Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 18 (6.5.1898)
- Date
- 1898-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s Jahrgang XV. Crntralorgan für die grfammten Interessen des —- .. —^- Wien. 6. Mai 1398. Erscheint jeden Freitag. Bries-Adrefse: Wien, 1., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloch'S Wochenschrift Wien. L. ft. Voysparkslfen-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. Aedartton und NLmisistration: Wien . il., Nntrrr Dugsrlrnpr. la. j Tele phon - Nr. 6535. Iudenthums. »■■= =■-■■- - =■■■■» Sepigsvrtta firr Srstrrrrtch.- Halbjährig 4 fl. «= 8 £«. Einzelexemplare 15 kr. 2Sr'» Äualanb: halbjährig d fl. — 10 Stc. ganzjährig 10 „ JO „ L»zeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. j Inhalt. Leitartikel: Der „Hauch Gottes". — Ein Mahnwort in ernster Zeit. — Generalversammlung des „Politischen Volksveremes". — „Ferienheim", Verein für israelitische Feriencolonien. — Voni Jahrniarkt des Lebens: Zur Reise des deutschen Kaisers nach Palästina. Der nationale Standpunkt in seiner Bedeutung für das religiöse Leben. Das Vaterland für das allgemeine gleiche Wahlrecht. Znr Protestantenhebe in Frankreich. Zum spanisch-amerikanischen Krieg. Die Schächtfrage in Braunschweig. Hebräische Alterthümer in der Krim. Antisemitische Ausschreitungen. Zu den Wahlen in die Einkommenstener-Eomissionen. Pfarrer Deckert. Betrügerische Mönche. Die Afghanen. — Das jüdische Lied. — Tie polnischen Inden im Kronprinzenwerk. — Ein werthvollcs Literaturwerk. Das Gutachten des Prof. Gottfried Pohl im Processe des R. Sabbathai Baffista (Baß). — Die hervoragendften Rabbiner Prags. — E o r r e s p o n d e n z e n: Wien, Baden, Liebeschib, Prag, Brody, Ezernowitz, Berlin, Brüssel Rom, Paris, St. Petersburg. — Vermischtes: Wien, Wilhelmsburg, Znaim, Jglau, Bielitz, Skole, Ung.-Brod, Drohobycz Sarajevo, Berlin, Seesen, Paris. — Feuilleton: Der neue Oberamtmann. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. Inserats Der „Hauch Gottes". Das spanische Geschwader, das mitten im Hafen von Manila von den Amerikanern vernichtet wurde, hält keinen Vergleich aus mit jener stolzen Armada, die einst Philipp 11. gegen das meerumgürtete Albion sendete und die „Gott zerblies mit seinem Hauche." Die Kriegsberichterstatter rechnen uns mit peinlicher Sorgfalt vor, um wie viele Tonnen, Pferdekräfte und Caliber die amerikanische Flotte in der jüngsten Seeschlacht der spanischen überlegen war. Wir aber erkennen auch hier, wie in den letzten vierhundert Jahren spanischer Geschichte den „Hauch Gottes". Dieses einst so gewaltige Reich, in dessen Grenzen noch unter Carl V. die Sonne nicht unterging, dieses kühne Seefahrervolk, dessen Conquistadoreu zwei Welten mit ihrem Ruhme und ihrem Schrecken erfüllten, hat Schritt für Schritt seine den Erdball umspannende Macht eingebüßt und ist zum Mitleid der Nationen geworden. Seit dem 16. Jahrhundert hat Spanien nicht weniger als 600 Kriegsschiffe durch eine Reihe furchtbarer Katastrophen verloren. Im Jahre 1518, zur Zeit des Aufblühens der spanischen Seemacht, wurde unter dem Admiral Don Hugo de Moncada eine Flotte zur Eroberung Algiers ausgesendet; ein heftiger Sturm vernichtete dreißig Schiffe davon, 4000 Seeleute tarnen in den Fluthen uin. Ein zweiter Zug, der 1541 unter Karl V. gegen Algier unternommen wurde, verlief noch unglücklicher; 140 Fahrzeuge mit einer Besatzung von 8000 Mann gingen verloren. Bei einer 1562 zur Befreiung Orans unternommenen Expedition sanken 20, im nächsten Jahre bei einem heftigen Sturm im Meerbusen von Cadix 15 Schiffe. Im Jahre 1588 verlor Svanien durch den Untergang der Armada 81 seiner besten Schiffe mit 14.000 Seeleuten. Fast die gleiche Anzahl Kriegsschiffe wurde durch drei weitere Unglücksfälle noch vor Ablauf desselben Jahrhunderts vernichtet. Das 17. und die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts brachten keine größeren Verluste, bis auf den Untergang von fünf Schiffen, die zu einer 1741 gegen England geschickten Flotte gehörten. In den letzten 125 Jahren hat Spanien 12 Dampfkriegsschiffe und 21 Segelkreuzer mit zusammen 1570 Geschützen, 23 Fregatten mit 800 Kanonen und mehr als 100 Kanonenboote verloren. Die fortschreitende Vernichtung seiner Seemacht bedeutet auch den Verlust seiner blühendsten Colonien. Von all' den herrlichen Besitzungen, welche die Vicekönige mit unmenschlicher Grausamkeit zu Gunsten des Mutterlandes auspreßten, sind heute nur mehr Cuba und Portorico in Westindien, die Carolinen und Philippinen im pacifischen Meere übrig, und auf diesen sind auch blutige Aufstände längst zur Losreißung reif geworden. In diesem 400jährigen Niedergange offenbart sich doch ein höheres Gesetz als jenes der Zahl und der Mechanik, mit welchen man gegenwärtig die Niederlage bei Cavite erklären will. Die Epoche des Unglücks der Spanier fällt fast genau zusammen mit jener der Verfolgung und schließlichen Verbannung der Juden bei der Aufrichtung einer schrankenlosen Priesterherrschaft, welche von den glänzenden Charaktereigenschaften des spanischen Volkes nichts übrig ließ als einen lächerlichen Bettelstolz. Während das Mutterland verödete und seine Bevölkerung! in frömmelnden Stumpfsinn versank, hausten die Vicekönige in j Neu-Spauien, in Peru und auf den Antillen, wie Vampyre. Der! unerschöpfliche Reichthum dieser gottgesegneten Länder vermochte j der Verarmung der »madre patria« keinen Einhalt zu thun, j denn all' dieser Reichthum floß in die Taschen einer corrumpirten j Beamtenschaft und der unersättlichen Geistlichkeit. Die Juden j hatten durch ihren Gewerbefleiß, ihren Handelsgeist, durch ihre j eifrige Pflege von Kunst und Wissenschaft aus Spanien einen z Garten Gottes gemacht. Aber nachdem Ferdinand der Katholische 1 sie vertrieben und an einem einzigen Tage 300.000 strebsame j Menschen das Land verlassen hatten, lag Alles brach und ein Heer von Mönchen ließ sich wie ein Henschreckenschwarm auf das unglückliche Land nieder, das Volk aussaugend und verdummend, es mit seiner parasitischen Trägheit ansteckend und vergiftend. Die letzten Reste geistiger Regsamkeit vernichtete die Inquisition. Furchtbar hat die Vorsehung an dem spanischen Volke die Vertreibung der Juden gerächt. Aber auch an seinen Herrschern, die unausgesetzt vor den Zettelungen der Clerisei und den Verschwörungen der Partei- . führer zittern mußten. So zerfressen und zerrüttet ist der j öffentliche Geist, daß selbst jetzt in dem Augenblicke, wo es den; Kampf um die letzten Reste der einstigen Weltherrschaft gilt, j das Volk kein Gefühl mehr für die Größe und Bedeutung i dieses Kampfes besitzt. Aus Madrid nreldet man die bezeichnende! Thatsache, daß die Bewohner der Hauptstadt sich durch die j Hiobsposten aus Manila die Freude an den Stiergefechten nicht j verderben lassen. Der blutige Reiz der „Torros" ist mächtiger j als die Empfindung für die Ehre des Vaterlandes. Und! während der blutige Jnstinct der Menge sich an den Todeszuckungen gepeinigter Thiere weidet, berathen die Staatslenker in ohnmächtiger Verzweiflung, woher man Schiffe, Kanonen und Kohlen nehme, denn die corrupte Verwaltung hat die primitivsten Vertheidigungsmaßregeln außer Acht gelassen. Der „Hauch Goctes" weht rächend und vernichtend über Spanien.