Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 Dr. Vloch's Wochrnschrist. Seite 353 des Kindes anzufachen, es über die alltägliche Ausnahmsstellung der es ja heute leider in der Schule ausgesetzt ist, zu erheben und jene Lücke, die im Gemüthe entsteht, vollkommen auszufüllen. Unsere akademische Jugend zeigt zwar nunmehr einen zu belobenden und beachtenswerthen Eifer und ein specielles Interesse für die „jüdische Literatur", allein man kann diesen Samen bereits beim Kinde Pflegen und nicht erst abwarten, bis der reife junge Mann durch die Lebenserfahrung dazu getrieben wird, das „jüdische Lied und Leid" näher zu betrachten, näher kennen zu lernen. Möglich, daß dann bei Berücksichtigung dieser Anschauungen dem Verschwinden und Vergehen des „jüdischen Liedes" Einhalt gethan wird, daß das „jüdische Lied" wie ein Phönix verjüngt auferstehen wird, daß seine Sänger und Anhänger sich in unüberwindlicher Phalanx sammeln und finden werden und daß die Feinde des „jüdischen Liedes" durch dessen mächtig brausenden Schall zittern, erbeben und Zusammenstürzen werden wie die Mauern Jerichos vor dem erschütternden Gesänge Alt- Israels. P r e l o u c. 17. April 1898. Die polnischen Inden im Kronprinzenwerk. Die groß gedachte Schöpfung unseres armen Kronprinzen „Die Oesterreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild" nähert sich nur schrittweise — langsam reiht sich Band an Band — ibrem Abschluß. Sich selbst stellte der Kaisersohn an die Spitze seiner Lieblingsschöpfung und nicht als Titular-Protector, der, ist Alles fertig, sein Pauschallob, ein Almosen von Redensarten, spendet. Mit Schriftstellern und Künstlern in geistig anregenden Verkehr zu treten, war .ihm Wunsch und Bedürfniß. In solchen Kreisen fühlte er sich am wohlsten und am freiesten, hier konnte sich sein liebenswürdig-lebhaftes Naturell ausleben. Als Gleicher unter Gleichen besprach er da, was ihm zumeist am Herzen lag, die Einzelheiten der Ausgestaltung und achtete besonders darauf, daß jedes einzelne Capitel der fähigsten, gewandtesten Feder, dem mit der Materie am innigsten vertrauten Mitarbeiter anvertrant wurde. Die richtige Rollenvertheilung verbürgte ja den Erfolg des Ganzen. In Geist und Sinn des verewigten Prinzen wird nun fortzuarbeiten versucht an dem weit ausgreifenden Unternehmen. Die Leitung thut ihr Bestes, so weit sie es vermag. Doch muß auch gesagt sein, daß der geistige Urheber allüberall fehlt, namentlich wo es gilt, störenden Tendenzen entgegenzutreten, resolut oder diplomatisch. Das Capitel über die polnischen Juden im Bande „Galizien" wurde einem der genauesten Kenner dieses merkwürdigen Stammes zugewiesen, dem ehemaligen Handelskammer- Secretär von Brody, Herrn Leo Herzberg-Fränkl, welcher als Schriftsteller guten Ruf genießt. Der Kronprinz wäre sicher mit dieser Wahl zufrieden gewesen, doch hätte seine liberale Denkungsweise nie zugegeben, daß die Arbeit eines Schriftstellers von Bedeutung, für die er ja selbst einsteht, censurirt und zugestrichen werde, gleich derjenigen eines Knaben, weil etwelche darin erwähnte, vollkommen erwiesene historische Facten möglicherweise einer hohm Geistlichkeit unangenehm hätten sein können. Heine sagt treffend: „Die Scheere klirrt in feiner Hand, Es rückt der wilde Geselle Dir auf den Leib — er schneidet in's Fleisch — Es war die beste Stelle." Unsere Leser waren übrigens in der Lage, gerade den unterdrückten „Abschnitt" kennen zu lernen, welcher in Nr. 7 des laufenden Jahrganges der „Oesterreichischen Wochenschrift" vollinhaltlich erschienen ist. Dieser Aufsatz, zusammengehalten mit dem was Herzberg-Fränkl im Kronprinzenwerk über die polnischen Juden, ihre Geschichte und ihre Sitten äußert, gibt erst ein in sich gerundetes Bild. Man weiß, daß und wie gut der Mann darzulegen und zu schildern versteht in einfacher, klarer Sprache, der Ausdruck stets angemessen dem Gedanken. Keineswegs schönfärberisch ist der Aufsatz gehalten. Schwächen und Mängel werden nicht verschleiert, nicht mit halben Worten umschrieben. Es wird aber auch gezeigt, daß die heutigen Fehler des Stammes nicht von Uralters her erbeigenthümlich gewesen sind, sondern daß sie erst durch die Ungunst der Zeiten, durch Neid und Haß, grausame Verfolgung und erbarmungslose Niederdrückung, durch politische und sociale Knebelung sozusagen aufgenöthigt wurden, und daß unedle Keime, welche ja allüberall vorhanden sind, dadurch erst zur Entwicklung und Vollreife gelangten. Herzberg-Fränkl ist entschiedener Fortschrittsmanu und Freiheitsfreund und es berührt gerade heutigen Tages so ungemein sympathisch, daß er auch in höfischer Atmosphäre und auf glattem Spiegelparkett kein Hehl aus seiner Gesinnung macht und seine Anschauungen mannhaft vertritt. Interessante Nachrichten über das Privatschulwesen der galizischen Juden leuchten in die trostlosen Verhältnisse gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts hinein. Nach einem Berichte der aus Juden zusammengesetzten Judendirection in Lemberg gab es daselbst im Jahre 17v2 52 Privatschulen unter Aufsicht des Rabbiners; allein dies waren keine Schulen in gewöhnlichem Sinne, sondern einigermaßen geordnete, in vier Classen eingethellte Cheders für Bibel nnd Talmud, mit ungeprüften imd ungenügend bezahlten Lehrern, ohne feste Bezüge. Das Schulgeld war ungleichmäßig . . . D i e U n t e r r i ch t s s p r a ch e w a r überall die hebräisch e." Unter Kaiser Josef II. versuchte die aufklärungsfreundliche Regierung das Bildungsniveau durch eine ganz curiose Maßregel zu heben. Paaren, welche in der Rechtschreibung und in den vier Rechnungsarten nicht genügend fest waren, und der Nachweis dieser Kenntnisse war durch ein veritables Examen zu erbringen, denen wurde ganz einfach der Eheconsens verweigert. Nun mag man sich ungefähr vorstellen, mit welchem Feuereifer der liebeglühende Bräutigam und die holdselig erröthende Braut sich auf das Studium des großen Einmaleins warfen oder auch bestrebt waren, allerlei Prüfungsschwindeleien in Scene zu setzen. Die sonderbare Vorschrift wurde in origineller Weise häufig zu umgehen versucht. Weiter wird erzählt, wie endlich Moses Mendelssohn befreiend hervortrat, erzählt von Männern wie P e r l s, R a p p a p o r t, Erter, Krochmal, Schorr, welche ungeachtet vielfacher Kränkungen und oft maßlost r Anfeindungen und Drohungen, dennoch das Werk der Reformation in die Hände nahmen und mit unzureichenden Mitteln fortführten bis endlich der Wohlthüter Baron Hirsch die Riesensumme von 1L Millionen Francs für Zwecke der jüdischen Volksschulbildung in Galizien dotirte, eine Schenkung, die ohne Gleichen dastehen würde in der Geschichte der Philanthropie, wenn nicht ähnliche Spenden desselben großherzigen Philanthropen chr gefolgt oder vorhergegangen wären. Bis jetzt gibt es 35 jüdische Schulen aus dieser Stiftung und ftmf schon früher vorhandene sind aus ihr behufs Vergrößerung subventionirt worden. Diese längst vertrauten Thatsachen liest und vernimmt man doch immer gern wieder. Nicht minder erfreut hört man den Bildungstrieb der polnischen Juden rühmen, der sich aus wahrem Feuereifer auf die deutschen Studien warf, Schiller verschlang, sogar vor der Dunkelheit Kant's nicht zurückschreckte. So mancher Kaftanträger ist in der „Kritik der reinen Vernunft" so zu Hause, wie nur irgend ein wohlbestallter Professor, und der Schreiber dieser Zeilen kannte selbst einen simplen Ochsen-Commiffionär, der, wenn er vom Viehmarkt Abends todmüde nach Hause kam, — Voltaircks philosophische Schriften las. „Deutsch" bedeutete zu einer Zeit so viel als „Cultur!" — „Fortschritt!!" Dann kam Polnisch hinzu, ohne daß sie die erste Bildungsquelle deswegen verschüttet hätten. Und die jüngste Generation iMMj m