Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 16 (22.4.1898)
- Date
- 1898-04-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 16 Vr. Vloch'» WochrnMrM Seite 307 Kaufmann in Cortona. Er lebte in höchst glücklicher Ehe mit seiner Frau, die ihm mehrere Kinder gebar bis sie ihm der Tod im Jahre 1790 entriß. Erst nach vier Jahren konnte er sich zu einer zweiten Ehe mit der Witwe Navara aus Verona entschließen. Dreißig Jahre lang hatte er als wohlhabender Kaufmann gelebt, sich nur in den Mußestunden mit Studien und Poesie beschäftigend, als ein einziger unglücklicher Tag ihn zum armen Manne machte. Bei den Unruhen in Cortona im Jahre 1799 wurde sein Haus vom Pöbel gänzlich ausgeplündert und er persönlich in Gefahr gebracht. Mit dem Wenigen das er gerettet hatte übersiedelte er nach Florenz und nahm 1801, um seine Familie ernähren zu können, eine Lehrcrstelle an der jüdischen Schule in Livorno all. Alter und schwere Krankheit zwangen ihn nach sieben Jahren die Stelle aufzugeben. Er kehrte nach Florenz zurück, wo er leidend und kümmerlich lebte, seine zweite Frau verlor und am 4. Februar 1815 starb. Bon seinen Gedichten hat Fiorentino zuerst drei Elegien anonym veröffeiltlicht. Der Beifall, den sie fanden, bewog ihn die übrigen schon unter seinem Namen herauszugeben. Sie wurden dann mehrmals gedruckt. 1806 in Livorno, vollständig 1817 in Treiria. Seine italienische Uebersetzung hebräischer Gebete erschien 1802 in Brüssel, 1822 in Wien. Wie er im Leben stets höchst ehrbar, sittenrein und fromm war, so sind auch seine Dichtungen im Inhalt religiös und moralisch, in der Form rein und correct, aber ohne kühnen Flug und blendenden Glanz. Eine sanfte Schwermuth ulld Innigkeit zeichnet seine Lyrik aus, besonders die sechs Elegien (Krankheit, Tod, Vision, Erinnerung, Zeit, Ewigkeit) auf den Tod seiner Frau, die mitunter an Petrus Triumphe erinnern. In den Hanuibal-Sonetten tritt uns die Gestalt des großen Karthagers lebensvoll entgegen, während das didaktische Gedicht,, Die Seele" reich an Gedanken ist. In dem Antwort-Sonett an die Dichterill Maddolena Morelli weist er ihren allidringiichen Bekehrnngseiser in vornehm milder Weise zurück und schließt mit den Versen: Segui tra i carmi pur gli tstri vivaci; Ma il vel che cela tante sorti e tante Vedi che in Ironte ha; critto: Adora e taci! Höflicher und eleganter könnte man einer Dame gegenüber das „Schuster bleib bei deinen Leisten!" nicht ausdrücken. Fiorentino's Sonett auf die Kaiserin Maria Theresia, auf die Großherzoge Leopold und Ferdinand 111. unterscheiden sich nicht von der zu jener Zeit üblichen Hof- und Gelegenheitdichtung. nur in den Stanzen an Kaiser Joseph II. schlägt er muthigere und freiere Töne an. Er feiert den Verbreiter von Bildung und Aufklärung, der allen Unterthanen ohne Unterschied des Glaubens Schutz und Gerechtigkeit wiederfahren läßt, den Besieger der Intoleranz, „dieser ruchlosen Tochter der Unwissenheit und des Hochmuths". „Hundertmal verwundet doch nie zu Tode getroffen erhob sie stets von Neuem das stolze ruchlose Haupt. Da führtest Du, glänzender siegreicher Held mit Deiner Rechten den wuchtigen Schlag, tratest mit dem Fuß ihr aufs Haupt. Das Ungeheuer wand sich, daß die Erde erbebte, und — verschied. Fiorentino ist in ullverdiente Vergessenheit gerathen, aber bei seinen Lebzeiten hat es ihm all Ehren lind Anerkennung nicht gefehlt. Er erhielt ermunternde freundliche Briefe von Metastasio, Cesarotti und Monti. Der hervorragende Dichter und Politiker Fartoni nannte ihn „die Ehre der zerstreuten Kinder Israels". Der jüdische Kaufmann war Mitglied der Akademie von Prato, der Accademia fiorentina und der Accademia italiana di scienze lettere ed arti in Livorno. In neuerer Zeit (1877-1880) hat Moise Soave seine Biographie geschrieben, Vittorio Amadeo Arullani in seiner Schrift über die italienischen Lyriker des achtzehnten Jahrhunderts (Turin 1893) seine Gedichte gelobt. Und wir könnenabschließend ihn mit Fantoni „eine Ehre Israels" nennen. Marcus Landau. Bismarck. In einer Sanllnlung von Briefen und Actenstücken aus der Zeit B i s m a r ck's veröffentlicht H. v. Poschinger ein bisher unbekanntes Schreiben des preußischen Botschafters v. d. Goltz an Adolphe Cremieux vom Jahre 1868, welches aus Bismarck's Verhalten zum Antisemitisrnus ein merkwürdiges Schlaglicht wirft. Cremieux hat in der Eigenschaft des Präsidenten der Alliance Israälite Universelle um preußische Intervention zu Gunsten der rumänischen Juden ersucht. Der Botschafter antwortete: „Sie haben schon aus dem Schreiben des Conseils-Präsidenten vom 22. Februar den lebhaften Antheil ermessen können, den die Regierung des Königs an dieser Frage nimmt. Die Bereitwilligkeit, mit welcher Graf Bismarck denk in Ihrem Briefe vom 26. März kundgegebenen Wunsche Folge gegeben hat, ist hierfür ein neuer Beweis. Se. Exeellenz beauftragt mich. Sie davon in Kenntniß zu setzen, daß der preußische General-Consul in Bukarest sofort ans telegraphischem Wege aufgefordert worden ist, dem Fürsten Carl die lebhaftesten Vorstellungen gegen die Gesetzvorlage, betreffend die Israeliten, zu machen, welche soeben der rumänischen Kammer unterbreitet wucde." Die Veröffentlichung dieses historischen Schriftstückes ist jetzt gerade wieder sehr zeitgemäß. Rückschau auf die Thätigkeit der Lernberger Cultusgemeinde. IV. Der im ersten Aufsatze angeführte Bericht weist in dem mit „Wohlthat" überschriebenen Artikel auf mannigfache Leistung zur Regelung des Armenwesens, sowie auf Versuche zur Lösung dieses für die Gemeinde unerträglichen Problems hin, erwähnt u. A. der namhaften Betheilung der Armen aus Anlaß der Feiertage, insbesondere der jährlich an circa 3000 Bedürftigen gewährenden Unterstützungen zu den Paffahfeiertagen u. s. w.. dennoch muß unsere Vorstehung vorderhand die Unzulänglichkeit ihres Bestrebens auf radicale Steuerung des imense» Elends, das über unsere Glaubensgenoffen wegen deren beklageuswerther materiellen Lage hereingebrochen ist, einbekenneu. Wenn diese hochbedeutendste aller Fragen, nämlich die theilweise Abwendung und Linderung der socialen Noth von unserer Bevölkerung gegenwärtig so viele jüdische Gemeinwesen Mitteleuropas mehr denn je in sichtlicher Spannung versetzt hält und dieses schwer zu lösende Problem so manchem humanen Geist nicht aus den Gedanken schwindet, um wie viel mehr müßte dasselbe den Führern und Besten unseres Landes, woselbst wegen Nieder- und Brachliegens des Erwerbes, solch' namenloser Pauperismus herrscht, Stoff zum Nachdenken bieten! Die Frage auf Hebung der Erwerbskraft unter den Juden Galiziens bildet seit Jahr und Tag die ständige Rubrik, sowie sie gleichsam die personificirte Noth unserer Gemeinden im ganzen Lande bleibt und nur sie allein trägt in sich den Keim der Schuld, an allen zum Durchbruche kommenden Uebel. Unserer jüdischen Repräsentanz als der bedeutendsten des Landes erscheint auf diesem Gebiete ein Feld der ersprießlichsten Thätigkeit erschlossen, hier möge sich deren Ernst und Opferwilligkeit inl „Dienste der Oeffentlichkeit" erproben. Sie kann bei Zuwendung ihres Augenmerkes und Entgegenbringung energischen Interesses dieser Frage gegenüber sicherlich der Anerkennung und Achtung des ganzen Landes versichert sein, zumal da deren nutzbringende Maßregeln weitere Gemeinden diesbezüglich auspornen und günstig beeinflussen müßten. In der allerneuesten Zeit haben auf socialwirthschaftlichem Gebiete erfahrene Männer in den gutsituirten jüdischen Gemeinden den Standpunkt vertreten, vom althergebrachten Modus der directen Betheilung der Bedürftigen mit Baarmittelu allmälig abzukommen: vielmehr wird geplant das Schwergewicht der Thätigkeit auf Hebung der Erwerbsfähigkeit und des S e l b st v e r d i e n e n s der brodsuchenden Bevölkerung, die aus sich selbst ergebenden gesunden Gründen v o r z u z i e h e n ist, zu verlegen. Eine zum Theile fördernde Lösung des erwähnten Problems wäre bei Anpassung auf die wirthschaftlichen Verhältnisse unseres Landes, unserem unmaßgeblichen Dafürhalten nach zu erreichen: a) Durch Eröffnung von Handwerksschulen, selbst bei bescheidenen Anfängen. b) Heranziehung der Jugend durch allerhand Mittel zur physischen Arbeit, die den Mann bei rationeller und gründlicher Arbeitserlernuug unbedingt ernähren könnte. c) Erwerbung billiger Arbeiterwohnungen in den größeren Städten. d) Unterhaltung freier Stellenvermittlungs-Bureaus für allerhand Stellensuchende. Wohl ist seitens unserer Gemeinde schon manche dahinzielende Anregung gegeben worden, sowie gewiffe nicht zu unterschätzende Erfolge mit der Erziehung zum Handwerkerstande unter Zuhilfenahme der im gleichen Zwecke wirkenden Bernstein'schen Stiftungen und deren Handwerks-Abendschulen erzielt worden, aber das sind eben nur Versuche, noch recht Vieles bleibt auf diesem Gebiete zu wirken übrig. Gegenwärtig befinden sich 56 jüdische Lehrlinge bei verschiedenen Handwerken unterbracht, die aus Mitteln der Gemeinde, beziehungsweise der erwähnten Stiftungen mit Kleidung,