Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 362 Vr VLoch's Wochenschrift Nr. 18 beugte sich vor diesem, vielleicht nur deshalb in fast sclavischer Demuth, weil er dadurch zeigen wollte, wie sich die Uuterthanen vor ihm beugen müssen, und jeder Grundherr, hätte, wenn möglich, die spanische Etiquette, die am Wiener Hofe unter Karl dem VI. bestanden, auf seinem Schlosse eingeführt, und von seinen Uuterthanen jene abgöttische Verehrung gefordert, welche Kaiser Karl gezollt werden mußte. Pellwald war ein langgewachsener Mann, der sich schon den sechzigen näherte und noch älter aussah. Sein gelbliches, gerunzeltes Gesicht war von einem kleinen Backenbarle eingerahmt, und wenn er, wie jetzt in diesem Augenblicke lebhaft sprach, konnte ein geübtes Auge erkennen, daß der Baron zu einer Zeit, wo seine Wangen noch glatt und runzellos, seine jetzt nur theilweise gut erhaltenen Zähne vollständig und lückenlos, sogar ein recht hübscher Mann gewesen sein mochte. Rechts neben ihm saß seine Gemahlin in zweiter Ehe, Eugenia, aus einem alten, aber jetzt verarmten gräflichen Hause, die als etwas überreifes Mädchen, aber noch immer eine stattliche Erscheinung, sich vor zehn Jahren entschlossen hatte, den nahezu fünfzigjährigen, reichen Pellwald zum Gatten zu wählen. Neben dem Baron saß dessen Tochter erster Ehe. ein zwanzigjähriges schönes Mädchen, das mehr Aehnlichkeit mit ihrer verstorbenen Mutter als mit ihrem Vater besaß. Neben der Baronin saß der neunjährige Berthold, der einzige Sprosse aus der zweiten Ehe des Barons. Er war der Abgott seiner Mutter, die, da sie ihrem Gatten nicht ihre Liebe zuwendeu konnte, ihre volle Zärtlichkeit auf das Haupt ihres Kindes concentrirte, und da der kleine Junge, im Gegensätze zu seiner Stiefschwester, die ein gutgeartetes, liebenswürdiges Mädchen war, von Natur aus ein boshaftes Gemüth besaß, war ihr das Kunststück gelungen, ans dem Burschen einen hochfahrenden, nichtsnutzigen Kobold zu machen, der der Quälgeist seiner Hofmeister und das Entsetzen der Dienerschaft war, und wo er passende oder unpassende Gelegenheit fand, Menschen und Thiere — es muß dies gewissermaßen zum Lobe seiner frühzeitigen Geistesentfaltung zugestanden werden — in wahrhaft erfinderischer, grausamer Weise zu quälen wußte. Der knechtische Sinn der Dienerschaft beugte sich in sclavischer Demuth vor dem Ausbund, der einst hier „zu regieren" bestimmt war; und da es eine halbtausendjährige Familientradition war, den Erben mehr zu lieben als die andern Kinder, hielt es auch der Baron für seine Pflicht, es ebenso zu halten, trotzdem er in seinem Herzen stets eine starke Neigung für seine ältere, liebenswürdiges mutterlose Tochter empfand; allein diese latente Liebe verhinderte es doch nicht, daß er Anna — zum Theil um fortwährende Familienstreitigkeiten zu vermeiden — nicht vor den Uebergriffen und Gehässigkeiten, die sie von der Stiefmutter und ihrem Stiefbruder zu erdulden hatte, zu schützen vermochte, und die Diener und Beamten, welche für alle Vorgänge im Schooße der Familie einen scharfen Blick hatten, ließen es daher auch nicht selten dem Fräulein gegenüber an jener Ehrerbietung fehlen, welche sie in ausgiebigster Weife dem Schloßherrn, der Baronin, ja selbst dem neunjährigen Erben zu Theil werden ließen. Neben Berthold saß Theodor von Bollwitz, ein entfernter Verwandter des Barons. Gänzlich verwaist, war er frühzeitig, als halber Knabe, in die Armee eingeireten und hatte am 18. Juni 1757 die berühmte Schlacht bei Kollin mitgemacht, in welcher Friedrich der Große von dem österreichischen Feldmarschall Daun geschlagen wurde, hatte an diesem Tage als Fähnrich seinen linken Arm und mit diesem jede Aussicht, weiter dienen zu können, verloren und mußte die Armee verlassen. Da es mit zu den Familientraditionen gehörte, arme Verwandte zu unterstützen, so hatte Baron Pellwald gar keinen Anstand genommen, den blutjungen, invaliden Officier in sein Schloß aufzunehmen; aber Bollwitz führte keine angenehme Existenz. Es schmerzte den jungen Mann tief, das Gnadenbrod zu essen, aber seine aufrichtig gemeinten Anerbietungen, sich nützlich zu machen, waren von dem Schloßherrn zurückgewiesen worden. Zuerst wollte er sich mit der Oeconomie befassen, und hoffte hierdurch seinem Wohlthäter einen Beamten zu ersparen; aber der Baron fand es in hohem Grade unpassend, daß ein Verwandter von ihm seinem Beamtenkreise. der sich doch nur aus dem Bürger- und Bauernstände recrutirte, an gehören solle. Später wollte Bollwitz, obwohl er hierzu weder Talent noch Lust verspürte, den Erben des Hauses unterrichten; aber auch das schien eben so wenig mit den Standesrücksichteu vereinbar, so daß Bollwitz in der That zu einem bedrückenden Müßiggang, zu einer höchst unangenehmen Stellung verurtheilt wurde. Seine Beschäftigung bestand nur darin, den Baron auf der Fagd und bei seinen Ausflügen zu begleiten, ihm Gesellschaft zu leisten, Abends vorzulesen, und Briefe, die sich nur auf Familien-, nicht auf Verwaltungs- oder Geschäftsangelegenheiten bezogen, zu schreiben, für die „gnädige Frau Cousine" in das nächste Städtchen zu fahren und Einkäufe zu besorgen, — mit einem Worte eine werthlose, dem vollen Müßiggänge ähnelnde Thätigkeit, die nur geeignet war, das demüthigende Gefühl hervorzurufen: uuvergoltene Wohlthaten empfangen zu müssen. Ueberdies war die Stellung des jungen Officiers auch noch in doppelter Weise erschwert worden; einmal dadurch, daß er sich in einer nicht näher zu bezeichnenden, ihn ehrenden Weise die unversöhnliche Feindschaft der Baronin zugezogen hatte, und diese sich insgeheim in boshaftester und verletzendster Weise, durch tausend schmerzliche Nadelstiche zu rächen versuchte; — andernseits aber, weil er eine innige Neigung für Anna Pellwald gefaßt, diese in einem unbewachten Augenblicke dem Gegenstände seiner Neigung verrathen, und hierdurch erfahren, daß Anna seine Gefühle theile. Beide erkannten, daß ihre Liebe eine hoffnungslose war, daß der reiche Baron seine Tochter nicht einem mittellosen, das Gnadenbrod essenden Krüppel zur Gattin geben würde. Da heute der Namenstag der Schloßfrau gefeiert wurde, war auch der Pfarrer zur Tafel geladen und neben das Schloßfränlein placirt worden; es war dies ein großer schöner Mann von etiva siebzig Jahren, mit einem milden freundlichen Gesichte, dem die lang herabwallenden Silberlocken gut standen. „Ich bin scholl neugierig, wie die beiden Menschen aussehen, mein neuer Oberamtmann und der neue Hofmeister für den Berthold", sprach der Barorr. „Mit den Oberamtleuten habe ich bisher immer Glück gehabt, das ist wahr — und auch der letzte, der verstorbene Titus Engelhart, war ein mir treuergebener Mann, der gar nichts änders als das Interesse seiner Herrschaft vor Augen hatte — und ich wäre herzlich froh, wenn der neue, den mir unser lieber Vetter, der Baron Baldamus, empfohlen und dem ich, nachdem ich seine vortrefflichen Zeugnisse und Empfehlungen gelesen, auch das Anstellnngsdecret zugesandt habe, eben so brav, ergeben und diensteifrig wäre, wie mein verstorbener Alter; — nur zwei Dinge verdrießen mich bei dem Menschen, und ich will's nur offen sagen, hätte ich's früher reiflich bedacht, ich hätte ihn blos derowegen nicht aufgenommen!" „Was mißfällt Dir an ihm, Pgpa?" frug die junge Baronesse. „Erstens sein Alter, das heißt, seine Jugend! Der ganze Mensch ist erst siebenundzwanzig Jahre alt, ich hatte das im ersten Augenblicke übersehen, das ist ja gegen alles Schick und Herkommen; wo sollen dann die Bauern Respect vor ihm kriegen?" „Ah! Papa wegen dem!" unterbrach ihn der vorlaute Berthold, „die dummen Kerle fürchten nicht das Alter des Oberamtmanns, sie fürchten nur den Stock und den Block, ich bin gewiß jünger als der neue Amtmann, Papa, aber ich wüßt' mich schon bei den Cujons in verfluchten Respect zu setzen, daß sie nur so vor mir zittern sollten \“ Ein leichtes Lächeln der Baronin bewies, wie hoch sie die allerdings bewundernswerthe Frühreife ihres verhätschelten Lieblings taxirte; der Baron schien die Unterbrechung nicht zu bemerken, bei den andern Mitgliedern der Gesellschaft schien sie sich keines Beifalls zu erfreuen, obwohl sie dieses nur durch ihre Mienen äußerten, und Pellwald fuhr fort: „Dann gefällt mir auch sein Name nicht, er heißt Franz Graf — wie kommt ein bürgerlicher Patron dazu, Graf zu heißen? Wenn es Jemanden einfiele,. ihn in meiner Gegenwart „Herr Graf" anzusprechen, so . . . so . . ." der Baron erröthete bei dem bloßen Gedanken, „da könnte ja ein oder der Andere, besonders wenn er ein Fremder ist, glauben — der Kerl stehe höher als ich!" Daß der neuacquirirte Amtmann jung sei, schien auf die Baronin gerade keinen ungünstigen Eindruck zu machen, sie legte ihre Hand wie beruhigend auf den Arm ihres Gatten und sagte: „Aber Alterchen, was fällt Dir denn da wieder ein? Vor Allem nennt ihn jeder „Herr Oberamtmann" und nicht l Herr Graf, ferner wird er gewiß so viel Politesse und Manier besitzen, stets in gebückter Haltung vor Dir zu stehen, so daß