Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 403 1'11 Perzent, iin Winter ans 3 43 Percent aller Arbeitsnehmer beziffert. Die Verdreifachung im Winter wird hauptsächlich durch die landwirthschaftlichen und Bauarbeiter bewirkt, bei welchem Berufe doch das Judenthum minder stark vertreten ist. Es ist daher vielleicht zu hoffen, daß die Arbeitslosigkeit im Jndenthum sich mehr der Ziffer von 1*11 Percent als von 3 43 Percent nähert, es kann aber auch sein, daß bei der antisemitischen Erwerhsftörung die Arbeitslosigkeit im Judenthum über 3'43 Percent weit hinausgeht. Die erste Aufgabe des Gemeindebundes würde es nun auf diesem Gebiete jedenfalls sein, über diesen Punkt Klarheit zu schaffen. Der Bund hätte zunächst Arbeitslosigkeitsstatistik zu treiben, also die Zahl der jüdischen Arbeitslosen, ihre vorherrschenden Beschäftigungen und die durchschnittliche Dauer und Häufigkeit ihrer Arbeitslosigkeit festzustellen. Auf dieser Basis könnte dann Positives geleistet, zwischen überfüllten und arbeitecarmen Plätzen vermittelt, die Jugend von überfüllten Berufen abgelenkt, eine zweckmäßige Auswanderung erleichtert werden. Der ärmste Jude aber könnte wieder wie in alten Zeiten das Gefühl haben, daß er nicht wie der lockere Triebsand jedem Windstoß preisgegeben ist, daß eine grüne Düne das Judenthum zusammenhält, die mit der Zeit von Meer zu Meer reichen könnte, ein österreichischer Gemeindebund, der leicht die Ehre haben könnte, zum Vorbilde und Anfaugsgliede für ähnliche Organisationen auf dem ganzen Erdenrunde zu werden, auf daß die Juden in allen Ländern wieder zu einem Volk von Brüdern werden, wie sie es ehedem gewesen sind und wie alle Völker dereinst es werden sollen nach der Verheißung, die einst von Zion ausgegangen ist. Arbeitsnachweis und Arbeiterichutz. Mit dem Habt-Acht-Artikel in der vorwöchentlichen Nummer dieses geschätzten Blattes ist ein Thema zur öffentlichen Discussion gestellt worden, das längst das lebhafte Interesse all derjenigen gebildet, deren Blick über die eligen Grenzen des Kahals hiuausreicht und die in einer gut geleiteten Gemeindewirthschaft — so wichtig und anerkennenswerth dies auch sein mag — noch nicht das Aus und Um des Judenthums erblicken können. Denn dies sei hier evram publiec» gesagt, die bisherige folgenschwere Außerachtlassung wichtiger religiöser, socialer und politischer Pflichten seitens des Gesammtj u d e n t h u m s hat ihren Grund hauptsächlich einerseits in der Zusammenhanglosigkeit der Gemeinden, die gleichsam als Einzelzellen ein connexloses, in sich abgeschlossenes Leben führen, anderseits aber auch in der Gebundenheit der Rabbinen, deren Aufmerksamkeit und Arbeitskraft vom localen Parteigetriebe leider allzusehr absorbirt wird. Größere, complicirte, weitumfassende Actionen aber, wie sie das moderne Leben auch vom Judenthum erfordert, wie z. B. gemeinsame Abwehr des Antisemitismus, einheitliche Regelung des Religionsunterrichtes, Gründung eines, wenigstens jede Provinz für sich umfassenden Pensionsfondes für die Rabbinen und Cultusbeamten, Erwirkung einer staatlichen Subvention für den Cultus, Organisirung der Wohlthätigkeit und eines weitverzweigten Stellennachweises: all diese heterogenen und doch zusammenhängenden Aufgaben haben zur Voraussetzung und bedingen größere, einheitlich organisirte Machtfactoren und nicht lose Atome. Daß ein Stellennachweis s e i t j e nöthig gewesen, wußten schon längst die Seelsorger größerer Gemeinden, die ja von den Petenten zuerst ausgesucht werden. Daß aber diese Institution in den letzten Jahren zu einer Lebensfrage geworden, davon vermag jetzt jeder nur irgendwie im öffentlichen Leben stehende jüdische Mann zu erzählen, so zahlreich sind die Bewerber, die bei Bekannten und Unbekannten anklopfen, ob nicht für sie Arbeit und Verdienst zu finden wäre. Die Gründe für das Anschwellen der jüdischen Arbeits¬ und Stellenlosen sind verschiedener Natur. Zunächst wurde durch den infolge der Genossenschaftsgesetze bewirkten engen Zusammenschlu ß der Gewerbe und Handwerke wie nicht minder durch die in der Industrie überhandnehmende C o n c e n t r i r u n g das Gebiet des freien Zwischenhandels — die Domäne der Juden — zum Theil eingeengt, wenn nicht ganz abgegraben. Eine unübersehbare Menge der sogenannten Händler, Vermittler, Agenten und Commissionäre wurde hiedurch einfach vom Erwerb ausgeschaltet oder, mit anderen Worten, auf die Straße geworfen. Die Chronik der Selb st morde weiß in letzter Zeit gerade aus diesen Schichten viel zu berichten. Daß der Antisemitismus unendlich viele Existenzen zu Grunde richtet oder eine Begründung neuer seitens der Juden unmöglich macht, bedarf wohl nicht erst der näheren Ausführung. Bezeichnend für das allseits unheilvolle Wirken desselben ist, daß auf dem Lande und auch in den Vororten Wiens viele Schankwirthschaften und Greislereien, die in jüdischem Besitz sich befinden, an Christen verpachtet werden mußten, da sie sonst aus Mangel an Zuspruch sich nicht behaupten konnten. Die zerstörende Wirkung des politischen und gesellschaftlichen Antisemitismus wird zudem noch verstärkt durch die immer mehr zur allgemeinen Geltung kommende Verstaatlichung oder Verstadtlichung der größeren öffentlichen Betriebe. Wo schon nicht System ist, wie etwa in der Wiener und Grazer Commune, wüchet ein stiller, aber intensiver Judenhaß, der von den „Höheren" zumeist ausgeht und der den Juden als Lieferanten, Beamten oder gar Arbeiter nicht herankommen läßt. So dürfte es z. B. wohl nur Wenigen bekannt sein, daß seit einiger Zeit in der k. k. Staatsdruckerei kein Jude als Arbeiter ausgenommen wird, weil ein gewisser hoher Beamter dies nicht dulden mag. Auch das Handwerk, das seinen goldenen Boden wiedergefunden, insofern es sich an höhere Betriebe, wie z. B. Eisenbahnwerkstätten u. dgl. anlehnen konnte, wird den Juden durch Einfluß von „oben" entzogen. Aber auch im Priv atbeamtenstände ist dem Juden das Unterkommen erschwert worden. Es ist eine notorische Thatsache, daß viele jüdische Chefs sich nicht „erkennen" lassen wollen und daher gerne viele Arier in ihrem Bureau sehen, manche dem suggerirten antisemitischen Borurtheil gegen jüdische Arbeitstüchtigkeit verfallen sind, andere wiederum als „Kosmopoliten" keinen Unterschied zwischen Menschenkindern machen wollen und daher zufällig Christen anstellen. Allen diesen Ursachen entspringt die drohende Gefahr, daß die jüdischen Massen ohne mittelalterliche Beschränkungsgesetze proletarisirt oder auf das Gebiet des Handels gedrängt und da zusammengepfercht werden. Diesen traurigen Verhältnissen abzuhelfen, wäre Aufgabe einer jüdischen Action für Arbeitsnachweis und Arbeiterschutz. Wir fügten das Wort: Arb e i t e r s ch u tz hinzu, weil oft jüdische Beamte und Arbeiter von ihren Kameraden brutal drangsalirt und chicanirt werden, bis sie den Posten verlassen oder das Martyrium in Stumpfsinn und Apathie geduldig über sich ergehen lassen. Eine discrete Intervention am richtigen Orte könnte so manchem Unfuge steuern. Die fluctuirenden jüdischen Elemente zu stabilisiren, die noch körperlich kräftigen Hausirer, Agenten, kleinen Händler zu kleinen Beamten, Bureaudiener n, Hausknechten, Portiers zu verwandeln und ihnen so die Menschenwürde wieder zu verleihen; den Stellensuchenden und Brotlosen zur Arbeit wieder zu verhelfen; den auf exponirten Posten Arbeitenden Schutz und Fürsprache angedeihen zu lassen, ist eine Aufgabe, werth der Mühewaltung der Edelsten. Doch wem sollte diese Aufgabe zufallen, und wer könnte ihr am ehesten gerecht werden? Die Cultusgemeinden als solche sind vermöge ihrer Structur dieser Aufgabe nicht gewachsen und würden auch wegen ihrer I s o l i r t h e i t nichts Erhebliches leisten. An einem Orte mag für einen Handwerker keine Arbeit oder für einen Beamten kein entsprechender Posten zu finden sein, wogegen nur einige Meilen weiter solche Kräfte leicht Unterkunft finden könnten. Jede Einzelaction der Gemeinden, und sei es auch der Wiener Cultusgemeinde, würde das Uebel nicht an der Wurzel erfassen und wäre Flickwerk.