Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 396 Dr. Vloch's Wochenschrift Nx. 20 nur gesagt, wir sind nicht copnlirt, so wären sie mit einer kleinen Strafe durchgekommen; damit nimmt man's nicht genau, — aber nein! das wollten sie um keinen Preis zugeben, sie schrieen, als wenn sie am Spieße stäken: Nein, unsere Kinder sind ehrliche Kinder, wir sind nach unserem Ritus copulirt worden ... hm! — da bleibt Ihm wohl nicht anderes übrig, als daß sich sein Neffe irgendwo eine Familienstelle verschafft — L propos; Hochwürden!", wandte er sich an den Pfarrer, dürfen denn beim Juden Geschwisterkinder untereinander heiraten?" Der Pfarrer bejahte, der Jude begann Hoffnung zu schöpfen und sprach: „Hochfreiherrliche Gnaden! Die Bitte, die ich unterthänigst Vorbringen will, ist folgende: Ein auf Hochdero Herrschaft geborener Judenfamiliant, Josef Sonnenfeld, hat sich vor Kurzem in Wien taufen laffen, ist zum christkathvlischen Glauben übergetreten, es ist also eine Judenfamilie auf Hochdero Gütern erledigt, welche Hochdieselben zu verleihen haben — freiherrliche Gnaden machen Sie einen tiefbekümmerten Vater und zwei edle, gute Menschen glücklich, enden Sie gnädigst durch ein Wort dir; verzweifelte Lage zweier Menschen, die einander lieben — und Gottes reichster Segen wird Ihnen die große Wohlthat lohnen!" Weritsch mußte innehalten, seine Bewegung hatte ihn übermannt, Thränen entstürzten seinen Augen, er wandte sich schamhaft ab, um diese zu verbergen. „Ah, Papa!", mischte sich Anna in das Gespräch, „nicht wahr, Du wirst die Bitte des armen Menschen da gewähren? Es muß das gewiß ein braver Mann sein, da er so warm für seine Tochter spricht." Du weißt es", entgegnete der-Baron streng, „ich kann es nicht leiden, wenn Du Dich in Angelegenheiten mischest, die Dich nichts angehen. . ., also ist auf meiner Herrschaft wieder eine Judensamilie frei geworden", wandte er sich wieder an den Juden; wahrhaftig, da hat Er mir etwas recht Angenehmes mitgetheilt. . . Nun sag' er mir einmal, sein zukünftiger Schwiegersohn ist doch gewiß ein wohlhabender Mann, der wird doch gerne die gute Gelegenheit beim Schopf packen und sich's ein schönes Stück Geld kosten laffen — was? Nun ich kann Ihm darüber keine bestimmte Zusage geben. Er weiß es ja, das ist immerhin schwer; auf einer Judenfamilie liegen hundert Hände, um die reißt man sich — also besprech' er das genau mit seinem Schwiegersöhne, der soll sich nur tüchtig an« strengen und brav zahlen, dann kann aus der Sach' schon etwas werden; denn das wird Er wohl wissen, billig ist ein solcher Spaß nicht zu haben. Mein Gutsnachbar, Graf Hvditz, hatte vor einigen Jahren das große Glück, daß in einem Jahre — stellt Euch einmal vor", er wandte sich an seine Frau und Bollwitz, „in einem Jahre zwei Judenfamilianten auf seiner Herrschaft starben; eine davon hat er um 1000 Kremnitzer Ducaten verkauft; da hat der reichste Jude in Mähren für seinen zweitgeborenen Sohn eine Familiennummer gebraucht und im ganzen Laude keine geftmden. Es war noch dumm von denk Hvditz, wenn ich der Glückliche gewesen wäre, mir hätte der reiche Nikolsburger Jud, wenigstens zwanzigtausend Gulden schwitzen müffen!" Weritsch war bleich wie ein Linnen geworden, ein convulsivisches Zittern durchflog seinen hageren Körper, seine Lippen schlugen mehrmals lautlos zusammen, es währte einige Secunden, bevor er wieder sprechen konnte. „Frecherrliche Gnaden!" sagte er endlich tiefbekümmert, „Hochdero Worte schlagen alle meine Hoffnungen zu Boden; mein Schwiegersohn ist ein mittelloser Mensch, der nicht nur sich selbst, sondern auch seine Schwägerin, die Witwe seines Bruders, und deren kleinen Knaben zu ernähren hat." Der Baron schien etwas Theilnahme fiir den guten Vater zu empfinden, und wenn es sich um eine Kleinigkeit, etwa um ein, zwei Gulden gehandelt hätte, wäre er ohne Zweifel großmüthig gewesen und hätte sie dem armen Juden, dem tiefbekümmerten Vater geschenkt; aber es handelte sich um eine große Summe, der Baron scheute sich, vielleicht vor dem Pfarrer, vielleicht vor seinem Vetter und seiner Tochter — sich so habsüchtig zu zeigen und er that, was wohl auch jeder Andere seiner Gesinnung an seiner Stelle gethan hätte, er schwieg. Die Hoffnung ist zuweilen wie ein süßer, starker Rausch, der auch einen sonst klugen, besonnenen Menschen betäuben, bethören kann; — Weritsch schöpfte wieder frischen Muth, er wollte Alles, was in seinen leider schwachen Kräften stand, aufbieten, um sein ersehntes Ziel zu erreichen; er wollte es versuchen, den stolzen Baron bei seiner schwachen Seite zn fassen und er sagte leise mit zitternder Stimme: „Hochfreiherrliche Gnaden! — Fürst Liechtenstein hat vor vier Jahren einem armen Juden eine erledigte Familie geschenkt!" Der Baron war herzlich froh, einen Borwand gefunden zu haben, sich mit Anstand ereifern zu können und er fuhr zornig auf: „Wie kann Er sich unterstehen, seiner Herrschaft Vorschriften zu machen; — was geht mich Fürst Liechtenstein, an!" „Aber Papa'chen!" rief Anna, an den Vater herantretend und ihm die glühenden Wangen streichelnd, „dem armen Menschen ist ja gar nicht eingefallen, Dir eine Vorschrift zu machender hat ja nur erzählt, was der Fürst Liechtenstein gethan hat — ob er sich vielleicht dabei im Herzen denkt, daß der Baron Pellwald, auch einer der vornehmsten Cavaliere, und wenn auch nicht Fürst, so doch vielleicht von eben so altem Adel wie seine Durchlaucht der Herr Fürst von Liechtenstein ist, und diesem nicht an Großmuth nachstehen will, weiß ich freilich nicht." Die grobkörnige Schmeichelei des lieblichen Mädchens blieb allerdings nicht eindruckslos auf den Baron; aber sie hatte doch nur die eine Wirkung, daß er sich entschloß, den Bittwerber hinzuhalten, und er sagte zu diesem in weit milderen Tone: „Na, na, mit dem Fürsten Liechtenstein, mit dem reichsten Cavalier in Oesterreich, kann ich mich nicht vergleichen, der besitzt neunundneunzig Herrschaften .... ich kann ihm über den Preis der Familie gar nichts sagen — jedenfalls will ich ihn so viel als möglich berücksichtigen, — aber darüber muß er mit meinem Oberamtmannn sprechen." „Freiherrliche Gnaden! der Herr Oberamtmann ist ja gestorben!" „Dummer Kerl!" entgegnete der Baron in halbem Scherze, „daß ich den Todten nicht mein', hätt' Er sich wohl denken können, aber am 17. um zehn Uhr Vormittags trifft der neue hier ein, ein gewisser Rosenberg." „Pardon, geehrter Herr Baron," wagte der Fähnrich schüchtern zu berichten, „Rosenberg heißt der Hofmeister unseres Berthold, den wir erwarten, der Oberamtmann heißt Graf." „Ja, ja, Sie haben recht," entgegnete der Baron zerstreut, „der Amtmann heißt Graf, der Hofmeister Rosenberg; — aber der Name thut ja nichts zur Sache, Er muß halt mit dem neuen Oberamtmann sprechen, das gehört in sein Ressort." Der Baron nickte leicht mit dem Kopfe, um anzudeuten, daß die Audienz beendet sei, und Veit Weritsch ging, nachdem er sich tief verbeugt hatte, tiefbetrübt von dannen; er wußte es, er hatte für sein Kind und seinen Neffen nichts zu erwarten. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstbisthum Bamberg. Bearbeitet von Dr. A. Eckstein» Districtsrabbiner, Bamberg. Druck und Verlag der Handelsdruckerei (326 Seiten). Vorliegende Schrift bezweckt, eine zusammenhängende Darstellung der Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstbisthum Bamberg von den ältesten Zeiten bis zum Beginn unseres Jahrhunderts zu geben. Auf Grund umfangreicher Archivstudien entwirft uns Verfasser ein anschauliches Bild von der Entwicklung der jüdischen Ansiedelungen im Fürstbisthum, von der Ausbreitung und Erstarkung des jüdischen Gemeinwesens und von der organisatorischen Thätigkeit der trotz der Ungunst der Verhältnisse rasch aufblühenden Gemeinde Bamberg und der ihr zugehörigen Landgemeinden. Nach einem kurzen Excurs über das Alter jüdischer Ansiedelungen in Bamberg — schon zur Zeit der Gründung des Bisthums (1007) waren Juden in Bamberg ansäßig — behandelt Verfasser das schon unzählige Mal erörterte, aber noch immer nicht erschöpfte, die Bekenner der „Religion der Liebe" so tief beschämende und uns alle noch heute so tief erschütternde Thema . der Judenverfolgungen. Auf das anläßlich des 1. Kreuzzuges (1096) unter den Juden Bamberg's angerichtete, entsetzliche Blutbad folgten 1298 die nach dem Namen ihres Urhebers Rindfleisch genannten Hinschlachtungen der Juden im ganzen Frankenland, lieber 100.000 Juden fielen dem furchtbaren Massacre in Franken zum Opfer, selbst das zarte Kindesalter wurde nicht verschont (eine Frau Gnennlein schlachtete ihre 3 kleinen Kinder mit eigener Hand u. s. w. — Seite 5). Aber alle diese Heimsuchungen nennt Verfasser nur ein „Kinderspiel" (Seite 6) im Vergleiche zu der nach dem Auftreten des „schwarzen Todes" um die Mitte des XIV. Jahrhunderts mit der größten Grausamkeit betriebenen „Jndenschlächterei". Mit großer An-