Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 318 Vr. Vlvch » WochrnfchrM Nr. 16 ihm zu Ostern ungesäuertes Brot, im Winter Kohle, und zu alle» Zeiten halbe Kronen zu geben, er hielt sich selbst für die Jakobsleiter, auf der der Reiche ins Paradies emporstieg. Aber wie alle Menschenfreunde erwartete er keinen Dank; er fühlte, daß die Tugend sich selbst belohnt, besonders wenn er Freitag Abends au der Spitze seines Tisches saß und Gott nach einer Operettenmelodie für das weiße Baumwolltischtuch und die gebackenen Sprotten dankte. Er suchte persönlichen Verkehr mit den majestätischen Magnaten und fand für ihren plumpen Tadel humoristische Entgegnungen. Was die Reichen betraf, so gaben sie unbedenklich Almosen — in demselben orientalischen, regellosen Geist in dem die Dajamin, jene Kadis des Ostends, Recht sprachen. Der T a k i f oder wohlhabende Mann, war an die geöffnete Hand des Bettlers vor der großen Synagoge ebenso gewöhnt, wie an das Raffeln der Armenbüchse innerhalb derselben. Harte, bittere Zeiten hatte manche der Väter des Ghetto, aber sie aßen ihr trockenes Brot mit dem Salze des Hungers, liebten ihre Weiber und priesen Gott für seine Gnade. Die alten „Handles" gingen in ehrgeiziger Befriedigung ihren Geschäften nach, ohne eine Ahnung von den Genealogien zu haben, die chre glücklichen Enkel für sie finden würden. Sie waren außerhalb des Ghetto bescheiden, schüchtern und gingen aus Furcht vor den Christen behutsam umher. Leiden war noch immer das Merkmal ihres ganzen Stammes. Daß es trotzdem Juden gab, die den Kopf hochtrugen, mag folgende Anekdote beweisen. Es gab wenige, die harmloser einherschlichen oder „Handeln" mit bescheidenerem Zirpen riefen, als der „verschlofene Salomon". Der alte Mann schlich eines Tages, von Demuth und dem Pack alter Kleider gebeugt, in den Marstall einer Kaserne und ließ dort sein zitterndes Zirpen ertönen. Einer der Pferdeknechte kam ihm mit finsterer, frecher Miene entgegen. „Goldene Schnüre zn verkaufen? stammelte der „verschlafene Salomon." „Marsch hinaus!" brüllte der Pferdeknecht. „Ich will Euch geben die besten Preise" bat der „verschlafene Salomon." „Marsch hinaus!" wiederholte der Pferdeknecht und stieß den alten Mann auf die Straße. „Wenn ich Euch wieder erwische, drehe ich Euch das Genick um." Dem „verschlofenen Salomon" war sein Genick lieb, aber der Profit von goldenen Schnüren alter Uniformen war groß. In der nächsten Woche schlich er sich, in der Hoffnung einem andern Pferdeknecht zu begegnen, wieder in den Marstall. „Handeln! Handeln!" zirpte er mit schwacher Sttmme. Aber ach, der rohe Wütherich war wieder da und erkannte ihn. „Wart'. Du schmutziger, alter Jud!" schrie er. „Da hast Du vor die Augen was! — Da hast Du noch was! Kommst Du mir noch einmal vor die Augen, so wird man Dich auf einer Bahre nach Hause tragen müffen!" Der alte Mann nahm die Puffe hin und ging seines Weges. Am andern Tag kam er wieder. „Handeln! Handeln!" winselte er. „Was?" schrie der Wütherich. „Hast Du vergessen, was ich Dir versprochen habe?" Er packte den „verschlofenen Salomon" beim Kragen. „Warum lasten Sie den alten Mann nicht in Ruhe?" Der Pferdeknecht starrte den Beschützer an, deffen Gegenwart er in der angenehmen Erregung des Augenblickes nicht bemerkt hatte. Es war ein jüdischer, junger Mann, der einen unauffälligen Pfeffer- und Salzanzug trug. Der muskulöse Pferdeknecht maß ihn verächtlich mit dem Blicke. „Das ist meine Sache", anttvortete er, den „verschlofenen Salomon" noch fester packend, „Loslaffen!" sagte der junge Mann ruhig. Bon den dicken Lippen des Pferdeknechtes erscholl ein verächtliches Lachen. „Loslassen! Hören Sie?" wiederholte der junge Mann. „Paffen Sie auf Ihre Nase auf!" sagte der Pferdeknecht, indem er seine knottge Faust ballte. „Schön," sagte der junge Mann. „Dann werde ich Sie ein bischen an der Ihrigen zupfen". ' „Oho!" rief der Pferdeknecht. „Es soll also ernst werden?" Bei diesen Worten gab er dem „verschlofenen Salomon" einen Stoß, daß er taumelte und krämpelte sich die Hemdärmel auf. Den Rock hatte er bereits früher abgelegt. Der zunge Mann legte den seinen nicht ab, sondern stellte sich in Vertheidigungsstellnng. Der Pferdeknecht ging mit grimmigem Ernst auf ihn los und holte zu einem furchtbaren Schlag auf das charakteristische Kennzeichen seines Gesichtes aus. Der junge Mann wandte das Gesicht ruhig zur Seite und versetzte dem Pferdeknecht einen Schlag auf das Ohr. Wüthend sprang sein Gegner auf ihn los. Der Jude paralysirte ihn, indem er die linke Hand nachlässig in seine Tasche steckte und mit der freien Hand das rechte Auge des Pferdeknechtes schloß, so daß das Fleisch ringsherum Trauerfarbe anlegte. Dann zapfte er dem Pferdeknecht etwas Blut aus der Nase, versetzte ihm ein paar Stöße auf die Brust gleichsam, als wollte er die Kraft seiner Lungen erproben und warf ihn zuletzt auf den Boden des Hofes nieder, wo er zappelnd liegen blieb. Ein zweiter Pferdeknecht lief aus dem Stalle hervor und stieß einen Schrei des Erstaunens aus. „Waschen Sie ihm lieber das Gesicht ab", sagte der junge Mann kurz. Der Neuangekommene wollte in den Stall zurück. „Warten Sie einen Moment", sagte der „verschlofene Salomon." „Ich kann Ihnen billig verkaufen ä Schwamm, ich Hab ä wunderbaren in mei Sack." In den Ställeri gab es genug Schwämme, aber der Pferdeknecht kaufte den antiquarischen Schwamm. „Brauchen Sie noch mehr?" wandte sich der junge Mann liebenswürdig zu dem auf dem Boden liegenden Gegner. Der Pferdeknecht stieß ein Stöhnen ans, denn er schämte sich vor dem Freunde, den er früher von der Ueberlegenheit seiner Fäuste überzeugt hatte. „Na, schwerlich", meinte der Freund, ihm verständnißvoll zugrinsend. „Dann guten Tag!" sagte der junge Mann. „Kommt Vater." „Ja, mein Schwiegersohn", antworte der „verschlofene Salomon."„Weißt Du, wer das war, Joe?" fragte dessen Freund, indem er ihm mit dem Schwamm das Blut abwusch. Joe schüttelte den Kopf. „Das war der Holländer-Sam", sagte der Freund mit respectvollem Flüstern. Joe zitterte vor Ueberraschung und Respect. Der „Holländer-Sam" war der erste Boxer seiner Zeit, im Privatleben ein großer Geck und Liebling seiner Majestät Georg IV. Der „verschlofene Salomon" aber hatte eine schöne Tochter und sah vielleicht selbst einnehmend aus, wenn er für den Sabbath gewaschen war. „Der Holländer-Sam", wiederholte Joe. „Jawohl, ich Hab' ja sein Bild d'rin bei mir, nur ist er dort nackt bis an den Gürtel." „Da soll doch der Donner dreinfahren! Was für ein Narr war ich, daß ich ihn nicht gleich erkannt habe!" Sein zerschlagenes Gesicht strahlte auf. „Kein Wunder, daß er mich so unterkriegte." Die ersten Väter des Ghetto wären vielleicht kecker einhergegangen, wenn sie vorhergesehen hätten, daß sie die Ahnen von Lordmayors und Aldermen sein würden, die von castilischen Hidalgos und polnischen Königen abstammten, und daß ein ungeborener Historiker zu dem Schluffe kommen würde, daß das Ghetto zu ihrer Zeit von verkleideten Prinzen bewohnt war. Zu der Periode, da unsere Geschichte spielte, waren nur Spuren der alten Heiterkeit und Bruderschaft übrig geblieben. Heute aber sind sie alle todt. Die Takifim mit den weiten Herzen und den noch weitern Geldbörsen, die humoristischen Schnorrer, die ihre Geldstücke annahmen, die heiteren, frommen Hausirer, die auf wunderbare Weise fabelhafte Vermögen schufen. Die ruhelose geschäftige Menge ruht nun „im Hause des Lebens". Sie starben mit dem Bekenntniß der Einheit Gottes auf den erstarrenden Lippen und der Gewißheit der Auferstehung in ihren verstummenden Herzen. Das Puppenspiel ihrer emsigen Generation ist wie ein Traum verschwunden. Und doch ist ihre Generation nicht ganz zu Staub geworden. Da und dort sieht ein alter schwacher Greis diese von der Zeit geweihten Bilder der Vergangenheit vor sich aufsteigen und merkt, daß seine runzelige Wange von der Rührung naß ist, die vergangene Freuden heiligt. I. Zangwill.