Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-05-06 · 18 (6.5.1898) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
18 (6.5.1898)
Date
1898-05-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021242--07803-3032149
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

«eite 346 Vr. «rsck's Mochenkchrist. Nr. 18 Gin Mahnwort in ernster Zeit. Es ist eine unleugbare Wahrheit und ein höchst trauriges, sehr bedauernswerthes Zeichen und Merkmal unserer Zeit, daß das innere Geistesleben in Israel in demselben Verhältnisse und Maße abnimmt, als die Synagoge in architektonischer, comsortabler und luxuriöser Weise fortschreitet. Ja, es ist leider eine traurige Thatsache, daß mit diesem äußern culturellen Aufschwünge und Fortschritte fast jeder innere Herzensdrang, fast jede missionelle Solidarität in unserer Glaubensgenossenschaft geschwunden und daß von den hörbaren synagogalen Ergötzlichlichkeiten fast jede Gemüths- und Herzensstimme für die hohe Mission Israels übertönt wird. Als die traurigste Consequenz hievon finden wir sozusagen am Eingänge der antiken Synagoge sowohl, wie an der Pforte der modernen Tempelhalle ein verlassenes, verwaistes Kind, ein natürliches Pflegekind der Synagoge, bei den Anhängern und Besuchern derselben um Aufnahme in Haus und Familie bittend, aber selten, sehr selten Gehör, Sympathie und Mitgefühl findend. Dieses Kind ist Israels missionseinschlägige Literatur. Es obwaltet nämlich jetzt die irrige Meinung, mit den materiellen Opfern, die dem Aufbau einer Synagoge und der Erhaltung ihres äußeren Cultus gebracht werden, sei schon die Missions- und Solidaritätspflicht Israels vollständig erfüllt; die einschlägige Literatur aber sei ein abgefertigtes, unnützes, ganz entbehrliches Ding in der modernen Zeit geworden. Seit dem Ableben des großen, wahren und allgemeinen Philanthropen Moses Montefiore (sein Andenken gereiche zum Segen!) steht die Fachliteratur Israels thatsächlich verwaist da; denn fast Niemand nimmt sich der Armen, Verlassenen in väterlicher und fürsorglicher Weise mehr an. — Und doch ist es gerade diese, die den Zweck hat/ bahnbrechend, veredelnd, aufklärend und verbefiernd auf socialem Gebiete zu wirken, edles Selbstbewußtsein anzufachen, die moralische Kraft und den ethischen Geistesschwung zu heben. Was nützt aller mehr oder minder kostspielige synagogale Luxus und Flitter, wodurch der Neid und die Mißgunst böser Elemente nur aufgestachelt wird, wenn der einschlägigen Fachliteratur eine so schmähliche und rücksichtslose Behandlung zu Theil wird, indem man ihr jeden Zutritt zu Haus und Familientisch, jeden Eingang in die Gemeinde versagt? — Was nützen theure Borhange, Mäntelchen und sonstige zierliche Gegenstände edler Metalle und dergleichen materielle Ausstattungsutensilien, wenn für das eigentliche Wesen der synagogalen Mission jedes Berfländniß, jeder Sinn abgeht, indem dem armen verlassenen Kinde der einschlägigen Literatur, jede Pflege, jedes Mitgefühl, so zu sagen, jedes Nahrungsmittel entzogen wird, um es seinem traurigen Schicksale zu überlassen, es dem Untergänge preiszugeben? — Zu tadeln, das thut freilich sehr weh'; doch ach, es ist schwer, sich dessen zu entschlagen. — Ach, wie selten nur öffnet sich diesem armen verwaisten Kinde ein Herz oder eine Hand, wie Wenige gönnen ihm ein Plätzchen am Tische oder in der Behausung der Familie! Ein Gebetbuch in mehr oder minder elegantem Einband, höchstens auch noch der Pentateuch im Urtexte bildet in der Regel die ganze einschlägige Fachliteratur. Oder sollte diese Schwäche verheimlicht und verschwiegen werden? Unverständig und pflichtvergessen ist derjenige Gärtner, der den Wildling im Walde mit seinen unzuträglichen Früchten unbeachtet und unberührt läßt, ihm in seinem Garten keinen Raum gönnt, wartend, bis derselbe sich veredelt haben wird. Unbeachtet und unberührt bleibt das wilde Gewächs im Walde wild und seine Frucht herb und ungenießbar! Erst mit dessen Uebertragung in den Garten, mit seiner Beschneidung, Pfleaung, Pfropfung und Veredelung wird es aufblühen und gute genießbare Früchte tragen! Die Haupt- und Residenzstadt Wien z. B. zählt mehr als 130.000 Seelen israel. Confession; doch man muß die traurige Thatsache kläglich bewundern, daß unter diesen 130.000, unter denen sehr viele hervorragende Männer von Klang und Ruf, von Leistungskraft, Leistungsfähigkeit und auch von anderweitiger Leistungswilligkeit vorhanden, kanm Einhundert zu finden sind, die Herz, Sinn, Interesse, Willens- und Thatkraft für einen literarischen Zweck bekunden, um dadurch Geisteslicht, Wahrheit, Erkenntniß und Verständniß für die hohe Mission Israels in die Bolksmassen hineinzutra'gen, und zur Erhellung - des Geistes, zur Veredlung der Gemüther beizutragen und mitzuwirken. Unter den vielen und namhaften Spenden, Widmungen, Schenkungen, Stiftungen und Legaten, die oft in und außerhalb der Synagoge und des Tempels geinacht werden, befindet sich außer der Goldberg'schen und Rappaport'schen Stiftung keine einzige, wodurch die Fachliteratur eine Stütze und Förderung finden möa,te! Und unter den vielen Andachtsstätten, mannigfachen Vereinen, Körperschaften, Institutionen, Anstalten, die unter mehr oder minder pompösen, yochklingenden Titeln, unter farbenprächtiger, verlockender Fahne zum Zwecke von Humanität, Bildung, Lehre, Aufklärung, Apologie, Abwehr und dergl. bestehen, ist fast keine einzige Vorkehrung für die Pflege der Literatur Israels vorhanden; und wenn schon etwas Aehnliches, Vielverheißeudes besteht, dann ist es gewiß nur eine Schöpfung, deren wärmende und leuchtende Strahlen über den engsten abgeschlossenen Kreis einer gewissen Partei nicht hinauskommen. Es sind dies fast lauter lebensschwache und zweckverfehlte Fehlgeburten, die ihr Dasein blos durch nothdürftige Athemzüge bekunden, uni sich dadurch bemerkbar zu machen und sich einen Namen zu schaffen. So geht's in Budapest, wie in Berlin, in London, wie in anderen Großstädten und Großgemeinden. Und da das Beispiel des Großen so anziehend und so verlockend aus den Kleinen wirkt, so ist es ganz natürlich, daß jenes arme verlassene Literaturkind.in den Provinzgemeinden keiner besseren Pflege und Aufmerksamkeit sich erfreut. Alles findet doch eher Sympathie und Unterstützung, als Israels missionelle Fachliteratur und am allerwenig st en diejenige, welche von ihren Pflegern im eigenen Schoße stammt. Wie leicht fällt es doch einem Glaubensgenossen oder dem Vorstande einer israelitischen Cultusgemeinde ein, ein jüdisches Thema behandelndes Buch, oder eine die jüdischen Interessen verbreitende Zeitung gleich einer materiellen, unbrauchbaren, nichtbestellten Waare kaltblütig, rücksichtslos und verächtlich zurückzuweisen! Ein kategorisches „Nicht angenommen" ist in der Regel Alles, wodurch der Jude seiner Literatur gegenüber seine Pflicht gethan zu haben wähnt! — Wie viele gute, treue und aufopferungsvolle Arbeiter im Dienste des Jndenthums und seiner Bekenner mußten an dieser Indolenz schon verbluten! Wie viele segenverheißende Geistesschöpfungen mußten dadurch schon der Vernichtung preisgegeben werden! Welche enormen Capitalien wendete der bekannte und bewährte Philanthrop Baron Hirsch verschiedenen humanitären Zwecken zu und mit welchen bedeutenden Legaten bedachte er testamentarisch verschiedene Anstalten und Institutionen! Welche bedeutenden Beträge führt aber auch dessen hinterlassene Gattin verschiedenen Humanitären Widmungen zu! Es hat ihr wohl an gutem Willen und an Munificenz nicht gefehlt, in der Zeit von zwei Monaten, seit der Besitznahme ihrer Erbschaft nämlich, zwölf Millionnen wohlihätigen Zwecken und außerdem der Pensionscasse der orientalischen Eisenbahnen zwei Millionen zuzuwenden. Doch unter allen den enormen Spenden Stiftungen, Widmungen ist bisher auch kein Heller zur Unterstützung des armen, verlassenen Waisenkindes, der einschlägigen „Fachliteratur", gewidmet worden. Welch' ein segensreicher Literaturfond hätte durch einen kleinen Theil dieser 14 Millionen auch mitgestiftet werden können! Dennoch aber ist und bleibt die Kenntniß und die Verbreitung der ethischen Literatur Israels das einzige, beste und wirksamste Mittel für die Erkenntniß der hohen Mission Israels, seines culturhistorischen und civilisatorischen Werthes und Zweckes. Aus ihr blitzen die Hellen Waffen des Geistes, die allein geeignet sind, den Sieg über alle rohen Mächte des Mißverständnisses, des Vorurtheils, der Gewalt, Willkür, Leidenschaft und Bosheit zu ermöglichen. Während z. B. heute in keinem besseren oder intelligentern Hause eine Auswahl unserer modernen Classiker fehlt — was wohl sehr lobenswerth ist — sieht man sich in der Regel vergebens nach einem Buche um, das Belehrung und Aufklärung über Religion bietet. Ja, es gibt sogar Viele der besseren oder gebildeten Menschenclasse angehörend, die sich schämen, ein solches Buch in ihrer Bibliothek zu besitzen oder auf ihrem Familientische liegen zu haben. Dr. H. Gr ätz sagt in der Geschichte der Juden: „Dieselben, welche Schmach und Tod über Israel verhängten und es > in den Straßenkoth schleiften, erkannten seinen hohen Ursprung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.