Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 380 einen aufrichtig liberal und gerecht denkenden Generalgouverneur, Lspine, ersetzt, der einsab. daß die Unruhen, an denen sich die beutegierige, einheimische Bevölkerung reichlich betheiligte, für diese geradezu eine Generalprobe zu einem neuen Aufstand gegen die französische Herrschaft wurden. Der Hanptleiter der Mordbuben, Max Regis, der Sohn emes naturalisirten Italieners, ein junger Mensch, der bisher in jeder von ihm versuchten Laufbahn Schiffbruch gelitten hatte, sitzt nun seit zwei Monaten hinter Schloß und Riegel. Herr Lßpine, den die Antisemiten noch grimmiger hasten, als selbst die Juden, erkannte klar den unberechenbaren Schaden, den die wüsten Unruhen der ohnehin armen Colonie zufügen. In der That sind die wohlhabenden jüdischen Familien in Masse nach Frankreich ausgewandert und haben ihren Reichthum dem algerischen Lande entzogen. Jetzt beklagen sich die Colonisten bitter, die Juden richteten sie zu Grunde, indem sie ihnen kein Geld mehr vorschießen wollten — diese selben Juden, die man soeben noch, als sie die gewünschten Darlehen gewährten, als Wucherer brandmarkte und todtschlug! Der Handel stockt, die finanziellen Unternehmungen gehen zu Grunde, die Fremden vermeiden Algier, die Gasthöfe, Theater und Concertsäle stehen leer, die Wohlthätigkeitsanstalten entbehren schmerzlich die Gaben, mit denen zumal die jüdischen Frauen sie reichlich bedacht hatten. Herr Lepine hat bei Eröffnung des großen Rathes der Colonie ein umfassendes, systematisches und von jedem Einsichtigen mit Freuden begrüßtes Programm wichtiger und einschneidender Reformen aufgestellt; aber er hat nicht verhehlt, daß solches nur unter der Bedingung verwirklicht werden kann, daß die bösartige Agitation aufhört und wieder geordnete und sichere Zustände an deren Stelle treten. Die Mitglieder des Rathes, die städtischen Vertretungen, die Gerichts- und Verwaltungsbehörden haben ihm zugestimmt. Die Masse der europäischen Bevölkerung Algeriens aber scheint noch schlimmere Erfahrungen machen zu müssen, ehe sie einsieht, daß nicht blinde Gehässigkeit, Straßentumulte und Plünderungen das Heil bringen, sondern nur Gesetzlichkeit, Nüchternheit und ehrliche und ausdauernde Arbeit. , . Wenn diese Erkenntniß sich nicht bald geltend macht, so wird Algerien nur die große Zahl kolonisatorischer Mißerfolge vermehren, die die Geschichte Frankreichs ohnehin zu verzeichnen hat. Cuba. Auf dieser jetzt so heiß umstrittenen Insel, ebenso auch auf ihrer Nachbarinsel Portorico, die gleichfalls zu Spanien gehört, leben nur wenige vereinzelte Juden, die es dort, Dank der spanischen Intoleranz noch zu keinem Gemeinwesen gebracht haben. Von diesen wenigen Juden leben die meisten in der Hauptstadt Havanna und der Rest in der Hafenstadt Matanzas. Auf Portorico befanden sich 1895, wie man dem Schreiber dieses damals mittheilte, blos zwei Juden. Alle biefe. Juden sind theils aus den Vereinigten Staaten, theils ans der südwärts gelegenen und zu England gehörenden Insel Jamaica nach diesen zwei spanischen Inseln gekommen. Cuba und Jamaica zeigen uns deutlich, welch' ein Fluch für ein Land die religiöse Intoleranz ist und wie schwer sich diese zu rächen pflegt. Während die Bewohner der ersteren Insel, die durchwegs Katholiken und noch dazu recht fanatische sind, von ihrer streng katholischen Regierung nichts wissen wollen und sie aufs Lebhafteste bekämpfen, leben auf Jamaica, wo die milde Königin Victoria herrscht, Katholiken, Protestanten und Juden friedlich nebeneinander und fast nie gibt es dort einen Aufstand. In diesem Jahrhundert hat das fanatische Spanien alle seine Colonien auf dem amerikanischen Festlande Mexico, Central- Amerika, Columbien, Venezuela, Ecuador, Bolivia, Peru, Chile, Argentinien, Paraguay und Uruguay verloren und bald wird auch die Insel Cuba nicht mehr ihm gehören. Ein Anderes aber darf nicht vergessen werden. An demselben Tage, an welchem die Vertreibung der Juden aus Spanien öffentlich verkündet wurde, erhielt Columbus den Befehl, die Flotte zur Fahrt auszurüsten. Am 2. August 1492 verließen die Juden den Boden Spaniens und am 3. August verließ Columbus das Festland. Unter Denen, die ihn begleiteten, befanden sich auch Männer aus jüdischem Stamm, vor Allen Luis de Torres, ein Maranne, dessen sich der Admiral, da er hebräisch, englisch und arabisch verstand, als Interpret bediente. Am 28. October entdeckte er Cuba, während er nach der Insel Cipangu und deren fabelhaften Reichthümern an Gold und Gewürzen suchte. Bon den Indianern wurde ihm gesagt, nran brauche 20 Tage, um Cuba zu umschiffen, also mußte es eine Insel sein. Als aber der Capitän des einen Schiffes die Meinung äußerte, unter Cuba müsse man eine Stadt verstehen, das vor ihnen liegende Land gehöre zu Asien und das weiter westlich gelegene Gebiet gehöre bereits zum Reiche des Großkhans, notirte auch Columbus in seinem Tagebuche: Cuba ist das Festland von Asien. Columbus strebte danach, sich möglichst bald mit dem Großkhan des Landes in Verbindung zu setzen. Er betraute mit dieser Mission Luis de Torres, dem er Roderigo de Jerez als Begleiter beigab. Wie Kayserling in seinem vortrefflichen Buche: Christoph Columbus und der Antheil der Juden an den spanischen und portugiesischen Entdeckungen (Berlin 1894, S. 82 ff.) ausführlich erzählt, versah er die beiden Kundschafter mit genauen Instructionen, trug ihnen auf, den Fürsten des Landes zum Abschluß eines Vertrages mit der Krone von Caftilien vorzubereiten, gab ihnen ein eigenhändiges Schreiben an diesen und Geschenke mit, auch Proben von Pfeffer und anderen Gewürzen, um sie den Eingeborenen zu zeigen und von ihnen zu erfahren, ob dies das Land sei, wo der Pfeffer wächst. Am 2. December trat Luis de Torres die Reise in das unbekannte Land an. EinJude war also der erste Europäer, der amerikanischen Boden betreten hat. Am 4. Tage kamen die Abgesandten wieder zurück und erzählten, daß sie einen Ort von 50 Häusern und etwa 1000 Einwohnern, Männer und Frauen, augetroffen haben. Man habe nach Landessitte sie feierlich empfangen und in den besten Häusern untergebracht; die Indianer küßten ihnen Hände und Füße, weil sie die Fremdlinge für die Sendboten des Himmels hielten; die vornehmsten Männer des Ortes trugen sie auf ihren Armen zu den größten Gebäuden und ließen sie dort niedersitzen. Auf die Frage nach den Gewürzen, von denen Luis de Torres den Eingeborenen die Proben vorlegte, zeigten diese nach Süden, wo dergleichen Producte gedeihen sollten. Während dieser Unterhandlung bemerkte der aufmerksame Luis de Torres. daß die Männer sowohl wie die Frauen Feuer in der Hand hielten, mit welchem sie eine kleine Rolle von getrockneten Kräutern, die sie im Munde hielten, anzündeten, daß sie dann das andere Ende der kleinen Rolle (von ihnen tabaco genannt) in den Mund steckten und den Rauch durch Mund und Nase in großen Wolken wieder herausließen. Dieses Verfahren imponirte ihm ungemein, und er brachte es sofort zu seinen Freunden auf das Schiff. Eine zweite Thatsache: Ein Jude war der Erste, der den Gebrauch der Cigarren entdeckt hat. Durch Luis de Torres lernten die Spanier die Sitte des Rauchens kennen. Am 12. November lichtete Colümbus wieder die Anker, um seine Entdeckungsreise fortzusetzen. Luis de Torres ließ sich aber in Cuba nieder. Die dritte Thatsache von hohem Interesse: Ein Jude war derer ste Europäer, der auf dem jungfräulichen Boden Amerikas eine Niederlassung gründete. Luis de Torres gewann in seiner neuen Heimat bald das Wohlwollen des Kaziken, er erhielt von diesem nicht allein Ländereien, sondern auch Sclaven: „fünf alte und ein Kind", zum Geschenk; das spanische Königspaar aber setzte ihm eine jährliche Pension von 8645 Maravedis aus, und er beschloß in dem neu entdeckten Lande, mit den Eingeborenen friedlich zusammenhausend, sein Leben. Ob Columbus noch etwas von ihm erfahren, wissen wir nicht, aber es ist interessant, daß der kühne Entdecker den ersten Bericht über die großen Erfolge seiner Fahrt und seine Entdeckung von den azorischen Inseln wieder an einen Juden, Luis de Santangel, gerichtet, der ihm ja die Mittel zu dem großen und gefahrvollen Unternehmen gegeben hatte. In diesem Briefe heißt es: „Gott hat auf so wunderbare Weise Alles bestätigt, was ich behauptet habe gegenüber den Meinungen hochgestellter, einflußreicher Persönlichkeiten, welche meinen Plan für Träumereien und mein Vorhaben für ein Hirngespinst hielten. Aber daß dieses große Unternehmen so glänzend verlaufen, ist nicht mein Verdienst, sondern dasselbe gebührt dem heiligen katholischen Glauben und der Frömnligkeit unserer Monarchen... Rreu; und quer durch die Jubiläumsausstellung. (Der Pavillon der Stadt Wien. — Tie Polizei.) Die große, zu Ehren des Kaiser-Jubiläruns veranstaltete Ausstellung unten im Prater ist jedenfalls sehens- und beachtenswerth, wenngleich zahlreiche jüdische Firmen fehlen. Unter den bekannten trostlosen Verhältnissen sehr begreiflich! Man sieht