Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-13 · 19 (13.5.1898) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021243--07825-3032172
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 19 Dr. Vlortz» WochrnptzrM. Gene 367 ohne Unterschied der Parteistellung und der Confession sich spontan vereinigt hatten, herabwürdigen. Waren die weißen Kleider mit schwarzgelben Schleifen vielleicht demonstrative Abzeichen der christlich-socialen Gesinnung oder konnte die Huldigung dieser Frauen den Monarchen deshalb freuen, weil sie „wackere Mitkämpferinnen der antisemitischen Partei" sind? Frauen waren es, die den Monarchen begrüßten, aber nicht Antisemitinnen und nur als Frauen und nicht als Antisemitinnen konnten sie einem Kaiser erscheinen, der wiederholt und bei den feierlichsten Anlässen es ausgesprochen hat, daß alle seine Unterthanen ohne Unterschied der Confession seinem Herzen gleich nahestehen und der seine jüdischen Unterthanen oft genug seines Schutzes und seiner Gnade versichert hat. Die Christlich-Socialen aber reihen die Mitglieder eines antisemitischen Frauenbundes in das Spalier ein, um die dem Monarchen dargebrachte Huldigung parteipolitisch auszubeuten, und das ist eine Blasphemie, deren nur der Berganismus fähig ist. Unter den Persönlichkeiten, denen der Kaiser sagte, daß sie durch die Veranstaltung der Ausstellung sich ein großes Verdienst erworben haben, unter den Functionären und unter den Industriellen, die der Monarch durch Ansprachen auszeichnete, befanden sich mehr Juden als man nach dem berühmten antisemitischen „Percentsatz" hätte erwarten können. Wird es deshalb Jemandem einfallen, die Verdienste dieser Herren für das Judenthum zu reclamiren? Wird man daraus mehr ableiten dürfen, als die eines Beweises wahrlich nicht erst bedürfende Behauptung, daß die Juden an Patriotismus und an Tüchtigkeit hinter ihren christlichen Mitbürgern nicht zurückstehen? Der „Stempel", den die weißgekleideten Frauenbündlerinnen mit den schwarzgelben Schleifen dem Festtage vom 7. Mai ausgeprägt haben sollen, den könnte höchstens Ernst Schneider fabricirt haben; es ist ein falscher Stempel. Charakteristisch eben ist es, daß die Namen jener jüdischen Functionäre und Industriellen, welche die Ehre hatten, dem Kaiser vorgestellt zu werden, von den antisemitischen Berichterstattern verschwiegen werden. * * * Die Verdrehungs- und Entstelluugskunst, in der es die Christlich-Socialen zur Virtuosität gebracht haben, wurde insbesonders anerkennenswerther Art auch von Dr. Lueger in einer Rede gehandhabt, die er bei einem der unzähligen „Feste" gehalten hat. Die betreffende „Feier" galt dem langen Alois und hatte zum Anlasse die große Rede, in welcher der schwarze Prinz sich plötzlich als Deutscher vorstellte. Diese Rede wird ergötzlicher Weise von den Christlich-Socialen als ein Erfolg ihrer Partei fructificirt, obgleich nicht ein einziges Wort in derselben auch nur im allergeringsten Zusammenhänge mit ihrem Parteiprogramm stand. Dieselbe war nichts als ein Abklatsch dessen, was die Führer der deutschfortschrittlichen Parteien bereits" wiederholt ausgeführt haben und war nur deshalb neu und interessant, weil Prinz Alois Liechten st ein es war, der diese von vielen Anderen bereits gehaltene Rede wiederholte und weil sie eine der vielen Schwenkungen darstellte, die der Abgeordnete des schwarzen Viertels in seiner politischen Laufbahn vorgenommen hat. Die Rede hätte eben so gut von Dr. Lecher, Dr. Groß oder Dr. Pergelt gehalten werden können, und Fürst Alois Liechtenstein hat sie gehalten, nicht weil, sondern tro tz-- d e m er der Führer der Christlich-Socialen ist. Das hindert seine Parteigenossen natürlich nicht, auf diese Rede stolz zu sein und sie sogar zu „feiern". Herr Dr. Lueger nun, der große V o l k s m a n n, der Beschützer des kleinen Mannes, sprach bei diesem Anlasse einem hohen P. T. Adel seine außerordentliche Verehrung aus. Den österreichischen Adel gegen diese Verehrung seitens des Herrn Dr. Lueger in Schutz zu nehmen, ist nicht unsere Sache. Herr Dr. Lueger hat bekanntlich einem Ernst Vergani seine Hochachtung ausgesprochen und die Aristokratie hätte allen Grund, jede Sympathiebezeugung seitens des Herrn Dr. Lueger abzulehnen; seine Hochachtung und seine Verehrung sind gerade so, wie die des Prinzen Alois Liechtenstein seit der Herrn Vergani gewidmeten" Vertrauenskundgebung ein non valeur geworden. Baron Nathaniel Rothschild wird sich also vielleicht darüber hinweg zu trösten wissen, wenn er im Gegensätze zu den christlichen Aristokraten von Herrn Dr. Lueger vermittelst einer fingirten, wissentlich unwahren Beschuldigung angerempelt wird. Fürst Schwarzenberg und Graf Schönb o r n stellen ihre Gärten, wie der Redner zu ihrem Lobe hervorhob, dem Publicum unentgeltlich zur Verfügung. Baron Rothschild aber, der läßt sich für die Besichtigung seiner Gärten 50 kr. Entree zahlen. Dieser Darstellung des Herrn Dr. Lueger zu Folge, macht also Baron Nathaniel Rothschild daraus, daß er seine Gärten besichtigen läßt, ein Geschäft, und dieselben sind eigentlich nichts als ein botanisches Panopticum, das ihm reichliche Eintrittsgelder liefert. Nun ist es ja dem Herrn Bürgermeister ganz genau bekannt, daß man allerdings für die Besichtigung der Rothschildgärten auf der Hohen Warte 50 kr. Entree bezahlen muß, während es wahrscheinlich Niemandem einfallen würde, für die Besichtigung des kleinen Schönbornparkes in der Josefstadt Entree zu zahlen. Herr Dr. Lueger weiß es aber ebenso genau, daß diese Eintrittsgelder, die sich auf viele Tausende von Gulden belaufen, vollständig der Freiwilligen Rettungsgesellschaft znkommen, freilich also einem von ihm bestens gehaßten Unternehmen, von welchem er ja die Stadt Wien zu befreien das dringendste Bedürfniß hat. Eine Veranstaltung zu Gunsten der Rettungsgesellschaft, also zu wohlthätigem Zwecke, als einen Act des Eigennutzes und der Profitgier darzustellen, das ist echt antisemitische Kampfmethove, und das Benehmen Dr. Lueger's läßt sich nur dahin definiren, daß Karlchen wieder einmal gelogen hat. Bei dieser Gelegenheit sei übrigens darauf hingewiesen, daß Herr Dr. Lueger seine Barrierestöcke noch immer nicht genug dreffirt hat. Die deutschnational angehauchte Rede Liechtensteins feiern die Christlich-Socialen als einen Erfolg ihrer Partei, sein entschiedenes Auftreten für die Aufhebung der Sprachenverordnung als eine Kundgebung ihrer „deutschen" Gesinnung. Da springt aber einer der hervorragendsten Barriörestöcke, Herr Gregorig, plötzlich aus der Manege und nennt die Sprachenfrage einen notorischen Judenschwindel. Prinz Alois hat also an einem notorischen Judenschwindel theilgenommen und das ihm zu Ehren veranstaltete Fest mit Dr. Lueger als Concertredner verherrlichte — Herrn Gregorig zufolge — einen notorischen Judenschwindel. * * * „Uns ist es einerlei, ob ein Lump ein Christ oder ein Jude ist," erklärte der bücherscheue Reichsrathsabgeordnete Bielohlawek. Auch das ist eine sehr unbedachte Aeußerung, welche eigentlich den antisemitischen Standpunkt verleugnet. Wenn es nämlich einerlei ist, ob ein Lump ein Christ oder ein Jude ist, so muß logischer Weise auch das Gegentheil richtig sein; es muß nämlich einerlei sein, ob ein anständiger Mensch ein Christ oder ein Jude ist, und in dem Augenblicke, in welchem man sich dazu bequemt, einen Menschen nicht nach seiner Confession, sondern nach seinem Charakter zu beurtheilen, hat man auch schon aufgehört, Antisemit zu sein, und Herr Bielohlawek ist vor der Gefahr, aus der christlich-socialen Partei ausgeschlossen zu werden, nur dadurch geschützt, daß sie eine principielle Gegnerin aller Logik ist. Die Lehre von der Gleichheit aller Lumpen würde übrigens von der christlich-socialen Parteileitung als eine jener dummen Theorien erklärt werden, die Herr Bielohlawek so wenig leiden kann; sie verliert nämlich ihre Geltung, wenn es sich um einen antisemitischen Lumpen handelt. Da sehen die Parteigenossen nur den Antisemitismus und vertuschen, so lange es möglich ist, die Lumperei. Wenn es aber nicht mehr möglich ist, sie zu vertuschen, so sprechen sie dem betreffenden Lumpen ihre Hochachtung aus. Da erfährt dann die Bielohlawek'sche Weltanschauung eine durch die Erfahrung bestätigte Variante: es ist einerlei, ob ein Antisemit ein Lump ist oder nicht. Frei nach der Heine'schen Berufseintheilung der Bevölkerung von Göttingen läßt sich auch hier sagen, daß die beiden erwähnten Stände keineswegs streng von einander geschieden sind. * * * Herr Gregorig wünscht, daß alle Juden einmal in Kunstdünger vermahlen werden und erklärt als das wirksamste Mittel, um die Steigerung der Getreidepreise zu heben, das Aufhängen von 3000 Börsejuden. Diese Kundgebungen eines edlen Gemüthes und einer so profunden Einsicht 'in den Zusammenhang der wirtschaftlichen Dinge haben den lebhaften Beifall der Parteigenossen Gregorig's gefunden, und mit schmunzelndem Behagen constatirt das „Deutsche Bolksblatt", daß endlich nach vielen Monaten wieder einmal die Judenftage im Parlament zur Sprache gebracht wurde. Es ist unklug vom

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.