Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 Nr. BlorLr'K IvochrntchrtfL. Serir 34/ an, verherrlichten seine Vergangenheit, stellten seine Propheten und Gottesmänner neben ihre „Heiligen", sangen seine Lieder in ihren Gotteshäusern, schöpften aus seiner Lehre Erfrischung und Trost, eigneten sich aber alle diese Herrlichkeiten zu, als wenn es i h r Eigenthum wäre. Sie rissen dem jüdischen Volke die Krone vom Haupte und beerbten den Lebendigen." Und Israel selbst sollte für seine ruhmvolle Vergangenheit, für seine civilisatorische Bedeutung, für die Lehren seiner Gottesmänner, für seine Wissenschaft und Literatur gleichgiltig und rücksichtslos bleiben? — Liegt es doch schon in der erhabenen Intention der Religion oder — was gleichbedeutend ist — der höheren Moral, daß jedes wahrhaft gemeinnützige Streben und Wirken wohlwollende Theilnahme finde, um wieviel mehr erst jene ideale Wirksamkeit, die auf literarischem Wege dem allgemeinen Wohle ihre Dienste widmet! Die synagogalen Gemeinden haben jetzt zumeist — mit wenigen rühmlichen Ausnahmen — das Ziel ihrer Bestimmung und ihrer höheren Aufgabe aus dem Auge verloren. Wäre es denn nicht viel zweckmäßiger und der hohen Missionellen Aufgabe der Synagoge und ihrer Anhänger förderlicher, wenn bei weniger kostspieligen synagogalen Bauten und Einrichtungen mehr für die Förderung und Belebung der einschlägigen fachwissenschaftlichen Literatur gewirkt würde? Es sollten zweckdienliche literarische Erzeugnisse subventionirt, die Herausgabe guter Werke durch die Fachpresse und die Corporationen direct beeinflußt und insbesondere für gewisse Leistungen Preise ausgeschrieben werden, überhaupt sollte dahin gewirkt werden, daß manche gute, nützliche und gediegene literarische Arbeit nicht unbeachtet am Schreibpult des Autors oder im Buchladen herumliege, und daß in jeder Synagogengemeinde eine größere oder kleinere Bibliothek angelegt werde. Denn das Erwachen des Missionellen Bewußtseins unter dm Anhängern der Synagoge ist eine wahre Naturnothwendigkeit, und dieses kann nur durch den Einfluß der Fachliteratur bewirkt werden. Wie viel Gutes und Segensreiches könnte bewirkt werden, und wie so ganz anders müßte das Judenthum pulsiren, wenn in jeder halbwegs leistungsfähigen Gemeinde wenigstens die neuesten fachliterarischen Erscheinungen, sowohl Bücher, als Zeitschriften, zum Gebrauche für die Mitglieder, eventuell auch für die Jugend aufliegen möchten! Das Judenthum würde dann weniger verkannt, aber seinem Geist und Wesen nach mehr erkannt werden! Jeder Volksstamm, und wäre er in der Civilisation noch so sehr im Rückstände, jeder zweckentsprechende Verein, jede sich zielbewußte Körperschaft ehrt und schützt ihre einschlägige Fach- ■ literatur und findet in deren Gedeihen und Aufblühen ihren Stolz und Ruhm. Und gerade Israel, dieser berufene Erzieher; und Lehrer des Menschengeschlechtes, sollte etwa darin nach- ° stehen? Bildet doch jede Fachliteratur eine mächtige Armee, die für die Sache ihrer Corporation, für die Interessen ihrer Genossenschaft kampfesmuthig zu Felde zieht, um ihr Kraft, Muth, Ansehen, Würde und Sieg zu verschaffen! — Und in der That waren noch in der Neuzeit niemals Israels äußeren Feinde und Gegner so viel als jetzt, wo Israels Literatur stets im Rückgänge begriffen ist. So lange Moses im Kanipse gegen Amalek seine Hände nach oben hielt, gestützt von treuen, kühnen und aufopferungsvollen Gesinnungsgenossen, siegte die Mission Israels. So wird es zu allen Zeiten sein und bleiben! Israels Thora und die ihr entstammende Fachliteratur bilden Israels miffionelle Streitmacht, Israels kampfgerüstetes Heer, und die Pfleger seiner Literatur sind die auserwählten Männer, welche stets das Herz und Auge Israels nach oben, nach seiner Mission hin gerichtet erhalten, um des Missionellen Sieges sicher und gewiß zu sein. Je mehr sich aber Israel seiner Literatur begibt, desto mehr begibt es sich seiner hohen Aufgabe, seiner Solidarität und hiermit seiner moralischen Macht und seiner Unantastbarkeit. Und wann immer Israel nach dem Muster und Beispiel seines erhabenen Lehrers Moses seine Hände als Symbol seiner Willenskraft, seiner Herzens-, Sinnes- und Geistesrichtung nach oben gerichtet haben wird, dann wird es über Amalek, nämlich über seine äußeren Gegner, siegen; sollten aber seine Hände, nämlich seine Willenskraft für seine höhere Mission und Aufgabe erschlaffen, dann werde Amalek Sieger sein. Amiti. Generalversammlung des „politischen Vvlksveremes". Der „P o l i t i s ch e B o l k s v e r e i n" hielt am 30. Avril im Restaurant Khuner seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Unter den zahlreichen Gästen waren u. A. erschieuen: Reichsrathsabgeordneter Dr. Benno S t r a u ch e r, die Herren Cultusvorstände Karl K o h n und Dr. Marcus Spitzer, der Präsident der Oesterreichisch-Jsraelitischeu Union Herr kaiserlicher Rath A u n i n g e r und die Vorstandsmitglieder Dr. Meitner und Jacob I e i t e l e s, der Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe Herr B r o d, Cvmmercialrath Fluß, der Vorstand des Tempels im 9. Bezirke Herr Gottlieb B e t t e l h e i m rc. Der Präsident Herr Dr. Hermann F i a l l a begrüßte die Versammlung und erstattete sodann den Jahresbericht, welcher wegen der prägnanten Schilderung der politischen Verhältnisse und der Stellungnahme des Vereines 51t denselben sich als ein hochinteressantes und ausgezeichuetes Expos« darstellte. Gegenüber den durch das Ministerium Badeni entfesselten Kämpfen zwischen den deutschen und slavischen Stämmen der Monarchie empfehle es sich der Judenschast, neutral zu bleiben in einem Bürgerkriege, dessen Streittheile einig seien im A n t isemitismus. Schönerer, Wolf und Steiuweuder aus der einen Seite, Podlipny, Falkenhayn und Lueger aus der anderen Seite, da werde dem Juden die Neutralität wahrlich nicht schwer gemacht; er begrüße diese sämmtlichen Gruppen und Parteien nur mit eiliem e i u 5 i g e it Gefühle. (Bewegung.) Der „Politische Bvlksverein" habe bei den Reichsrathswahlen sowie bei den Wahlen in die Steuereinschützungscommissionen eine rege Wirksamrett entfaltet und zur Förderung der geistigen Interessen unserer Stammesgenossen einen Cyclus von Borträgen veranstaltet, welche der ganzen Judenschast der Hauptstadt zur Ehre und Genugthuung gereichten. (Lebhafter Beifall.) Die von Professor Lazarus und Frau, Professor Dr. C 0 h e n, Rabbiner Dr. R i p p n e r und Schriftsteller Dr. K 0 hut gehaltenen Vorträge waren von nahezu 6000 Personen besucht, darunter auch von zahlreichen christlichen Gelehrten, Künstlern und Politikern. Jenen Persönlichkeiten, welche diese Veranstaltungen durch ihre Munificenz ermöglicht haben, werde der Dank des Vereines ausgesprochen. In wirthschastlicher Hinsicht sei der Verein für die Reform der Armenpflege eingetreteu und habe sich an der bezüglichen Enquete betheiligt; der Verein folge ferner im Sinne seines Wahlprogramms der Gründung des Gemeiudebundes mit lebhaftem Interesse. Der Bericht schloß mit dem Wunsche, daß die Mitglieder sich auch fernerhin eifrigst für die culturellen und politischen Interessen des Judeuthums bethätigen werden. (Lebhafter anhaltender Beifall.) Dr. Joses Bloch beantragt, dem Vorstande des Vereines und insbesonders dem Präsidenten Herrn Dr. F i a l l a für seine energische und unermüdliche Mühewaltung den Dank der Generalversammlung auszusprecheu. Redner bringt zur Kenntniß, daß die Anregungen des Vereines auf dem Gebiete des Armenwesens auch außerhalb Wiens fruchtbringend gewirkt haben. Dem Vorsitzenden wird der Dank der sehr zahlreichen Versammlung in einer lebhaften Ovation dargebracht. Cultusvorstand Dr. Marcus Spitzer sprach seine Genugthuuug darüber aus, daß die Versammlungen der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union und des „Politischen Vvlksvereiues" den Vorstandsmitgliedern der israelitischen Cultusgemeinde die willkommerre Gelegenheit bieten, sich über die Stimmungen, Wünsche und Bedürfnisse der Wählerschaft aus dem Lausenden zu erhalten, und anerkannte, daß die Jllitiative des Vereines im Sinne einer Reform der Armenpflege auch dem Cultusvorstände sehr willkommen und anregend erschien. Die Gründung des Gemeind ebundes entspreche dem dringenden Wunsche der österreichischen Judenschast nach Organisation, nach der Schaffung eines Organs, welches die österreichischen Juden in ihrer Gesammtheit zu vertreten bestimmt sein wird. Redner glaubt nicht blos im eigenen Namen, sondern im Namen des gesammten Cultusvorstandes dem „Politischen Bolksverein" und der Leitung desselben den Dank für ihre ersprießliche Thätigkeit aussprechen j zu dürfen. (Stürmischer Beifall.) s Es werden sodann die Wahlen in die B e r e inslei t u n g vorgenommen.