Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Date
- 1898-05-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 20 Dr. Biock's Wochenschrift Seite 383 getheilt wurde. Es gelang uns, festzustellen, daß eine Maria P a n in Wien polizeilich nie gemeldet war und hier nie gelebt hat, daß die Johanna Tessinsky am 7. Juni 1897 (!) in der Wiener Findelanstalt an den Folgen einer Entbindung gestorben ist, daß die Marie N o w a k zur Zeit, als das „Deutsche Volksblatt" ihr spurloses Verschwinden meldete und hiefür die Juden verantwortlich machte, in Simmering, Simmeringer Hauptstraße 11 wohnte, wo sie von einem unserer Berichterstatter ausgesucht und gesprochen wurde, und daß lediglick die Thatsache des Verschwindens der Mariae Vojta auf Wahrheit beruhte. Dieselbe entfernte sich nach vierwöchentlicher Dienstzeit eines Abends mit Hinterlassung ihrer Effecten aus ihrem Dieustorte, IX., Servitengasse 13, nachdem sie vorher den Wohnungsschlüssel bei einer Nachbarin deponirt hatte, und blieb seither verschollen. Ihre Dienstgeberin, Frau Frankfurter, machte sofort selbst die Anzeige von dem Abgänge des Mädchens bei der Polizei. Ihr geisteskranker Bruder fuhr nach Wien, um seine Schwester zu suchen, wurde hier dem Pfarrer^ Dr. D e ck e r 1 in Weinhaus zugeführt und verbreitete, nach Hause zurückgekehrt, das Gerücht, seine Schwester sei in Wien von den Juderr umgebracht worden. Die alte Geschichte, die für Wien längst abgethan ist, wird nun in Prag zum Zwecke der Judenhetze neu aufgewärmt. Dort erscheint als Organ des frommen Cyrill- und Methnd- Bereins, ein Wochenblättchen „Lidovy List", an dessen Spitze ein erst jüngst vonr Prager Erzbischof ausgezeichneter Pfarrer steht. Am 27. April brachte dieses Blättchen einen Artikel unter der Ueberschrift: „Der Handel mit C h r i st e n b l u t", in welchem auf Grund einer Zuschrift des geisteskranken Bruders der Marie Vojta neuerdings das Märchen vorgebracht wird, die Vojta und die vier anderen oben genannten Mädchen seien in Wien von den Juden grausam ermordet worden. In dem Artikel heißt es wörtlich: „Marie Vojta aus Destua, 21 Jahre alt, Dienstmädchen, beschäftigt in Wien bei der jüdischen Familie Frankfurter, Servitengasse 13, verschwand voriges Jahr (die oben erwähnte Zuschrift des Dechants von Destna an das „Deutsche Volksblatt" datirt bereits vom October 1836! — Anm. d. Red.) und alle Nachforschungen nach der Verschollenen blieben erfolglos. Niemand wollte in dieser Sache etwas thuu. (Die Polizei hat die gründlichsten Nachforschung«'!! gepflogen. — Anm. d. Red.) Denn sie ging bei Juden verloren und die führe» doch einen Handel mit menschlichem Fleisch, das ist doch eine bekannte Sache. Der Bruder des unglücklichen, verschwundenen Mädchens hat bei den Sicherheitsorganen nichts ausgerichtet (!), als er diese um Hilfe ersuchte. Im Buche, welches alljährlich die Wiener Polizei ausgibt, werden immer mindestens 100 Mädchen angegeben, die spurlos verschwinden." Es wird dann die Lügengeschichte von dem Verschwinden der vier anderen Mädchen, die angeblich gleichfalls bei Juden bedienstet waren, von deren einem, der Julie Elias, aber festgestellt ist, daß sie nach Verübung eines Diebstahls aus Wien flüchtig wurde, erzählt und hinzugefügt: „Nach allen diesen fünf verschwundenen Mädchen blieben Kleider, Koffer, Dienstbücher in Wien zurück, auch bei der Vojta, bei der unter Anderm auch ein Sparkassebuch mit einem beträchtlichen Geldbeträge zurückblieb. Es ist deshalb kein Zweifel, daß sie, wie auch die anderen, ein Opfer der Menschenhändler geworden, oder durch Mörderhand zu Grunde gegangen ist". Der „beträchtliche Geldbetrag", den Marie Vojta zurückgelassen hat, beläuft sich auf — zehn Gulden, die heute noch nebst den anderen Effecten bei der Behörde erliegen und von Heinrich Vojta wiederholt vergebens reclamirt wurden, weil die Todeserklärung seiner Schwester noch nicht erfolgt ist. Die Redaction des „Lidovy List" behauptet dann ferner auf Grund der Angaben des Heinrich Vojta, daß der Polizeibeamte, welcher die Nachforschungen pflog, ein Jude sei. Das ist eine aufgelegte Lüge — der betreffende Beamte ist katholischer Confession. Dann5fährt der Artikel fort: „Der einzige Beschützer, den er fand, ist der Wiener Pfarrer, Dr. Decke rt, der sichderSache a nnahm und dieselbe mit Hilfe der antisemitischen Blätter ans Licht brachte." Das erklärt Alles! Pfarrer D e ck e r t hat die Geistesschwäche des Heinrich Vojta benützt, um diesem den Glauben beizubringen, daß seine Schwester und die andern vier Mädchen von den Juden ermordet worden seien. Pfarrer Deckert hat also den geisteskranken Heinrich Vojta als Werkzeug zur Aufreizung gegen die Juden und zur Verbreitung eines neuen Blntmärchcns mißbraucht! Dies der thatsächliche Sachverhalt, über den nach den behördlich bekräftigten Aufklärungen kein Wort weiter zu sage» ist. Aus Prag wird uns jedoch berichtet, daß der Artikel des „Lidovy List" mit dem aufreizenden Titel: „Der Handel mit Christenblut" und mit seinen Beschuldigungen gegen die Juden nicht nur ungehindert erscheinen konnte, sondern sogar in den Auslagen dortiger katholischer Buchhandlungen in auffälliger Weise zur Schau gestellt ist. Die Erfahrungen also, welche man mit einer ähnlichen Hetzschrift in Krakau, Podgorze und Wieliczka gemacht hat, haben die Prager Staatsanwaltschaft nicht abgehalten, eine gleiche Schandschrift in Prag passiren zu lassen und deren öffentliche Weiterverbreitung zu fördern. Will man, daß sich die Excesse von Wieliczka in der böhmischen Landeshauptstadt wiederholen? Ist es nicht genug an den Raub- und Plünderzügen der letzten Novembertage, welche die Verhängung des Standrechtes über Prag nothwendig machten? Der Prager Pöbel lauert ja nur auf die Gelegenheit zur Wiederholung dieser Exceffe. Wann endlich werden in Oesterreich die Gesetze überall und jederzeit mit der erforderlichen Energie gehandhabt werden? Der Jahresbericht der Alliance israelite in Paris. Die Alliance israelite universelle veröffentlicht einen Caffenbericht, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Die Einnahmen betrugen: ordentliche Francs außerordentliche Francs Jahresbeiträge . . 167.280*07 Subvention der Badiverse Geschenke . 11.273*44 ronin Hirsch . . 357.775*47 Zinsen. 36.039*92 Subvention der Je- Zinsen der Hirschwish Colonisation Stiftung .... 50.692*— Association . . 140.000*— diverse Subventionen 497.775*47 für die Schulen . 43.450*15 322.397*38 Capitalbeiträge (ein- 820.172*85 malige, mn die lebenslängliche Mitgliedschaft zu erwerben) .... 13.661*80 322.397*38 Wie man sieht, ist die Haupteinnahme keineswegs die ziemlich constant bleibende aus den Jahreseinnahmen, sondern die aus besonderen Subventionen bestehende und folglich schwankende. Die Gesammtsumme bleibt aber höchst bedeutend und ermöglicht daher der Alliance eine ungemein ausgedehnte Thätigkeit, wie die Ausgaben sofort beweisen. Vorbereitungsschule für Knaben - . - 89.319*05 Francs Vorbereitungsschule für Mädchen . . 22.634 85 „ Volksschulen für Knaben und Mädchen 403.384*45 „ Ackerbauschule in Jaffa ...... 118.754 80 „ „ „ Djedeida. 117.204 35 „ Handwerkerschule in Jerusalem . . - 96.136*96 „ Subvention in Ahlem. 1.012*05 „ Lehrlingswerk . -.- . 75.589*95 „ D'verse Subventionen . 17.811*15 „ Bureau, Druckrc. Unkosten . - - 83.790*27 „ Bibliothek.• . . 3.204*45 » 1,028.842*03 Francs Die Alliance ist ein S ch u l v e r e i n im stärksten Sinne des Wortes geworden. Von den Generalunkosten abgesehen, fließen den Schulen rund 923.000 Francs, den sämmtlichen übrigen Aufgaben, den geistigen, der Förderung der Literatur rc. mit inbegriffen, nur rund 18.000 Francs, d. h. kaum 2 Percent, zu. Unsere Antisemiten würden gut thun, diesen Bericht sich näher anzusehen; die großen Ausgaben für das gesammte Schulwesen sind Schule für Schule, Francs für Francs nachgewiesen, mit besonderer Exactheit nachgewiesen, und nirgends bleibt ihnen eine Lücke, wo sie ansetzen können. Ein ausgezeichnetes Princip der Alliance ist es, daß sie überall bestrebt ist, die eigene Initiative der Juden zu heben. Sie erhält die Mehrzahl der 90 Schulen, die unter ihrer Leitung stehen, nicht selbst, sondern subventionirt sie nur, so daß sie von den Gesammtkosten nur die Hälfte zu tragen hat. Dennoch unterstehen alle diese Schulen ihrem maßgebenden lÄn-