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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-13 · 19 (13.5.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
19 (13.5.1898)
Date
1898-05-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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^ette 366 Vr. Bloch'» Wochrnschrtst. Wallfahrer nach Mainz. Auch diese fromme Gemeinde mußte den Kelch der Leiden bis zur Neige leeren. Bischof Ruthard forderte die Juden auf, in seinem Palaste sich wohnlich einzurichten und daselbst zu verweilen, bis die Wallbrüder die Stadt verlosten haben werden. Die Armen, nichts Böses ahnend, machten mit Freuven von dieser scheinbaren Güte Gebrauch, übergaben ihre Schätze und Habseligkeiten dem Bischof zur Aufbewahrung und zogen in den Palast ein. Ungefähr 1300 Juden fanden in dem großen bischöflichen Paläste ihre Unterkunft. Allein als die Kreuzfahrer am 27. Mai vor dem bischöflichen Gebäude erschienen, wollten die vom Bischof zum Schutze der Juden aufgestellten Soldaten gegen die Wallbrüder durchaus nicht die Waffen gebrauchen. Mit Ungestüm erbrachen die Blutmenschen die Thüren des Palast.'s und mordeten in gewohnter Weise nach Herzenslust. 1300 Glaubensgenossen erlitten theils durch das Schwert der Wntheriche und theils durch das ihrer eigenen Brüder den Märtyrertod. Der Anführer dieser Horde, Gras Emerich und der Bischof Ruthard theUten sich die Schätze der ermordeten Juden. Ein zeitgenössischer Dichter, Kalonimos ben Jehuda, suchte das Andenken dieser Märtyrer durch folgende Elegie zu feiern: , Sie drücken und bedrängen, Sie tödten und sie hängen; Wir umso fester sind an Dich gebunden. Den Lebendigen zu vergessen, Zu lernen ihre Messen, Sie schlagen und verwunden; Sie legen Schlingen, Ob sie uns fingen, Daß von Dir wir überlaufen Zu Baalsdienst und Taufen; An ihren Kleidern aufgestickt Wird das Kreuz erblickt, Auch mit Worten sie berücken: — Wir bleiben Dein mit gebrochenen Genicken. Die edlen Frauen sich sputen, Daß als Opfer ihre Kleider bluten, Väter schlachten rasch die Söhne Und schonen nicht das eigene Leben. Deine Einheit zu erheben Weiht dem Tode sich die junge und die schöne; „Höre Israel!" Die Lippen beben, Und vom Bräuiigam und von der Braut Ist „der einzige Gott" der letzte Laut: — So die im Leben waren,sich gewogen Den Opfertod vereint vollzogen." (Z. Synag. Poesie S. 16.) Wenige Tage nach dem Gemetzel in Mainz erschienen die Kreuzfahrer unter dem Anführer Hermann, dem Zimmermann in Köln. Die braven Kölner Bürger nahmen sich der tiefgebeugten und schwer heimgesuchteu Juden brüderlich an und bargen sie in ihren Häusern. Das rasende Gesindel war tief entrüstet, als es die jüdischen Häuser leer fand, zertrümmerte in seiner Wuth, was es an Holz und Stein vorgefunden hatte. Die Synagoge wurde vollends zerstört und die heiligen Thorarollen auf die scheußlichste Weise geschändet. Den jüdischen Gelehrten Mar Jsak, der sich nicht geflüchtet hatte, schleppten sie in die Kirche, wo sie ihn, da er die Annahme der Taufe entschieden verweigerte, erdrosselten. Der edle und wackere Erzbischof Hermann III. ließ dann die Juden heimlich aus der Stadt führen und auf sieben Orte seines Erzstiftes vertheilen, da er dachte, daß sie dort von den ruchlosen Horden verschont bleiben werden. Drei volle Wochen verweilten die armen Flüchtlinge in den Ortschaften Mörs, Neus, Stewlinghofen, Aldenahr, Korpe rc. mit betrübtem Herzen und aufgeregtem Gemüthe. Mein die frommen und geweihten Wallbrüder, die sich's zur Lebensaufgabe gemacht, die Bekenner des Judenthums auszurotten, ruhten nicht eher, bis sie die Spur der ihnen entronnenen Opfer aufgefunden und das Schlachten und Morden hatte auf's Neue begonnen. Für Schneider, Gregorig und Consorten wäre das ein ergötzender Anblick gewesen. Schade, daß sie nicht damals in jenem erleuchteten, culturfteundlichen Jahrhundert gelebt. Im Ganzen sollen während des Zeitraumes von zwei Monaten, Mai—Juni, in der Rheingegend 12.000 Juden den Märtyrertod erlitten haben. Daher kam es, daß gerade der Mai, der so vielfach besungene und verherrlichte Wonnemonat, in Israel als Trauerzeit gefeiert wurde. Auch das tragische Ende der Schüler des berühmten Rabbi Akiba soll dazu beigetragen haben, die Sefirazeit als eine Zeit der Trauer zu bedachten. Dr. M. H. Iriedländer. Nr. 19 Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen am Zeitungsrand. Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist nur ein Schritt, und unsere lieben antisemitischen Mitbürger haben sich in dieser Richtung zu ausgezeichneten Schrittmachern herangebildet; sie verstehen es, sich durch ihre eigene Vordringlichkeit, durch das Herabzerren der allerwichtigsten Erscheinungen auf das geistig beschränkte Niveau ihres Spießbürgerthums im schleunigsten Tempo lächerlich zu machen. Die Jubiläumsausstellung, die Huldigung, welche die österreichische Industrie und die österreichische Intelligenz dem Monarchen darbringt, ist vor dem Versuche nicht geschützt, ihr den Charakter einer wenigstens theilweise antisemitischen Kundgebung aufprägen zu wollen, den großen Erfolg und den imposanten Eindruck dieser Veranstaltung wenigstens theilweise für die Antisemiten zu reclamiren. Als ob die unvermeidliche Anwesenheit des gerade in Function befindlichen Bürgermeisters von Wien und seiner beiden Strohmänner bei der Eröffnungsfeier gewissermaßen eine officielle Vertretung der antisemitischen Partei als solcher darstellen würde und ob die Ansprache des Monarchen nicht geradezu das Gegeutheil dessen rühmend hervorgehoben hätte, was den Kernpunkt des wirthschaftlichen antisemitischen Programms bildete! Darüber, was die beiden Strohmänner sich bei den Worten des Kaisers gedacht haben mögen, wollen wir uns freilich nicht den Kopf zerbrechen; wahrscheinlich nichts. Wie unbehaglich muß es aber Herrn Dr. Karl Lueger zu Muthe gewesen sein, als der Kaiser von den vaterländischen Errungenschaften.der geistigen und materiellen Cultur sprach und von der fortschrittlichen Entwicklung auf culturellem und wirthschaftlichem Gebiete. Geistige und materielle Cultur — was hat die mit einem Ernst Schneider, einem Gregorig, einem Strobach und einem Bielohlawek zu schaffen, und wenn die Fortschritte und Leistungen der letzten Jahrzehnte aus dem Munde des Kaisers Anerkennung fanden, hat da der Antisemitismus auch nur den geringsten Antheil daran oder wären sie unter seiner Herrschaft auch nur denkbar? Herr Dr. Lueger hat sich schon einmal bei einer anderen Gelegenheit in einer womöglich noch peinlicheren Situation befunden, als es bei der Eröffnungsfeier in der Rotunde der Fall war. Wir erinnern uns daran, daß der derzeitige Bürgermeister die freiwillige Rettungsgesellschaft mit Angriffen bedachte, welche wegen des schnöden Undanks, den das Oberhaupt der Stadt Wien gegenüber einer solchen Institution bekundete, die Entrüstung aller anständigen Menschen hervorrief. Man müsse die Stadt Wien von dieser Gesellschaft befreien, sagte er, als hätte sie vielleicht die arme Bevölkerung bewuchert oder aus den Beinbrüchen Prosit gezogen. Und als dann das neue Heim der Rettungsgesellschaft eingeweiht wurde, da mußte es Dr. Lueger mit eigenen Ohren vernehmen, wie der Kaiser dem Werke der Barmherzigkeit und der Hilfsbereitschaft die höchste Anerkennung zollte; der Bürgermeister wurde durch den Kaiser selbst desavouirt, und genau dasselbe ist ihm selbst, seiner ganzen Partei und dem rückständigen christlich-socialen Programm bei der Eröffnungsfeier am 7. Mai 1898 widerfahren. * q- * Das „Deutsche Volksblatt" freilich weiß auch dieser Eröffnungsfeier eine antisemitische Seite abzugewinnen. „Ein anderes, nicht minder bedeutsames Moment", schrieb es in seinem Berichte, „drückte der gestrigen Feier den Stempel auf: Der Umstand, daß nebst den Vertretern der Feuerwehren und Veteranen der christliche Wiener Frauenbund, die wackeren Mitkämpferinnen der antisemitischen Partei in so vielen siegreichen Schlachten, berufen waren, dem geliebten Monarchen zu huldigen". Zwei Reihen von Damen, die dem „christlichen Wiener Frauenbund" angehören, in weißen Kleidern mit schwarzgelben Schleifen, waren nämlich mit im Spalier, und so entschiedene Gegner der antisemitischen Partei wir auch sind, so zweifeln wir nicht im Geringsten daran, daß die weißgekleideten Damen unbedingt schöner waren als die Veteranen und Feuerwehrleute; wir finden es auch ganz in Ordnung, daß Wiener Frauen, ob sie nun Antisemitinnen seiest oder nicht, an der Huldigungsfeier theilnahmen. Aus dieser Theilnahme aber für die antisemitische „Sache" Capital zu schlagen und sie als ein „bedeutsames" Moment in dem Sinne hinzustellen, als ob sie der Eröffnungsfeier den antisemitischen Stempel aufgedrückt hätte, das ist mehr als geschmacklos, das heißt, eine Huldigungsfeier, zu welcher alle Bürger der Metropole

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