Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 390 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 20 Biele, die nicht da sind! Es ist auch nicht Jedermanns Sache, sich als israelitischer Industrieller oder Gewerbsmann an einem Unternehmen zu betheiligen, in dessen Repräsentanz sich Herren L la Gregorig und dieser sogar selbst befinden, um dann als Judenaussteller, welcher den Christen die Kundschaft „wegfischen" will, im „Deutschen Bolksblatt" infamen Angriffen und durch nichts begründeten Beschimpfungen ausgesetzt zu sein. Der erwähnte Herr Volksvertreter hat ja für eine frühere Exposition das Wort vom „Tandelmarkt" gefunden; nach seiner Anschauung wäre es nur wieder ein „Tandelmarkt", dem er seine werthvolle Unterstützung geliehen hat. Wir wollen die Motive seiner Sinnes- 'änderung oder vorläufigen Meinungsunterdrückuug nicht weiter untersuchen. Die Person eines derartigen Mannes ist ja im Grunde so herzlich unbedeutend! Sich ernsthaft mit ihr zu befassen, geht nicht gut an. Diesmal schaut eben möglicherweise ein Orden heraus und man hat Kreuz- und Knopflochschmerzen offenbar. Wie schön nimmt sich solch' herziges Dingelchen nicht aus neben der in schneeigem Weiß erglänzenden gestärkten Hemdbrust, wenn es so an seinem zarten Kettlein hin- und herbaumelt! Also diesmal — kein Tandelmarkt!! Der Pavillon der Stadt Wien bietet Anlaß zu eingehendem Studium. Man kann sich so seine Gedanken machen nnd lehrreiche Vergleiche ziehen zwischen glorreichem Einst und tief beschämendem Jetzt! In einem Saal prangen da an den Wänden lebensgroß in schweren goldenen Rahmen die Bildnisse der Bürgermeister von Wien vom Anfänge des Jahrhunderts an bis auf die Gegenwart herunter. Wir sehen von Canon's Meisterhand den trefflichen Doctor Cajetan Felder neben dem unvergeßlichen Andreas Zelinka. Das waren Männer, felsenharte, nackenstcife Charaktere, die etwas auf sich hielten und sich immer bewußt waren: „Ich bin jetzt Wien!!" Auch den eisernen Prix erkennen wir. Wie eine Säule steht er da, so fest und ruhig und besonnen und war doch sein Fundament schon untergraben und unterwühlt! Was hatte der Mann nicht Alles zu erdulden, durch welches Kochmeer von Niedertracht mußte er waten! Ein Marchrium bedeutete für ihn und Grübl die Zeit, da sie die güldene Ehrenkette trugen. Neben Prix der schwache, greisenhafte, gutmuchige Uhl, von Stauffer gemalt. Damals fing es an. Lasten wir den Blick aber gleich auf die anstoßende Wand hinübergleiten, so scheu wir einen dicken Herrn im Frack, dessen feiste Füße in glänzende Lackstiefletten hineingezwängt sind; er hat höchst theatralisch einen schweren Pelz um seine breiten Schultern geworfen. Das seitliche Antlitz zeigt einen wenig intelligenten, dafür um so brutaleren und gewaltthätigeren Ausdruck. Die niedere Stirne ist ingrimmig gerunzelt, schwere senkrechte Falten graben sich zwischen den zusammengezogenen Augenbrauen ein und stechend schießt der wilde Blick darunter hervor. Ja, so mag der große Bürgermeister Herr Josef Strobach aussehen, wenn er mit einem „besoffenen S... . kerl" von Com-- fortablelenker ein Rencontre hat, oder wenn er gerade einem jüdischen kleinen Wohlthätigkeitsverein die Subvention von zweihundert Gulden kurzweg streicht oder ähnliche Großthaten zu verrichten im Begriffe ist. Wir fragen bescheidentlich: „Wie kommt denn der arme Steuerlastträger dazu, daß aus öffentlichen Gadern kostspielige Bildnisse von Personen wie Strobach, angefertigt werden?! Bedeutet das nicht einen schweren, unverantwortlichen Mißbrauch mit den Baarbeständen der Stadt? Vergißt man, daß auch jüdische Gelder mit dabei waren, daß Strobach nichts, absolut nichts Verdienstliches während seiner Bürgermeisterei von einem einzigen armseligen Jahr geleistet hat, das ihn solcher Auszeichnung würdig erscheinen ließe! Was er gethan und Unterlasten, ist derart von Parteigelst, sofern man das noch „Geiste nennen mag, Parteileidenschast, Parteihader erfüllt, weist auf einen derart eng begrenzten Horizont und kleinherzigen Pfahl- und Mastbürgerstandpunkt hin, daß auch seine politischen Freunde sich's wohl eingestehen müssen: Man compromittirt ihn nur, man bringt seine Figur blos in die lächerlichste Contrastwirkung, wenn man einen Josef Strobach neben Seiler, Felder, Zelinka, Prix und auch nur neben Newald und Uhl hinhängt. Natürlich ist auch unser „lieber Doctor Lueger" abgemalt worden. Nervös steht er da, ftagend, unruhig: „Na, was ist's denn mit dem Baron?" Er hat sich inzwischen die Auszeichnung des lebensgroßen Bildnisses selber taxfrei verliehen, weil er die Zeit offenbar benützen muß, nachdem doch mit Sicherheit auzunehmen ist, die Nachwelt werde zum Mindesten sehr darüber im Zweifel sein, ob sie ihn würdig befinden werde, in so edler Gesellschaft, wie die genannte, zu erscheinen. Und natürlich wieder aus Steuergeldern — woher auch sonst? — wurde diese Selbstberäucherung und Eigenverhimmelung bestritten. Der arme Grübl hat nicht daran gedacht, sich einzureihen, der hatte Anderes, Ernsthafteres zu besorgen. Aber unserem vielbeschäftigten Lord-Mayor lassen die Gasröhrenbrüche noch übrige Zeit genug, und was das Geld anbetrifft, so haben wir's ja und können 's uns ja leisten. Wir streichen es einfach irgend einem, dem nächstbesten Bildungs- oder Armeleutverein. Wir haben auch Gelder für Flaggenmaste von der Burg bis zum Praterstern hinunter, obgleich der Kaiser sich alles Derartige strict und entschiedenst verbeten hat. Wohlthätige Stiftungen, die lagen in den edlen Intentionen des hochgesinnten Monarchen, nicht alberner Byzantinismus, noch dazu kostspieligster Art. Die Steuergelder werden auf eine geradezu unsinnige Weise ' vergeudet! Was für künstlerischen oder sonstigen Zweck hatte etwa um Himmelswillen, daß man für zehn oder gar noch mehr tausend Gulden von dem Bildhauer Pendl die innere Stadt Wien aus Holz und Pappendeckel anfertigen ließ?! Welch' müh- und armselige Spielerei! Der Mann hat sich ja recht sehr abgeplagt, all' die tausend Häuslein auszuschneiden und zusammenzukleistern — aber hat diese Spielerei Kunstwerth oder praktischen, ist eine Sammlung von Photographien oder von Aquarellen nicht deutlicher, werthvoller, eine kartographische Aufnahme nicht genauer, als diese unsinnige Spielereiwarenschachtel? Wenn noch wenigstens das Haus des Herrn Stadtrathcs Purscht besonders gekennzeichnet wäre! Dieses Pensionat hätte ja Anempfehlung verdient. Möglicherweise übersiedelt der Herr Stadtrath demnächst in's Rathhaus mit seiner ganzen — Familie und es werden ihm daselbst Amtswohnungen zur Verfügung gestellt. Jedenfalls sollte seine Büste und die des Gregorig in Carraramarmor angefertigt werden. Sie verdienen diese Ehre, genau so wie Strobach die seine. Es darf ferner auch nicht unerwähnt bleiben, daß auf fast allen künstlerischen Aufnahmen von Wiener Straßen und Plätzen, welche sich, in Oel- und Wasserfarben ausgeführt, im Besitze des städtischen Museums befinden, die jüdischen, oder auch nur jüdisch klingenden Namen der Geschäftsinhaber auf den Firmenschildern sehr verwischt, undeutlich, ja unlesbar ausnehmen, während ihre arischen Concurrenten von allen Blendreflexen verschont geblieben sind. Es scheint sogar in einigen Fällen nachträgliche Uebermalung vorgenommen worden zu sein und verweisen wir auf die Aufnahme des Grabens von Petrovits, den Optiker Schleiffelder kann man z. B. genau lesen, den Schneider Grünbaum viel weniger deutlich und — furchtbares Dilemma — die „Gebrüder Hirsch" schon gar nicht. Die sind mit Kremserweiß derb überpinselt worden. Der Maler wird vielleicht sagen: Er habe es nicht .gesehen, jedoch diese eigenthümliche Art Kurzsichtigkeit wird ihm wohl Niemand recht glauben. Sie ist politischer Art. . . Man verläßt mit Vergnügen den Pavillon der Stadt Wien und athmet freier auf, wenn man einmal draußen ist. Ein Stück Rathhaus! Dieselbe drückende Stickluft, die einem schwer auf der Brust lastet ... Der Pavillon der Polizei bietet gewiß manches Lehrreiche und Interessante. Doch erscheint es uns als sehr rügenswerth, daß auf die rohen Jnstincte der Menge speculirt wird und ihrer Schaulust Objecte grauenvollster Art dargeboten werden, welche besser nie an das Licht der Oeffentlichkeit heraufgekommen wären. In Schau-Schränken sind die grauenvollsten unterschiedlichen Mordwerkzeuge beisammen zu sehen. Sie werden nur mit Gruseln und geheimen Schaudern in genauem Augenschein genommen. Jedes Messer hat schon seinen Menschen getödtet, jeder Revolver eine todtbringende Kugel versendet. Daneben Bügeleisen, Gewichte und unzählige andere zu Mordwerkzeugen beförderte Gegenstände des gewöhnlichen Gebrauchs. Sogar der Hammer, mit dem der unselige Eichinger seinen Chef, den Advoeaten Rothziegel, gefällt, ist da! Was soll das auf die arme Familie des Opfers für Eindruck machen, wenn sie ahnungslos den unter Glas erblickt?! und die unschuldige Gattin des Mörders, der ja seine gerechte Strafe Jahr um Jahr schwer abbüßt?! Was hat das Alles in einer Kaiser- Jubiläums-Ausstellung zu suchen! Unser jüdisches, feineres Gefühl sträubt sich gegen all' diese Greuel, es bäumt sich auf dagegen und reagirt ebenso heftig auch gegen die photographischen scheußlichen Aufnahmen aller Mord- und Schandthaten. D amitwolltJhr unfern guten, edlen Kaiser feiern undehren, dessen Wesen Milde u it b