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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-20 · 20 (20.5.1898) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
20 (20.5.1898)
Date
1898-05-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 386 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 20 Ein Einblick in das Grundbuch belehrt sofort, daß sich Herr Stadtrath P u r s ch t bei dem Ankäufe des Hauses Spittelberggasse 9 auf den Namen der Philomena Mark nur gedeckt. Er ist Pfandgläubiger und Mitintereffent des Hauses geworden, welches als Lasterhöhle eine sehr bedeutende Jahresrevenue abgeworfen hat. Philomena Mark war die nominelle Eigenthümerin, der wirkliche „Herr des Hauses" aber war — Alexander Purscht. Mein es kommt noch ein Anderes dazu: Noch eine weitere Enthüllung des „Wiener Tagblatt". Man kennt jene Compagnien, welche sich zusammenthun, um bei den Licitationen die zur Versteigerung kommenden Effecten spottbillig anzukaufen. Theils durch die Verabreichung von Schweiggelderrr, theils durch die Gewährung eines Autheils an dem Profit des „Chabrus" werden die zur Licitation Erschienenen veranlaßt, nicht mitzulicitiren. So fallen die Sachen meist halb umsonst in den Rachen des „Chabrus". Dieselben werden dann verkauft und die Compagnie theilt sich in die Beute. Auf diese Weise sind zahllose Geschäftsleute, Beamte und andere Personen, die das Unglück einer executiven Feilbietung ereilte, um ihre letzte Habe gebracht worden. |) Herr Purscht hat Jahre hindurch als Genosse des „Chabrus" bei den Licitationen theils gegen Entgelt geschwiegen, theils eine active Rolle als „Chabrus"-Mitglied gespielt. Ein besonders markanter Fall wird uns von einer Licitation erzählt, die im Etabliffement R u ß auf der Hernalser Hauptstraße stattgefunden hatte. Der „Chabrus" gab Herrn Purscht einen größeren Betrag als Schweiggeld, damit er nicht mitlicititt. Als die Effecten verkauft waren, ersuchte Purscht den „Chabrus", man möge ihm bei der Versteigerung des Weines auch einen „Ruf" lassen, er werde den Wein auch zur Compagnie geben. Man entsprach seinem Ansuchen. Purscht kaufte tatsächlich, von anderen Licitanten nicht angefochten, den Wein um einen wahren Schleuderpreis. Zum Aerger der Compagnie behielt er ihn aber für sich und der „Chabrus" hatte das Nachsehen.; Im Hause des Herrn Purscht in der Calvarienberggaffe war ein Spielwaarenhändler etablirt, der zu Grunde ging. Das Waarenlager kam zur executtven Versteigerung. Purscht ersuchte bei der Licitatton den „Chabrus", er möge ihm Alles lassen, da er den Zins zu fordern habe. -Dem „Genoffen" wurde das Verlangen bewMgt. Purscht kaufte Mes allein, wie er wollte, um die niedrigsten Preise. Der Spielwaarenhändler hatte einen großen Verlust erlitten, er war ruinirt und weinte bitterlich. Selbst die harten Männer des „Chabrus" waren von Mitleid erfüllt. . . Herr Purscht war nicht engherzig. Er trug den Umständen jeweilig Rechnung. Bei einer Licitatton in der Gschwandnergaffe begnügte er sich mit einem Schweiggeld von zwei Gulden... Eme Neuigkeit zur Zola-Dreyfus-Affaire. Paris, 15. Mai. Gerüchtweise verlautet, daß einer der Officiere, die im Zola-Proceß und schon vorher im Dreyfus-Proceß eine Rolle gespielt haben, irrsinnig geworden sei. Bevor ich indessen den Namen nenne, wird es besser sein, nähere Nachrichten abzuwarten. Die romaneske Art, in welcher der Betreffende seine Torquemadarolle spielte, ist mir in der That immer verdächttg erschienen. Bestätigt sich das Gerücht, so muß man wirklich bekennen, daß der arme Dreyfus, von dem im Augenblick fast gar nicht die Rede ist, wirklich unter einem Unstern geboren wurde; starb doch der Oberst Sandherr, der an der Spitze des militärischen Spionendieustes stand und seine militärgerichtliche Verfolgung veraylaßte, an der Generalparalyse, während der vielgenannte Herr Bertillon mit seinen berüchtigten „Batterien" als Schriftverständiger dem höchsten Unverstand zum Siege verhalf. Eine Frage. Herr Professor L. Herzel in Brody hat über die angeregte Frage seine Ansicht in einem Schreiben an mich ausgesprochen, welches wegen zu großen Umfanges von der Redaction dieses Blattes nicht veröffentlicht werden konnte. Hören wir nun, wie Herr Mandl über die von ihm aufgeworfene Frage selber denkt und was er in feinem lichtvollen, philosophisch gehaltenen Schreiben darüber sagt. Er schreibt: Sehr geehrter Herr Doctor! Ich bitte, auch einem Familienvater, dessen Streben, seine Kinder zu wahrhaften Israeliten heranzubilden, zum Ziele geführt hat, über die von Ihnen in die Oeffentlichkeit gebrachte Frage eine Aeußerung zu gestatten. Mir vor Augen haltend, daß meine Zöglinge nicht blos durchs Glaubensbekenntniß, sondern auch durch ihr ganzes Thun und Lassen für die grundlegende Wahrheit: „Gott, der Schöpfer, ist einig-einzig", Zeugeuschaft abzugeben haben, habe ich meinen Unterricht auf folgende Grundsätze gestellt: ' Die den Mittelpunkt der Religion Israels bildende Gottesidee ist weder ein unter Verzichtleistung auf's Denken iiberliefertes Glaubensprincip, noch ein durch Beurtheilung und Erwägung von Thatsachen und Erscheinungen entstandener Begriff, sondern ein Spiegelbild in der Tiefe des dem Sittlich-Guten zugewendeten, nach innerer Uebereinstimmung strebenden Gemüthes. Neben thierischen Jnstincten und Trieben tauchen im Menschenwesen selbstlose Regungen gebieterischen Charakters auf, die ihnen widerstreiten. Den Widerstand gegen den sinnlichen Willen fühlend, findet der nach innen leuchtende Geist den moralischen Einfluß eines Außenwillens, den er durch die Idee vom Sein und Walten des Schöpfers aufhellt. Die Macht des Edlen im Gemüthe beruht auf dessen Sanction durch den höchsten Willen und bekundet in Folge das Sein des erhabensten Wesens. Demgemäß anerschaffen offenbart sich die heiligste Wahrheit dem moralisch freien, ungetrübten Geiste von selbst. Einer solchen Entfaltung ihrer religiösen Anlage waren in Geist und Gemüth gut geartete Menschen seit jeher fähig; davon finden sich deutliche Spuren in den Geschichten aller Völker. Dieser Umstand wird nur zu leicht übersehen, weil man in der Regel schon dem zarten Kinde religiöse Begriffe beibringt, die gewöhnlich herrschend werden und bleiben. Auch wo glücklicherweise eine geläuterte Vorstellung vom höchsten Wesen überliefert wurde, bildet sie nicht einen Gegenstand des Bewußtseins, sondern nur eine mehr oder minder festgewurzelte Ansicht, die die Vernunft unter Umständen zu erschüttern vermag. Es kann indeß auch der bloße Glaube an den Höchsten in eine nie zu erschütternde Ueberzeugung umgewandelt werden, wenn er, auf das Innere der Gesinnung veredelnd wirkend, von thätigen Tugendprincipien beleuchtet wird. Es ist das die Erleuchtung, von der der Prophet Jeremias sagt: „Dies ist ja die Erkenntniß meines Wesens, spricht der Ewige!" Wer von dieser Basis aus die Natur betrachtet, wird durch die Wahrnehmung des Zusammenhanges, Zusammeuklanges und der Gesetzmäßigkeit zur Ehrfurcht und Andacht gestimmt, dem erzählen Himmel und Erdein nicht mißzuverstehender Weise von der Herrlichkeit Gottes. Der biblische Schöpfungsbericht ist der Adelsbrief der Menschheit. Vernunftbegabt durch einen Abglanz des Höchsten hat der Mensch das specifisch Menschliche zu achten; das Jnnewerden der absoluten Menschenwürde der eigenen Person und ihre Werthschätzung an Andern ist unerläßliche Grundlage der Wahrhaftigkeit, Nächstenliebe und aller moralischen Freiheit. Die ganze Welt ist das Reich eines Urhebers, und die Wesen, die er in seinem Ebenbilde geschaffen, welcher Art auch ihre religiöse Auffassung sein mag, sind zusammengehörig; es geschieht ja der Ehre unseres Gottes kein Abbruch dadurch, daß Ändere Anderen dienen, denn der unbewußte Drang zum Höchsten ist die Triebfeder zur Verehrung des Hochscheinenden. Ein Gott, eine Welt, eine Menschheit; darum auch über Confession, Race und Classe hinausgreifende Güte, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Treue! Wenn dem Stamme Israels trotzdem eine absondernde Lebensweise vorgezeichnet wurde, geschah dies, um ihm, dem Träger dieser und verwandter Wahrheiten, immerwährende Dauer und ihnen selbst den Fortbestand zu sichern. Durch fromme, auf die Cultur des Gemüths und Innenlebens gerichtete Bestrebungen hervorragender Ahnherren zum Volke geworden, in den Dienst des Heiligsten gestellt, für die umfassenden ethischen Begriffe bewußt und unbewußt kämpfend, blutend und leidend, hat Israel, Jahrtausende durchmessend, die erhabensten Ideale der Menschheit durch das wüste Gedränge der Völkergeschichte hindurchgetragen und noch jetzt die Aufgabe, sie allen mystischen, speculativen und wissenschaftlichen Verirrungen des Menschengeistes zum Trotz zu erhalten. Und immer, wenn zu Viele, dieser Mission vergessend, der Lebensheiligung entsagen wollen, oder, der Hab- und Genußsucht fröhnend, in Lüge, Heuchelei und Laster zu versinken drohen, wird sie uns vom Neuen aufgedrungen, indem man uns auf peinlichste Weise fühlbar macht, wie sehr die Menschheit dieser Ideale bedarf und wie weit sie noch von ihnen entfernt ist. Nun, mein lieber Herr Doctor, wird Ihnen, dem die naheliegendeu Quellen, aus denen ich meinen Unterrichtsstoff gehoben, vorzüglich bekannt sind, leicht klar sein, was gegen das

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