Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 17 (29.4.1898)
- Date
- 1898-04-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 332 Ar. BLoch's Mmtzrntttzrm "tr. 17 Jüdische Künstler aus der Jubiläums-Ausstellung. i. Meister Isidor Kaufmann. Der wahre Knnstfreulld kennt keine reinere Freude, als den Fortschritt und die Weiterentwicklung eines begabten Mannes zu ersehen, den er schon für „fertig", für ausgereift und für abgeschlossen gehalten. Als solcher hat sich unser Isidor Kaufmann nun erwiesen der bestens bekannte mrd allgemein geschätzte Maler der Juden. Er zeugt immer noch Neues, immer noch Feineres und Vollkommeneres. Rastlos arbeitet er an seinem künstlerischen Höhersteigen, thut sich selber nie genug und Bitbet ein schönes Talent, von dem er Vielen abgeben und doch noch immer genug für sich zurückbehalten köirnte, an Problemen subtilster Art. Im Vorjahre da hatte er ein großes, vielfiguriges Blld auf der Ausstellung, das Resultat mehrjähriger Bemühung. Es stellte einen polnischen Tempel dar, überfüllt von frommen oder zerstreuten Betern, Männern, Greisen und Knaben. Weiters waren damals noch zwei Interieurs zu sehen, von denen die Studirstube des Wuuderrabbi namerrtlich allgemeinen mrd verdienten Beifall, sogar eine Medaille in München sich errang. Mit großer Feinheit und Frecheit zugleich war auch das andere Bildchen, ein Tempelinterieur, behandelt. An diese knüpft der Maler diesmal an. Die angeschlagene Melodie läßt er weiter fortklingen, gibt ihr aber noch kräftigere Harmonisirung, so daß sie noch voller und eindringlicher wirkt. „Die blaue Ecke" möchte wohl ein Seccessionist das eine der Bilder nennen. Eine gemeißelte Mauer mit lichtbläulichem Schimmer. In einer Nische etliches leise blinkendes Broncegeräth. Sonst nichts. Was hat aber der Künstler aus diesem so unendlich unscheinbaren Vorwurf zu machen gewußt! Wie viel gute Stimmung hat er darin eingefangen! Wem's noch nicht aufgegangen, daß in der Kunst es immer nur auf das „Wie" und fast gar nicht auf das „Was" ankommt, der kann sich hier diese nöthige Ueberzeugung holen. Ein bischen zaghaftes Weiß, ein bläulicher Hauch darum — ein wenig Lichtreflex aus gescheuertem gelben Metall — nichts weiter und doch so viel! . . . Dann der Rabbinereiugang irgend eines Gebetraumes in irgend einem weltvergessenen galizischen Nestchen, ganz abseits von der großen Culturstraße, von Telegraph. Eisenbahn, Telephon und wie der neumodische Schwindel aller heißen möge. Aus Holz ist Alles erbaut, aus vermorschten, gebräunten, bemalten, verblaßten Brettern zusammengenagelt und geleimt. Krauses Ornameutwerk und Quadratbuchstaben sind da hingepiuselt. Die breite Einflügelthür steht angelweit offen — sie muß von selbst aufgesprungen sein, denn so eine uralte Thür hat ihren Eigenwillen und Launen. Der Ausblick auf hölzernen Corridor und Stiegenwerk ist erlaubt; diese Ausblicke auf belichtetes Hintereinander hat schon der Delftische Vandermeer so sehr geliebt, und Peter de Hoog auch — fast so sehr wie Spiegel und Spiegelbilder. Beides ist ja so ungemein ' malerisch, drum liebt's auch Kaufmamr. Die Thür offen also. Der Rabbiner muß jedenfalls gleich kommen! Sie ist aus Respect im Voraus aufgegangen. Man meint nahende Schritte auf dem Bretterboden knarren zu hören. Jetzt muß er da sein! — Die größte Liebe hat der Künstler auf dies angeschmauchte Holzzeug verwendet. Er ist all' seinen Spuren und Spänen irachgegangen, mit einer Treue und Sorge, die doch nichts Kleinliches an sich hat. Fleißarbeit wohl, doch nicht geistertödtende Geduldarbeit ä la Runzelmalerei des Balthasar Demer oder öde Perlmuttertiftelei und gedankenarme Stickmusterpinselung von Max und Camilla. Das dritte Gemälde hat eine menschliche Gestalt. Ein polnischer Jude im Gebetmantel. Er betet an der Stiege. Die geballte Hand schlägt sich die Brust. Er ist noch jung. Ein Zug des Leidens, der selbstquälerischen Melancholie, auf dem in die Länge gezogenen, hartknochigen Angesichte ausgeprägt. Er ist vielleicht brustkrank. Ein Mensch ist er, kein Modell. Kaufmann hat schon eine ganze große „Kille" von polnischen Juden zusammengemalt, Junge und Alte, aber Wenige von dieser packenden Eindringlichkeit, so fern von Atelierpose und Arrangement. Ein Stück Leben, wie es sich Liebermann oder sonst ein Moderner heraus schneid et und hinsetzt. Ju diesem Sinn ist. Kaufmann so modern geworden wie nur irgend wer, wie der Neu'sten Einer. Es gibt Secessionisten, Umstürzler, Tyrannentödter, welche nur bizarr sind, originell um jeden Preis, auch um den des guten Geschmacks, aber doch nicht modern. Kaufmann hat das Wesen der modernen Kunst mit richtigerem Geist und Gefühl ergriffen, ohne sich von Verirrungen, Uebertreibungen, Verzerrungen beeinflußen zu lassen. Er eignete.sich das Gute an und schob die Narrheit kühl beiseite. Das ist der einfache Schlüssel zu seinem großen Fortschritt! Das vierte nnd letzte der Gemälde ist das Umfänglichste und enthält auch den seelischesten Gehalt. In einer guten, weißen, reinlichen Stube sitzt eine Frau am Tisch, die einmal jung, vielleicht auch schön war. Ein weißes Tuch trägt sie auf dem Haupt. Die Hände hält sie still im Schoße. Die Kerzen flackern auf dem Tisch, obgleich es noch taghell. Im Spiegel flackern sie nochmals wieder. Verdecktes Brod auf dem mit schneeigem Linnen bedeckten Tische. Der Kidduschbecher wartet auf den Hausherrn. Das uralte Gebetbuch, Pergamentband mit Eisenschließe liegt aufgeschlagen. Doch liest sie nicht darin, sie sinnt lieber und träumt. Fernab schweifen die Gedanken. Wohin?... Sie weiß es vielleicht selbst nicht so genau. Von Einem zum Andern. Vielleicht von Jugend nnd Glück. Noch ist es Tag in der Stube. Ball) kommt der Abend heran. Aber es ist ein guter Abend, ein Freitag-Abend, auf den der geheiligte Ruhetag folgt... Viel ernste Sabbath-Eingangsstimmung hat das Bild. Man mag mitruhen, mitsinnen und lange fortträumen. Dabei, keine hinschmelzende, verweichlichende hypersentimentale Gefühlsschwelgerei. Aus der weißen und grauen Tonart geht es. Aus weiß und grau, gar vielfältig abgestuft und umgewerthet ist auch ein coloristischer Zusammenklang von vornehm zurückhaltender Wirkung erzielt. Auch solches vermag nur ein Meister. Weiß ist dem Pfuscher Kremserweiß und Grau Palettenschmutz, beides unendlich uninteressant. Dem Meister aber enthüllen weiß und grau die zärtlichsten Farbengeheimnisse, ihm sind sie willkommene Brücken zu jeglicher Nuance hinüber, und der ganze bunte Regenbogen spielt ihm im Grau irisirend mit. Man darf es getrost als Prüfstein seiner coloristischen Begabung ansehen, was Einer mit Weiß und Grau anzufangen versteht. Nun, Isidor Kaufmann hat auch diese Stufe der Meisterschaft erstiegen. Er ist ein sehr scharfer Beobachter, hat Humor und echtes, treu jüdisches Empfinden, eine nimmer rastende, geschickte Hand und wird gewiß noch viele neue, schöne Ueberraschungen vorzubereiten wissen, nach der jüngsten zu schließen, die selbst intime Verehrer seines starken Talentes ihm s o doch nicht ganz zugetraut hätten! Arthur K a l l m a n n. Corresponderyen. Wien. Wie wir vernehmen, wurde das Präsidium der Wiener israelitischen Cultusgemeinde am 25. d. M. von dem neu ins Amt getretenen Minister für Cultus und Unterricht, Grafen Bylandt-Rheidt, in einer Privat-Audienz empfangen, wobei der Präsident kaiserl. Rath K l i n g e r der Hoffnung Ausdruck gab, daß die culturellen und humanitären Bestrebungen des Cultusvorstandes in diesem der Aufklärung gewidmeten Regierungs-Departement wie zu allen Zeiten auch fernerhin wohlwollende Würdigung und Unterstützung finden werden. In einer nahezu halbstündigen Besprechung bildeten Schulangelegenheiten den Gegenstand eingehender Auseinandersetzungen und war dem anwesenden Gemeinderathe Dr. Stern