Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 17 (29.4.1898)
- Date
- 1898-04-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nc. 17 Vr. rwE» WochrndhrM Sette 337 YI. Subventionen an Schulen. Die Alliance israelite Universelle gewährt uns nach wie vor kräftige Unterstützung. Ihre Ackerbanschuten', naiklentlich die in Jaffa, erziehen tüchtige Ackerbauer, welche in unseren Colonien wahrhafte Dienste werden leisten können; die Ecole orientale in Paris bereitet Lehrer für unsere Schulen vor. Unsere Gesellschaft trägt zu den Kosten dieser Schicken bei und hat für die Ackerbanschulen in Jaffa und Dsedeida (Tunis), für die Ecole orientale in Paris und für die Handwerkerschule in Jerusalem Subventionen gewährt. Ferner hat der Lerwaltimgsrath einen Credit bewilligt, um in Palästina oder Kleinasien 16 Zöglinge, welche die letztgenannte Anstalt verlassen haben, anzusiedeln. Besorgt, tüchtige Ackerbauer für ihre Colonien zu erziehen, hat die Gesellschaft 18 russische Knaben in der Gartenbaus ch u l e z u A h l e m bei H a n n o v e r untergebracht. Die Gesellschaft kann nur ihre volle Zufriedenheit über diese A n st a l t a u s s p r e ch e n, in welcher die Knaben einen methodischen und praktischen Unterricht erhalten, dessen Resultate überaus befriedigende sind. Endlich hat der Berwaltungsrath beschlossen, zur Errichtung einer A ck e r b a n s ch n l e in G a l i z i e n beizustenern und zu diesem Zwecke mit der „Baron Hirsch-Stiftung" in Wien in Berbindllng zu treten. VII. .Verschiedene Bewilligungen. Der Berwaltllngsrath ist von zahlreichen Vereinigungen nur Hilfe angegangen worden, glaubte aber, nur denienigen seinen Beistand leihen zu sollen, deren Thätigkeit unsere Gesellschaft angeht und in ihren Rahmen gehört. Er hat dem Board ot Guardians for the relieef oithe jewish poors in London, welcher die Auswanderung russischer Inden nach anderen Ländern als Nordamerika begünstigt und dieselben vorwiegend nach Afrika zu leiten sucht, eine Gabe bewilligt und ferner eine Jahressnbvention an die Jewish Association tor the protection of women and sirls, welche den Schutz der Kinder der Auswandererfamilicn zur Aufgabe hat. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Nemesis. Das Abgeordnetenhaus hat mit einer Mehrheit von acht Stimmen beschlossen, den Antrag auf Ministeranklage gegen den Grafen B a d e n t einem Ausschüsse zuzuweisen. Mit diesem Beschlüsse allein ist über die gewaltthätige, über alles Recht hinwegschreitende Politik des Grasen Badeni der Stab gebrochen. Es bedarf nicht erst einer formellen Anklage vor dem Staatsgerichtshofe, es genügt, daß dasselbe Parlament, welches er mit Polizeiwachleuten zu Paaren treiben wollte, eine solche Anklage gegen ihn für zulässig erklärt. Auch das Reichsgericht hat am gleichen Tage die vom Grafen Badeni betriebene und über sein Geheiß enuncirte lex Falkenhayn als einen Rechtsbruch erklärt und damit ein moralisches Berdammungsurtheil über ihren Urheber ausgesprochen. Graf Casimir Badeni, der als galizischer Statthalter wie als österreichischer Ministerpräsident mit der höchsten Machtfülle ausgestattet war, ist für alle Zeit zu den politisch Todten geworfen. O, es gibt eine Nemesis — und im öffentlichen Leben fährt der rächende Blitz viel pünktlicher ltteber als im gesellschaftlichen. Dieselbe rücksichtslose Gewaltthätigkeit, mit welcher Graf Badeni die Grundlagen seiner Macht aufbaute, hat ihn zu Fall gebracht. Schon als ihn' seine feilen Lobhudler als „providentiellen Mann" priesen, ging ihm der Ruf brutaler Willkür voraus. Hatte er doch die galizischen Wahlen, gemacht, jene berüchtigten galizischen Wahlen, welche ein ewiges Schandmal des österreichischen Constitutionalismns bleiben werden. In der Erinnerung unserer Glaubensgenossen werden unauslöschlich die Vorgänge haften, die sich bei der Ersatzwahl in K o l o.m e a und bei den allgemeinen Wahlen in B r o d y abspielten. Graf Badeni hatte es sich vorgesetzt, die neuerliche Entsendung Dr. B l o ch's in das Parlament zu verhindern, und er hat diesen Vorsatz mit den brutalsten Mitteln, mit gefälschten Stimmen und mit Anwendung der Bajonette durchgeführt. Diese rechtswidrige Fernhaltung Dr. Bloch's stand im ursächlichen Zusammenhänge mit der nachmaligen Bestätigung Lueger's zum Bürgermeister. Der Mann, der einen Lueger zur Audienz in die Kaiserburg führte und so seinen Pact mit dem Antisemitismus schloß, konnte selbstverständlich den furchtlosen Vorkämpfer für die staatsbürgerlichen Rechte unserer Glaubensgenossen im Parlamente nicht brauchen. In Kolomea wie in- Brody hat er deshalb die Wahl gefälscht und durch unerhörte Gewaltacte die Majorität in eine Minorität verwandelt. Und was ihm im Kleinen gelungen war. hoffte er auch im Großen zu practiciren. Wie in Galizien die Gendarmen, so commandirte er im Wiener Abgeordnetenhaufe die Polizei, wie dort das Wahlresultat, so fälschte er hier das Ergebniß einer nie stattgefundenen Abstimmung. Nun ist das Urtheil über ihn gesprochen — von ihm gilt das Wort, das Tell dem zu Tode getroffenen Geßler zuruft: „Du wirst dem Lande nicht mehr schaden!" Sein Beispiel möge aber Jenen zur Warnung dienen, die in Stadt und Staat ihre Herrschaft auf die Verachtung von Gesetz und Recht, auf Gewalt und Willkür aufgebaut haben. Auch sie wird über kurz oder lang die rächende Nemesis ereilen! Axmann s Sturz. Die christlich-sociale Parteiherrschaft hat am 24. d. M. ihrerr ersten erschütternden Stoß erhalten. Bei der Neuwahl des Gehilfenausschusses der Handelsangestellten ist die christlichsociale Liste mit dem langjährigen Obmann, Reichsraths-Abgeordneten A x m a n u, und seinem Adlatus. Reichsrathsabgeordneteit B i e l o h l a w e k, an der Spitze, in der Minorität gebliebe, während die socialdemokratische Liste mit einer Majorität von 802 Stimmen einen glänzenden Sieg errang. Herr Lueger wird diese Niederlage feiner Getreuen bitter empfinden, denn sie ist das erste unverkeunbare Zeichen des Niederganges der antis e m i t i s ch e n P a r t e i. Die Zahl der abgegebenen Stimmen betrug 8565. Als getvählt erschienen die Candidaten der Socialdemokraten (Obmann Carl P i ck) mit -4416 Stimmen. Der in der Minorität gebliebene Christlich - Sociale (Obmann Julius Axmann) erzielte »614 Stimmen. Auf die deutschnationale Liste entfielen 454, auf jene der Freisinnigen Privatbeamten neunzig Stinnnen. Die Zeichen, daß es mit der Herrschaft der sogenannten christlich-socialen Partei abwärts geht, mehren sich. Die letzten Gemeinderathswahlen zeigten den beginnendeti Abbröckelungsproceß, die Neuwahl des Gehilfenausschusses der Handelsaugestellten zeigt die Fortschritte dieses Processes. Axmann- Bielohlawek sind gefallen! Ist Herr Dr. Lueger der Heerführer, so ist Herr Axmann eine Art Civil-Adlatus; die Rolle, welche Herr Dr. Lueger im Großen im Rathhause spielt, spielt Herr Äxmann im Kleinen. Hat Dr. Lueger Herrn Josef Strobach an seiner Seite, so glänzt neben Axmann Herr Bielohlawek. Das Dioskurenpaar ist gefallen, Herr Bielohlawek wurde sogar — geschlagen. Er hatte seinen Gegnern „Horde, Pack!" zugerufen und hierauf von einem handfesten Socialdemokraten eine schallende Ohrfeige erhalten. Wer, wie wir, Gegner der — Prügelstrafe ist, kann auch kein Freund solcher Antworten fein. Nicht der Schlag, welcher den Freund Dr. Lueger's getroffen hat, der Schlag, welchen durch den Ausfall der Wahl die ganze Partei erlitten hat, kann mit Genugthuung registrirt werden. Reichs ralhsabgeordneter Dr. Straucher hat am 21. April d. I. in die Debatte über die Ministeranklage wegen der gesetzwidrigen Vergewaltigung des Parlamentes in den Novembertagen 1897 und der zur traurigen Be—rühmtheit gelangten sogenannten lex Falkenhayn mit einer bemerkenswerthen und wirkungsvollen Rede eingegriffen. Aus den auch die allgemeinen öffentlichen politischen Verhältnisse trefflich beleuchteten Ausführungen wollen wir in Kürze jene markanten Stellen hervorheben, die besonders die österreichische Judenschaft betreffen. Dr. Straucher wies nach, daß selbst nach Einführung der Constitution und trotz Bestandes verfassungsmäßiger Einrichtungen den Juden die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung und Gleichheit systematisch verkümmert wird. Insbesondere verwies Dr. Straucher auf die notorische Thatsache, daß jüdische Bewerber um öffentliche Staatsanstellungen bei Gericht und anderen Behörden aus keinem anderen Grunde als dem ihrer Confession zurückgewiesen und präterirt werden; Redner citirte hiebei den bekannten Plener'schen Taufscheinerlaß. Man nehme es nicht genau mit der Respectirung der vornehmsten politischen Rechte und untergrabe auf diese Art das Rechtsbewußtsein des Volkes, ja gefährde dadurch die öffentliche Rechtsordnung. Die nationale, politische und confessionelle Unduldsamkeit, Verhetzung und Persecution könne auch keine anderen Resultate zeitigen. Und so habe sich die Mißachtung von Gesetz und Recht ins Parlament verpflanzt, man versucht es auch, dieses zu verge-