Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 354 Nr. 18 Vr. Vlortz's »ochrnptzrM ist auf dem besten Wege aus polnischen Juden — jüdische Polen zu werden! Doch das ist Zukunftsmusik. Ein ernster Mann, wie Herzberg-Fränkl, hat mit Vergangenheit und Gegenwart genug zu thün und überläßt Prophezeiungen und Kassandrarufe den hiezu sich berufen Fühlenden. Er führt uns lieber als kundiger Gewährsmann in den Mikrokosmos einer kleinen Gemeinde ein, wo Fromme und Heilige, so Tag als Nacht, dem Gebet und dem Tälmudstudium obliegen, Menschen, denen man nachsagt, daß sie das circulirende Geld nicht kennen, so fest haben sie sich in mystische Speculationen versponnen, so tief sich in kabbalistische Abgründe versenkt! „Der Wechsel der Zeiten und Verhältnisse vollzieht sich außerhalb ihres Gesichtskreises; für die bescheidenen Bedürfnisse der Familie sorgt dann die Frau, mitunter die Gemeinde, oder einzelne Wohlthäter." Mitthellungen über das alte Handelsemporium Brody und die vormaligen Commerzverhältnisse dieser Stadt sind ungemein aufschlußreich und dankeuswerth. Zur Zeit der napoleonischen Continentalsperre und dann später, als der Krimkrieg tobte, liefen viele Fäden des Verkehrs in Brody als ihrem Hauptkiwtenpunkt zusammen. Besondere Privilegien schützten die Kaufmannschaft. Die volkskundlichen Nachrichten sind vorzugsweise für Nichtisraeliten bestimmt, aus Aber- und Wunderglauben wird manch gutes Streiflicht geworfen, das blitzartig triste Verhältnisse aufhellt. Von Chassidim und Karaiten erfährt der Aufschluß heischende Leser alles zu seiner Belehrung Erforderliche. Die Sitten und Gebräuche i m Hause und außerhalb des Hauses werden genau und mit einer sympathisch berührenden Wärme beschrieben. Die Schilderung der Feste, namentlich des Jomkippur der Orthodoxen in kleinen Orten, ist von einer Anschaulichkeit und Lebendigkeit der Darstellung, von einer Frische und Plasticität des Ausdrucks, daß es ganz prächtig ist, sie durchzulesen. Hochzeitsjubel und Todtenklage erscheinen mit der gleichen Meisterschaft beschrieben. Man kann dem Autor um so dankbarer sein für die schöne Arbeit, weil sie ohne Zweifel manche lang eingenistete, schiefe Anschauung durch eine den thatsächlichen Verhältnissen mehr entsprechende richtig stellen, manches häßliche Vorurtheil zerstteuen wird — namentlich was Tracht und Sprache der polnischen Juden anbelangt, die von Seichtköpfen so leicht- und obenhin wohlfeilem Spotte ausgesetzt werden. Das Eoftüm stammt aus dem XIV. Jahrhundett und ist durch Verjährung den Trägern fast religiös ehrwürdig geworden und die Sprache, welche zahllose, rein mittelhochdeutsche Formen und Wendungen auftveist, haben die Vertriebenen aus ihrer deutschen Heimat mitgebracht und treuer bewahrt als alle Wotananbeter, die Hochdeutsch bramabarsiren. Herzberg-Fränkel hat, Alles in Allem, in kleinstem Rahmen ein vollendetes Gemälde geliefert, an dem jeder Zug der Wahrheit, der Wirklichkeit entspricht. Die Schwierigkeit mag selbst für den so gewandten Schriftsteller keine geringe gewesen sein, in dieser prägnanten Kürze Alles zu bringen, ohne je in leidigem Depeschenstyl zu gerathen, in häßliches Worttnausern, in störendes Satzsparen. Eine heikle Ausgabe erscheint mit Tatt und 'Geschmack würdig gelöst und das abschließende Urtheil in dem Schlußsätze so schön als richtig zusammengefaßt: „Denn das ist eben das Charakteristische dieses Volkes, daß es mit z äh er Au s d a u e r unentwegt an d en lieber lief erringen der Vorfahren festhält, die ihm je heiliger sind, je älter sie geworden!" I. Saschar. Ern werttzvolles Literakurwerk. Auch Bücher haben ihr Glück und ihr Geschick, welches sie befähigt, wenn man so sagen dürste, Carriöre zu machen oder zu versumpfen. Es kommt dabei oftmals auf den Inhalt, den geistigen Werth und die Bedeutung des Gegenstandes gar nicht an, sondern vielmehr häufig nur auf die Art und Weise, wie ein solches Opus in die Oeffentlichkeit kommt und wie demselben die Aufmerksamkeit der betreffenden Leserkreise zugeführt wird. Um mich deutlicher auszüdrücken und mich dem geehrten Leser verständlich zu machen, will ich den Namen und die kurze Geschichte eines Werkes hier anführen, welches in der jüdischtalmudischen Literatur von epochaler Bedeutung ist, aber trotz feines hohen Alters und seines äußerst gediegenen Inhaltes noch nicht diejenige Würdigung gefunden hat, die irgend einem minderwerthigen Buche längst geworden ist. — Im Jahre der Welt 5439 (1679) am LI. des Monats Schebat wurde Jsak Lampronti in Ferrara, einer Stadt der gleichnamigen Provinz Italiens, geboren. Im zarten Alter von sechs Jahren verlor er seinen Vater, Samuel Lampronti, so daß dessen Erziehung der Mutter des väterlich verwaisten Knaben allein oblag. Er erhielt zunächst den Unterricht tüchtiger Lehrer in seiner Vaterstadt, bis er ein Alter von vierzehn Jahren erreicht hatte. Sodann führte die Mutter den wissensdurstigen Knaben nach Lugo in der Provinz Ravenna, wo er sein Wissen in allen Zweigen des Talmud und der Casuistik erweiterte, so daß er frühzeitig einen bedeutenden Namen sich erworben hatte. Neben Religionswissenschaft verlegte er sich, wie viele andere Männer seiner Zeit, auch auf profane Gelehrsamkeit und insbesondere wählte er die Medicin zum Gegenstände eifrigen Studiums. Um aber ein tüchtiger Arzt zu werden, ging er nach Padua, wo er sein Wissen nach jeder Richtung hin derart vervollständigte, daß er ein ebenso tüchtiger Arzt, wie ein bedeutender Gelehrter aus dem Gebiete des Talmud und dessen Codificatoren wurde. Seinen bleibenden Wohnsitz schlug er später in seiner Heimat Ferrara auf, wo er sich frühzeitig durch seine immense Gelehrsamkeit auszeichnete und sich einen großen Ruf erwarb. Nicht selten kam es vor, daß die Rabbiner jener Zeit sich gegenseitig um Rath angingen, um verschiedene religiöse Fragen halachisch zu entscheiden. Das mag unserem damals noch jungen Lampronti den ersten Anlaß zur Bearbeitung eines Werkes gegeben haben, dem er seinen Namen „P a ch a d I i z ch a f" beilegte. Seiner ganzen Anlage nach bildet dasselbe eine vollständige Encyklopädie des Talmud und dessen nachfolgenden Werken der gesummten Halachah. Die Herausgabe dieser merkwürdigen Arbeit verzögerte sich bis zum Jahre 1750. In diesem Jahre erschien der erste Theil, welcher die Buchstaben Ales und Beth umfaßte. Drei Jahre später wurden die Buchstaben Gimel und Daleth gedruckt. Vier Jahre nach Herausgabe dieses zweiten Bandes starb der gelehrte Verfasser desselben, wodurch die weitere Herausgabe sistirt werden mußte. Erst nach weiteren dreiundvierzig Jahren seit dem Erscheinen des zweiten Bandes bemächtigte sich der Sohn des Druckers, bei welchem die ersten zwei Bände erschienen waren, des Werkes und veranstaltete die Fortsetzung des Druckes, wodurch dieses Werk in einem Zeitraum von circa achtzehn Jahren bis zum Buchstaben Lamed im Drucke hergestellt war. Später wurde noch der Buchstabe Mem in Livorno herausgegeben. Mehr als ein halbes Jahrhundert unterblieb die weitere Herausgabe dieses seltenen Werkes, bis der durch den Redacteur des „Hamagid" in Lyck gegründete hebräische Literaturverein „Mekize nirdamim" die weitere Herausgabe dieses Schriftwerkes auf sein Programm setzte. Nun sind sämmtlikhe Buchstaben bis Taw vollständig im Druck erschienen und befinden sich in den Händen der Mitglieder dieses Literaturvereins. Damit ist wohl dieses große Prachtwerk der Vernichtung und Vergessenheit entrissen worden. Man bedenke aber, daß von den Mitgliedern des Vereins „Mekize nirdamim" selten Einer ein vollständiges Exemplar des „Pachad Jizchak" besitzt, da die früher herausgegebenen Bände von Ales bis inclusive Mem nur vorwiegend in Italien vorfindlich sind. Die ursprüngliche Absicht des Begründers der „Mekize Nirdamim" war, neben der Herausgabe der Buchstaben Nun bis Taw auch die schon ftüher erschienenen Buchstaben Ales bis Mem erscheinen zu lassen, und wirklich wurde der Buchstabe Ales und ein kleiner Theil des Buchstaben Beth bereits gedruckt; doch nach' dem Tode dieses Mannes blieb diese seine gewiß gute Absicht unbeachtet und nach der erfolgten Wiederbegründung dieses Vereins durch Herrn Dr. Berliner in Berlin kam es nun zur Vollendung des Werkes bis zum letzten Buchstaben Taw. So stehen wir vor der Anomalie, daß eines der besten Werke der ganzen jüdischen Literatur, eine Encyklopädie des gesammten jüdischreligiösen Wissens, nur bruchstückweise sich in den Händen einer nicht bedeutenden Anzahl von Personen befindet. Vollständige Exemplare sind nur ausnahmsweise um horrende Preise zu haben. Dabei ist nicht zu übersehen, daß man zweierlei Aus-