Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Date
1898-05-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021242--07815-3032161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 358 Nr. 18 sich emporgehoben, in seiner Herzensgüte ist er sich aber stets gleich geblieben. Als er noch kaum trockenes Brod zu verzehren hatte, war es schon sein Princip, dem er unentwegt treu blieb, den Zehnt seiner jährlichen Verdienste den Armen zu widmen; später hat seine Wohlthätigkeit dieses Maß überschritten. Das Tagebuch, das er seit frühester Kindheit bis unmittelbar vor seinem Tode führte, ist das Denkmal eines merkwürdigen Menschenlebens. Seine Devise war: „Schaffe und wirke i n B e s ch e i d e ritz eit." Wer ihn nicht näher kannte, sah in ihm einen stillen, in sich vertieften Menschen. Wem es aber gegönnt war, sozusagen hinter die Coulissen zu schauen, der mußte über seine große geistige Regsamkeit, über seine außerordentliche Theilnahme an allen guten und wohlthätigen Werken, die er zumeist selbst einleitete, staunen. Gleich seinem gelehrten Bruder, dem Prediger Dr. A b r a h a m K o h n, der 1848 in Lemberg dem chaffidäischen Zelotismus erlag, hatte er für hebräisches Wissen und jüdische Literatur das feinste Verständniß. Seine Liebe für diese Fächer ging so weit, daß er seinen einzigen Sohn, und später die Kinder seiner einzigen Tochter in die heilige Schrift und den Talmud einführte, und mit nichts prunkte er, als mit seinen gediegenen Lehr-Erfolgen. Seine ausgedehnten geschäftlichen Aufgaben haben täglich einige Stunden ruhen müssen, die er geistiger Thätigkeit widmete. Um nur ein Beispiel seiner frommen Bescheidenheit zu geben, sei mitgetheilt, daß er testamentarisch anordnete, sein Leichenbegängnis habe nicht vom Trauerhause, sondern von der Leichenhalle unseres Friedhofes stattzufinden und daß der Preis seines Grabsteines nicht fl. 200 übersteigen dürfe. Die Inschrift, die ganz kurz und schlicht gehalten ist, hat er selbst, das Datum freilaffend, angefertigt. An seiner Bahre, die nebfi seinen trauernden Hinterbliebenen eine imposante Menge aufrichtig Theilnehmender umstand, hielt die Trauerrede zuerst — als Verwandter des Verblichenen — in gewohnter Meisterschaft Se. Ehrwürden Dr. Adolf Schmidl aus Wien, hierauf sprach überaus treffend und ergreifend Se. Ehrwürden der Badener Rabbiner Wilhelm Reich und sodann Herr Baurath Stiaßny aus Wien, der im Namen des israelitischen Lehrlingsvereines in Wien, dessen Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied der Verblichene war, in trefflichen Worten dessen Verdienste schilderte. Cantor Jakob Schäfer trug die Trauerpsalmen wirksam vor. Möge die edle Sinnesart und vornehme Denkweise des verblichenen Herrn Bernhard Kohn in seiner würdigen Familie fortleben. I. I. Liebeschitz bei Saaz, 1. Mai. Die hiesige Gemeinde gehört zu den ältesten des ganzen Landes, denn sie besteht seit mehreren hindert Jahren. Außer einer Synagoge und einem Gemeindehause ist daselbst ein uralter Friedhof, welcher bereits geschlossen und an dessen Stelle ein neuer Friedhof angelegt wurde. Eine zweite, nicht minder alte Gemeinde ist L i t s ch k a u, eine halbe Stunde Weges von ersterem Orte entfernt, wo in früheren Zeiten große Gelehrsamkeit auf hebräischem und talmudischem Gebiete heimisch war. Der letzte bedeutende Gelehrte dieser Art, genannt Rabbi Maier Löbl, starb im vorigen Jahre im Alter von 82 Jahren, welcher auf eigenes testamentarisches Begehren noch auf dem alten Friedhofe seine letzte Ruhestätte fand. Als nun in Gemäßheit der Ministerial-Verordnung vom 10. März 1893, Z. 1021 ex 1892 die Abgrenzung der Cultusgemeindesprengel in Böhmen vorgenommen wurde, ging man über diese beiden Gemeinden Liebeschitz und Litschkau, ohne an dieselben auch nur eine Frage gestellt zu haben, ob dieselben als Cultusgemeiuden weiter bestehen wollen oder können, einfach zur Tagesordnung über. Sie wurden noleno voleno, ohne viel Federlesens zu machen — expropriirt. Wie dies kam, welche unsichtbare Hand dabei mitwirkte, das ist bislang noch nicht bekannt. Aber die vormalige Gemeinde Liebeschitz betrat alsbald den Weg des Recurses an das hohe Ministerium. Nach lange gepflogenen Erhebungen gewann die Regierung die klare Einsicht, daß hier zum allermindesten ein qui—pro—quo vorliegt, und so wurde nach mehr als dreijähriger Degradirung die Gemeinde Liebeschitz neu constituirt. Der neue Gemeindesprengel umfaßt nun nachstehende Ortsgemeinden: Liebeschitz, Litschkau, Tuchorschitz, Groß-Lippen, Drahomischl, Neidisch, Dobritschan, Trnowan, Klutschkau, Trscheskonitz, Netschenitz, Kounowa. Die Statuten der Gemeinde sind von der Behörde bestätigt. Ms erster Rabbiner und Religionslehrer dieser neu constituirten Gemeinde wurde Herr Philipp Lederer, bekannt als Literat und Verfasser mehrerer hebräischer und talmudischer Schriften, augestellt und von der hohen Behörde bestätigt. Welcher Nachtheil durch diese ganz und gar unberechtigte Degradation der hiesigen Gemeinde erwachsen ist, darüber wollen wir bei nächster Gelegenheit berichten. Es sei hier blos constatirt, daß nunmehr die wichtigsten Angelegenheiten dieser neuen Cultusgemeinde, wie Religionsunterricht und Gottesdienst, bestens geordnet sind. Prag. Unter dem Schlagworte: „Der gefesselte S t r a n s k y" schreibt die „Bohemia" : Unter den hervorragendsten Jungczechen, welche sich am vorigen Samstag als Redner des jungczechischen Jubelfestgelages hören ließen, befand sich natürlich auch der bekannte Dr. Stransky aus Brünn. Aus dem „Rar. L."-Berichte über diese hervorragende Tischrede heben wir folgenden Satz heraus: „In Mähren sind wir gefesselt durch das Dentschthum und durch das Judenthum!" Nun gehört aber Dr. Stransky zu jenen deutschfeindlichen Potitikern, die durch Abstammung und Geburt an das Judenthum gefesselt sind. Wenn die Taufe nicht genügt hat, ihn aus diesen Fesseln zu befreien — über wen beklagt er sich dann eigentlich, der gefesselte Stransky? Brody. Samstag den 30. April veranstaltete unsere Schule eine Trauerandacht für den selig dahingeschiedenen größten jüdischen Philanthropen dieses Jahrhunderts, Herrn Freiherrn Moritz von Hirsch, der noch zu Lebzeiten Beschützer und Wohlthäter dieser Anstalt war und welche auch jetzt nach dessen Tode jährlich subventionirt wird. Um 8 Uhr Abends, nachdem sich der zu diesem solennen Gottesdienste in würdiger Weise hergerichtete große Saal von einer kaum zu fassenden Menschenmenge gefüllt, die aus Schülern, dem Lehrkörper, der Schulinspection, Cultusrepräseutanz und anderen andächtigen Zuhörern bestand, wurde das Abendgebet verrichtet, hierauf wurden angemessene Trauerlieder von den Schülern gesungen; dann betrat der redegewandte Herr Dr. Leopold H e r z e l die Kanzel und hielt dem in Gott Verklärten einen wohlverdienten warmen Nachruf. Er schilderte die hervorragenden seltenen Charakterzüge des Verblichenen, wie sein ganzes Leben im Dienste der edelsten Humanität stand, wie er als liebevoller Hüter der Interessen des Volkes, von hoher Intelligenz und Güte getragen, es stets als heilige Mission betrachtete, nach allen Richtungen helfend und tröstend den Zurückgebliebenen, Zurückgesetzten zur Seite zu stehen, wie er stets bemüht war, Licht und Aufklärung seinen galizischen Mitbrüdern zu schaffen. Den versammelten Schülern setzte Herr Dr. Herzel in leicht verständlichen Worten die Bedeutung und den Zweck dieser Trauerandacht auseinander. Ferner wurden einige von den Lehrern -verfaßte Declamationen in hebräischer Sprache vorgetragen, endlich wurde in rührender und herzerhebender Weise das Gebet Adonaj mo odom für das Seelenheil des Verewigten von einem Schülerchor augestimmt. Zum Schluffe wurden noch Gebete ähnlichen Inhaltes in deutscher und hebräischer Sprache verrichtet. Mit gerührtem Gemüthe und gehobener Stimmung verließ die zahlreiche Menge die Andachtsstätte, dem gelehrten Redner ein wohlverdientes Jeaschur koach wünschend. Möge auch der Herr dem in ein besseres Jenseits Heimgegangenen den ewigen Frieden verleihen, uns aber die Gnade, sein Andenken zum Wohle der Schule zu bewahren, deren Freund, Gönner und Wohlthäter er war! Markstein. Czeraowitz. (Ein antisemitisch er Jugend bildn er.) Der Gymnasialprofessor Ferdinand S axl wurde von antisemitischen Anfällen justament im Kreise seiner Schüler heimgesucht. Die Juden stehen dem Herrn Professor nicht zu Gesichte, nun das ist ihnen ganz gleichgiltig, auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an. Aber die Sache hat einen unangenehmen Beigeschmack, weil der Zufall Herrn Saxl zum Jugendbildner gemacht hat, und da ist es keineswegs gleichgiltig, in welchem Geiste die Jugend erzogen wird. Chederjungen, Judenbuben u. dgl. liebliche Worte werden durch „witzige" Frozzeleien der jüdischen Schüler bei ihm abgelöst, beispielsweise: Ein Knabe sagt das Gedicht: „Zwei Kameraden" auf. Bei der Stelle: „Eine Kugel kam geflogen" fragte der geniale Professor : Was für ein „Kügel"? Schallendes Gelächter. Der Professor hat's gesagt, nun wird es zum Classenwitz, den die arischen Schüler gegen ihre semitischen Collegen ausbeuten. Wir wollen nicht eine Blüthenlese aller antisemitischen Gemeinheiten dieses Herrn Saxl bringen, das Wenige genügt. Und ein solches Individuum ist Jngenbildner. Bert»», 19. April. Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Bnai-Brith-Logen, Klosterstraße 44, ist im ersten Quartal d. I. in seiner Entwicklung ein gutes Stück vorwärts geschritten. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde, welcher in seinen Etat eine jährliche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.