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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-04-29 · 17 (29.4.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
17 (29.4.1898)
Date
1898-04-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 Vr. Vloch's Wochrnkchrlft. Seite 323 Fällen ist das Berichtigungsverfahren noch im Zuge. In zwölf Fällen sind, zumeist in Folge der noch schwebenden gerichtlichen Untersuchung, unsere Erhebungen noch nicht abgeschlossen; in elf Fällen erwiesen sich die Meldungen ganz oder theilweife als wahr, so daß ein Einschreiten von unserer Seite ausgeschloffen erschien, in sieben Fällen, war eine Berichtigung wegen Verweigerung der Vollmacht oder mangels einer juristischen Person unmöglich, in vier Fällen lehnten die betheiligten Personen selbst eine Berichtigung ab, in einem Falle veranlaßten wir eine thatsächliche Constatirung in den liberalen Blättern, in einem Fall wiesen wir die gegen unsere Glaubensgenossen erhobenen Anwürfe in einer Petition an den niederösterreichischen Landtag zurück, in zwei Fällen überreichte unser Präsidium Beschwerden bei den Ministern des Innern und des Unterrichtes, in zwei Fällen wendeten wir uns mit Petitionen an das Abgeordnetenhaus des Reichsrathes, in zwei Fällen erfolgte auf Wunsch der Betheiligten die Abwehr blos in der „Oesterreichischen Wochenschrift". Die restlichen 17 Interventionen ergaben blos Material für künftige Actionen. Von dem technischen Umfange unserer Wirksamkeit mag die Thatsache einen Begriff geben, daß unser Bureau vom 15. December bis heute mehr als 400 Geschäftsstücke erledigt hat. Unmittelbar nach Schaffung der neuen Institution war unsere Aufmerksamkeit durch die Prager Excesse und die traurigen wirthschaftlichen Schäden, von welchen dieselben für so viele unserer Glaubensgenossen begleitet waren, in Anspruch genommen. Am 6. Jänner d. I. überreichten die Herren Präsident Wilhelm A n n i n g e r und Vicepräsident Sigmund Mayer dem Herrn Ministerpräsidenten Freiherrn v. G a u t s ch als Minister des Innern, ein ausführliches Memorandum über die Ursachen der Prager Excesse. Daß diese Ursachen in der erwähnten Eingabe richtig gekennzeichnet waren, bewies die wenige Wochen später verfügte Auflösung eines der größten czechisch-antisemitischen Vereine mit seinen sieben Zweigvereinen. In diesem Zusammenhänge muß auch jener Erlässe der böhmischen Statthalterei an die Beamten und Mittelfchul- Professoren und des böhmischen Landesschulrathes an die Schulleitungen gedacht werden, in welchen die Theilnahme an antisemitischen Vereinigungen untersagt wurde. Aber nicht nur die allgemeine politische, sondern auch die ökonomische Seite der Prager Excesse hat Ihr Präsidium in den Kreis seiner Erwägungen gezogen. Am 1. April d. I. unterbreitete Hofrath K a r e i s dem Abgeordnetenhause eine Petition der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union", in welcher die eingehend begründete Bitte gestellt wird, das Abgeordnetenhaus möge aus eigener Initiative ein Gesetz beschließen, welches den Staat, respective die Gemeinden für alle durch öffentliche Unruhen verursachte Verletzungen und Schäden haftpflichtig erklärt. Auch die am 11. und 13. März stattgefundenen Judenkrawalle in Wieliczka haben wir genau auf ihre Ursachen erforscht und hiebei erhoben, daß die Erregung der christlichen Bevölkerung gegen unsere Glaubensgenossen in den politischen Bezirken Krakau und Podgorze auf die massenhafte Verbreitung der Hetzschrift: „Die Geheimnisse der Juden" zurückzuführen sei, welche von dem Religionslehrer des Staatsgymnasiums zu St. Anna in Krakau verfaßt und sowohl in den dortigen Schulen als auch unter der Landbevölkerung der Umgebung in Tausenden von Exemplaren auch von anderen Religionslehrern colportirt wurde. Wir haben uns diese Thatsache durch die Unterschrift zahlreicher achtbarer Bürger von Podgorze, Wieliczka, Klasno und Dobczyce bestätigen lassen und unter Beilage dieser Declaration sowie der mittlerweile in zweiter Auflage confiscirten Hetzschrift dem Unterrichtsministerium eine Beschwerde über die von staatlich angestellten Lehrpersonen geübte Vergiftung der Kindesseele überreicht. Die Unterrichtsverwaltung hat denn auch eine strenge Untersuchung der berührten Vorgänge angeordnet, deren Ergebniffe abgewartet werden müssen. Am 19. Jänner d. I. that der Abgeordnete Gregorig im niederösterreichischen Landtage seine bekannte Aeußerung über unsittliche Angriffe jüdischer Chefs auf weibliche Angestellte christlicher Confession und berief sich dabei auf eine vom Berliner „Hilfsverein für weibliche Angestellte" angeblich gegen jüdische Chefs und Betriebsleiter gerichtete Action. Wir haben uns an den Urheber dieser Action, Rechtsanwalt Dr. Bieber in Berlin, gewendet und von demselben ein Schreiben erhalten, in welchem jeder einseitig confessionelle Charakter der erwähnten Action in Abrede gestellt und über die Verlogenheit der Antisemiten die vollste Entrüstung ausgesprochen wurde. Auf Grund dieses Schreibens haben wir in einer vom Herrn Regierungsrath Kick überreichtem Petition an den Landtag gegen die verleumderischen Aeußerungen des Abgeordneten Gregorig protestirt und über die Zulassung derselben seitens des Landmarschalls unser Bedauern ausgedrückt. Auch zu dem Beschlüsse des niederösterreichischen Landtages, daß die Pfarrer künftighin Sitz und Stimme im Orts- 'chulrathe haben sollen, haben wir Stellung genommen und gegen diese Durchbrechung des Principes der Gleichberechtigung eine Action au competenter Stelle angeregt. Der am 24. März im Abgeordnetenhause eingebrachte Antrag des Abgeordneten Schlesinger, mit welchem die Regierung aufgefordert wurde, statistische Erhebungen über die wirthschaftlichen Berhältniffe der Juden einzuleiten, gab uns Veranlassung, in einer vom Abgeordneten Dr. Kronawetter überreichten Petition an das Abgeordnetenhaus um Annahme dieses Antrages zu bitten. Wir wollen damit den Beweis erbringen, daß das Judenthum derartige Erhebungen nicht nur nicht zu scheuen hat, sondern in denselben das geeignetste Mittel erblickt, um der ungerechten Beurtheilung der wirthschaftlichen Lage der Staatsbürger jüdischen Glaubens zu begegnen. Allerdings dürfen solche statistische Feststellungen nicht einseitiger und tendenziöser Natur sein und wir haben deshalb in der erwähnten Petition um Ergänzung der vom Abgeordneten Schlesinger vorgeschlagenen Fragestellung in dem Sinne gebeten, daß nicht nur der absolute Antheil der Juden am Grundbesitz, Steuerleistung, Berufszugehörigkeit und Criminalität, sondern auch der relative Antheil derselben im Hinblicke auf das Verhältniß der jüdischen zur christlichen Bevölkerung erhoben wurde. Eine Reihe weiterer Actionen und Erhebungen des Bureaus auf politischem Gebiete betreffen die galizischen Schulverhältnisse, die Wiener Gemeinderathswahlen, die gehässige Begutachtung von Schulgeldbefreiungsgesuchen jüdischer Schulkinder durch antisemitische Armenräthe, die Hetze gegen die Hcmfirer, die juristisch schwer faßbare Generalisirung von Verbrechen und Vergehen einzelner Juden durch die antisemitische Presie rc. Ein umfaffendes Bild jener weitausgreifenden Thätigkeit zu bieten, welche auf die thatsächliche Berichtigung jeder einzelnen, in den antisemitischen Blättern enthaltenen unwahren Behauptung gerichtet ist, erscheint in dem knappen Rahmen dieses Berichtes unmöglich. Vielgestaltig wie die erfinderische Phantasie unserer Gegner selbst, ist auch diese Form der Abwehr. Bald ist es eine neue Blutbeschuldigung, bald die Nachricht von der Ermordung eines Soldaten durch die Juden, bald die Meldung eines neuen jüdischen Armeelieferungsschwindels, bald der Bericht über einen von Juden angelegten Brand in einem Gerichtshause zur Beseitigung compromittirender Acten, bald eine gänzlich erfundene Gerichtsverhandlung, bald unwahre Angaben über Credit und Gebahrung Mischer Geschäftsleute, bald ein Telegramm über einen nie stattgefundenen Selbstmordversuch eines angeblichen Opfers jüdischer Ausbeutung oder über die nie erfolgte Verhaftung eines angeblichen jüdischen Betrügers, zu deren Widerruf oder Berichtigung wir die antisemitischen Blätter mit Hilfe des § 19 Pr.-G. zwingen. Der Werth dieser Berichtigungen liegt in dem Umstande, daß der antisemitische Leserkreis selbst allmälig und unausgesetzt auf die Verlogenheit und Entstellungssucht der antisemittschen Presse aufmerksam gemacht wird, wie denn auch das verbreitetste und von uns am meisten berichtigte dieser Blätter neulich schon einen Klageruf über die Unbequemlichkeiten des Berichttgungszwanges ausgestoßen hat. Aber auch rückfichtlich unserer Glaubensgenoffen übt der Bestand unseres Abwehr-Bureaus eine sehr erfreuliche Wirkung. Das Gefühl der Schutzlosigkeit und Rechtsunficherheit schwindet in dem Maße, als die Erfolge unserer Thätigkeit öffentlich sichtbar und auch in der Provinz mehr und mehr bekannt werden. Schon heute können wir es mit Genugthuung constattren: Wo immer wir schriftlich oder mündlich mit unseren bedrängten Glaubensgenossen in Wien oder in der Propinz in direkten Contact traten, wurde die eben geschilderte Abwehr-Action der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" mit wahrer Begeisterung und als eine wirklich erlösende That begrüßt. Durch die Bestellung eines Central-Organes, welches nicht erst wartet, daß es zur Gewährung des Rechtsschutzes angerufen werde, sondern jede Unbill spontan verfolgt und sich den Betroffenen fteiwillig und unentgeltlich zur Verteidigung ihrer Rechte zur Verfügung stellt, haben wir wesentlich zur Belebung des Muthes und zur Stärkung des staatsbürgerlichen Bewußtseins unserer Glaubens-

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