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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-20 · 20 (20.5.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
20 (20.5.1898)
Date
1898-05-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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dir. 20 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 385 Herstellung seiner Ehre fordern würde. Vor vierzehn Tagen hat sich hier die Inhaberin eines Frendenhauses vom Fenster ihrer Wohnung herabgestürzt; sie vollbrachte die That vor den Augen ihres Geliebten und dieser Geliebte der Kupplerin war der Gemeinderath der Stadt Wien und Stadtrath Alexander P u r s ch t. Allein nicht blos daß er der erklärte und ständige Liebhaber einer Person war, die von der Schande verlorener Seelen lebt, ist durch diesen Selbstmord bekannt geworden Es wird vielmehr behauptet, daß Alexander Purscht aus dem schändlichen Gewerbe seiner Maitresse Bortheil gezogen hat, daß der Gemeinderath Purscht und die Kupplerin nicht blos ein Liebespaar gewesen, sondern eine Commandit-Gesellschaft zum Betriebe eines Etablissement ä la Tuschl gebildet haben. Das Hans, in welchem dieses Etablissement betrieben wurde, hat Herr Purscht gekauft und es auf den Namen seiner Geliebten schreiben lassen, alle Rechnungen und die Ausweise über die Einnahmen, die in dem „Geschäfte" erzielt wurden, mußten zum ,,gnä'Herrn" gebracht werden und der „gnä'Herr" war selbstverständlich Herr Alexander Purscht. Man hätte nun glauben sollen, daß nach Bekanntwerden dieser Thatsache die Wähler des Herrn Alexander Purscht an denselben die Aufforderung richten werden, sich über diese Dinge zu äußern und entweder die Unwahrheit der scandalösen Anwürfe zu erweisen oder vom Schauplatze seines öffentlichen Wirkens zu verschwinden. Das primitivste Ehrgefühl nruß doch den Wählern sagen, daß sie sich von einem solchen Manne unmöglich vertreten lassen dürfen, daß es eine Schande für die Stadt sei, wenn ein solcher Mann im Gemeinderathssaale erscheinen darf. Allein die Epoche der Ernst Schneider, Vergani und Mittermayer verträgt auch den Geliebten und Compaguon einer Kupplerin als einen der Führer jener Partei, welche sich der Herrschaft in Niederösterreich und in Wien bemächtigt hat. * * * „Die Gemeinde hat Alles daran gesetzt, um die Ehre der Stadt Wien gegenüber einer ausbeuterischen Gesellschaft mit aller Kraft zu wahren", sagte der Bürgermeister Herr Dr. Karl Lueger. Die Ehre der Stadt Wien — welchem Bürger der Metropole sollte sie nicht am Herzen liegen? Der Bürgermeister sprach da nicht von dem „städtischen" Liebespaar Alexander und Philomena, deren Ausbeutung sich ja nur ans eine Anzahl lasterhafter Personen beschränkt, sondern von der englischen Gasgesellschaft. Die Ehre der Stadt Wien soll es gewesen sein, die den Kampf gegen die Gasgesellschaft und den Bau neuer Gaswerke erforderte. In dieser Frage aber, die eine reine Ziffern- und Geldfrage war, hatte nicht die Ehre, die dabei gar nicht in Betracht und gar nicht in Frage kam, sondern nur der V o r t h e i l der Stadt, das I n t e r e s s e der Commune und der Gasconsumenten zu entscheiden. Aber angenommen, wenn auch nicht zugegeben, daß die Ehre der Stadt Wien in dem gegebenen Falle den Bürgern Opfer auferlegt hätte, die sich ans viele Millionen Gulden belaufen. „Alles sei verloren, nur die Ehre nicht", sagte der Staatsanwalt im Processe Ofenheim. Wie konnte bei einem so brennheißen Ehrgefühl der Gemeinderath und der Bürgermeister den Herrn Alexander Purscht in den Stadtrath wählen? Kommt die Ehre der Stadt Wien nur dann in Betracht, wenn es sich darum handelt, große Arbeiten auszuführen und Lieferungen auszuschreiben, bei denen auf Kosten der Steuerträger colossale Summen verdient werden, und gilt die Ehre der Stadt Wien nichts, wenn es sich um die öffentliche Stellung eines antisemitischen Häuptlings handelt? Es wäre ungerecht, den Charakter und die Lebensführung eines einzelnen Mannes einer ganzen Partei zur Last zu legen. Die Enthüllungen über das Leben und Treiben des Herrn Alexander Purscht haben aber demselben in den Augen seiner Partei nicht geschadet. Ungeachtet dieser Enthüllungen hat sie ihn auf die Dauer von sechs Jahren neuerdings in den Stadtrath gewählt und fast unmittelbar nach dieser Wahl wagt es der Bürgermeister, öffentlich von der Ehre der Stadt Wien zu sprechen! Wo war denn diese Ehre versteckt, als der Bürgermeister die Candidatur und die Wahl des Purscht in den Stadtrath duldete? Allerdings ist ja eine ausreichende Erklärung dafür vorhanden, warum diesem Manne Alles verziehen werden mußts — er ist ein Antisemit. Hat dem. Einen die Stampiglienfälschung und die Bewerbung um falsches gerichtlichls Zeugniß das Vertrauen seiner Wähler nicht geraubt, die ihn in den Reichsrath entsendeten, so darf man wohl einem einfachen Stadtrath auch die geräuschlose Theilnahme an dem Betriebe eines Bordells verzeihen. Die Unterschlagung von Gemeindeobligationen ist eine harmlose Schlamperei, wenn der Defraudant ein Antisemit ist. Warum sollen also die Parteigenossen mit Herrn Purscht wegen einer einträglichen Liaison mit einer kleinen Kupplerin in Zwiespalt gerathen? Wie schön sagt doch Mittermayer von dem bewußten Portemonnaie mit den 9 fl., es war ein Jugendstreich. Fassen wir das Verhalten des Herrn Purscht mit der gleichen Nachsicht auf als eine jugendliche Verirrung, wenigstens als eine Verirrung jener Jugend, die bei der seligen Frau Philomena Mark Unterschlupf gefunden hat. Ihr Thun und ihr Laffen mag uns daher auch nicht weiter beschäftigen und es ist auch nebensächlich und wirklich — weil es sich ja um einen Antisemiten handelt — kaum erwähnenswerth, daß Herr Purscht sich auch als Licitationshyäne einiges Geld verdient und Schweiggelder von 2 fl. aufwärts für's Nichtlicitiren bekommen haben solle, halten wir uns vielmehr an die erfreuliche und lehrreiche Thatsache, daß Philomenen's Alexander dem Stadtrath erhalten bleibt, dank der erhebenden Eintracht einer Partei, die alle Kraft daran setzt, umdie Ehre der Stadt Wien zu wahren. * * * Eines der intereffantesten Objecte in der Jubiläumsausstellung ist der Pavillon der Polizeidirection, welche ein förmliches Criminalmuseum zusammengeftellthat. Man findet da die Tagebücher des Einbrechers Groschl und des Fälschers Kräuthauf, den berühmten Brief Francesconi's an sich selbst und viele andere Reminiscenzen an die Sensationsprocesse der letzten Jahrzehnte. Dem Vernehmen nach sollen in das Criminalmuseum noch folgende Gegenstände kommen: Authentische Abschrift eines Meineides, abgelegt von einem Universitätsprofessor. Eine falsche Stampiglie. Eine schriftliche Anleitung, wie man durch eine falsche gerichtliche Anzeige Geld verdienen und einer Partei nützen kann. Ein Bild von Gabriel Max, darstellend eine gestohlene Brieftasche und betitelt: „Die Sünden der Jugend". Endlich eine defraudirte Gemeindeobligation und das von H o r o w i tz gemalte Porträt eines gut genährten Spitzbuben. * * * Es verlautet, daß jene antisemitischen Gemeinderäthe, welche sich bei der Wahl des Purscht in den Stadtrath der Stimmenabgabe enthielten, eine Agitation einzuleiten beabsichtigen, um die Wahl ungeschehen zu machen. Sie sollen erklärt haben, sie hatterk aus Parteirücksichten schon Manches nachgesehen, aber die Geschichte von der Betheiligung Purscht's an dem Kleingewerbe seiner Philomene sei ihnen denn doch wider den Strich gegangen. RobertWolf. Ein Wiener antisemitischer Stadtrath. Herr Alexander Purscht, gewesener Specerei- und Manufaeturwaarenhändler, Hausbesitzer, antisemitischer Bezirksschulrath und Gemeinderath der Stadt Wien, wurde in der letzten Gcmeinderathssitzung abermals zum Stadtrath gewählt. Die Wahl wurde von einigen Gemeinderäthen mit dem Rufe: „F r e i e L i e b e" begrüßt. Was diesen Zuruf veranlaßte, ist eine recht merkwürdige Geschichte, die wir schon aus Reinlichkeitsgründen einfach übergehen würden. Nun wurden aber gegen Herrn Purscht vom „Wiener Ta gb l a t t" in sehr detailttrter Weise Beschuldigungen erhoben, die den Herrn zu allem Anderen eher geeignet erscheinen lassen als zur Würde eines Gemeinde- oder Stadtrathes. Das „Deutsche Volksblatt", das sonst nicht mundfaul ist, wenn es sich um „Judenlügen" handelt, hüllt sich in tiefes Stillschweigen, und deshalb sind wir gezwungen, den Sachverhalt den Lesern mitzutheilen. Tie Sache ist folgende: Am 29. April tödtete sich die 42jährige ehemalige Prostituirte Philomena Mark durch einen Sturz aus dem zweiten Stockwerk des .Hauses Nr. 27 der Rögergasse, und zwar in Anwesenheit des Stadlrathes Purscht, der bei ihr zu Besuch war. Die Thatsache ist durch den Rapport der Freiwilligen Rettungsgesellschaft und die Polizeimeldung beglaubigt. Das „Wiener Tagblatt" behauptete nun, daß Herr Purscht mit der Selbstmörderin ein Verhältniß hatte und sie unterstützte. Dieser Behauptung, die bis jetzt unwidersprochen geblieben ist, hat das „Wiener Tagblatt" noch eine zweite hinzugefügt, die. noch mehr geeignet wäre, Herrn Purscht zu einer Erwiderung zu veranlassen. Es. erzählte nämlich, daß Herr Purscht unter dem Namen der Philomena Mark um 15.000 fl. ein von Prostituirten bewohntes Haus in der Spittelberggasse Nr. 9 gekauft habe, und daß er an dem reichen Erträgniß von etwa 10.000 fl. jährlich theilgcnommen, ein Compagnon eines Bordells gewesen sei. So steht es um die Sittlichkeit eines Känipfers gegen semitische Corruption und um die Moral des christlich-socialen Herrn Purscht. Stadtvater und Bordelltheilhaber reimt sich nicht.

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