Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 406 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 21 stein hat ja ebenfalls die Affaire Dreyfus als einen „unbedeutenden Gerichtsfall" erklärt; daß dieser unbedeutende Gerichtsfall wenige Tage später die größte Bewegung in der ganzen civilisirten Welt hervorrief und sich in Frankreich zu einer Staatsaffaire ersten Ranges gestaltete, ist nur ein Beweis für den weiten Blick des Propheten von Hernals. Vielleicht wird anläßlich des Processes Zola eine locale Reminiscenz nicht ohne Interesse sein. Vom Wiener Schwurgerichtshofe wurde bekanntlich eine gewisse Katharina Steiner des Mordes schuldig erkannt und zum Tode verurtheilt. Am Horizont des neunzehnten Jahrhunderts war damals die zaubergewaltige Erscheinung des Ernst Bergani noch nicht in jenen deutlichen Umrissen aufgetaucht, die seither immer dicker geworden sind. Wäre das Blatt für politische Pornographie damals schon erschienen, so hätten dicke Lettern es verkündet, daß eine jüdische Mörderin vor den Geschwornen stehe und wenn irgend ein Blatt es gewagt hätte, an der Schuld der „jüdischen Mörderin" zu zweifeln, so wäre es ja klar gewesen, warum das geschieht — weil es sich um eine Jüdin handelt und als später, nachdem die Berurtheilte drei Jahre im Kerker gesessen, der wirkliche Thäter sich dem Gerichte stellte, so war das wahrscheinlich ebenfalls ein „Feldzug Judas". Das Recht aber bleibt ewig und unvergänglich und darum wurde damals die Nachricht, daß die Unschuld der Katharina Steiner sich herausgestellt habe, mit allgemeiner Befriedigung ausgenommen, obgleich es sich um eine Person handelte, die nach ihrer Lebensführung jeder persönlichen Theilnahme unwürdig war. Diese Theilnahme galt aber nicht ihrer Person, sondern dem durch einen irrigen Wahrspruch gefährdeten und nun wiederhergestellten Recht, und der sensationelle Eindruck, den die Schuldloserklärung einer Prostituirten machte, war ein Beweis der Intensität des öffentlichen Rechtsgefühls. Darüber mit Antisemiten oder mit Botokuden zu discutiren, wäre genau dasselbe. Wenn aber Dr. W ä h n e r in seinem Blatte meint, die Zeit werde kommen wo „furchtbare Abrechnung" gepflogen wird, so wissen wir nicht, was er darunter versteht. Die furchtbarste Abrechnung nach der Vorstellung des Dr. Wähner dürfte wohl darin bestehen, daß Einem ein Pauschale gestrichen wird. * * * Man soll nach dem Vorschläge unseres gescheiten und nationalökouomisch gebildeten Bürgermeisters die „Körndljuden" angenehm am Halse behandeln, insbesondere die Besucher der Wiener Fruchtbörse, die, wie Jedermann einsehen wird, dafür verantwortlich sind, daß der amerikanische Jobber Lewis Josef Leiter kolossale Quantitäten Getreide zusammengekauft hat. Lewis Joses Leiter mußte natürlich ein Jude sein. Leider ist über ihn die telegraphische Auskunft eingetroffen : „G a r a ntiren Vollbut-Arier reinstenW assers". Der große Getreidewucherer entstammt leider echt arischer, angelsächsischer Zucht: als echtes Vollblut hätte er vielleicht das Derby der Arier gewonnen, wenn ein solches Rennen ausgeschrieben worden wäre. Es wäre aber gleichgiltig, wenn dieser Mensch auch ein Jude wäre; die Spielwuth und Habgier sind interkonfessionell und international, und nur nach dem antisemitischen System werden die Laster und Ausschreitungen eines Einzelnen allen Anderen aufgebürdet. Weil wir aber schon bei dem müssigen Theula sind, so erinnern wir nebenher daran, daß John Law geradeso wenig Jude war, wie Langrand-Dumonceau, Bontoux, Adele Spitzeder, I. B. Placht u. A. Nicht einmal unser Stadtrath P u r s ch t ist ein Jude; freilich gehört er nicht in diese Gesellschaft, da er nur ein ganz kleines Freudenhäuschen sein Eigen nennt. * q- * Ein Schwager des Stadtrathes P u r s ch t hat sich um eine städtische Kohlenlieferung beworben oder, wie es im communalen Amtstheil heißt, er hat bei der Sicherstellung der für die Heizperiode 1898 99 benöthigten Materialien ein Offert eingereicht. Die Heizperiode 1898 hat für unsere Christlich- Socialen bisher sehr unangenehme Materialien zutage gefördert. Am wirksamsten haben ihnen die Enthüllungen über Herrn Purscht eingeheizt. * * „Wechselseitiges Vertrauen Wird ein reinlich Häuschen bauen. " heißt es in einem Goethe'schen Liede, welches das städtische Liebespaar Alexander Purscht und Philomene Mark wahrscheinlich nie gesungen hat. Erstens war nämlich das Vertrauen nicht wechselseitig, weil alle Rechnungen dem „gnä Herrn" zur sorgfältigen Durchsicht vorgelegt werden mußten, und zweitens war das Häuschen am Spittelberg Alles, nur nicht reinlich. Wie gerne hätten die Christlich-Socialen die delicate und doch so undelicate Affaire eines ihrer hervorragendsten Wortführer vertuscht. Als der Landtagsabgeordnete Schöffel im Landtage vorbrachte, daß der antisemitische Straßenausschuß Kern sich habe bestechen lassen, lamentirte das „Deutsche Volksblatt" darüber, daß persönliche Zwistigkeiten öffentlich ausgetragen werden. Die Affaire Purscht hat sich leider nicht vertuschen lassen, wenn auch die Autisemitenblätter, namentlich aber das Blatt Vergani's, die Geschichte todtzuschweigen sich bemühten. Die „Reichspost" trat zuerst mit einer prophylaktischen Maßregel hervor, welche die so nothwendige Desinficirung der christlich-socialen Partei vorbereiten soll; sie machte nämlich darauf aufmerksam, daß der Partei die Verantwortung für das „Privatleben" Purscht's in keinem Falle aufgebürdet werden könne. Derselbe habe auf das christlich-sociale Programm candidirt und das genügt; das Privatleben zu erforschen, sei die Partei nicht berufen, denn „wir sind keine Detectives". Alles als richtig zugegeben, so bleibt doch die interessante und lehrreiche Thatsache zurück, daß der Inhaber eines Bordells in Wien als Retter des kleinen Mannes und Bekämpfer der jüdischen Corruption zu den Koryphäen der herrschenden Majorität gezählt hat. Wir wissen nicht, ob auch Alexander Purscht durch einen jener Märsche in Musik gesetzt wurde, welche den Wiener Volksrettern von begeisterten Componisten gewidmet werden. Berganr-Marsch, Mittermayer-Marsch, Ernst Schneider-Marsch, der Purscht- Marsch harrt vielleicht noch seines Tondichters. In der Gemeinderathssitzung am letzten Dienstag sollte Herr Purscht ein Referat erstatten; er kam aber nicht in die Sitzung. Vor dieser aber hielt, wie das „Deutsche Volksblatt" meldet, der Bürgerclub eine Sitzung ab, in welcher die Affaire Purscht einer Erörterung unterzogen wurde. Ueber den Verlauf wurde st r e n g e' Geheimhaltung beschlossen. Warum strenge Geheimhaltung, wenn der Partei „keine Verantwortung aufgebürdet werden kann"? Trotzdem aber „verlautet", dem „Deutschen Volksblatt" zufolge, daß kein Beschluß gefaßt wurde und daß Herr Purscht ausgesordert werden soll, den gegen ihn gerichteten Anschuldigungen entgegen ^treten oder seine Stellen niederzulegen. Eine Säule des Antisemitismus in Wien ist geborsten über Nacht, und der Genius der christlichsocialen Partei beugt sich verhüllten Angesichts, trauernd und blamirt, über ihre Trümmer. * * Die wirthschaftliche Nothlage des Reiches wird in den Delegationen besprochen und in dem Expos« des Grafen Goluchowski wurden taxativ die Fehler anfgezählt, durch welche eine Regierung die volkswirthschastlichen Interessen zu schädigen im Stande ist. Alle diese Fehler aber, deren Vermeidung der Minister des Aeußern als nothwendig erklärte, sind von den österreichischen Regierungen consequent begangen worden. An einen der wichtigsten Gründe, welche den Unternehmungsgeist schädigen, hat Graf Goluchowski jedoch vergessen, und erst der Delegirte Nikolaus D u m b a hat ihn flüchtig gestreift, nämlich an den Antisemitismus. Daß die österreichischen Regierungen die schamlos betriebene Hetze duldeten, war nicht blos ein politisches, sondern auch, ein wirthschaftliches Verschulden, und es wäre die Pflicht des Delegirten G o m p e r z gewesen, das offen und klar herauszusagen. Robert Wolf. E»n ermordetes Dienstmädchen und Ernst Schneider. Wie die Tagesblätter mitgetheilt haben, wurde am 17. d. M. im Trencsiner Comitate das siebzehnjährige Dienstmädchen Amalie S z l a v k a, welches bis zum 12. d. M. im IX. Bezixke in Wien bedienster war, ermordet aufgefunden. Die Leiche wurde von Arbeiterinnen etwa dreihundert Schritte abseits eines nach Baan führenden Feldweges an einem Bache in entsetzlich verstümmeltem Zustande aufgefunden. Bei der am 19. d. M. in Baan vorgenommenen Obduction, an welcher sich auch zwei Militärärzte betheiligt haben, wurde constatirt, daß die Wunden wahrscheinlich mit einem B a j o n n e t beigebracht worden sind. Auf Grund dieses Thatbestandes verfügten die Commandanten der dort dislocirten Truppen die Ausrückung der gesammten Mannschaft, welche auch abtheilungsweise in die Leichenkainmer geführt wurde, ohne daß man jedoch irgend einen Anhaltspunkt bezüglich der Thäterschaft hätte gewinnen können.