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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-27 · 21 (27.5.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
21 (27.5.1898)
Date
1898-05-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 407 Sie soll zehn G u l d e n von Wien mit sich genommen haben. Bei der Leiche fand mau keinen Kreuze r. Dies läßt aus einen Raubmord schließen. Soldaten der dortigen Gegend erzählen überdies, daß sie am 14. d. M. einen Soldaten aus der Wiener Garnison gesehen hätten. Derselbe habe angeblich eine Marschroute vorgezeigt. Dieser Umstand hat auch den Untersuchungsrichter veranlaßt, die Wiener Polizeibehörde von diesen Wahrnehmungen in Kenntniß zu setzen. Das Blatt des Ehrenbürgers und Gemeinde-Obligationärs von Mühldorf freilich benützt den Umstand, daß man der Person des Mörders noch nicht habhaft geworden ist, zu einem Versuche, aus dem Raubmorde einen frischen — Ritualmord zu machen. Es schreibt nämlich in seinem gestrigen Abendblätter „Es ist gewiß äußerst verdächtig, daß sich die gesammte ungarische Jndenpresse über den au der Amalie S'z l a v k a im Trencsiner Hotter verübten Mord gründlich ausschweigt. Wir werden übrigens bald in der Lage sein, über den Fall ausführlicher zu berichten, da, wie wir vernehmen, Herr Reichsrathsabgeordneter Schneider sich bereits an den Thatort begeben hat, um dort Erhebungen zu pflegen. Der Specialist im Erdichten von Ritnalmorden und im Liefern communaler Gasmesser, Herr Ernst Schneider, hat sich also spontan „als Untersuchungsrichter" an den Thatort begeben, „um dort Erhebungen zn pflegen", das heißt in das gemeinverständliche Deutsch übersetzt, um die dortige Bevölkerung auf das Märchen vom Ritualmorde gründlich zu bearbeiten und um eine kleine Judenhetze daselbst zu arrangiren. Wir unsererseits haben unseren C o r r e s p o ndenten gleichfalls dorthin entsendet und mit der Aufgabe betraut, Herrn Meister Stampiglius zu begleiten. Aus Preßburg erhalten wir indeß die Mittheilung: Die Gendarmerie brachte heute gefesselt einen jungen Mann aus P i st y a n hieher, welcher unter dem dringenden Verdachte steht, den M ä d ch e n m o r d i n T r e n c s i n begangen zu haben. Derselbe ist der Bruder ei n e s hiesigen geachteten Kaufmannes und war zur Waffenübung in Trencsin eingerückt. Die Juden im spanisch-amerikanischen Krieg. Die erste» authentischen Nachrichten über die Betheiligung von Juden an dem Kriege Amerikas gegen Spanien sind jetzt erst eingetroffen. Es ist interessant, daß nicht nur die amerikanischen Juden, sondern auch die eingewanddrten Russen mit Heller Begeisterung in den Krieg ziehen. Sie sind ja aus einem zweiten Spanien in ein Land der Freiheit gekommen, das ihnen gastlich seine Thore öffnete. Und nun haben sie den heißen Wunsch, ihrem neuen Vaterlande Dienste zu leisten. In einem Freiwilligen-Regiment, das sich zu Bowery gebildet, besteht die überwiegende Majorität der Recruten aus Juden; außerdem hat sich in New-Pork ein jüdisches Freiwilligen-Bureau (Hebrew Ameiicaiu V'dunteer ßnreau) gebildet, dessen Führer — auch das ist charakteristisch — fast durchwegs Zionisten sind, und die einen sehr begeisterten Aufruf an ihre Landsleute gerichtet haben, mit Gut und Blut für ihre Adoptivvaterland einzutreten. Im russischen Ostend New-Aorks haben sich 70 russische Husaren, sämmtlich Juden, zum Eintritt in den Heeresdienst gemeldet, und fortwährend werden neue Recruten eingestellt. Auch die russischen Farmer der Baron Hirsch'schen Colonie in Woodbine (New- Jersey) haben sich dem Gouverneur von New-Jersey für den Kriegsdienst zur Verfügung gestellt, und die meisten, die schon im russischen Heere gedient haben, werden wahrscheinlich in die Armee ausgenommen werden. Auch viele Zöglinge der jüdischrussischen Handwerkerschule in New-Iork haben sich fteiwillig gemeldet. Und wie in New-Iork, so haben sich auch in Chicago, Baltimore und Philadelphia Frein illigen-ComPagnien von russischen Juden gebildet. Der Kosfzahl nach hätten die Juden Amerikas nur 2000 Mann zu .< ersten Contingent zu stellen gehabt. Die Anzahl der Freiwilligen in New-Iork und Cincinnati allein übersteigt aber schon diese Zahl sehr bedeutend. Eine Subscription zum Zwecke, aus den Kreisen der russisch-jüdischen Emigranten die Mittel zur Ausrüstung eines Kriegsschiffes zu sammeln, hat ebenfalls guten Fortgang. Viele Vereine und Geschäfte haben ihren Mitgliedern, die in den Krieg zogen, Fortbezug des vollen Gehalts und ansehnliche Pensionen in Aussicht gestellt. Eine jüdische Gesellschaft hat für die tapfersten Krieger eine Medaille gestiftet. Alle diese Mittheilungen dürften wohl geeignet sein, den Gegnern der russisch-jüdischen Einwanderung in Amerika ein anderes Bild zu geben von dem Charakter jener unglücklichen Menschen, die ihr Vaterland, das sie liebten, verlassen mußten und die nun auch dem neuen Vaterlands in Dankbarkeit und Treue zu dienen bereit sind. Zur Stellung Gladstone s zurJudenemancipation erinnert Carl Blind: Wenig oder gar nicht bekannt ist wohl, daß Gladstone in älterer Zeit dem Anträge auf bürgerliche Gleichstellung der Juden entgegentrat. Eine Schwenkung machte er erst, als Baron Rothschild zum Unterhausmitgliede für die Londoner Altstadt erwählt wurde. Nichts stand nach englischem Gesetze selbst damals solcher Wahl und dem Eintritte ins Parlament entgegen, wenn ein Jude nur den vorgeschriebeuen Eid leistete. Dieser Eid bestand zufällig darin, daß der Eintretende sich als — Christ bekennen mußte. An solchen Scherzen ist die englische Gesetzgebung ziemlich reich. Es hat mancherlei Kämpfe gekostet, bis der Unsinn abgethan wurde. Als Gladstone sich schließlich in das Unvermeidliche fügte, that er es nicht mit grundsätzlichem Uebertritt zur Gerechtigkeit und Vernunft, sondern mit der gewundenen Erklärung: „er habe sich früher gegen die Gleichstellung ausgesprochen, weil er vorausgesehen, daß, wenn man den Juden in Gemeindeangelegenheiten, im Richterstande und in der Verwaltung dieselben Rechte zuerkenne wie den Christen, man ihnen zuletzt auch das Amt als Gesetzgeber nicht verweigern könne. Da man nun aber die Juden einmal zu jenen Rechten zugelaffen habe, so lasse sich auch ihr Eintritt ins Parlament, wenn sie von Christen erwählt würden, nicht mehr hindern. Um indessen ein Gegengewicht gegen dieses Zugeständniß zu schaffen, das Parlament nicht zu entchristlichen und die Beziehungen zwischen Kirche und Staat nicht schwächen zu lassen, müsse man nun Maßregeln treffen, durch die der Kirche hinfort größere Kraft verliehen werde." Zum Procetz Dreyfus. Paris, 15. Mai. Seitdem Georges C l e m e n c e a u, der getreue Bundesgenosse Emile Z o l a's, in seiner „Aurore" mit soviel Unerschrockenheit und Hingebung den französischen Antisemitismus bekämpft, sind ihm die Erfahrungen nicht erspart geblieben, welche mutatis mutandis auch in Oesterreich Alle, die der antisemitischen Fluthwelle sich entgegenwarfen, nur allzu häufig bitter empfunden haben. Er gibt seinem gerechten Unwillen in einem „Und die Juden?" überschriebenen Aufsatz Ausdruck, dessen wesentliche Stellen lauten: „Eine der Widerwärtigkeiten, denen man ansgesetzt ist, wenn man für Gerechtigkeit kämpft, ist die, daß man außer dem Hasse der Bedrücker auch die Unwissenheit, die Schwäche und allzu häufig das feige Herz der Bedrückten gegen sich hat. Denn die Tyranneien verderben den Sclaven ebenso wie den Herrn und machen aus dem einen ein Ungeheuer von Selbstsucht, aus dem anderen einen erbärmlichen Haderlappen. So wurden zu allen Zeiten die Besiegten für den Sieger zu Wertzeugen neuer Eroberungen. So wurden zu allen Zeiten die Unterjochten zur Aufrechterhaltung ihrer Erniedrigung verwendet. Neger haben sich im Dienste der Vertheidigung der Negersclaverei tödten lassen, als man sie im großen amerikanischen Bürgerkriege befreien wollte. Man sah Neger John Brown verhöhnen, als er das Blutgerüst besteigen mußte, weil er die schwarze Race aus ihren Ketten hatte befreien wollen. Warmn mißlingen Aufstände, nachdem sie auf eine Stunde die Macht in die Hand der Opfer von Ungerechtigkeit gelegt haben? Weil ein Zufall wohl vorübergehend aus dem Sieger einen Besiegten machen kann, während Jahrhunderte daran arbeiten müssen, um den knechtischen Geist zum Bewußtsein des Rechts, zur Würde des Gefühls für Gerechtigkeit und Freiheit zu erziehen ... Heute sind wir unser etliche Dutzend in Frankreich, die die Sache der Juden gegen die christliche Unduldsamkeit vertheidigen, wie wir die Sache der Christen vertheidigen würden, wenn sie durch den Fanatislnus des Talmud und der Bibel in ihren Rechten bedroht wären. Ein Jude wurde gegen die klarsten Bestimmungen des Gesetzes verurtheilt, und man verweigert ihm Gerechtigkeit, weil er Jude ist. Die römische Kirche, die Häupter nnseres Heeres, die im Frieden die Stimme stark erheben, unsere Staatsmänner aller Meinungen, von der gemäßigsten bis zur grundstürzendsten, sind einig gegen das Recht, und die Menge, die immer anderen als sich selbst an ihren Mißgeschicken die Schuld geben muß, übersetzt ihre Selbstbemitleidung in den Schrei „Tod den Judenin dem der große menschliche Grundsatz sich geltend macht, daß es leichter ist, zu tödten, als leben zu lassen .... Und die Juden? Haben wir wenigstens die Juden für uns? Ein Gesindel von Dummköpfen und Strolchen, die die Eselei der Menge und die Gunst der Mächtigen ausbenten und glauben, weil sie sich verkaufen, habe jeder Mensch seinen bestimmten Preis, schreien aus, daß wir im Solde der Juden stehen. Das ist der Scherz vom „Syndikat". Wer weiß denn aber nicht, daß der Jude, bei allem Stolz auf seine Race und seinen Glauben, bei allem inneren Hochmuth, von der Knechtschaft der Vergangenheit eine Geistesverfassung zurückbehalten hat, die ihn auch zu den rechtmäßig-

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