Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 388 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 20 Ackerbau versperrt. Wir sind gewiß weit davon entfernt, zu behaupten, daß das Ackerbauhandwerk den Inden eiuzupflanzen von Erfolg gekrönt worden sei. Es muß indessen hinzugefügt werden, daß die angewendeten Mittel, um diesen Plan durchzuführen, den wirklichen Bedürfnissen der Situation nicht entsprechen. Es genügt, zu sagen, daß der Hauptfehler des von der Regierung ehemals versuchten Colonisationswerkes in der Vertheilung von Prämien, Vergünstigungen, Privilegien unter den Colonisten bestand. Es wird zu oft vergessen, daß es im Westen und Südwesten von Rußland etwa 200 freie jüdische Colonien gibt, deren Lage eine blühende und gedeihliche ist. Zur Zett ist die Dichtigkeit der Stadtbevölkerung und Flecken viel größer als sie es sein dürste; es fehlt an Arbeit; die den Juden gewährte Erlaubniß, sich auf privatem Eigenthum niederzulafsen, würde auf dem ganzen Territorium der wärmsten Aufnahme begegnen. Es wäre dies das Ende des Elends, des physischen und moralischen Verkommens. Das Land könnte nur dabei gewinnen. Leider steht dem das Gesetz von 1888 im Wege, und so lange die Anhäufung der Juden in den Städten und Flecken dauert, ist an eine Verbesserung ihrer Lage nicht zu denken. Es folgt ein markanter Beweis von den Folgen des Gesetzes vom Mai 1882; derselbe geht hervor aus den vor Kurzem gesprochenen Worten des A d e l s - M a r s ch a l l s der Provinz Cherson; . . . „Was die Bettler betrifft, welche die Straßen von Cherson unmöglich machen, so muß gesagt werden, daß sie fast ausschließlich Juden sind, settdem die Behörden das Gesetz von 1882 mit Strenge durchführen und die Juden aus den Landdistricten vertreiben. Da ihnen eine lohnende Arbeit durch die furchtbare Concurrenz der städtischen Handwerker zur Unmöglichkeit wird, da sie gesetzmäßig die Stadt nicht verlassen dürfen, um sich anderweittg Arbeit zu verschaffen, fallen die gewaltsam in der Stadt zusammengepferchten Juden allmälig dem furchtbarsten Elend anheim und finden nur noch durch Betteln einige Subsistenzmittel. Unsere Provinz ist eine der fruchtbarsten des Reiches; die große Anzahl unserer Bettler scheint diesen Ausdruck Lügen zu strafen, doch was thun? Wir sind gezwungen, das Uebel zu tragen, da die armen Juden die Stadt nicht verlaffen dürfen, ohne sich den Verfolgungen der Polizei auszusetzen." Unlauterer Wettbewerb. I Der antisemitische Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg ist auf Grund des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb zu einer Geldbuße verurtheilt worden, weil er in einer Volksversammlung gesagt hatte, eine Dame habe im Waarenhaus Wertheim einen Teppich um 75 Mark erstanden und sei kurz darauf zugegen gewesen, wie eine ihr bekannte Dame den gleichen Teppich bei Rudolf Hertzog um 55 Mark gekauft. Auf ihre Vorstellung sei ihr im Waarenhaus Wertheim der Teppich unter Rückzahlung des Kaufpreises wieder abgenommen worden. Herr Liebermaun von Sonnenberg hatte thatsächlich Unwahres berichtet. Der Vorfall hatte sich überhaupt nicht ereignet, auch war nichts geschehen, was zu der Erzählung hätte Anlaß geben können. Algerien. Der Führer des französischen Hetz- und Radau-Antisemitismus Eduard Drumont, ist mit einer gewaltigen, sicher seine eigenen Anhänger überraschenden Mehrheit zum Abgeordneten der Stadt Algier gewählt worden, und zwar obwohl sein Gegencandidat, der bisherige Deputirte Samary, sich gleichfalls, wenn auch in gemäßigter Form, zum Antisemitismus bekannte. Gewiß haben viele anders gesinnte Wähler sich aus Furcht vor dem erregten und gewaltthätigen Pöbel der Stimmabgabe enthalten — aber die Thatsache, daß über elftausend Voten für Drumont abgegeben worden sind, verliert dadurch wenig an ihrer Bedeutung. Wie ist es möglich, daß unter der großen Menge der französischen und der als Franzosen naturalisirten italienischen und spanischen Bevölkerung Algiers ein so grimmiger Antisemitismus platzgriff? Die Erklärung bietet M. P h i l i p p s o n in einem Artikel der „Nation". Unter den 4,125.000 Bewohnern, die Algerien nach der Volkszählung von 1891 besitzt, gibt es nur 273.000 Franzosen. Von diesen sind noch 50.000 Soldaten, etwa 4000 Beamte, ungefähr 20.000 Angehörige der letzteren, sowie der Qfficiere und Unterofficiere in Ansatz zu bringen. Die eigentliche Civilbevölkerung Algiers, französischer Nationalität, beträgt also kaum 200.000 Seelen, noch nicht den zwanzigsten Theil der gesammten Population. Diese verschwindende Minderheit aber besaß bis zum Jahre 1870 allein politische Rechte, wurde bei jeder Gelegenheit vorgezogen, berücksichtigt, unterstützt, sah mit gleicher Verachtung auf die Millionen der einheimischen Mohammedaner und auf die etwa 40.000 eingeborenen Juden herab. Da ertheilte mit einem Schlage die „Negierung der nationalen Vertheidigung" den algerischen Israeliten das Bürgerrecht. Freilich sind die algerischen Juden, denen die französische Herrschaft Befreiung von ärgster Unterdrückung und steten Mißhandlungen gebracht hatte, immer treue, ja begeisterte Anhänger Frankreichs gewesen. Aber die französische Bevölkerung Algeriens sah mit Entrüstung und Neid die massenhafte Gleichstellung eines bisher von ihr gering geschätzten Elementes, von dem sie überdies einen rührigen und erfolgreichen Wettbewerb sowohl in privater Erwerbsthätigkeit wie für politische und administrative Aemter fürchtete. Die Klagen über die Emancipation der Israeliten, sowie die Forderungen, solche rückgängig zu machen, begannen sofort, lange Zeit bevor in Frankreich selbst an die Möglichkeit einer antisemitischen Strömung nur zu denken war. Die weitere Entwicklung der Dinge hat dann den Gegensatz lediglich vertieft und verschärft. Die Zustände in Algerien sind, wie ich in diesem Frühjahr mit eigenen Augen beobachten konnte, keineswegs erfteulich; das Land vermag sich durchaus nicht zum Wohlstand zu entwickeln. In den größeren Städten, zumal in den Küstenorten, findet sich der Abschaum der südfranzösischen, spanischen, italienischen und Malteser Bevölkerung zusammen, ein schlimmer und nichtsnutziger Pöbel, der nicht von redlicher Arbeit, sondern von Betrug, Diebstahl und Gewaltthat jeder Art leben will. Die ungeheure Mehrzahl der arabischen und maurischen Bevölkerung besteht aus grundsätzlichen Faullenzern, die nur so viel thun, um ihre überaus bescheidenen Bedürfnisse von einem Tage zum andern beftiedigen zu können. Daher werden von der gesammten Oberfläche Algeriens mit 2 Percent, sage zwei Percent, landwirthschaftlich ausgenutzt — und diese meist noch schlecht, so daß der Hektar Getreideland durchschnittlich nur sechs bis neun Centner Erträgniß bringt. Die Industrie beschränkt sich fast ausschließlich auf Tabakfabrikation, auf Schneide- und Oelmühlen und nährt einige 40.000 Arbeiter, zumeist mohammedanische Eingeborene. Das Eisenbahnwesen ist wenig entwickelt und besteht, mit zwei Ausnahnlen, lediglich aus einer Küstenbahn. So kommt es, daß, obwohl die Colonisten von Steuern erdrückt werden — 85 Franken auf den Kopf — Frankreich jährlich noch 75-90 Millionen für das Budget Algeriens zusteueru muß. Die bedrängte Lage der europäischen Einwohnerschaft wurde durch die schlechten Ernten, die seit fünf Jahren Algerien betroffen haben, bis zur Unerträglichkeit verschlimmert. Kein Wunder, daß Alles geldarm und in Noth ist, die Landleute ebensowohl wie die Städter, die letzteren allerdings zum großen Thcile, weil sie in ihrer Mehrzahl nach arbeitsscheu und liederlich sind. Nur eine Classe befand sich in günstigeren Umständen: die Juden. Die Unduldsamkeit und der Fanatismus der Mauren hatte die Juden vom flachen Lande vertrieben und in die engen Ghetti der Städte gebannt. So ist aus ähnlichen Ursachen, wie in Europa, auch in Algerien der Israelit so gut wie ausschließlich Städtebewohner geworden. Als solcher beschäftigt er sich hauptsächlich als Handwerker. Die Schneider, Weber, Sticker. Schuhmacher, Goldarbeiter sind zu weit überwiegendem Theile Juden. Daneben besitzen sie auch die meisten Ladengeschäfte. Durch Nüchternheit, Fleiß und Familiensinn zeichnen sie sich vor der Mehrzahl der sonstigen städtischen Bevölkerung aus, und, verbunden mit ihrer Intelligenz und Betriebsamkeit, brachten jene Eigenschaften ihnen einen Wohlstand, der grell von der kläglichen Lage der Menge der europäischen Bevölkerung absticht. Wirklicher Reichthum findet sich dort beinahe allein unter den Juden. Solche Verhältnisse mußten den Neid und die Abneigung, die aus den früher erwähnten politischen Umständen ohnehin gegen die Juden herrschten, beträchtlich steigern. Dazu kam, daß die letzteren mit ihrem relativen Rcichthum natürlich die einzigen Geldverleiher waren — also Leute, die man nur im Augenblicke des Borgens liebt, sonst aber mit Haß und Schimpf bedenkt. Unzweifelhaft haben auch manche jüdische Geldleute ihre wirthschaftliche Ueberlegenheit zu gewissenlosem und grausamem Wucher mißbraucht; und je mehr man den Juden ihre Stellung mißgönnt, desto eifriger verallgemeinerte man solche Einzelfälle gegen eine ganz fleißige und nützliche Gesellschaftsklasse. So begannen die antisemitischen Unruhen in Algerien bereits im vergangenen Jahre. Halbsocialistische Radicale übernahmen die Führung. Der aus ihren Reihen hervorgegangene Generalgouverneur Cambon hat diese Richtung nach Kräften gefördert. Das Wiederaufleben der Dreyfus-Angelegenheit, der Zola-Proceß regten dann im Beginn des jüngsten Winters die Leidenschaften noch mehr auf und umkleideten die Gehässigkeit mit dem Mantel des Patriotismus. Eine wüste Presse entstand, die auf alle schlechten Eigenschaften des Pöbels speculirte und diesen durch Lügen, Verleumdungen und Brandreden jeder Art bis zu wahnsinniger Wuth aufstachelte. Diese Schandpresse trägt die Hauptschuld an den schmachvollen Vorgängen in Algier, auch an den Mord- und Plünderungsscenen, die die Hauptstadt der Colonie im vergangenen Jänner erfüllten. Zum Glück wurde Cambon durch