Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 17 (29.4.1898)
- Date
- 1898-04-29
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 342 Vr Bloch's Wochen,chrM- Nr. 17 mehr in der Wirthsstube blicken, sobald der Hausirer erschien. Nur einer machte eine Ausnahme — just der Bürgermeister des gesegneten Thales; er hatte soviel Zeit übrig; die Leute seiner Gemeinde machten ihm wenig zu schaffen, indem sie fröhlich dahinlebten, den lieben Gott einen guten Mann sein ließen und schließlich mit Fettbäuchlein aus der Welt schieden. Also war dem Bürgermeister die Ankunst des Hausirers allemal eine willkommene Zerstreuung; es nahm ihn Wunder, was er Neues Vorbringen mochte, und obgleich er auf Salomon's Bitten stets die gleiche Antwort gab: „Jud', das rührt mich nit", so war sein Herz doch von warmer Liebe für seine Mitmenschen erfüllt, deren ganze Zuneigung er besaß. Nur war der Jude eben für die Ortsbewohner kein Mitmensch; sie glaubten eben immer noch, daß er den Stifter der christlichen Religion an's Kreuz geschlagen, und wer's ihn büßen lassen konnte, der that's. Und der Bürgermeister ragte durchaus nicht über die Anschauung seiner Zeit hinaus; er blieb, so oft ihm der Jude etwas vorlameutirte, gerade so ungerührt, wie's vor nicht zwei Jahrhunderten die Herren Richter angesichts der ihre Unschuld betheuernden Hexen geblieben waren. Wenn jedoch ein paar Tuge über die Zeit hingingen, in der Salomon zu erscheinen Pflegte, streckte der Bürgermeister alle Augenblicke den Kopf zum Fenster seiner Wirthsstube hinaus, ungeduldig vor sich hin murmelnd: „Wo bleibt er denn, der Maulaff', das Fratzeugesicht, der Jndassohn?" Mit derselben Sehnsucht war er auch Heuer wieder erwartet worden. Freilich als Salomon eintrat, zaghaft, mit gekrümmten Rücken, that der Bürgermeister ganz so, als käme ihn nichts auf der Welt ungelegener. „Potz Hagel und Stroh, da ist er ja schon wieder! Ja, was will Er denn? Glaubt Er vielleicht, ich Hab' nichts zu thun, als Seine Jeremiaden anzuhören! Er denkt wohl gar, ich sei ganz allein für Ihn auf der Welt!" „Mchts denk' ich." versicherte Salomon, betheuernd die Hand auf's Herz legend, „wo wecd' ich mir erlauben, was zu denken, wenn's dem Herrn Bürgermeister ungelegen kommt." „Ungelegen kommt mir der ganze Kerl," fuhr ihm jener ins Wort, „Tagedieb, Er, mit der geschmierten Znng, 'raus, 'raus, und mach' Er's kurz! Was in des Teufels Namen hat Er sich schon wieder ausgesonnen?" Salomon schluckte ein paarmal; seine sonst blassen Wangen waren heute geröthet, seine Augen glitzerten. „Mag es der Herr Bürgermeister nicht übelnehmen, weil geschrieben steht in der heiligen Schrift: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei", und also Hab' ich mich umgethan und Hab sie gefunden; schön ist sie auch und sparsam, daß es eine Lust war', 'ne Wirthschaft zu führen und Kinder zu erziehen in der Furcht vor Gott und vor allzu großen Unkosten, mit einem Lädchen, auf daß die geehrte Einwohnerschaft ihre Freud' hätt' an der prächtigen Auslag' und Billigkeit der Waar', 's fehlt nur die Ortschaft." „Was der Kerl für Geschichten erzählt", fuhr der Bürgermeister auf, der nie gröber that, als wenn er sich innerlich recht ergötzte, „und da soll man hinstehen und eine Geduld haben wie der heilige Hiob, als ob einem die Popp was anging! Ei, so heirath Er sie doch, und zieh' Er in Gottes Namen nach Jerusalem und laß Er uns fürderhin ungeschoren!" Salomon schüttelte das Haupt. „Mein Geschäft lass' ich nicht. Nicht, daß ich mir's erlaub', zu hoffen, oder gedenk' zu verdienen die Ehr', mir eine Heimat in einer Gemeind' von so großem Ruf zu gründen; ich speculir' auf die christliche Barmherzigkett; denn war's nicht 'ne herrliche Gelegenheit der Barmherzigkeit, einem Ausgestoßenen zu sagen: „Gehör' zur Gemeind' und sei'n gemachter Mann?!" „Das glaub' ich," lachte der Bürgermeister, „aber das rührt mich nit, wir wollen ebensowenig einen Pfarrer als einen Juden im Ort haben; mag der eine des Sonntags 'rüber kommen und predigen, der andre sein Lädleiu durch's Dorf tragen, das ist unsere Meinung. Punctum Jud'!" Und Salomon verneigte sich und schob sich mit seinem immer gleichbleibenden Lächeln rückwärts zur Thür hinaus, „nichts für ungut, nichts für ungut", murmelnd. Aber so schweren Herzens wie diesmal hatte er noch nie des Bürgermeisters Schwelle überschritten; er mußte nun der Braut das Warten plausibel machen, und sie war ein junges eigensinniges Mädchen, das durchaus wollte, daß er sich in dem Städtchen niederließ. Den langen Kampf endigte er niit der Erklärung : „Bon meinem Geschäft lass' ich nicht, so lang' ich leb'" — und sie: „Und ich wart' nicht länger als ein Jahr." Das Jahr ging herum, auch ein zweites, drittes und viertes. Die Beiden handelten noch immer miteinander. „Salomon, ich wart' nimmer." „Ich rath' Dir, wart', sonst reut Dich's!" Und die frischen Wangen des Mädchens blaßten allmälig ab, ihre Jugend schwand dahin, und es fing an, ein wenig lächerlich zu werden, sie noch immer behaupten zu hören: „Salomon, ich wart' nimmer." Er aber fuhr mit heiligem Elfer fort, sie mit den denkbar triftigsten Gründen zu beruhigen, sich also bald bei 'ihr, bald bei dem Bürgermeister in Beredsamkeit erschöpfend: auf seinen Wanderungen aber suchte er die Beweise zusammen, welche das Herz des Bürgermeisters zu seinen Gunsten, das der Braut zum Warten bewegen sollten. Au einem schönen, warmen Frühlingstag war's, als Salomon zum erstenmal ein Gefühl von Müdigkeit auf seinen Wanderungen befiel. Also ließ er sich am Ufer eines kleinen Weihers nieder, drin sich die Sonne spiegelte. Und Salomon blickte in das stille Gewässer; plötzlich riß er die Augen weit auf, fuhr zurück, schaute wieder hinein, schaute von rechts, schaute von links — keine Täuschung — sein Ziegenbärtchen war grau. „Gott der Herr!^ stöhnte er auf, „ich bin ein alter Mann geworden und hab's nicht gemerkt." Als er gegen Abend im Ort ankam, schritt er einher wie ein müder hoffnungsloser Greis; aus alter Gewohnheit lenkte er die Schritte nach dem Wirthshaus des Bürgermeisters, blieb jedoch plötzlich stehen, die Worte murmelnd: „Was nutzt's — was hat's genutzt —" kaum hatte er jedoch ein paar Schritte weiter gethan, reute es ihn wieder, und er kehrte um. Dies wiederholte er etliche Male, und der Hund des Bürgermeisters saß vor der Hausthür und beobachtete des Juden Gebühren mit kritisch-argwöhnischem Blick. Dieser Hund, ein häßliches, bösartiges Thier, war der Schrecken des ganzen Ortes; da jedoch der Bürgermeister viel auf seinen ruppigen Köter hielt, so duldete man denselben und hütete sich, in seine Nähe zu kommen. Als Salomon eben zum Viertenmal zum Haus zurückkehrt, war auch, der Hund zu einem Entschluß gekommen, sprang auf den Hausirer los, riß ihm den Rock vom Leib und zerfetzte ihm die Hose. Salomon schrie laut auf, worauf der Bürgermeister am Fenster erschien und den Hund voll Zorn hereinrief. Kopfhängend verfügte sich das Thier ins Haus und kauerte sich demüthig zu den Füßen seines Herrn nieder; Salomon war ihm gefolgt. „Was hast Du gemacht?!" fuhr der Bürgermeister seinen Hund an, indem er ihm einen Tritt versetzte, „muß ich denn alle Tage eine Schandthat von Dir hören?!" „Er ist ein Glückspilz," meinte Salomon, mit seinem halb listigen, halb rührenden Lächeln nach dem Hunde blickend, „er ist kein Jud' — also darf er getrost die Leut' beißen, ihre Kleider zerfetzen, ihre Haut schürfen und ihre Gäns und Kinder verjagen — ich muß mich ducken und bücken, wenn der Hohn und Schimpf wie Hagelkörner auf mich niederprasselt, ich darf mir nicht erlauben, zu schreien! Ich Hab' die Mütz' aufzuheben,, die der Krüppel vom Dorf vor mich hinwirft, und mich klein' stellen vor ihm — dafür bin ich ein Jud'. Wenn der Hund aber draußen steht und aus Versehen ausgeschlossen ist und die Nacht bricht herein, daß er winselt und heult und an der Thür scharrt — steht nicht der Knecht oder die Magd, die Frau oder gar der Herr Bürgermeister selbst auf, um dem Hund das Thor zu öffnen? Wenn aber ich winsle und klopfe — ein heimatloser Manu — und ruf' fast ein halb Jahrhundert lang: „Macht mir auf — läßt mich eintreten in die Gemeinschaft der Menschen!" — wer steht auf, um mich einzulassen? Der Knecht nicht und die Magd nicht — und die Frau und der Bürgermeister auch nicht — weil ich ein Jud' bin! Ist er nicht ein Glückspilz, der Hund?" Salomon hatte gesprochen, ohne die Stimme zu erhöhen, und schaute jetzt den Bürgermeister mit dem alten, demuthsvollen Lächeln an. Dieser hatte sich in all' den Jahren nie Gedanken gemacht über den Jammer des Juden; in dieser einen Stunde jedoch fiel's ihm wie Schuppen von den Augen, und er sah mit Entsetzen in einen Abgrund schreienden Elends, schreiender Ungerechtigkeit.