Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 19 (13.5.1898)
- Date
- 1898-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Vr. Bloch's WvchrnsttzrM Seite 371 Die Monatschrift „Zion" in Berlin bemerkt dazu: Wir müssen gestehen, daß wir von dem Inhalt dieser Veröffentlichung einigermaßen enttäuscht sind. Wir hätten erwartet von dem Verlauf der Vorconferenz in Wien, bei der es nach dem „Jewish Chronicle" sehr scharf hergegangen ist, Näheres zu erfahren, ebenso hätten wir gewünscht, das Programm für den zweiten Congreß nicht nur in seinen Hauptzügen, sondern auch Detaillirteres über die einzelnen Anträge, die bisher vorliegen, zu vernehmen. Endlich wäre für einen Erfolg bei den Zeichnungen zur Bank eine unbedingte Nothwendigkeit gewesen, die genaueren Details über den Modus der Finanzirung und über die Bankiers, respective die Banken zu erfahren, welche an der Spitze dieses Unternehmens stehen. Ein Vorschlag, eine Commission nach Palästina zur Erforschung der Verhältnisse zu entsenden, ist von dem Wiener Actionscomitä abgelehnt worden, weil die n ö t h i g e n Mittel nicht vorhanden sind. Die Centrale einer Organisation, die die gesammte Judenheit umfaßt, sollte nicht für ein so wichtiges und grundlegendes Werk 10.000 fl. disponibel haben? So fragt das Berliner zionistische Organ, welches seiner Mißstimmung über die vollständige Resultatlosigkeit der mit so großem Eclat unternommenen Wiener Agitation in gedämpftem Tone Ausdruck leiht. Aber auch von einer zweiten Seite vernimmt man nunmehr laute und heftige Protestrufe gegen das Wiener pseudozionistische Verfahren, von - einer Seite, von welcher man das am wenigsten erwartet hätte. Diese lauten Proteste kommen aus dem intimsten Lager der eigenen Partei! Männer, welche den ersten Baseler Congreß vorbereiten geholfen und auf demselben eine hervorragende Rolle als Redner gespielt haben, ja die noch an den Vorbereitungen zum zweiten Congreß activ theilgenommen, sehen sich nunmehr in ihrem Gewissen gedrängt, der Wiener Parteileitung den Absagebrief öffentlich zu übermitteln und alle wohlmeinenden Männer des Judenthums zur Rettung des arggefährdeten Colonisationswerkes aufzurufen. Die altrenonlmirte uud die best redigirte zionistische hebräische Wochenschrift „Hamagid" in Krakau fühlt sich nunmehr gedrängt, gegen denselben Stellung zu nehmen. In ihrer letzten Nummer bringt sie einen Aufsehen erregenden Artikel unter der überraschenden Ueberschrift „Im Namen Gottes und der Gesammtheit" aus der Feder des gekehrten Oberrabbiners Dr. A. K aminka in Essegg, der — man höre und staune — selbst bei dem vorjährigen zionistischen Congreß in Basel einer der hervorragend st en Redner war, ja noch mehr — Mitglied des Actionscomites noch gegenwärt i g ist . . . Seine Ausführungen sind daher von prineipieller Bedeutung und besonders von Interesse auch für die Leser dieser Zeitung, weshalb ich sie in gedrängter Kürze übersetzen will. „Im verflossenen Jahre — schreibt Dr. Kaminka — „arbeitete ich in Gemeinschaft mit Herrn Dr. Herzl, um die Veranstaltung des ersten Baseler Congresses zu treffen, und in einer Vorconferenz, die in Carlsbad stattfand, war ich bemüht, mehrere Zionsfreunde aus Rußland zu gewinnen, damit die Zahl der b e s o n n c n e n und thatkräftigen Theilnehmer am Congreß vermehrt werde. Ich übernahm auch einen Vortrag über die Colonisation Palästinas (auf Herzl's Wunsch), und auf meinen Vorschlag wurde ein Comitö ernannt, das mit der praktischen Colonisationsarbeit respective mit der Beseitigung der ihr entgegenstehenden Hindernisse sich befassen soll. Allein nachdem der Lärm des Congresses sich gelegt hat und die Zeit der er n st en Arbeit heranrückte, kam ich zu meinem herzlichen Leidwesen zur Erkenntniß, daß diesem Comite es absolut unmöglich ist, auch nur das Geringste zu leisten, da Dr. Herzl nach wie vor der praktischen Colonisation mit aller Entschiedenheit entgegenarbeitet und bedient sich ihrer nur wie einer „melkenden Kuh", um die Anhänger des politischen Zionismus möglichst viel an sich heranzuziehen. Ich erhob dennoch dagegen keinen öffentlichen Protest und erwiderte meinen Collegen des obenerwähnten Comites, die mich immerwährend aufforderten, die Beschlüsse des Congresses bezüglich der Fördernng der Colonisation doch zu berücksichtigen, daß wir nichts unternehmen können gegen den Willen der Herren Herzl und Konsorten und daß wir bis zu den Vorbereitungen zum zweiten Congresse warten sollen. Als ich aber soeben in Wien war, gewann ich die innerste Ueberzeugnng, daß Herzl's System nie und nimmermehr Israel zu Nutz und Frommen dienen könne. Die „Führer der Generation" in Wien haben während des Jahres buchstäblich nichts gethan. Ihre ganze Leistung gipfelt im „Schekelsammeln", von ganz Israel, die man ausschließlich zur Bestreitung der Ausgaben für Secretäre, Schrift st eller, Drucksachen rc. verwendet hat. Sie haben aber nicht nur keinen Finger gerührt zu Gunsten der praktischen Colonisation, sondern verstanden nicht einmal, ihren politischen Zionismus unter den namhaften Kreisen zu verbreiten, wiewohl dieses Jahr ganz besonders geeignet war, unsere Großen zur Belebung der nationalen Idee und zur Förderung nnserer geistigen Schätze zu gewinnen. Herzl's Jünger thaten noch das Gegentheil: Sie schadeten dem culturellen Zionismus, so daß viele hochstehende Persönlichkeiten in Wien mir erklärten, daß, während treue Nationaljuden vor einem Jahre die zionistische Bewegung mit Sympathien und unverkennbarem Wohlwollen begleiteten, sie sie gegenwärtig geradezu hassen. Herrn Dr. Herzl selbst fand ich heiter und vergnügt über seine großen Leistungen und weit entfernt vom richtigen Berständniß fnr's Judenthum. Alle Rabbiner, jüdische Gelehrte und Alles, was in unserer jüdischen Welt geschieht, find ihm Null und nichtig, er will von allem Jüdischen nichts wiffen, und seine Ideale sind ungefähr: „L’etat c’est moi" und wer mit ihm nicht übereinstimmt, ist geradezu ein Abtrünniger. Herr Dr. Kaminka weist sodann nach, daß die praktische Colonisation auch vom zweiten Congreß nichts zu erwarten habe, und schlägt vor, daß alle aufrichtigen Zionsfreunde in aller Bälde in Breslau oder in Berlin zusammenkommen mögen, um zu berathen, in welcher Weise der drohenden Gefahr vorzubeugen wäre. Auch im Londoner „Jewish Chronicle" vom 6. Mai veröffentlicht Herr Oberrabbiner Dr. Kaminka eine Zuschrift, in welcher er nach den Wiener Vorbesprechungen, an denen er theilgenommen, sowohl die vollständige Resultatlosigkeit der Herzl'schen Agitation einerseits, als auch die schweren Schädigungen, welche das Werk der Colonisation durch die Art und die Methode jener Agitation erfahren hat, mit großem Bedauern und herben Worten constatirt. Chowew-Zion. Eine israelitische Haushaltungs- und Kvchschule in Berlin. Eine beständige Rubrik der Witzblätter bilden bekanntlich die jungen Frauen, deren bedauernswerthe Gatten herunterschlucken müssen, was ihnen ihre liebenswürdigen Ehehälften als Product ihrer Kochkunst auf den Tisch setzen. Glücklich derjenige, der noch im Stande ist, mit einem mehr oder weniger zweifelhaften Witz sich über alles Angebrannte und Versalzene hinwegzusetzen. Im Ernste gesprochen, haben wir es hier mit einer Angelegenheit zu thun, die ein nicht unwesentliches Stück socialer Frage ausmacht. Das wird auch heute überall anerkannt und gewürdigt. Der Vaterländische Frauenverein gründet Kochschulen über Kochschulen, und wird bald ganz Berlin mit einem förmlichen Netz derartiger Institute überzogen haben. Wie bekannt, interessirt sich Ihre Majestät die Kaiserin ganz besonders für diesen Zweig d.r Thätigkeit des genannten Vereins und nimmt es gerade in diesem Punkte mit ihrem hochgeneigten Patronat ganz besonders ernst. Und von Tag zu Tag mehren sich die Stimmen, welche auch in den öffentlichen Schulen Koch- und Haushaltungsunterricht eingeführt wissen wollen. Die Gründung einer jüdischen Haushaltungs- und Kochschule in Berlin ist unseres Wissens der erste Versuch, der auf diesem Gebiete gemacht worden ist. In einer jüdischen Anstalt und nach jüdischer Art sollen unsere Heranwachsenden Töchter kochen und einen Haushalt führen lernen. Das ist selbstverständlich bei der Eigenart der jüdischen Küche, die ja bekanntlich unter dem Einfluß religiöser Vorschriften steht. Vielleicht wird man einwenden, daß die beste Ausbildung unserer Töchter im elterlichen Hause und unter den Augen der Mutter zu geschehen habe. Gewiß, und wohl dem, der es in dieser Weise haben kann. Aber gar viele sind nicht in dieser glücklichen Lage, theils weil sie der elterlichen Fürsorge entbehren müssen, theils weil Eltern sowohl wie Töchter durch geschäftliche Sorgen, durch die harte Nothwendigkeit des Verdienenmüssens wenig oder gar keine Zeit für ein geregeltes, geordnetes Hauswesen erübrigen können. Da soll dann jenes Institut einspringen, um das nachzuholen und zu ersetzen, was ,nun einmal die eigene Familie, das eigene Heim versagen mnß.