Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 404 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 21 Ein weitverzweigtes Netz v o n A r b e i t s - n a ch w e i s st e l l e n an allen Industrie- und Handelscentren, wie Wien, Prag, Brünn, Graz, Trieft, Lemberg, C z e r n o w i tz, Reichenberg, Pilsen, Floridsdorf, Ostrau, Olmütz u. s. w., ist die ersteBedingung für einen gedeihlichen weitgehenden Erfolg. Wohl könnte da der neu begründete ,,O e st e r r e i ch i s chisraelitische Bund" Großes leisten, allein so manches Jahr dürfte noch vergehen, ehe er sich eingelebt und ins richtige Geleise gekommen ist. Für besonders prüde st inirt zur Uebernahmeund Durchführung dieser Aufgabe erachten wir einzig und alleindieJsraelitische Allianz zu Wien. Vermöge ihrer nicht unbedeutenden Capitalien, ihres tüchtigen Beamteustabes, ihrer in den größeren Städten Oesterreichs vorhandenen Filialen und nicht zu allerletzt vermöge ihrer Beziehungen zu den commerciellen und industriellen Kreisen würde sie die Organisirung und Leitung der Stellen für Arbeitsnachweis und Arbeiterschutz leicht und zweckentsprechend durchführen können. Ohne den Rahmen ihrer Statuten verlassen zu müssen, könnte sie auf Grund des Absatzes II des § 2: „Der Verein bezweckt, dort wo Israeliten als solche noch zu leiden haben, ihnen einen wirksamen Schutz zu gewähren", ihre Thätigkeit auf dieses eminent wichtige Gebiet ausdehnen, hiedurch für sich selber einen neuen Lebenszweck gewinnen und eine Wiederverjüngung erfahren, die ihr die altePopularität zurückerobern und neue Sympathien hinzu verschaffen'würde. Sollte aber die Israelitische Allianz aus irgend welchen Gründen immer die Uebernahme dieser Aufgabe ablehnen, dann müßte ein besonderer „jüdischer Verein für Arbeitsnachweis und Arbeiterschutz" ins Leben gerufen werden. Die obersten Schichten unseres Volkes und zumal die Damen sehnen sich nach socialer Thätigkeit. Nun, hier ist ein eminent sociales Problem, das der Lösung harrt. HicBhodup, die 8a11a! Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Floridsdorf, 23. Mai 1898. Introduktion zum Baseler Cvngrrtz. Hl. Wie wir die Jugend beneiden um ihren unverdorbenen und unverbrauchten Idealismus, so war stets unentwegte Principientreue, rücksichtslose Consequenz und Offenheit gegen Freund und Gegner auch der ueidenswerthe Vorzug junger Parteien, der Zauber, der ihnen die Sympathien aller ideal beanlagten Naturen wie den Zulauf der großen Menge brachte. Und sie bildete ihre schärfste Waffe bei der Zertrümmerung der gegnerischen Gruppen. Unsere Pseudo-Zionisten jedoch laboriren bereits bedenklich an jugendlicher Altersschwäche, entpuppen sich plötzlich als greisenhafte Opportunitätspolitiker und scheuen das öffentliche Wort, wie der gichtbrüchige Sünder den kalten Luftzug. Wenn ein obscurer Gemischtwaarenverschleißer von der Nußdorfer Linie seine Hochzeit feiert, so wird davon, sofern er auch nur das Parteiorgan abonnirt, den Parteigenossen mit gebührender Ausführlichkeit Mittheilung gemacht. Die bereits vor Monaten erfolgte Vermählung des vornehmsten Parteiapostels Dr. Max N o r d a u jedoch ist bis heute von dem Parteiorgane den Lesern nicht zur Kenntniß gebracht worden. Dr. Max Vorbau hat eine arische Christin geheiratet. Allein Dr. Max Nordau hat sich dadurch zur Partei und ihren Principien offenbar nicht in Gegensatz gebracht, denn noch heute werden seine Reden im Parteiorgan an erster Stelle abgedruckt und in allen Straßen Wiens plakatirt. Die soeben herausgegebene officielle „Correspondenz der zionistischen Vereiniguug für Deutschland" ergreift überdies die Gelegenheit, in Herrn Nordau; „dem kein Opfer für seine jüdisch-nationale Gesinnung zu schwer ist", „den hervorragenden Zionistenführer" besonders zu feiern. Man unterdrückt blos die Meldung von der erfolgten Eheschließung, um unbequemen neugierigen Anfragen aus dem Parteilager in Galizien und in Rußland, vielleicht auch aus gewissen naiven Kreisen im Westen, auszuweichen. Manchem dürfte aber diese politische Altklugheit als eine in dem verschämten opportnnitätsbeflissenen Gebühren sich deutlich manifestirende moralische Ueberreife eine herbe Enttäuschung bereiten und unwillkürlich den Ausruf entlocken: So jung und schon so verdorben! Dagegen muß das Parteiorgan den Verlust eines anderen „Führers" öffentlich melden. In der unscheinbaren Form einer gelegentlichen Richtigstellung wird constatirt, daß Herr Dr. S. R. Landau kein „Führer der zionistischen Bewegung sei". Warum? Auf dem Baseler Congreß hatte Herr Dr. Landau bei der Wahl in die P a r t e i l e i t u n g 55 Stimmen auf sich vereinigt und nur wenige Stimmen fehlten ihm zur Majorität. Damals zählte er somit noch zu den „führenden" Männern der Bewegung. Eine Zeit lang war Herr Dr. Landau verantwortlicher Redacteur des Parteiorgans. Nunmehr aber wird er aller Würden entkleidet, aus den Reihen der Göttergleichen exmittirt. Die großen Geschehnisse, welche diese seltsame Expulsion vorbereiteren und zur Nothwendigkeit machten, müssen wiederum vor der profanen Oeffentlichkeit ein Geheimniß bleiben. Genug an der Thatsache: „Herr Dr. Landau ist lediglich der Vorsitzende des neugegründeten jüdischen Arbeitervereines (?!) „Achwah". Und diese Constatirung erachtet das Parteiorgan für die Zeitgeschichte und im Interesse einer wahrheitsgetreuen Berichterstattung für ungleich bedeutsamer als die Meldung über die Mischeheschließung Nordau's und für ungleich dringender als z. B. die Wiedergabe des K a m i n k a'schen Protestbriefes. Der letztere erfährt übrigens eine charakteristische Beantwortung. Nicht als ob man etwa sich der Aufgabe unterzogen hätte, die von dem Oberrabbiner in Essegg gegen die Wiener Parteigruppe öffentlich erhobenen Beschwerden sachlich mit Hilfe von Thatsachen und Daten zu widerlegen! Um dieser Nothwendigkeit zu entgehen, wird jene öffentliche Enunciation eines hervorragenden Parteigenossen, den der Baseler Congreß mit einer der wichtigsten Aufgaben zu betrauen für würdig erachtet hat, den Lesern einfach nicht zur Kenntnitz gebracht! Hat auch die in Form und Inhalt gleich bedeutsame Enunciation Kaminka's bei den Zions freunden aller Länder berechtigtes Aufsehen erregt, dem Verfasser zahlreiche Kundgebungen der Zustimmung und Sympathie gebracht, das Parteiorgan hält es für einer altklugen Opportunitätspolitik entsprechender, die Leser mit deren Inhalt nicht zu behelligen. Herrn Dr. K a m i n k a, den man sonst mit Parteistolz „den Landesrabbiner von Slavouien" titulirte, wird dagegen die Excommunication, „die definitive Ausschaltung aus der Bewegung" angedroht. Auch die Zeitschrift „Hamagid" in Krakau — ein altbekanntes, wohlrenommirtes zionistisches Organ — erhält, weil es gewagt Hai, den Artikel des Herrn Oberrabbiners von Essegg zu publiciren, eine strenge Verwarnung. Es scheint jedoch nicht, daß die Redaction des genannten Blattes sich hievon sonderlich erschüttert fühlt. Sie antwortet mit einem Artikel voll köstlicher Satyre, welcher den Wiener Pseudo-Zionisten zu Gemüthe führt, daß sie die Rechnung denn doch ohne den Wirth machen. Ein Zionismus, der sich ostentativ des Judenthums entäußert, vermag Niemandem zu imponiren und der Größenwahn der „Führer/, die jeden Zweifel an ihrer Unfehlbarkeit mit dem Fanatismus hochmüthiger Priester als Ketzerei verdammen und Gotteslästerung bestrafen, erzielt im Zeitalter einer entwickelten Cultur lediglich Heiterkeitsersolge. Die Redaction des „Hamagid" constatirt mit Bedauern, daß diese Herren für die praktische Colonisationsarbeit nicht nur nichts geleistet, sondern daß sie planvoll jedem colonisatorischen Versuch böswillige Hindernisse bereiten und bis heute nichts zu Stande gebracht als blendende Schlagworte und schillernde Phrasen, die jedes inneren Gehaltes entbehren. Auch das freundliche Angebot einer Compromiß-Action zur „Cooperation sämmtlicher Colonisationsvereine" findet nur die humoristische Würdigung, daß erfahrungsgemäß E x c o mmunicationen und C o m p r o m i s s e sich gegenseitig uicht ergänzen. Der zweite Baseler Congreß hätte somit alle Aussicht, als eine imponirende — Studentenversammlung sich zu präsentiren.