Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 405 Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Langsam neigt sich der Stern des „Herrn von Wien" In den Massen, denen er das goldene Zeitalter verheißen wenn sie ihm nur erst zur Macht verholfen hätten, regt sich das Gefühl einer furchtbaren Enttäuschung. Nicht daß er selbst der arme Teufel bleiben muß, der er früher gewesen, bringt den Kleinbürger auf, sondern daß dennoch wieder einzelne Bevorzugte auch bei diesem angeblich so reinen, so sittenstrengen Regime sich auf seine Kosten bereicherten! Eine viel mächtigere Triebkraft noch als die Habgier ist, der Neid! Und der brave Wiener Fünfguldenmann hat alle Ursache, neidig auf das Gefolge des „Herrn von Wien" zu blicken. Da sind die Wassermesser des Herrn Schneider, die Cobenzl-Baupläne des Herrn Mayreder, die Mistwägen des Herrn Lehofer und nun endlich gar die interessanten Geschäfte, die Herr Purscht in zeitweiliger Begleitung des „großen, dicken, bebrillten Herrn" auf dem Spittelberg betrieb! Mit Erstaunen und wachsendem Zorne sieht der kleine Mann, wie bei der Vergebung aller städtischen Arbeiten und Lieferungen eine Protectionswirthschaft sonder Gleichen herrscht und wie schamlos sich dieselbe breit macht! Auch der „Herr von Wien" sieht es und es fängt an, ihm zu grauen. Herr Lueger hat seltsame Anwandlungen. Es scheint fast, als gäbe es Stunden, in denen er von seinen edlen Antisemiten zu den bösen Juden flüchten möchte, Momente, in denen ihn mächtig die Erinnerung an jene schöne Zeit ergreift, wo er sich noch mit einer Schaar jüdischer Zeitungsberichterstatter hat photvgraphiren lassen und eine Busennadel mit hebräischer Inschrift trug. Der christlich-sociale Bürgermeister Dr. Lueger hat dieser Tage eine friedliche Berathung mit jüdischen Journalisten über die Hebung des Wiener Fremdenverkehrs abgehalten, bei welcher er sich ruhig sagen ließ, daß der Antisemitismus ein Krebsschaden für Wien sei, und er hat beim fröhlichen Male mit dem Präsidenten der Cohncordia" herzliche Ansprachen gewechselt! In eine Stadt, „n deren Straßen ein alter Mann todtgeschlagen wird, weil er Jude ist, traut sich kein Fremder mehr hinein! Der „Herr von Wien" steht vor Schlachten, die im Vorhinein verloren sind, und in seinem eigenen Lager schleicht Verr.rthund Meuterei. Dr. Lueger weiß heute genau, daß er mit dem Gaswerke eine pyramidale Dummheit gemacht hat, die ihm sein „christliches Volk von Wien" nie verzeihen wird. Er weiß, daß er die Procefse mit der englischen Gesellschaft ebenso verlieren wird, wie jenen gegen die Wienthalwasserleitung. Und das Alles angesichts einer Partei, in welcher der erste Mißerfolg alle Gemeinheit, Bosheit und Niedertracht, die in ihr vorhanden ist, gegen den eigenen Führer kehren wird. O, Herr Lueger kennt seine Leute ganz genau, und ihm graut vor der Vereinsamung, die ihm bevorsteht. Und deshalb sucht er nach einer Rückzugslinie. Er wird sich wahrhaftig noch an die Juden wenden, daß ihm diese helfen, seine wildgewordenen Antisemiten im Zaume zu halten. Bei diesem Verwandlungskünstler ist nichts unmöglich! Hat er doch neulich schon in einer Polemik gegen die Deutschnationalen ausgerusen: „Vor den Juden zieh' ich den Hut, vor Ihnen nicht!" Es wird vielleicht Juden geben, die sich von diesem merkwürdigen Gesinnungswechsel Dr. Lueger's geschmeichelt fühlen 'und jene Schwäche der Menschennatur bekunden, auf welche Dr. Lueger stets mit Erfolg zu speculiren wußte. Dennoch glauben wir, daß der „Herr von Wien" mit seinen jüngsten Anbiederungsversuchen kein sonderliches Glück haben wird. Von jenem Punkte, auf den er sein „christliches Volk" geführt hat, gibt es keinen Rückzug mehr! * * * Man lese doch einmal, was dieser Herr in einer Frauenversammlung in Meidling sagte: „Die Beamtenfrauen sehen, wie die I u d e n a v a n c i r e n und Ihre Männer sitzen bleiben, sehen, wie die I u d e n k i u d e r in den Mittelschulen ihren Kindern den Platz wegnehmen." Herr Lueger bat die Frauen, wie es in dem Berichte des Antisemitenblattes heißt, ihre Pflicht als Christinnen zu erfüllen undden jüdischen Einfluß überall zu bekämpfen. Namentlich zu Pfingsten mögen die Frauen nur bei Christen kaufen. Die Verlogenheit und Perfidie dieser Ausführungen ist echte Luegerei. Die jüdischen Beamten avanciren, die christlichen bleiben sitzen! Als ob es nicht notorisch wäre, daß die Stellung eines Staatsbeamten vermöge des sogenannten kalten Antisemitismus dem Juden weitaus schwerer erreichbar ist, als den Angehörigen der christlichen Confession und ebenso notorisch, daß der Mangel eines Taufscheines den Weg zu den höheren Stellen verrammelt. Herr Dr. Lueger nenne ms doch die Behörde, bei welcher christliche Beamte zu Gunsten jüdischer Protectionskinder zurückgesetzt wurden, er mache auch nur einen einzigen Fall namhaft, in welchem die christliche Beamtenfrau zusehen mußte, daß ihr Mann sitzen bleibt, während der Jude avancirt. Die Behauptung wäre albern und lächerlich, wenn sie nicht bewußtermaßen erlogen wäre, geschützt durch die Erfahrung, daß es ja bei der von Dr. Lueger betriebenen Judenhetze am allerwenigsten auf die Wahrheit ankomme. Der Agitator kennt sein Publicum genau. Die Beamtensfrau, die seinen schönen Worten lauscht, ist empört darüber, daß der vordringliche Jude ihrem Gatten die Carriere verlegt; ob das auch wirklich wahr ist, darüber denkt die arme Frau nicht nach. Aber die beabsichtigte Wirkung wird erzielt. Eine neue Parteianhängerin des Antisemitismus ist gewonnen oder, wenn sie es schon früher war, in ihrem Fanatismus bestärkt worden, und das Mittel, welches Dr. Lueger anwendet, um die Gemüther mit Haß zu erfüllen, ist eine bewußte Unwahrheit, die Entstellung und Erdichtung. Die Judenkinder nehmen den Christenkindern den Platz in den Mittelschulen weg! Daß der Bürgermeister von Wien sich dessen nicht schämt, mit solchen Argumenten die Bevölkerung aufzuhetzen, wundert uns nicht im Geringsten. Wieso das jemals geschehen kann oder jemals geschehen konnte, daß ein Christenkind durch die Judenkinder an der Aufnahme in eine Mittelschule behindert wurde, darüber haben die gläubigen Zuhörerinnen des schönen Karl gewiß auch nicht nachgedacht, es genügt ja, daß die Phrase in den Saal hinaustönt und ein lautes Beifallsecho weckt. Wir aber freuen uns dessen, daß das Bestreben der jüdischen Eltern, ihre Kinder zu gebildeten und tüchtigen Menschen heranzuziehen, den _ österreichischen Mittelschulen zahlreiche jüdische Schüler zuführt. Ob das dem Dr. Lueger und seinen Genossen paßt oder nicht, ist uns gleichgiltig; die Zeit wird kommen, in welcher nicht die Confession, sondern die persönliche Qualität jedes Einzelnen über seine sociale Stellung entscheiden wird. Wenn aber der Chef jener Behörde, welche die Steuern eintreibt, gegen seine jüdischen Mitbürger einen wirtschaftlichen Feldzug unternimmt, der sie der Erwerbsfähigkeit und damit selbstverständlich der Steuerkraft beraubt, so ist das ein frivoler Mißbrauch und eine Herabwürdigung des Bertrauensamtes, in welchem Dr. Lueger geblieben ist, was er früher war, nämlich ein gewissenloser Agitator. Gegen den Grafen Badeni sind verschiedene Anklagen erhoben worden, wenn aber irgend eine seiner Handlungen unter Anklage gestellt zu werden verdiente, so war es der Vorschlag, den Dr. Lueger als Bürgermeister zu bestätigen. Graf Badeni hat dadurch die Verwaltung der Reichshauptstadt einem Manne ausgeliefert, welchem nicht nur, wie der Minister es selbst constatirte, jede Objectivität mangelt, sondern dessen Programm und dessen ganzes Wirken die Staatsgrundgesetze mit Füßen tritt. Der Bürgermeister einer Stadt predigt laut und öffentlich die Ausrottung eines Theiles der Bevölkerung! Einen solchen Vorgang zu stigmatisiren, ist überflüssig, das hat der Oberste Gerichtshof bereits gethan. * * * Die französische Justiz hat vor Emile Zola die Flucht ergriffen, um der Feststellung der Klarheit über die Affaire Dreyfus vorzubeugen. Kaum hatte der Vertheidiger Zola's die Competenz des Gerichtshofes in Versailles bestritten, packte der Vorsitzende schleunigst seine Acten. Draußen aber wartete ein Strolch, mit einem Knüttel bewaffnet, um Emile Zola zu erschlagen. Für den Spion, Verräther, Zuhälter und Betrüger Esterhazy wäre es der bequemste Ausweg, Allen, die seine Schuld und die Nichtschuld des Dreyfus bezeugen, durch Knüttelhiebe aus der Welt zu schaffen und so die Acten an das jüngste Gericht abzutreten. Für die Antisemiten bleibt der Kampf Zola's natürlich nach wie vor nur ein jüdisches Complott. Das Blatt des Wiener Stadtrathes Dr. Wähn er pauschalirt die ganze Affaire mit der Bezeichnung als „Feldzug Judas". Der gänzliche Mangel an Rechtsgefühl, der das wesentlichste Merkmal der antisemitischen Parteien darstellt, rechtfertigt diese Auffaffung vollständig. Der Fürst Alois Liechten-