absorbirt und dis keusche edle Muse aus dem Felde schlägt. Dann — seien wir aufrichtig! Der größte Theil unserer literarischen Producte läßt, vermöge ihres Inhaltes, das Lesepublicum kalt und gleichgiltig. Unsere Schriftsteller und Gelehrten schreiben eigentlich für Ihresgleichen, ftir Fachmänner, ihre Themata sind abstracter Natur. Wie soll ein moderner Mensch, der mit seinem ganzen Sinnen und Denken in der lebendigen Gegenwart wurzelt, selbst der scharfsinnigsten Controverse über Gesera Schawa, odereiner noch so gründlichen Bearbeitung der Pesikta oder einer neuen Sohar-Ausgabe Jntereffe abgewinnen! Um die große Culturmission des Judenthums in Helles Licht zu setzen, um zu zeigen, daß es selbst unter dem tiefsten Druck des Mittelalters auf der Höhe der Civilisation stand und maßgebenden Einfluß auf die Gestaltung der Geisteswissenschaften übte, sollten, meiner bescheidener Ansicht nach, großangelegte, populär gehaltene Biographien unserer glänzenden Heroen der Vorzeit geschrieben werden, des Philo, Majmuni's. Jbn- Esra's, Jbn Gabirol's, R. Jehuda Halevi's, deren Lebenslauf interessante Momente biete und deren Wirksamkeit zu echten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.