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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Date
1898-05-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 352 Vr. Vwch's Wochrnschrtfi Nr 18 einem Wunder seine Erbaltung zu verdanken, weßhalb das Kloster sich zu einem Wallfabrtsorte eigne. In der That begannen auch schon aus ganz Rußland zahlreiche Geldspenden einzulaufen. Zehn Mönche wurden verhaftet. Die Afghanen halten sich für Nachkommen der verlorenen Stämme Israels. In der „Kalkutta Review" wird darauf aufmerksam gemacht, daß mancherlei die anscheinend seltsame Tradition unterstützt. Die gewöhnlichsten Namen der Afghanen sind hebräisch: Uusuf (Joseph), Aakub (Jacob) und Jshak (Isaak). Die modernen Afghanen nennen sich noch heutigen Tages Kinder Israels. Die jüdische Geschichte widerspricht der Tradition der Afghanen nicht. Diese erzählt daß die zehn verloren gegangenen Stämme nach Medien und Mesopotamien auswanderten und anderthalb Jahre aus der Wanderung waren, bis sie in ein Land kamen, Azaroth geheißen. Wenn Azaroth wirklich Afghanistan bedeutet, so erklärt sich mancherlei. Die Juden sollen nach der Sage auf dem Berg Takht-i-Suleiman (Sitz Salomons) längst ansässig gewesen sein, ehe der Mohammedänismus aufkam. Ein großer Theil der Afghanen sollte seit undenklichen Zeiten den Namen Iusufzais, das heißt Nachkommen Josephs, das heißt der Stämme Ephraim und Manasse, führen. Biele uralte afghanische Sitten weisen zudem aus israelitischen Ursprung hin. So das Gebot, die Witwe des verstorbenen Bruders zu heiraten, und die Steinigung als Todesstrafe. Biele Inschriften in Afghanistan lassen sich gar nicht anders erklären, als wenn man sie ins Hebräische übersetzt. Das jüdische lied. Von Eduard H. S p i e l m a n n. „Im Liede liegt das Herz der Völker." Mendelssohn. Dieser Ausspruch eines der größten Musiker findet gewiß, insbesondere bei Israel, seine volle Bestätigung, denn sowie die mosaische Glaubenslehre die Mutter aller Religionen wurde, ebenso wurde das „jüdische Lied" das ererbte Eigenthum aller Monotheisten. Das Lied war in allen Lebenslagen den Israeliten eine moralische und physische Stütze, und seit uralten Zeiten fand der Gesang in Israel eine besondere Würdigung. Von welch' großartiger und gleichzeitig erhabener Wirkung, mußte jenes Lied beim Uebergange durch's Rothe Meer sein, wenn aus über einer halben Million Kehlen jener Gesang erschallte, zum Lob und Preis des Ewigen! Welch überwältigende Wirkung auf die Zuhörer, auf die Sänger selbst und ans die Umgebung, wenn mächtig und voll jenes Freiheitslied anschwoll, daß selbst das heftigste Brausen des Meeres übertöut wurde! Wahrlich, die Phantasie und das Wort sind zu schwach, um dies dem Geiste zu veranschaulichen. Und so pflanzte sich dieses Lied von Geschlecht zu Geschlecht, und welche Ereignisse wie immer Israel erfreuten oder bedrängten, stets machte sich die Freude oder Trauer — im Liede zu Gott Luft. Wenn der Feind an die Mauern Israels mit Macht heranrückte, wenn der Kampf bevorstand, da eilten Weiber, Kinder, Greise in den Tempel, um im Liede Gottes Beistand und Hilfe zu erflehen, und die waffenfähigen Männer und Jünglinge rüsteten sich unter Gesang und Musik zum Kampfe, sich im Liede Muth und Standhaftigkeit einflößend. Und wenn in späteren Zeiten die wahnsinnigen und bethörten Mordbrenner und Plünderer, beutegierig bei düsterem Fackelschein in Israel Weib, Kind, Greis, Jung und Alt mordeten, erbarmungslos hinschlachteten, da war es wieder jener traurig, wehmüthige Gesang, jene herzerschütternden Töne, die im Gotteshause und auf der Straße ertönten, und freudig, gottergeben wurde die nackte Brust dem Mordstahl übergeben. Das Lied war es, jenes frohtraurige Lied, welches die Brust unserer Vorfahren, unserer Märtyrer, erfüllte, das stets darin gipfelte, daß ihr Blut, ihre hingebungsvolle Opferunguns, den Kindern, eine bessere, schönere, freiere Zukunft bereiten wird. Jene süßen und schmerzvollen Lieder sind es, die gerade in den Sephiratagen uns all dies ins Gedächtniß rufen und leider nicht ihre rechtliche Würdigung finden. Denn das wahrhaft „jüdische Lied" scheint weder im Tempel noch im Hause seine Heimstätte zu finden, und vielleicht auch darunr leuchtet uns die Sonne der Freiheit nur durch dichte Nebel, grau in grau; denn wo geistige Freiheit nicht Raum findet, da schwindet auch die sociale und schließlich die körperliche. Die Völker haben wohl das „jüdische Lied" guasi als ihr geistiges Eigenthum angenommen, in den Kirchen, Capellen, Bethäusern, Moscheen, Tempeln u. A. wird es mit und ohne Musikbegleitung gesungen und gesagt, aber nur die leeren Worte, denn wie könnten und konnten all die blutigen, finsteren, menschenfeindlichen Ereignisse geschehen sein und geschehen, hätte man die Worte und den Geist der „jüdischen" Psalmisten und Sänger verstanden und gewürdigt. Sie werden zwar gesungen und verherrlicht die Gesänge und Lieder der Hebräer; die heiligen, hehren Worte singend, schreiend, johlend, den Mordstahl in der Hand zog die wahnbethörte Rotte aus, um ihr Vernichtungswerk zu vollführeu. .4,1 majorem Dei gloriai». Doch, wie ist es mit dem „jüdischen Lied" bei uns selbst? Erschallen noch jene tiefwehmüthigen Gesänge in unseren Häusern? Wird noch beim Glanze der siebenzackigen Lampe das n '2' na oder 12^28 'ibirönn* vom Familienchor gesungen? Singen noch Väter und Kinder bnb cnpps am Ausgange des Sabbath? Es ist leider traurige Wahrheit, daß diese alten traditionellen Lieder und Melodien, welche trotz leidenvollster Zeiten, trotz blutigster Ereignisse, trotz aller geistigen, moralischen und physischen Beengung gedichtet und gesungen wurden, daß die hochpoetischen Ergüsse von frommen, fröhlich frohen und doch bedrückten Herzen, welche Gott und die Menschheit preisen, langsam der Vergessenheit anheimfallen. Zwar haben berufene Männer ihr Möglichstes geleistet und leisten noch ferner ihr Bestes, um das wahrhaft traditionelle „jüdische Lied" dem Verfalle zu entreißen, ein Sulzer, Levandovsky, Naumburg und viele Andere haben nach streng musikalischen Gesetzen, mit gleichzeitiger äußerster Beachtung, die „jüdischen Sangweisen" diese geregelt, geordnet, geschlichtet; wie viel aber blieb und ist noch übrig, wie Vieles wäre noch zu sammeln! Herr Professor Steinthal in Berlin hat erst vor Kurzem einen Appell an alle Jene erlassen, die sich für jüdischen traditionellen Gesang und Sangweisen interessiren, zur Sammlung und Lieferung jener unbeachtet gebliebenen Lieder; ob welcher Erfolg aufzuweisen ist, ist Schreiber dieses unbekannt. Das Augenmerk der heutigen Generation ist nur auf das Effectvolle, auf das „Dankbare" gerichtet; was innerhalb der vier Wände, was zu Hause gelehrt, gesagt, gesungen wurde und wird, hat keinen Werth. k Die sogenannten „Modernisirungsbestrebungen" verzerren [ den Synagogalgesang bis zum — Concerthaften, und in manchem! Gotteshause herrscht wohl Stille und Ruhe aber keineswegs eine! weihevolle andächtige Stimmung. Unter mächtigem Orgelgebrause tritt der Cantor mit fliegendem, weithin wallendem Mantel hinauf zum Altar. Nun beginnt der Gesang; arische Sänger und Sängerinnen wiedergeben den Text mit einer Accentuirung, die an das Unglaubliche grenzt, jener Text, der uns und den Unsrigen heilig ist, wird verzerrt, verunstaltet, daß das jüdische Herz sich schämt und aufbäumt in gerechter Entrüstung. Componisten jedmöglichen Calibers müssen herhalten, das heilige Wort, das „jüdische Lied" modern und zeitgemäß zu gestalten. Wo bleibt die Tradition, wo sind jene heiligen Gesänge, die unseren Vätern ein Trost in herber Zeit, ein Freudenquell in lichten Momenten waren? Jene Gesänge scheinen zu vergehen^ und vergessen zu werden wegen grellfarbiger Zierpflanzen, die zwar das Auge blenden, Herz und Gemüth aber vollkommen kalt lassen. Und das häusliche „jüdische Lied" verkümmert, verschwindet überhaupt. In den Schulen werden den Kindern Lieder eingedrillt, welche jeden Inhalts bar sind: „O Tannenbaum", „Fuchs du host die Gans gestohlen" u. f. w. Wäre es nicht auch vortheilhaft, in den diversen Talmud-Thora-Schulen die Kinder auch mit den Nationalgesängen in Wort und Melodie unter tüchtiger Leitung berufener Männer bekannt zu machen? Man wird mir erwidern, daß die musikalischen Kenntnisse der heutigen Jugend genügend vorgeschritten sind? Nun ja, wo bleibt aber jenes selbstständige Nationalbewußtsein. Nur durch ein gutes Buch und ein gutes Lied kann dies erzeugt, gepflegt und gehoben werden; und beides mangelt leider unseren Kindern. Eine gediegene „jüdische Kinderbibliothek" und ebenso eine „gediegene jüdische L i e d e r s a m m l u n g". nur diese beiden Factoren sind im Stande, das Nationalbewußtsein

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