Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 348 dr. Vloch's WochrnschrM. Nr. 18 Ueber Antrag des Herrn Dr. Alfred S k r e i n wird Dr. F i a l l a per acclamationem zum Präsidenten wiedergewählt. In den Vorstand wurden ferner gewählt die Herren: Hermann Beck, k. k. Hoflieferant; S. Brod, Installateur; kaiserl. Rath Moritz Hirsch, Mitglied des Cultusvorstandes; Dr. Marcell Ho ff mann, Hof- und Gerichts-Advocat; Carl Kohn, Mitglied des Cultusvorstandes; Director Benedict Langbank; Dr. Johann Lichtenstadt, Schriftsteller; Consul A. M ar e k und Heinrich T e l t s ch e r, Fabrikant. Sodann ertheilte der Präsident dem Herrn Reichsrathsabgeordneten Dr. Benno Straucher das Wort zu einem Vortrage über die politische Lage. Dr. S t r a u ch e r, mit lebhaftem Beifall begrüßt, erklärte zunächst, daß er der radicaldemokratischen Richtung angehöre, weil diese Richtung es ihm ermögliche, für die Rechte und für den Schutz des jüdischen Volkes und des jüdischen Glaubens energisch cinzutreten. (Beifall.) Redner gab sodann eine Skizze der Entwicklung Oesterreichs seit dem Jahre 1848; während dieser ganzen Epoche sei Oesterreich in politischer und wirthschaftlicher Hinsicht gegenüber den anderen Staaten zurückgeblieben. Es fehlte an einheitlichen großen Ideen, wie an einer einheitlichen politischen Richtung. Die Verfassung trage den Stempel der Unfertigkeit an sich, weil das Wahlsystem ein durchaus verfehltes ist. Nicht eine Volksvertretung, sondern eine Interessenvertretung haben wir, innerhalb deren der Clerus und der Feudaladel über die Macht gebieten und das Volk in seiner Hörigkeit zu erhalten suchen. Oesterreich sei noch immer ein mittelalterlicher Staat, nur die Formen der Volksbedrückung seien andere geworden. Feudaladel und Clerus sind die Feinde eines freien Volkes, daher auch erbitterte Gegner der wahren Emancipation der Juden. Die österreichische sogenannte liberale Partei habe abgewirthschastet, weil sie niemals ehrlich und offenkundig ihre freisinnigen Principien bekannt und praktisch zur Geltung gebracht hat. Die Juden, welche sich der liberalen Partei wegen oft genug die Finger verbrannt haben, wurden von der. liberalen Partei schmählich im Stiche gelassen, als es sich darum handelte, die Rechte der Juden zu verfechten. Die Liberalen haben an der Berfaffung mitgewirkt, allein in der praktischen Verwirklichung sind sie stets rückständig geblieben, weil sie im Innern nie das empfunden haben, was sie äußerlich mit den Lippen gepredigt haben. (Bravo.) Ein im Jahre 1890 erschienenes Programm- Manifest der liberalen Partei enthielt 19 Punkte, darunter aber befand sich kein einziger, welcher die Gleichberechtigung aller Staatsbürger gefordert hätte; noch als Finanzminister hat Herr Plener bei unbedeutenden Staatsanstellungen die Vorlage des Taufscheines verlangt. Dieser schwächlichen Haltung der liberalen Partei ist das Anwachsen jener schmachvollen Bewegung zu danken, welche man Antisemitismus nennt. In der Bekämpfung des Antisemitismus stehe die Judenschast nicht auf jener Höhe, die ihrer Bedeutung und ihrer Intelligenz entspricht, und es fehlt an der nothwendigen Organisation auf localem Gebiete. Wir sind ein unterdrücktes, verfolgtes, nicht gut gelittenes Volk, wir sind aber auch ein verkanntes Volk, nicht nur verkannt von den Anderen, sondern auch von unseren eigenen Stammesgenossen. Unsere Jugend kennt die Geschichte des jüdischen Volkes nicht. Freunde haben wir keine, darüber sind wir uns klar: Feinde umdrängen uns von allen Seiten. Wir haben verschämte Gegner und unverschämte, offene und geheime. Mein Herz schnürt sich zusammen, wenn von allen Seiten Angriffe und Beschimpfungen auf die Judenschaft ei»' dringen und ich nirgends sehe, daß ihre Vertreter sich zur Abwehr in die Bresche stellen. Man soll seine eigenen Stammes- und Glaubensgenoffen nicht herabsetzen, aber ich muß es sagen: Unsere jüdischen Abgeordneten aus Galizien verdienen es nicht, in die Volksvertretung entsendet zu werden. Auf den Bänken des Polenclubs finden Sie die polnisch-antisemitischen Hetzblätter „Glos Norod" und „Dziennik Polski". Die parlamentarischen Leser dieser Blätter sind die Club- und Gesinnungsgenossen der jüdischen Abgeordneten aus Galizien. Als ich eine Interpellation wegen ungerechter Präterirung jüdischer Staatsangehöriger einbrachte, da habe ich nicht einmal die erforderlichen Unterschriften der j ü d i s ch e n Abgeordneten aus Galizien gefunden. (Pfuirufe.) Dem Polenclub darf ein Jude nicht beitreten, weil das ein Club verkappter Antisemiten ist. Der Pole halt ^den Juden nicht gleichwertig, er fraternisirt mit ihm als einem brauchbaren Factotum, aber den gleichberechtigten, auf der gleichen socialen Stufe stehenden Juden mag er nicht. Auch der deutschen Fortschrittspartei kann ich nicht angehören, denn die muß j u d e n r e i n bleiben. Es bleibt nur noch die wirkliche und wahrhaft freisinnige socialdemokratische Partei, aber dieser kann ich mich nicht anschließen, weil ich ein Gegner des Classenkampfes bin, und so kann ich mich nur zu jener Richtung bekennen, welche der Abg. Dr. K r o n a w e t t e r vertritt. In dieser Stellung will ich auch ferner wirken und mich der Abwehr aller gegen das Judenthum gerichteten Angriffe widmen Allen gegenüber, die uns unterdrücken wollen, um dann sagen zu können, wir seien ein fremdes Element. Der Gemeindebund, der nunmehr ins Leben gerufen werden wird, muß sich auf volksthümlicher, nicht auf aristokratischer oder gar Plutokratischer Basis organisiren; auch bei uns weht bereits zu viel Hofrathsluft. Aber auch jene Persönlichkeiten, welche berufen wären, die politischen Bestrebungen der Juden materiell zu unterstützen, mögen eifriger als bisher ihre Pflicht erfüllen. Redner schließt seinen schwungvollen Vortrag mit der Versicherung, daß er hingebungsvoll bestrebt sein wolle, der Sache seines Volkes zu dienen. Stürmischer anhaltender Beifall folgte diesen Ausführungen. Auf Antrag des Präsidenten wurde dem Redner der Dank votirt und die Generalversammlung geschlossen. „Ferienheim", Verein für israelitische Ferienrolonien. Von dem erfreulichen Aufschwünge diesesjrührigen Vereines gibt der soeben erschienene sechsteJahresbericht ein recht anschauliches Bild. Es wurden im vorigen Jahre 388 schulpflichtige Kinder, 'welche von Lehrern, Schulvorständen, Armenärzten und Spitalsverwaltungen dem Vereine zur Aufnahme empfohlen wurden, auf's Land geschickt. Die Unterbringung geschah ^serienweise. Die Knabencolonie in R o s s i tz bei Brün n beherbergte 128, die zu S ch a t t m a n n s d o r f in Ungarn 100 Knaben und die Mädchencolonie P e t r a u in Mähren 135 Kinder. Der Anordnung der Bereinsärzte gemäß wurden mehrere Gruppen leidender Kinder nach den Cnrorten Baden bei Wien, Hall in Oberösterreich und D a r k a u in Oesterr.-Schlesien entsendet. Der Bericht constatirt mit Befriedigung die sehr günstigen Erfolge dieser Curaufenthalte. Diesen Erfolgen sei es zu danken — heißt es im Jahresberichte — daß auch im abgelaufenen Jahre die Liste der Gründer und Stifter des Vereines eine Bereicherung erfahren habe. Aber wir glauben, daß auch der unermüdliche Eifer und die namhaften Opfer an Geld, Zeit und Arbeitskraft, welche die Leiter und Gönner des „F erienheim" diesem zugewendet haben, nicht wenig zu dem erfreulichen Aufschwünge dieser so segensreich wirkenden Institution beigetragen haben. Die Pflege der Wartung der 388 Kinder hat 9762 fl. 68 kr. gekostet; dieses Sümmchen herbeizuschaffen, ist wohl keine Kleinigkeit. Die hochherzige Philanthroyin Frau Baronin Clara Hirsch de Gereuth, welche die in ihrem Schlosse R o ss i tz untergebrachte Colonie in Begleitung einer hochadeligen Gesellschaft von Damen und Herren besuchte, gab ihrer Anerkennung über ihre Wahrnehmungen durch die Zusicherung, das prächtige Schloß mit dem herrlichen Parke auch fernerhin dem „F e r i e n h e i m" zu überlassen, sowie durch eine Spende von 500 fl. Ausdruck. Um dieser edlen Dame einen schwachen Beweis der Hochachtung und Verehrung zu liefern, beantragt der Vorstand, sie zum ersten Ehrenmitglied des Vereines „F e r i e n h e.im" zu ernennen. Alle übrigen Wohlthäter hier anzuführen, ist nicht möglich. Nur die Verdienste, welche sich Herr und Frau S. H e i t um den Verein erworben haben, seien hier erwähnt. Dieselben haben auf eigene Kosten die Sparkörbchen-Action durchgeführt und die sehr bedeutenden Auslagen für die Sparkörbchen aus Eigenem bestritten. Diese Sparkörbchen haben im abgelaufenen Jahre den Betrag von 586 fl. 48 kr. geliefert. Ein verheißungsvoller Anfang! Der Bereinsvorstand geht von dem richtigen Grundsatz aus, die laufenden Einnahmen nicht verkürzt durch unzeitgemäße Vermögensansammlung, sondern ganz der Erfüllung