Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 21 (27.5.1898)
- Date
- 1898-05-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 402 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 21 anderen Religionen der Fall ist. Nehmen wir nun beispielsweise die Speisegesetze. Die Thora selbst bemerkt in Bezug auf „trefa", dessen ursprüngliche Bedeutung „Zerrissenes" ist: „Heilige Männer sollt ihr mir sein und Fleisch des auf dem Felde zerrissenen Thieres sollet Ihr nicht genießen (R B. M., Cap. 22, B. 30); sie wollte also damit sagen, daß der Mensch sich auch im Genüsse Enthaltsamkeit auferlegen und auch darin seine Heiligkeit zeigen muffe. Sollte aber auch, was nicht unwahrscheinlich ist, das Gesetz den Zweck haben, unsere Gesundheit zu erhalten, so will gleichwohl die Thora dieses Gesetz nicht zu einer sanitären Maßregel stempeln, die zu befolgen im Belieben jedes Einzelnen steht, sie betrachtet vielmehr die Erhaltung der Gesundheit als ein religiöses, als ein Sittengesetz, das mit zur Heiligkeit des Lebenswandels gehört. Dem Talmud müssen wir dankbar sein, daß er das Gesetz von Trefa ausführlich behandelte. Es dürfte nicht ohne Interesse sein, hier die Worte eines christlichen Gelehrten anzuführen: „Stünden unsere Fleischereien unter der Aufsicht des jüdischen Schochet, so würde zweifelsohne die Häufigkeit der Krankheiten abnehmeu und die mittlere Lebensdauer verlängert werden. Anstatt von den Juden das Aufgeben ihrer Fleischereien und der Unterscheidung zwischen koscherem und unreinem Fleische zu verlangen, t h ä t e n wir besser, ihrem Beispiele zu folgen. Gewisse englische oder amerikanische Hygienisten haben die Civilverwaltungen aufgefordert, sämmtlichen Schlächtereien die wenigstens theilweise Annahme der israelitischen Gebräuche vorzuschreiben. Für uns Christen wäre es in solchen Dingen ein Fortschritt, wenn wir nach 2000 Jahren auf d ie Gebräuche der alten Hebräer zurück kämen." (Leroy-Beaulieu „Die Juden und der Antisemitismus" S. 148 t). Nehmen wir ein zweites Gesetz, das Gebot der Tefillin. Gewiß hat das mechanische Anlegen derselben keinen Werth. Beherzigen wir aber den Grund, den die Thora angibt, beim Anlegen derselben deffen eingedenk zu sein, daß Gott Israel aus egyptischer Knechtschaft befreite, daß also, allgemein genommen, Gott der Befreier der Unterdrückten ist, beherzigen wir die Gründe, die spätere Religionsphilosophen angegeben, die Tefillin an der Hand gegenüber dem Herzen zu legen, uni die Begierden und Leidenschaften unseres Herzens Gott unterzuordnen, die Tefillin am Kopse anzulegen, um unsere Gedanken Gott unterzuordnen und uns täglich den Grundsatz eiuzuschärfen: „Was Gott thut, ist wohlgethan", beherzigen wir diese Gedanken beim Anlegen der Tefillin, so wird dieses Ceremouialgesetz ein äußerst wichtiger Factor für das Sittengesetz. Es kann fteilich nicht geleugnet werden, daß man in der Auslegung vieler Ceremonialgesetze allzuweit ging, diese Uebertreibungen müßten auf Grund eines genauen Quellen st udiums (Bibll, Talmud, Responsenliteratur) auf das richtige Maß zurückgefnhrt werden; ebenso müßte man den innigen Zusammenhang zwischen Ceremonial- und Sittengesetz Herstellen und das Jneinandergreifen derselben klar legen. Es ist wohl nicht zu Hoffell, daß die bereits herangewachsene Generation dadurch anders werden wird, aber für unsere Heranwachsende Generation, für unsere Jugend würde dies von der höchsten Wichtigkeit sein und der jüdische Religionsunterricht würde dadurch sehr gefördert werden. Der Gemeindebund und das Problem der jüdischen Arbeitslosigkeit. Israel wird dem Sand am Meere verglichen. Leider bildete es bisher auch wie der Sand am Meere eine inkohärente Masse, widerstandslos gegen jeden Sturm, der durch die Welt geht. Aber für den Saud am Meere haben die Menschen ein Mittel gefunden. Mühselig und mitunter jahrelang ohne rechten Erfolg werden eigenartige Pflanzen angebaut, welchen es schließlich gelingt, zwischen den Sandkörnern hindurch Wurzel zu fassen und den Sand zusammenzuhalten. Ueber ihnen sprießt bald Wald und Busch, der früher lose Sand ist zur „grünen Düne" geworden. Der im Entstehen begriffene Gemeindebünd erinnert an eine solche „grüne Düne" als Nothbau zur Verbindung des zerstäubenden „Sandes am Meere". Diese Neuorganisation der atomisirten Judenschaft ist gewiß mit Freude zu begrüßen. Soll sich aber diese neue Verbrüderung in das jüdische Volksbewußtsein einleben, so muß sie die Gemeinden dazu auleiten, dem Einzelnen wieder das werden, was ihm ehemals seine Gemeinde war, ein Hort und Halt in jeder Lebenslage. Wie eine gute Mutter ihres Werthes fast unbewußt, hat die altjüdische Gemeinde in den finstersten Jahrhunderten dem bedrängten Kinde des Ghettos ein Asyl gewährt und zugleich seinem von Glück und Talent begünstigten Bruder den natürlichen Boden gemeinnützigen Wirkens und befriedigten Ehrgeizes geboten. Soll der neue Gemeindebund Leben und Kraft gewinnen, so muß er die Gemeinden zu einer auf der Höhe des Jahrhunderts stehenden socialen Praxis anregen und so für unsere Zeit ein Wegweiser der Verirrten werden. Wir haben deshalb in unserem Habt-Acht-Rnf auf jenen Fall hingewiesen, in welchem unsere Großväter etwas noch heute Mustergiltiges geschaffen haben und zur energischen Inangriffnahme des Problems der Arbeitslosigkeit gedrängt. In Deutschland ist auf diesem Gebiete seit Kurzem eine lebhafte Thätigkeit der politischen Gemeinden entfesselt worden. Nebenbei bemerkt, durch wen? Literarisch vornehmlich durch den Baseler Professor Georg Adler und Julius Wolf, einen Oesterleicher, der in Breslau — eine Lehrkanzel gefunden hat. Der Umstand, daß zwei Professoren jüdischer Abkunft sich besonders eifrig um die Abwendung der Arbeitslosigkeit und ihrer nicht geringen socialen und politischen Gefahren bemühen, nachdem sie sich beide viele Jahre hindurch trotz der gehässigsten Mißdeutungen mit aller Schärfe der Kritik des Marxismus gewidmet hatten, ist übrigens ein classischer Beleg zu der angeblich gesellschaftszersetzenden Rolle des Judenthums. Die Juden sind zersetzende Elemente der Gesellschaft, wenn sie wie zu Zeiten Lassalle's und Marx' von jeder staatsfreundlichen Betbätigung mit ebensoviel Wahnsinn wie Methode zurückgedrängt werden: „Wenn ich die Oberen nicht beugen kann, Will ich die Unterwelt in Aufruhr bringen", ruft Laffalle mit Virgil aus. Von Haus ans ist der Jude nichts weniger als revolutionär angelegt; denn er kennt anl Besten die wilde Bestie, die Masse, deren erster Besuch in aufgeregten Zeiten seinen oft so geringfügigen Habseligkeiten und seinen Angehörigen gilt. Fast jede Regierung ist ihm lieber als keine Regierung. Es hat die ganze Staatskunst des „christlichen Staates" dazu gehört, auch noch dieses durch und durch conservative Element zu Bundesgenossen der Socialdemokratie zu machen. In Deutschland also waren es vorzugsweise jene beiden antisocialistischen Professoren, welche zu energischer Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die literarische Initiative ergriffen, Adler mehr in der Richtung der Arbeitslosenversicherung, Wolf mehr in Hinblick auf planmäßige Versorgung der Arbeitslosen mit öffentlichen Arbeiten. Bald entstand eine ganze Literatur, und von der Theorie geht mau in Deutschland flink zur Praxis über. In einer Reihe deutscher Städte wurde ein communaler Arbeitsnachweis eingerichtet, ein Verband . deutscher Arbeitsnachweise bildet die Centralstelle zur Evidenzhaltung von. Nachfrage und Angebot im ganzen Reiche, ein Monatsblatt orientirt über den Stand des Arbeitsmarktes. Wäre dies nicht ebensogut bei den jüdischen Gemeinden mit denk geplanten Gemeindebund als Centralstelle realisirbar? Wäre hier nicht namentlich auch die Tendenz des deutschen Arbeitsnachweisverbandes zu beachten, die in der Großstadt überzähligen Elemente auf dem Lande, theilweise auch im Auslande, unterzubringeu? Wäre es nicht möglich, für die Zwecke der Arbeitsvermittlung die Steuerfähigkeit derjenigen Elemente zu benützen, welche in Wien Wegendes hohen Steuersatzes von 10 fl. mit Unrecht völlig steuerfrei sind? In der Richtung einer solchen Inanspruchnahme bewegen sich wohl die Andeutungen des in der vorigen Nummer enthaltenen Rechenschaftsberichtes der israelitischen Cultusgemeinde. Wir glauben, daß eine allgemeine zweistufige Cultussteuer von 2 fl. und 5 fl. per Gemeindemitglied — mit Ausnahme der Unterstützten völlig populär werden könnte, wenn sie mit Arbeits- Nachweis verbunden wäre. Bei einer im deutschen Reiche vorgenommenen Doppelzählung der Arbeitslosen hat sich nach den Richtigstellungen Georg v. Mayr's in der „Münchener Allgemeinen Zeitung" (Beilage vom 20. Jänner 1897) die .Zahl der Arbeitsfähigen und dabei Arbeitslosen 1895 im Sommer auf